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Waldtherapie (Eco-Therapy)

Ein Spaziergang im Wald tut gut. Das muss niemand belegen. Interessant wird es dort, wo daraus eine Therapie mit Effektstärken wird, die jede Psychotherapie in den Schatten stellen würden.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein schmaler Waldweg zwischen hohen Buchen, im Hintergrund fällt Sonnenlicht schräg durch die Baumkronen
Dass ein Waldweg beruhigt, bestreitet niemand. Strittig ist, wie viel davon der Wald ist und wie viel die Erwartung. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Waldbaden ist der seltene Fall, bei dem die Kritik an den Studien den Rat nicht ändert. Geh in den Wald. Aber wenn dir jemand dafür einen dreistelligen Betrag berechnet und dabei von belegter Wirksamkeit spricht, lohnt ein genauer Blick auf die Zahlen.

  • Metaanalysen berichten sehr große Effekte auf Depressivität und Angst.
  • In einer davon stammten 19 von 20 Studien aus Südkorea.
  • Die Autoren selbst bewerten die methodische Qualität als gering.
  • Beim Cortisol war der Gruppenunterschied schon vor der Intervention da.
  • Der Nutzen von Zeit im Wald bleibt davon unberührt. Die Therapieetikette nicht.

Was Waldtherapie ist

Shinrin-yoku heißt wörtlich Waldbaden und wurde 1982 von der japanischen Forstbehörde als Begriff eingeführt. Gemeint ist kein Wandern und kein Sport, sondern ein sehr langsamer Aufenthalt: Man geht wenige hundert Meter in zwei Stunden, hält an, hört zu, riecht, berührt Rinde und Moos.

Wie sich die Formate unterscheiden
FormatWas passiertKosten
WaldspaziergangDu gehst allein oder zu zweit in den Wald, ohne ProgrammKeine
Angeleitetes WaldbadenGruppe mit Kursleitung, gelenkte Wahrnehmungsübungen, oft zwei bis drei StundenMeist 30 bis 80 Euro je Termin
Waldtherapie im engeren SinnStrukturiertes Programm über mehrere Wochen, teils in Kurorten oder KlinikenAls Kurleistung, sonst Selbstzahlung
ÖkotherapieSammelbegriff, auch für Gartenarbeit und andere Naturangebote in der VersorgungJe nach Träger

Kein geschützter Begriff

Waldbaden-Kursleitung ist keine geschützte Bezeichnung, und Waldtherapie ist kein anerkanntes Heilverfahren. Die diversen Zertifikate stammen von privaten Anbietern und sagen wenig über Qualität aus.

Die Zahlen

Zwei Metaanalysen sind hier maßgeblich. Die erste hat 20 Studien zu Waldtherapie bei Depression und Angst zusammengefasst, randomisierte wie quasiexperimentelle.

1,13

Effektstärke Depressivität

1,72

Effektstärke Angst

19 von 20

Studien aus Südkorea

5

randomisierte Studien darunter

Die zweite Auswertung ist deutlich breiter angelegt: 36 Arbeiten mit 3554 Teilnehmenden, gesucht in vier englischsprachigen und fünf nicht englischsprachigen Datenbanken. Ihr Ergebnis fällt differenzierter aus. Depressivität und Angst gingen deutlich zurück, bei den körperlichen Messgrößen wie Blutdruck und Herzfrequenz zeigte sich dagegen längst nicht so viel.

Waldbaden könne Symptome von Depression und Angst deutlich verringern. Bei den physiologischen Messgrößen hätten sich nicht annähernd so viele Vorteile gezeigt.
Siah et al. 2023

Warum sie ein Warnsignal sind

Eine Effektstärke von 1,72 klingt nach einem Durchbruch. Sie ist eher ein Grund, misstrauisch zu werden. Zur Einordnung: Antidepressiva liegen gegenüber Placebo bei etwa 0,3, Psychotherapie bei Depression gegenüber Kontrollbedingungen bei etwa 0,7. Ein zweistündiger Waldspaziergang soll also mehr bewirken als beides zusammen.

Zum Vergleich: typische Effektstärken

Waldtherapie, Angst

1,72

Yeon et al. 2021

Waldtherapie, Depressivität

1,13

Yeon et al. 2021

Psychotherapie bei Depression

0,7

Größenordnung

Antidepressiva gegen Placebo

0,3

Größenordnung

MerkmalWert in
Waldtherapie, Angst1.72
Waldtherapie, Depressivität1.13
Psychotherapie bei Depression0.7
Antidepressiva gegen Placebo0.3

Beträge standardisierter Effektstärken. Der Wert für Waldtherapie stammt aus Yeon et al. 2021, die Vergleichswerte sind gerundete Größenordnungen aus der Psychotherapie- und Pharmakaforschung.

