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Biofeedback-Geräte

Ein Sensor am Finger, eine Kurve auf dem Bildschirm, und das Nervensystem soll folgen. Bei einer Variante funktioniert das messbar, bei einer anderen bricht der Effekt zusammen, sobald man genauer hinsieht.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein kleiner heller Sensorclip mit Kabel liegt neben einem Tablet, auf dem eine grüne Zickzack-Kurve ohne Beschriftung zu sehen ist
Die Kurve auf dem Bildschirm ist das Verfahren. Was sie bewirkt, hängt davon ab, was man dabei tut. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Biofeedback ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Verfahren nicht als Ganzes wirkt oder nicht wirkt. Es kommt darauf an, welche Größe gemessen wird, was man dabei tut und wer hinterher bewertet.

  • Herzratenvariabilitäts-Biofeedback wirkt so gut wie andere wirksame Verfahren.
  • Die Anzahl der Sitzungen hing nicht mit der Wirkung zusammen.
  • Bei Neurofeedback verschwindet der Effekt unter verblindeter Bewertung.
  • Bei körperlichen Anwendungen wie dem Beckenboden ist der Nutzen unstrittig.
  • Fitnessuhren messen Herzfrequenz brauchbar, Energieverbrauch nicht.

Was Biofeedback ist

Das Prinzip ist einfach: Ein Sensor misst etwas am Körper, ein Bildschirm zeigt es an, und durch die Rückmeldung lernt man, den Vorgang zu beeinflussen. Welche Größe gemessen wird, macht dabei einen erheblichen Unterschied.

Die gebräuchlichen Varianten
VarianteWas gemessen wirdTypische Anwendung
HerzratenvariabilitätSchwankungen der Abstände zwischen HerzschlägenStress, Angst, Leistung
ElektromyografieMuskelspannungVerspannungen, Beckenboden, Rehabilitation
HautleitfähigkeitSchweißdrüsenaktivitätAnspannung, Entspannungstraining
TemperaturHauttemperatur an den FingernMigräne, Durchblutungsstörungen
NeurofeedbackHirnstromwellen über Elektroden am KopfADHS, Epilepsie, Leistungssteigerung

Die Beleglage unterscheidet sich zwischen diesen Varianten erheblich. Die Werbung tut das oft nicht.

Die Zahlen zur Herzratenvariabilität

Die meistgenutzte Variante im Stressbereich ist das Biofeedback der Herzratenvariabilität. Eine Metaanalyse hat 1868 Arbeiten gesichtet und 58 randomisierte kontrollierte Studien eingeschlossen.

58

randomisierte Studien

klein bis mittel

Effektstärke

Angst, Depression, Ärger

stärkste Effekte

PTBS, Schlaf, Lebensqualität

schwächste Effekte

Es fand sich ein bedeutsamer kleiner bis mittlerer Effekt zugunsten des Verfahrens, der sich nicht von dem anderer wirksamer Behandlungen unterscheidet.
Lehrer et al. 2020
  • Gegenüber inaktiven Kontrollbedingungen fielen die Effekte größer aus als gegenüber aktiven, waren aber in beiden Fällen bedeutsam. Das ist ein gutes Zeichen, denn es überlebt den härteren Vergleich.
  • Die Effekte zeigten sich sowohl im normalen als auch im krankhaften Bereich.
  • Es machte keinen Unterschied, ob die Zielgröße überhaupt auf die untersuchte Gruppe zugeschnitten war.
  • Und der Vorbehalt: Für die einzelnen Anwendungsbereiche lagen jeweils nur wenige Studien vor. Die Autorengruppe nennt es ausdrücklich ein ergänzendes Verfahren und fordert weitere Forschung.

Ein Hinweis zur Einordnung

Der Erstautor dieser Metaanalyse gehört zu den Personen, die dieses Verfahren maßgeblich entwickelt und verbreitet haben. Das ist in der Forschung zu spezialisierten Verfahren fast unvermeidbar, weil kaum jemand anderes sie untersucht. Es ist trotzdem ein Grund, die Zahlen eher am unteren Rand zu lesen.

Der Nullbefund zur Dosis

Ein Ergebnis derselben Auswertung wird selten zitiert, obwohl es unmittelbar praktisch ist: Weder die Anzahl der Behandlungssitzungen noch die Anzahl der Wochen zwischen erster und letzter Messung hing bedeutsam mit der Wirkung zusammen.

Was das für Angebote bedeutet

Ein Zwanzig-Sitzungen-Paket ist nach dieser Datenlage nicht besser als ein Zehn-Sitzungen-Paket. Wenn ein Anbieter den Umfang als Qualitätsmerkmal verkauft, hat er dafür in der Beleglage keine Grundlage. Auch das Erscheinungsjahr der Studien machte keinen Unterschied, die Verfahren sind also nicht messbar besser geworden.

Der plausible Grund: Der wirksame Bestandteil ist vermutlich das langsame, gleichmäßige Atmen bei etwa sechs Atemzügen pro Minute, das man in wenigen Sitzungen lernt. Was danach kommt, ist Übung, und dafür braucht es kein Gerät mehr.

