Persönliche ResilienzKörper & Gesundheit

Earthing (Barfußlaufen)

Bei diesem Thema lohnt sich der Blick auf die Quellen mehr als auf die Ergebnisse. Wer nachschaut, wer die Erdungsforschung eigentlich betreibt, versteht sofort, warum sie so einheitlich positiv ausfällt. Die gute Nachricht steht danach trotzdem noch da.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Nackte Füße gehen über eine taufeuchte Wiese, im Hintergrund unscharf Bäume im Morgenlicht
Barfuß über eine Wiese zu gehen ist angenehm, gut für die Fußmuskulatur und bringt dich nach draußen. Für all das braucht es keine Elektronen. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel ist der einzige dieser Rubrik, in dem es weniger um Effektstärken geht als um die Frage, wer eine Forschungsrichtung trägt. Das ist bei diesem Thema die aussagekräftigere Information.

  • Die Erdungshypothese behauptet, Erdkontakt führe dem Körper entzündungshemmende Elektronen zu.
  • Die einschlägige Literatur stammt weitgehend von einer kleinen Autorengruppe.
  • Der Ton dieser Beiträge weicht deutlich von üblicher Fachliteratur ab.
  • Für Naturaufenthalt gibt es dagegen eine breite und unabhängige Beleglage.
  • Barfußlaufen bleibt sinnvoll, nur mit anderer Begründung.

Die Behauptung

Die grundlegende Übersichtsarbeit von 2012 formuliert die These klar: Die Erdoberfläche verfüge über einen riesigen Vorrat an Elektronen, direkter Hautkontakt damit führe dem Körper diese Elektronen zu, und die moderne Lebensweise trenne den Menschen von diesem Kontakt. Diese Trennung sei möglicherweise ein wesentlicher Beitrag zu körperlicher Funktionsstörung und Unwohlsein.

Als Anwendungen werden genannt: barfuß im Freien gehen, oder drinnen sitzen, arbeiten und schlafen, verbunden mit leitfähigen Systemen, die Erdelektronen in den Körper übertragen. Genannte Wirkungen sind besserer Schlaf und weniger Schmerzen.

Was daran physikalisch prüfbar wäre

Dass ein leitfähiger Körper bei Erdkontakt sein elektrisches Potenzial angleicht, ist unstrittig und lässt sich messen. Der Sprung von dieser Messung zur Behauptung, dadurch würden im Gewebe Entzündungsvorgänge neutralisiert, ist der eigentliche Anspruch. Genau dieser Schritt ist es, für den unabhängige Belege fehlen.

Wer diese Forschung betreibt

Bei jeder Forschungsrichtung lohnt der Blick auf die Autorenlisten. Bei dieser lohnt er besonders.

2012

Jahr der grundlegenden Übersichtsarbeit

2023

Jahr zweier Folgebeiträge im selben Themenheft

36

Arbeiten in der Metaanalyse zum Waldbaden

3.554

Teilnehmende darin

Die drei einschlägigen Übersichtsbeiträge und ihre Autoren
JahrBeitragBeteiligte
2012Grundlegende Übersichtsarbeit zur ErdungshypotheseChevalier, Sinatra, Oschman, Sokal und Sokal
2023Erdung als universelles entzündungshemmendes Mitteldrei Mitglieder der Familie Sinatra sowie erneut Chevalier
2023Praktische Anwendungen der Erdungeine Einzelautorin, Korrespondenzadresse einer eigenen Praxisseite

Die Korrespondenzadresse des Beitrags von 2023 zur Erdung als entzündungshemmendem Mittel verweist auf eine Adresse mit dem Namensbestandteil „Grounded“. Solche Angaben stehen offen in den Veröffentlichungen und lassen sich nachprüfen.

Eine Forschungsrichtung, deren Übersichtsarbeiten über ein Jahrzehnt hinweg im Wesentlichen von denselben Personen verfasst werden, von denen einige ein wirtschaftliches Interesse am Ergebnis erkennen lassen, ist keine unabhängige Beleglage. Sie ist eine Position.
Warum das zählt

Der Ton der Fachliteratur

Der zweite Hinweis liegt in der Sprache. Fachliteratur ist üblicherweise vorsichtig formuliert, hedgt Aussagen ab und benennt Einschränkungen. Der Beitrag von 2023 tut das nicht.