Woher solche Zahlen kommen

  • Fehlende Verblindung. Niemand kann übersehen, ob er im Wald ist oder nicht. Wer weiß, dass er die interessante Bedingung erwischt hat, füllt Fragebögen anders aus.
  • Wartelisten als Kontrolle. Wer wartet, verbessert sich im Schnitt nicht. Der Vergleich mit dem Nichtstun bläht jeden Effekt auf.
  • Kleine Stichproben. Bei zwanzig Personen je Gruppe entstehen große Effekte fast zwangsläufig als Zufallsschwankung, und nur die auffälligen werden veröffentlicht.
  • Konzentration auf ein Land. 19 der 20 Studien kamen aus Südkorea, wo Waldtherapie staatlich gefördert wird. Damit sind Forschungstradition, Erwartung und Publikationspraxis in allen Studien dieselben.

Das schreiben die Autoren selbst

In der Qualitätsbewertung wurden von fünf randomisierten Studien drei als bedenklich und zwei als hochriskant eingestuft. Von fünfzehn quasiexperimentellen Studien waren neun hochriskant und sechs mittel. Es bleibt also keine einzige Arbeit mit niedrigem Verzerrungsrisiko übrig.

Der Cortisol-Befund

Ein eigener Strang der Forschung misst nicht Stimmung, sondern Stresshormone. Eine Metaanalyse hat 971 Arbeiten gesichtet, 22 in die Übersicht und acht in die Berechnung aufgenommen. Sie fand tatsächlich niedrigere Speichelcortisolwerte in den Waldgruppen.

Speichelcortisol, Waldgruppe gegenüber Stadtgruppe. Quelle: Antonelli et al. 2019
ZeitpunktUnterschiedHeterogenität
Vor der Intervention−0,08 µg/dlI² = 46 %
Nach der Intervention−0,05 µg/dlI² = 88 %

Beide Unterschiede sind statistisch bedeutsam. Der auffällige Punkt liegt in der ersten Zeile.

Der Unterschied war vorher schon da

Die Waldgruppen hatten bereits vor Beginn niedrigere Cortisolwerte als die Vergleichsgruppen, und zwar stärker als danach. Das kann an ungleichen Gruppen liegen, an der Umgebung während der Messung, oder an der Vorfreude. Die Autoren selbst schreiben, dass erwartungsbedingte Placeboeffekte eine wichtige Rolle spielen können.

Dazu kommt die Heterogenität: Ein I² von 88 Prozent bedeutet, dass die Studien fast nichts gemeinsam haben außer dem Etikett. Ein gemittelter Wert aus solchen Daten beschreibt keine Wirklichkeit, sondern nur einen Rechenschritt.

Was übrig bleibt

Nichts davon spricht gegen den Wald. Es spricht gegen die Zahlen, mit denen für ihn geworben wird. Und es gibt eine nüchterne Auswertung, die die Größenordnung ehrlicher benennt.

Eine Übersicht über gemeinschaftsbasierte Angebote gegen Angst und Depression, darunter Gemeinschaftsgärten und Naturprogramme, umfasste 31 randomisierte Studien mit 2898 Teilnehmenden. Bemerkenswert war vor allem die niedrige Abbruchquote von etwa einer Person je hundert. Das Fazit der Autoren: Die Unsicherheit der Beleglage erlaube nur eine schwache Empfehlung.

  • Was gut belegt ist: Bewegung wirkt gegen depressive Symptome. Ein Waldspaziergang ist Bewegung.
  • Was plausibel ist: Draußen sein bedeutet weniger Bildschirm, weniger Lärm, mehr Tageslicht. Jede dieser Komponenten hat für sich eine bessere Beleglage als das Waldbaden als Ganzes.
  • Was Menschen tatsächlich tun: Naturangebote werden selten abgebrochen. Für eine Maßnahme, die dauerhaft wirken soll, ist das kein kleiner Vorteil.
  • Was nicht belegt ist: dass eine zertifizierte Anleitung mehr bringt als derselbe Spaziergang ohne sie.

