
Auf einen Blick
Wer nach Belegen für tiergestützte Arbeit sucht, findet ein ungewöhnliches Muster: Die Effekte sind da, aber sie sitzen an anderer Stelle, als die Werbung verspricht. Und sie hängen offenbar davon ab, wie viel tatsächlich mit dem Tier passiert.
- Bei Kindern im Krankenhaus sank der Schmerz, Angst und Stress blieben unverändert.
- Bei Demenz gingen depressive Symptome zurück, Kognition und Lebensqualität nicht.
- Bei Erwachsenen allgemein ist die Studienqualität durchgehend niedrig.
- Je intensiver der Kontakt mit dem Tier, desto deutlicher die Ergebnisse.
- Allergien, Keime und Unfälle sind reale Risiken, aber mit Hygieneregeln beherrschbar.
Was gemeint ist
Der Begriff ist ein Dach für sehr Unterschiedliches. Das ist keine Kleinigkeit, denn die Wirkungsversprechen der einen Form werden regelmäßig für die andere geliehen.
| Form | Was passiert | Wer macht es |
|---|---|---|
| Tiergestützte Aktivität | Besuchsdienst ohne festes Ziel, spontane Begegnung, kein Protokoll | Ehrenamtliche mit geprüftem Tier |
| Tiergestützte Pädagogik | Zielgerichtete Förderung, etwa von Konzentration, Verantwortung oder Sprache | Pädagogische Fachkräfte |
| Tiergestützte Therapie | Teil einer Behandlung mit definiertem Ziel, dokumentiert und ausgewertet | Therapeutische Fachkräfte im jeweiligen Beruf |
Nur die dritte Form wurde in den Metaanalysen untersucht, die im Folgenden zitiert werden.
Der Beruf existiert nicht
Es gibt keine geschützte Berufsbezeichnung für tiergestützte Therapie. Was es gibt, ist eine Zusatzqualifikation, die auf einem bestehenden Beruf aufsetzt. Wenn jemand nur die Zusatzqualifikation hat und keinen Grundberuf im Gesundheits- oder Sozialwesen, fehlt der Unterbau.
Kinder im Krankenhaus
Die erste Metaanalyse fasst acht Studien mit 348 hospitalisierten Kindern und Jugendlichen zusammen, vier davon randomisiert. Sie hat gleich sechs Zielgrößen betrachtet, und genau das macht sie so aufschlussreich.
−0,49
Effekt auf Schmerz
kein Effekt
auf Angst und Stress
kein Effekt
auf Depressivität
348
Teilnehmende insgesamt
Als Ergänzung zur üblichen Behandlung war tiergestützte Therapie nützlich für die Kontrolle von Schmerz und Blutdruck bei Kindern und Jugendlichen im Krankenhaus.
Interessant ist auch, was mit dem Blutdruck passierte. Der systolische Wert lag in der Tiergruppe niedriger, der diastolische höher. Beides war statistisch bedeutsam. Ein körperliches Entspannungsmuster sieht anders aus, denn dabei würden beide Werte in dieselbe Richtung gehen.
Was das für die Deutung bedeutet
Wenn Schmerz sinkt, während Angst und Stress unverändert bleiben, spricht das gegen die gängige Erklärung, der Hund entspanne die Kinder. Plausibler ist Ablenkung: Wer einen Hund streichelt, richtet die Aufmerksamkeit woanders hin, und Schmerz reagiert auf Aufmerksamkeit besonders stark.
Demenz
Bei Demenz sieht das Bild anders aus. Elf randomisierte Studien mit 825 Teilnehmenden wurden ausgewertet, und hier zeigte sich genau das, was bei den Kindern ausblieb.
| Zielgröße | Ergebnis |
|---|---|
| Verhaltens- und psychische Symptome | Deutlich verringert |
| Depressive Symptome | Deutlich verringert |
| Kognitive Leistung | Keine bedeutsame Veränderung |
| Alltagsfähigkeiten | Keine bedeutsame Veränderung |
| Unruhe und Agitation | Keine bedeutsame Veränderung |
| Lebensqualität | Keine bedeutsame Veränderung |
Das ist ein ehrliches Ergebnis. Depressivität bessert sich, die Erkrankung selbst nicht. Bemerkenswert ist der ausbleibende Effekt auf die Unruhe, weil genau damit tiergestützte Angebote in Pflegeeinrichtungen meist begründet werden.
Erwachsene allgemein
Eine breitere Übersicht hat 23 Arbeiten zu Erwachsenen zusammengetragen, quer über Demenz, Depression, multiple Sklerose, posttraumatische Belastungsstörung, Schlaganfall, Querschnittlähmung und Schizophrenie. Sie kommt zu zwei Aussagen, die zusammen gelesen werden müssen.
- Die Ergebnisse sind überwiegend günstig. Das ist die Aussage, die üblicherweise zitiert wird.
- Die Gesamtqualität war niedrig. Das ist die Aussage, die im selben Satz steht und selten mitzitiert wird.
- Der Grad der Tierbeteiligung beeinflusste die Ergebnisse deutlich. Wo das Tier nur anwesend war, passierte weniger, als wo tatsächlich mit ihm gearbeitet wurde.
Der dritte Punkt ist praktisch der nützlichste. Er sagt dir, worauf du bei einem Angebot achten musst: nicht auf die Anwesenheit eines Tieres, sondern darauf, ob es eine Aufgabe gibt, in der das Tier eine Rolle spielt.
