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Logosynthese

Drei feste Sätze, laut gesprochen, sollen belastende Erinnerungen entschärfen. Wer wissen will, ob das trägt, stößt zuerst auf ein Problem: Es gibt schlicht nichts zu lesen.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein leerer Stuhl steht vor einer schlichten hellen Wand, daneben ein kleiner Tisch mit einem Glas Wasser
Kein Gerät, kein Material, keine Berührung. Genau deshalb wäre eine Prüfung hier besonders einfach. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Bei Verfahren ohne Forschungsgrundlage bleiben zwei ehrliche Möglichkeiten: schweigen oder benennen, was fehlt. Hier lässt sich immerhin die Verfahrensfamilie prüfen, und das ergibt ein aufschlussreiches Bild.

  • Zu Logosynthese selbst findet sich in PubMed keine Arbeit.
  • Die verwandte Verfahrensfamilie ist untersucht, mit auffällig großen Effekten.
  • Effektstärken über 1,2 sind in diesem Feld ein Warnsignal.
  • Der Test, ob der spezielle Bestandteil nötig ist, stützt sich auf 102 Personen.
  • Das Verfahren ist risikoarm, die Verzögerung einer Behandlung ist es nicht.

Was Logosynthese ist

Logosynthese wurde von einem Schweizer Psychologen entwickelt und arbeitet mit drei festgelegten Sätzen. Die Klientin oder der Klient ruft eine belastende Vorstellung auf, benennt sie und spricht die Sätze laut aus, die davon handeln, Energie aus dieser Vorstellung zurückzuholen und Fremdes an seinen Ursprung zurückzugeben.

Die Bestandteile des Verfahrens
BestandteilWas passiertBekannt aus
Aufrufen der belastenden VorstellungEin Bild, ein Satz oder eine Erinnerung wird bewusst hervorgeholtExpositionsverfahren
Benennen und BeschreibenDie Vorstellung wird in Worte gefasst und genau bestimmtKognitive Verfahren, Traumatherapie
Aussprechen der drei SätzeFeste Formulierungen zur Energie in und um die VorstellungDer eigene Bestandteil des Verfahrens
Nachspüren und WiederholenPrüfen, ob die Belastung nachgelassen hat, sonst erneuter DurchgangVerlaufsmessung in vielen Verfahren

Drei der vier Bestandteile stammen aus etablierten Verfahren. Der eigene Anteil ist der dritte.

Warum diese Aufteilung wichtig ist

Wenn ein Verfahren wirkt, heißt das noch nicht, dass sein neuer Bestandteil wirkt. Es kann auch an den geliehenen Bestandteilen liegen. Genau diese Frage ist in der ganzen Verfahrensfamilie ungeklärt.

Was die Literatursuche ergibt

Für diesen Artikel wurde in PubMed nach dem Begriff Logosynthesis gesucht, ohne Filter für Studientyp, Sprache oder Jahr. Das Ergebnis ist schnell erzählt.

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Treffer für Logosynthesis

keine

randomisierten Studien

keine

Übersichtsarbeiten

keine

Fallserien

Was ein Nullbefund bedeutet und was nicht

Er bedeutet nicht, dass das Verfahren nicht wirkt. Er bedeutet, dass niemand es überprüfbar untersucht hat. Für ein Verfahren, das seit den 2000er Jahren gelehrt und in Ausbildungen verkauft wird, ist das eine bemerkenswerte Lücke. Für die Prüfung wäre es überdies denkbar einfach: kein Gerät, kein Material, kurze Sitzungen, ein leicht zu konstruierender Vergleich mit anderen Sätzen.

Es gibt Veröffentlichungen im Umfeld des Verfahrens, etwa in eigenen Fachzeitschriften und Sammelbänden. Sie sind nicht in den großen medizinischen Datenbanken erfasst und damit für eine unabhängige Prüfung nicht zugänglich. Das ist kein Vorwurf, aber es ist der Grund, warum in diesem Artikel keine Zahlen zum Verfahren selbst stehen.

Die Verfahrensfamilie

Logosynthese wird der Energiepsychologie zugerechnet. Deren bekanntester Vertreter ist das Klopfen auf Akupunkturpunkte, und dazu gibt es Auswertungen. Sie sind lehrreich, weil sie zeigen, wie solche Zahlen zustande kommen.

Zwei Metaanalysen zur bekanntesten Variante
AuswertungUmfangBerichteter Effekt
Angst, Clond 201614 randomisierte Studien, 658 TeilnehmendeVorher-nachher 1,23 in der Behandlungsgruppe, 0,41 in den Kontrollgruppen
Depression, Nelms & Castel 201620 Arbeiten, davon zwölf randomisiert1,85 in den randomisierten Studien, 0,70 in den übrigen

Warum 1,85 kein gutes Zeichen ist

Zur Einordnung: Psychotherapie bei Depression erreicht gegenüber Kontrollbedingungen etwa 0,7, Antidepressiva gegenüber Placebo etwa 0,3. Ein Wert von 1,85 für ein kurzes Verfahren bedeutet in aller Regel nicht, dass es besser wirkt, sondern dass die Studien klein, unverblindet und mit schwachen Vergleichsbedingungen angelegt sind. Die Autoren dieser Arbeit heben den Vergleich mit Medikamenten- und Psychotherapiestudien ausdrücklich hervor.