Praktisch

Wie du es ohne Kurs machst

  • Langsamer als du denkst. Der Unterschied zum Wandern ist das Tempo. Eine Stunde für einen Kilometer ist normal.
  • Telefon aus, nicht lautlos. Ein stumm vibrierendes Gerät in der Tasche unterbricht die Aufmerksamkeit genauso.
  • Ein Sinn nach dem anderen. Fünf Minuten nur hören. Dann fünf Minuten nur schauen, aber ohne zu benennen. Dann etwas anfassen.
  • Regelmäßig statt lange. Zweimal die Woche dreißig Minuten schlägt einen ganzen Tag alle sechs Wochen. Das gilt für jede Gewohnheit.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei einer diagnostizierten Depression oder Angststörung ist Waldbaden eine Ergänzung, kein Behandlungsersatz. Wenn du seit Wochen morgens kaum aus dem Bett kommst, ist der richtige nächste Schritt die Hausarztpraxis oder die psychotherapeutische Sprechstunde, nicht ein Kurs im Stadtwald.

Passend dazu

Fazit

Die Waldtherapie hat ein Zahlenproblem, kein Waldproblem. Effektstärken von 1,1 und 1,7 entstehen nicht, weil ein Spaziergang stärker wirkt als eine Psychotherapie, sondern weil die Studien klein, unverblindet, fast alle aus einem Land und nach Angabe der Autoren selbst durchgehend von zweifelhafter Qualität sind.

Beim Cortisol ist der Befund noch deutlicher: Der Unterschied zwischen Wald- und Stadtgruppe bestand bereits, bevor die Intervention begann.

Praktisch bleibt eine unspektakuläre, aber solide Empfehlung. Geh raus, geh langsam, geh regelmäßig, lass das Telefon in der Tasche. Für das Etikett Therapie und den Preis, der daran hängt, gibt die Beleglage bisher nicht genug her.

Häufige Fragen

Was ist Waldtherapie oder Waldbaden?

Ein angeleiteter, langsamer Aufenthalt im Wald mit gelenkter Aufmerksamkeit auf Geräusche, Gerüche und Oberflächen. Die Praxis stammt aus Japan, wo sie unter dem Namen Shinrin-yoku seit den 1980er Jahren gefördert wird.

Wie gut ist die Wirkung belegt?

Zwei Metaanalysen finden deutliche Verbesserungen bei Depressivität und Angst. Beide berichten aber selbst, dass die eingeschlossenen Studien methodisch schwach waren, und in einer stammten 19 von 20 Arbeiten aus einem einzigen Land.

Warum ist eine Effektstärke von 1,7 verdächtig?

Weil sie größer wäre als der Effekt der meisten Antidepressiva und der meisten Psychotherapien. Wenn eine einfache Maßnahme in schwachen Studien riesige Effekte zeigt, liegt das häufiger an der Studienqualität als an der Maßnahme.

Senkt Waldbaden das Cortisol?

Im Mittel ja, aber der Unterschied ist klein und war in derselben Auswertung schon vor Beginn der Intervention vorhanden. Die Autoren selbst nennen Erwartungseffekte als wesentlichen Teil der Erklärung.

Lohnt sich ein bezahlter Waldbaden-Kurs?

Für den Einstieg kann eine Anleitung helfen, das Tempo zu drosseln. Aber nichts an der Praxis erfordert eine Zertifizierung, und der Kernbestandteil, also langsam und aufmerksam im Wald zu sein, ist kostenlos.

Ist Waldtherapie ein Ersatz für Behandlung?

Nein. Keine der Studien hat sie gegen eine wirksame Behandlung geprüft, und bei einer Depression oder Angststörung gehört die Behandlung in fachliche Hände.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Yeon, P. S. et al. (2021): Effect of Forest Therapy on Depression and Anxiety: A Systematic Review and Meta-Analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health. 20 Studien, davon 19 aus Südkorea, Bewertung mit ROB 2.0 und ROBINS-I

  2. 2

    Siah, C. J. R. et al. (2023): The effects of forest bathing on psychological well-being: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Mental Health Nursing. 36 Arbeiten mit 3554 Teilnehmenden, Suche in englischen, chinesischen und koreanischen Datenbanken

  3. 3

    Antonelli, M. et al. (2019): Effects of forest bathing (shinrin-yoku) on levels of cortisol as a stress biomarker: a systematic review and meta-analysis. International Journal of Biometeorology. 22 Studien in der Übersicht, 8 in der Metaanalyse

  4. 4

    Buechner, H. et al. (2023): Community interventions for anxiety and depression in adults and young people: A systematic review. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry. 31 randomisierte Studien mit 2898 Teilnehmenden, darunter Gemeinschaftsgärten und Naturangebote