Die Risikoseite
Über Risiken wird bei diesem Thema wenig gesprochen. Eine Übersicht, die 432 Arbeiten gesichtet und 36 eingeschlossen hat, tut es ausdrücklich.
| Risiko | Was hilft |
|---|---|
| Allergien | Vorherige Abklärung, tierfreie Zonen in der Einrichtung |
| Infektionen, auch mit resistenten Keimen wie MRSA | Händedesinfektion vor und nach dem Kontakt, geprüfte Tiergesundheit |
| Zoonosen, also vom Tier übertragbare Krankheiten | Regelmäßige tierärztliche Kontrolle und Entwurmung |
| Bisse, Kratzer, Stürze | Geeignete Tierauswahl, Leine, Aufsicht, Ruhepausen für das Tier |
Das Fazit der Autoren: Bei Einhaltung einfacher Hygieneregeln überwiegt der Nutzen die Risiken deutlich.
Und das Tier?
In keiner der zitierten Auswertungen wird das Wohl des Tieres als Zielgröße geführt. Ein Hund, der stundenlang in fremder Umgebung von wechselnden Menschen berührt wird, ist im Dienst. Feste Einsatzzeiten, Rückzugsmöglichkeiten und ein klares Abbruchsignal gehören zu einem seriösen Angebot dazu.
Praktisch
Wann es sich lohnt
- Wenn Schmerz oder Anspannung im Vordergrund stehen und Ablenkung ein erwünschter Weg ist, etwa bei Behandlungen im Krankenhaus.
- Bei Demenz mit depressiver Verstimmung. Dort liegt der klarste Befund aus randomisierten Studien.
- Wenn der Zugang über Sprache schwierig ist. Das Tier schafft ein Gesprächsthema, das nicht die eigene Person ist.
- Nicht als Ersatz. In allen zitierten Arbeiten wurde tiergestützte Arbeit zusätzlich zur üblichen Behandlung geprüft, nie an ihrer Stelle.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Bei Angst vor Hunden, bei Allergien, bei offenen Wunden oder stark geschwächtem Immunsystem ist Zurückhaltung angebracht. Und wenn eine Einrichtung ein tiergestütztes Angebot als Ersatz für fehlendes Personal einsetzt, ist das kein Therapieangebot, sondern ein Personalproblem mit Fell.
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Fazit
Tiergestützte Interventionen wirken schmaler und anders als versprochen. Bei Kindern im Krankenhaus sank der Schmerz deutlich, während Angst, Stress und Depressivität unverändert blieben. Bei Demenz gingen Verhaltenssymptome und Depressivität zurück, Kognition, Alltagsfähigkeiten, Unruhe und Lebensqualität aber nicht.
Die brauchbarste Erkenntnis stammt aus der Übersicht zu Erwachsenen: Der Grad der tatsächlichen Tierbeteiligung machte den Unterschied. Ein Hund, der nur im Raum liegt, ist etwas anderes als eine Arbeit, in der er eine Rolle hat.
Und die Risiken sind real, aber klein zu halten. Sie gehören in jedes Gespräch über ein solches Angebot, gemeinsam mit der Frage, wie es dem Tier dabei geht.
Häufige Fragen
Was sind tiergestützte Interventionen?
Ein Sammelbegriff für alle Angebote, bei denen ein Tier planvoll einbezogen wird. Er reicht vom lockeren Besuchsdienst über pädagogische Angebote bis zur tiergestützten Therapie mit definiertem Behandlungsziel innerhalb einer Behandlung.
Hilft ein Therapiehund gegen Angst?
Bei Kindern im Krankenhaus fand eine Metaanalyse über acht Studien keinen bedeutsamen Unterschied bei Angst, Stress oder Depressivität. Deutlich zurück ging dagegen der Schmerz.
Und bei Demenz?
Elf randomisierte Studien mit 825 Teilnehmenden zeigten eine Verringerung der Verhaltens- und psychischen Symptome, insbesondere der Depressivität. Kognition, Alltagsfähigkeiten, Unruhe und Lebensqualität veränderten sich nicht.
Ist das ein anerkanntes Heilverfahren?
Nein. Tiergestützte Interventionen sind kein Richtlinienverfahren und werden ambulant nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. In Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Rehabilitation sind sie dagegen verbreitet.
Welche Risiken gibt es?
Allergien, Infektionen einschließlich der Übertragung resistenter Keime, Bisse und Kratzer sowie Stürze. Eine Übersicht über 36 Arbeiten kam zu dem Schluss, dass einfache Hygieneregeln diese Risiken wirksam klein halten.
Worauf sollte ich bei einem Anbieter achten?
Auf eine geprüfte Eignung und regelmäßige tierärztliche Kontrolle des Tieres, auf eine Ausbildung des Mensch-Tier-Teams, auf feste Einsatzzeiten mit Ruhepausen für das Tier und darauf, dass die Fachperson eine eigene Grundqualifikation im Gesundheits- oder Sozialbereich hat.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Feng, Y. et al. (2021): Effects of Animal-Assisted Therapy on Hospitalized Children and Teenagers: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Pediatric Nursing. Acht Studien mit 348 Teilnehmenden, davon vier randomisiert, Suche auch in chinesischsprachigen Datenbanken
- 2
Chen, H. et al. (2022): Effects of animal-assisted therapy on patients with dementia: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Psychiatry Research. Elf randomisierte kontrollierte Studien mit 825 Teilnehmenden
- 3
Charry-Sánchez, J. D. et al. (2018): Animal-assisted therapy in adults: A systematic review. Complementary Therapies in Clinical Practice. 23 Arbeiten zu Demenz, Depression, multipler Sklerose, PTBS, Schlaganfall, Querschnittlähmung und Schizophrenie
- 4
Bert, F. et al. (2016): Animal assisted intervention: A systematic review of benefits and risks. European Journal of Integrative Medicine. 36 von 432 gesichteten Arbeiten, mit eigenem Blick auf Infektions- und Unfallrisiken