Ein Detail, das man leicht überliest

Dieselbe Arbeit berichtet, das Verfahren sei wirksamer gewesen als Zwerchfellatmung, und gibt dafür einen p-Wert von 0,06 an. Nach der üblichen Schwelle von 0,05 ist das kein Unterschied. Der Vergleich mit einem stützenden Gespräch fiel dagegen deutlich aus, und gegenüber einem etablierten Traumaverfahren fand sich kein Unterschied.

Es lagen zu wenige Daten vor, um das Verfahren mit Standardbehandlungen wie der kognitiven Verhaltenstherapie zu vergleichen. Weitere Forschung ist nötig, um die relative Wirksamkeit gegenüber etablierten Vorgehensweisen zu bestimmen.
Clond 2016

Der Test des Wirkbestandteils

Die entscheidende Frage lautet: Braucht es den besonderen Bestandteil überhaupt, oder wirken die geliehenen Anteile allein genauso? Dafür zerlegt man ein Verfahren und vergleicht die Fassung mit und ohne den fraglichen Anteil. Eine Arbeit hat das versucht.

  • Ausgangslage: Sechs Studien mit insgesamt 403 Erwachsenen wurden verglichen.
  • Tatsächlich einbezogen: drei Studien mit 102 Personen.
  • Ergebnis: Die Gruppen mit dem speziellen Bestandteil schnitten mäßig besser ab als die Kontrollgruppen.
  • Das Vertrauensintervall dieses Unterschieds reichte bis genau an die Null heran.
  • Und der wichtigste Hinweis: Zu dieser Arbeit erschienen eine Berichtigung sowie mehrere veröffentlichte Kommentare, darunter einer in Lancet Psychiatry. Das ist in der Fachliteratur ungewöhnlich und ein Zeichen für Meinungsverschiedenheiten über die Auswertung.

102 Personen

Auf dieser Zahl ruht die gesamte Behauptung, der besondere Bestandteil sei wirksam und nicht bloß Placebo. Zum Vergleich: Die Cochrane-Übersicht zu Zwölf-Schritte-Programmen stützt sich auf 10.565 Teilnehmende. Ein Verfahren mit 102 Personen als Beleg dafür, dass sein Kern nötig ist, steht am Anfang und nicht am Ende der Prüfung.

Wie man das einordnet

In der breiteren Versorgungsforschung taucht diese Verfahrensfamilie durchaus auf, aber an einer bezeichnenden Stelle. Eine systematische Übersicht zu Maßnahmen gegen arbeitsbezogenen Stress bei Gesundheitspersonal hat 18 Arbeiten eingeschlossen und sie drei Gruppen zugeordnet.

Wo das Verfahren eingeordnet wird. Quelle: Catapano et al. 2023
GruppeEnthaltene VerfahrenBefund
Individuelle Maßnahmen mit kognitiv-verhaltenstherapeutischem AnsatzAchtsamkeitsbasierte VerfahrenWirksam gegen Burn-out, Stress und Angst, mit besserer Lebensqualität
Individuelle Maßnahmen mit EntspannungstechnikenKunsttherapie, Klopftechniken, kurze Resilienz-RetreatsPositiver Einfluss auf Angst, Stress und Burn-out
Maßnahmen auf OrganisationsebeneVeränderungen an Arbeitsbedingungen und AbläufenKeine Belege für eine Verringerung von Burn-out gefunden

Die Autorengruppe hält fest, dass die Studien in Messinstrumenten, Zielgruppen und Art der Maßnahme heterogen sind, was die Übertragbarkeit begrenzt.

Die Einordnung unter Entspannungstechniken ist ehrlicher als die Selbstdarstellung vieler Anbieter. Wenn ein Verfahren dort wirkt, wo Entspannung wirkt, ist es plausiblerweise ein Entspannungsverfahren. Das ist keine Abwertung, aber es ist etwas anderes als ein eigener Wirkmechanismus.

Bemerkenswert ist die dritte Zeile: Ausgerechnet für Veränderungen an den Arbeitsbedingungen fand sich kein Beleg. Das liegt vermutlich weniger daran, dass sie nicht wirken, als daran, dass sie kaum untersucht werden. Individuelle Maßnahmen sind leichter zu erforschen und leichter zu verkaufen.