Üblich in Fachbeiträgen

  • Ergebnisse legen nahe, dass ...
  • Die Beleglage ist begrenzt durch ...
  • Weitere kontrollierte Studien sind nötig
  • Effektgrößen werden mit Vertrauensbereichen berichtet

Formulierungen im Beitrag von 2023

  • Eines der bestgehüteten Geheimnisse für unsere Gesundheit
  • Nur ein kleiner Teil der Wissenschaft versteht das Konzept wirklich
  • Berufung auf Erfahrungsberichte als Beleg
  • Entzündung sei die Wurzel nahezu aller Krankheiten

Bemerkenswert ist ein weiterer Zug desselben Beitrags: Er verweist darauf, dass möglicherweise ein Drittel der medizinischen Fachliteratur fehlerhaft sei, und dass relative Risiken nur einen Bruchteil der tatsächlichen Erkenntnis abbildeten. Beides sind für sich genommen ernstzunehmende methodische Einwände. Hier dienen sie dazu, die eigene schwache Beleglage gegen den Vergleich mit besserer zu immunisieren.

Ein übertragbares Prüfmerkmal

Wenn ein Beitrag zugleich behauptet, seine Sache sei wissenschaftlich belegt, und die übrige Wissenschaft sei unzuverlässig, ist Vorsicht angebracht. Diese Kombination taucht bei mehreren Themen dieser Rubrik auf und ist ein zuverlässigeres Warnsignal als jede einzelne Zahl.

Der dritte Beitrag

Der Beitrag zu praktischen Anwendungen beschreibt die Erde als globalen Gleichstromkreis, an den sich der menschliche Körper bei Kontakt anschließe, und leitet daraus einen tiefgreifenden Heilungszustand ab. Das ist keine Beschreibung eines gemessenen Vorgangs, sondern ein Bild, dem die Prüfbarkeit fehlt.

Was tatsächlich belegt ist

Damit ist die Erdungstheorie erledigt und die eigentlich interessante Frage noch offen: Bringt es etwas, barfuß draußen unterwegs zu sein? Die Antwort ist ja, aber die Begründung liegt woanders.

Für den Aufenthalt in der Natur liegt eine Metaanalyse aus Singapur vor. Durchsucht wurden vier englischsprachige und fünf nicht englischsprachige Datenbanken. Eingeschlossen wurden 36 Arbeiten mit 3554 Teilnehmenden, davon 21 auf Englisch, drei auf Chinesisch und zwölf auf Koreanisch.

Ergebnisse der Metaanalyse zum Waldbaden. Quelle: Siah et al. 2023
ZielgrößeErgebnis
Depressionssymptomebedeutsame Verringerung
Angstsymptomebedeutsame Verringerung
Körperliche Messwerte wie Blutdruck und Herzfrequenzdeutlich weniger Vorteile beobachtet

Die Autoren betonen den möglichen therapeutischen Beitrag von Wäldern angesichts der Folgen der Verstädterung. Die Suche umfasste ausdrücklich auch nicht englischsprachige Literatur, was in diesem Feld selten ist.

Die psychischen Wirkungen zeigen sich, die körperlichen kaum. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was die Erdungstheorie vorhersagt, und passt gut zu einer viel einfacheren Erklärung: Draußen zu sein tut gut.
Die aufschlussreiche Asymmetrie

Was du davon behalten kannst

  • Barfuß gehen ist gut für die Füße. Wechselnde Untergründe fordern die kleinen Fußmuskeln, die in gepolsterten Schuhen wenig zu tun haben. Das ist unabhängig von jeder Elektronentheorie plausibel.
  • Der eigentliche Wirkstoff ist der Aufenthalt draußen. Tageslicht, Bewegung, Abstand vom Bildschirm. Für alle drei gibt es bessere Belege als für alles in der Erdungsliteratur.
  • Es fühlt sich gut an, und das genügt. Kühles Gras unter den Füßen braucht keine Rechtfertigung durch Studien. Problematisch wird es erst, wenn daraus ein Heilversprechen und ein Produkt werden.
  • Kein Geld für Erdungsprodukte. Matten, Bettlaken und Bänder kosten teils dreistellige Beträge. Der Nutzen, um den es eigentlich geht, ist draußen und umsonst.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei Diabetes mit Nervenschädigung an den Füßen ist Barfußlaufen im Freien gefährlich, weil kleine Verletzungen nicht bemerkt werden und schlecht heilen. Dasselbe gilt bei Durchblutungsstörungen der Beine. In diesen Fällen bitte ärztlich klären, was möglich ist. Und: Erdung ersetzt keine Behandlung einer entzündlichen Erkrankung.