Praktisch

Wenn du es ausprobieren willst

  • Als Ergänzung, nicht als Behandlung. Für keine der Anwendungen dieser Verfahrensfamilie gibt es Belege als Ersatz für eine wirksame Behandlung.
  • Nicht bei unbehandelter Traumafolgestörung. Das Aufrufen belastender Erinnerungen gehört bei einer Traumafolgestörung in fachliche Begleitung, nicht in ein Selbsthilfeformat oder ein kurzes Coaching.
  • Frag nach der Grundqualifikation. Wie in diesem gesamten Feld ist nicht das Verfahrenszertifikat entscheidend, sondern was jemand ohne dieses Verfahren gelernt hat.
  • Sei misstrauisch bei Heilungsversprechen. Wenn ein Angebot Besserung in wenigen Sitzungen bei Angst, Depression oder Trauma verspricht, ist das nach der vorliegenden Beleglage nicht gedeckt.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Das größte Risiko dieses Verfahrens ist nicht das Verfahren, sondern die verlorene Zeit. Wer eine Depression oder eine Angststörung hat und stattdessen monatelang mit Sätzen arbeitet, verzögert eine Behandlung, deren Wirksamkeit gut belegt ist. Die psychotherapeutische Sprechstunde ist über die Terminservicestelle unter 116 117 erreichbar.

Passend dazu

Fazit

Zu Logosynthese selbst gibt es in der medizinischen Literaturdatenbank nichts. Das ist kein Urteil über das Verfahren, aber es heißt, dass jede Aussage über seine Wirksamkeit derzeit unbelegt ist.

Die Verfahrensfamilie, zu der es gehört, berichtet auffällig große Effekte, und genau das ist in diesem Feld ein Warnsignal. Der einzige Versuch, den besonderen Wirkbestandteil zu prüfen, stützt sich auf drei Studien mit 102 Personen, endet an der Grenze zur Bedeutungslosigkeit und hat mehrere veröffentlichte Widersprüche ausgelöst.

In der einen mainstreamnahen Übersicht, in der solche Verfahren auftauchen, stehen sie unter Entspannungstechniken. Das ist vermutlich die ehrlichste Einordnung: ein risikoarmes Verfahren, das entspannen kann, und keine Alternative zu einer Behandlung.

Häufige Fragen

Was ist Logosynthese?

Ein Verfahren, bei dem belastende Vorstellungen mit drei festgelegten Sätzen bearbeitet werden. Die Grundidee lautet, dass in Bildern und Erinnerungen Energie gebunden sei, die sich durch die gesprochenen Sätze lösen lasse.

Gibt es Studien dazu?

Eine Suche in der medizinischen Literaturdatenbank PubMed nach dem Begriff Logosynthesis liefert keinen einzigen Treffer. Das ist kein Beleg gegen die Wirksamkeit, aber es bedeutet, dass es nichts zu prüfen gibt.

Zu welcher Verfahrensfamilie gehört sie?

Zur sogenannten Energiepsychologie, deren bekanntester Vertreter das Klopfen auf Akupunkturpunkte ist. Diese Familie ist untersucht, wenn auch mit erheblichen methodischen Einschränkungen.

Wie sehen die Zahlen dort aus?

Auffällig groß. Eine Metaanalyse berichtet für die Behandlung von Depression eine Effektstärke von 1,85 in randomisierten Studien. Werte in dieser Höhe sind in der Psychotherapieforschung ein Warnsignal, kein Gütesiegel.

Ist der spezielle Bestandteil überhaupt nötig?

Die Arbeit, die das prüfen wollte, fand von sechs verglichenen Studien nur drei mit insgesamt 102 Personen. Ihr Vertrauensintervall reichte bis genau an die Null. Zu dieser Arbeit erschienen eine Berichtigung und mehrere kritische Kommentare.

Kann Logosynthese schaden?

Das Verfahren selbst ist körperlich risikoarm. Das Risiko liegt darin, dass eine behandlungsbedürftige Erkrankung unbehandelt bleibt, weil ein einfaches Verfahren als ausreichend dargestellt wird.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Nelms, J. A. & Castel, L. (2016): A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized and Nonrandomized Trials of Clinical Emotional Freedom Techniques (EFT) for the Treatment of Depression. Explore. 20 eingeschlossene Arbeiten, davon zwölf randomisiert. Der Erstautor gibt eine Firmenadresse als Kontakt an

  2. 2

    Clond, M. (2016): Emotional Freedom Techniques for Anxiety: A Systematic Review With Meta-analysis. Journal of Nervous and Mental Disease. 14 randomisierte Studien mit insgesamt 658 Teilnehmenden

  3. 3

    Church, D. et al. (2018): Is Tapping on Acupuncture Points an Active Ingredient in Emotional Freedom Techniques? A Systematic Review and Meta-analysis of Comparative Studies. Journal of Nervous and Mental Disease. Sechs verglichene Studien, drei einbezogen mit 102 Personen. Zur Arbeit erschienen eine Berichtigung und mehrere Kommentare, darunter einer in Lancet Psychiatry

  4. 4

    Catapano, P. et al. (2023): Organizational and Individual Interventions for Managing Work-Related Stress in Healthcare Professionals: A Systematic Review. Medicina. 18 eingeschlossene Arbeiten aus drei Literaturdatenbanken