Passend dazu

Fazit

Die Erdungstheorie hat ein Autorenproblem und ein Tonproblem. Die einschlägigen Übersichtsbeiträge stammen über ein Jahrzehnt hinweg im Wesentlichen von derselben kleinen Gruppe, teils mit erkennbarem wirtschaftlichem Bezug, und formulieren in einer Sprache, die in der Fachliteratur unüblich ist.

Für den Aufenthalt in der Natur sieht es anders aus. Eine Metaanalyse über 36 Arbeiten mit 3554 Teilnehmenden findet eine bedeutsame Verringerung von Depressions- und Angstsymptomen, bei den körperlichen Messwerten dagegen deutlich weniger.

Also: Zieh die Schuhe aus, wenn es dir gefällt. Geh raus, weil das belegt gut tut. Und kauf keine Matte.

Häufige Fragen

Was behauptet die Earthing-Theorie?

Dass direkter Hautkontakt mit der Erdoberfläche dem Körper Elektronen zuführt, die Entzündungen neutralisieren. Die moderne Lebensweise trenne den Menschen von diesem Kontakt, was zu Funktionsstörungen und Unwohlsein beitrage. Als Anwendungen genannt werden Barfußlaufen im Freien sowie leitfähige Matten und Bettlaken für drinnen.

Gibt es dazu Studien?

Ja, aber die Zahl der beteiligten Arbeitsgruppen ist klein. Die einschlägigen Übersichtsarbeiten stammen weitgehend von denselben wenigen Autoren, teilweise mit erkennbarem wirtschaftlichem Bezug zu Erdungsprodukten.

Woran erkennt man, dass hier etwas nicht stimmt?

Am Ton. Eine Übersichtsarbeit von 2023 in einem Fachblatt bezeichnet Erdung als eines der bestgehüteten Geheimnisse für unsere Gesundheit und behauptet, Entzündung sei die Wurzel nahezu aller Krankheiten. Solche Formulierungen sind in der medizinischen Fachliteratur ungewöhnlich und ein Warnsignal.

Ist Barfußlaufen also sinnlos?

Im Gegenteil. Es ist angenehm, trainiert die Fußmuskulatur und bringt dich nach draußen. Der Nutzen ist nur ein anderer als der behauptete, und die Begründung braucht keine Elektronen.

Was ist mit dem Aufenthalt in der Natur?

Dafür ist die Beleglage deutlich besser. Eine Metaanalyse über 36 Arbeiten mit 3554 Teilnehmenden zum sogenannten Waldbaden fand eine bedeutsame Verringerung von Depressions- und Angstsymptomen. Bei den körperlichen Messwerten zeigten sich deutlich weniger Vorteile.

Sollte ich Erdungsmatten kaufen?

Nein. Für Matten, Bettlaken und Bänder liegt keine belastbare unabhängige Beleglage vor. Wer den Nutzen von Naturaufenthalt möchte, geht raus, und das ist kostenlos.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Chevalier, G. et al. (2012): Earthing: health implications of reconnecting the human body to the Earth’s surface electrons. Journal of Environmental and Public Health. Die grundlegende Übersichtsarbeit zur Erdungshypothese

  2. 2

    Sinatra, S. T. et al. (2023): Grounding - The universal anti-inflammatory remedy. Biomedical Journal. Übersichtsbeitrag derselben Autorengruppe, Korrespondenzadresse mit Bezug zu einem Erdungsangebot

  3. 3

    Koniver, L. (2023): Practical applications of grounding to support health. Biomedical Journal. Beitrag im selben Themenheft, beschreibt Erdung als Anschluss an einen globalen Gleichstromkreis

  4. 4

    Siah, C. J. R. et al. (2023): The effects of forest bathing on psychological well-being: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Mental Health Nursing. 36 Arbeiten mit 3554 Teilnehmenden, Suche in neun Datenbanken auf Englisch, Chinesisch und Koreanisch