Der Zusammenbruch beim Neurofeedback

Die lehrreichste Auswertung des ganzen Feldes betrifft nicht die Herzfrequenz, sondern die Hirnströme. 13 randomisierte Studien mit 520 Kindern und Jugendlichen mit ADHS wurden zusammengefasst und dabei nach der Nähe der Bewertenden zum Geschehen getrennt.

Dieselben Studien, verschiedene Bewertende. Quelle: Cortese et al. 2016
Bewertung durchErgebnis
Personen, die dem Behandlungsgeschehen am nächsten stehenBedeutsame Effekte auf Gesamtsymptomatik, Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität
Wahrscheinlich verblindete BewertendeNicht bedeutsam
Studien mit aktiver Kontrolle oder ScheinbehandlungNicht bedeutsam
Labormaße für Hemmung und AufmerksamkeitNicht bedeutsam

Nur vier der 13 Studien prüften überhaupt, ob während des Trainings tatsächlich etwas gelernt wurde.

Belege aus gut kontrollierten Studien mit wahrscheinlich verblindeten Zielgrößen stützen Neurofeedback derzeit nicht als wirksame Behandlung bei ADHS.
Cortese et al. 2016

Warum dieser Befund über Neurofeedback hinausgeht

Er zeigt in derselben Datenmenge, wie groß der Unterschied zwischen unverblindeter und verblindeter Bewertung sein kann. Wer weiß, dass ein Kind ein aufwendiges Gerätetraining bekommen hat, bewertet es anders. Das gilt für jedes Verfahren mit sichtbarer Technik, auch für die freundlicheren Varianten.

Wo es unstrittig wirkt

Am eindeutigsten ist die Lage dort, wo Biofeedback etwas rückmeldet, das man tatsächlich willentlich steuern kann, aber schlecht spürt. Das beste Beispiel ist die Beckenbodenmuskulatur.

Eine Metaanalyse hat 21 Studien verglichen, mit 1967 Personen, die Beckenbodentraining mit elektromyografischem Biofeedback erhielten, und 1898, die es ohne bekamen.

Beckenbodentraining mit und ohne Biofeedback. Quelle: Wu et al. 2021
ZielgrößeErgebnis mit BiofeedbackStreuung
Heilungs- und Besserungsrate bei BelastungsinkontinenzDeutlich besserI² = 85 %
Heilungs- und Besserungsrate bei BeckenbodenfunktionsstörungDeutlich besserI² = 13 %
Muskelkraft des BeckenbodensDeutlich besserI² = 91 %
HarnflussDeutlich besserI² = 0 %

Die Streuung zwischen den Studien war bei mehreren Zielgrößen sehr hoch. Für Publikationsverzerrung fanden sich nur begrenzte Hinweise.

Der Unterschied zum psychischen Bereich

Hier gibt es eine klare Handlung, die geübt wird, ein Signal, das eindeutig damit zusammenhängt, und ein Ergebnis, das sich objektiv messen lässt. Genau diese drei Bedingungen fehlen, wenn Biofeedback gegen Stress oder für Leistungssteigerung eingesetzt wird.

Was die Geräte können

Für den Heimgebrauch werden zunehmend Fitnessuhren und Ringe als Biofeedback-Werkzeuge verkauft. Eine systematische Übersicht hat 158 Veröffentlichungen zu neun Marken ausgewertet.

  • Schrittzählung: Unter Laborbedingungen bei mehreren großen Marken genau.
  • Herzfrequenz: Deutlich schwankender. Manche Marken schnitten am besten ab, eine der meistverkauften neigte zur Unterschätzung.
  • Energieverbrauch: Keine einzige Marke war genau. Das ist ausgerechnet die Zahl, die viele Nutzerinnen und Nutzer täglich anschauen.
  • Und eine Einschränkung der Autoren: Geräte werden ständig überarbeitet, sodass Bewertungen schnell veralten. Ein Mitautor war während des Veröffentlichungsprozesses bei einem der untersuchten Hersteller beschäftigt, was angegeben ist.

Für den Einsatz zu Hause heißt das: Ein Gerät, das dir die Herzfrequenz brauchbar zurückmeldet, reicht für die Atemübung völlig aus. Zahlen zu Erholung, Stressbelastung oder Schlafqualität, die daraus abgeleitet werden, stehen auf deutlich dünnerem Grund.

Praktisch

Wenn du es ausprobieren willst

  • Die Übung ist wichtiger als das Gerät. Etwa sechs Atemzüge pro Minute, Ausatmen länger als Einatmen, entspannter Bauch. Das Gerät hilft beim Finden des eigenen Rhythmus.
  • Wenige Sitzungen reichen offenbar. Die Anzahl der Sitzungen hing nicht mit der Wirkung zusammen. Lange Pakete lohnen sich nach dieser Datenlage nicht.
  • Bei körperlichen Anwendungen zur Fachperson. Beim Beckenboden oder nach neurologischen Erkrankungen gehört Biofeedback in physiotherapeutische Hände und wird dort auch abgerechnet.
  • Skepsis bei Neurofeedback-Angeboten. Bei ADHS ist die Beleglage nach verblindeter Bewertung nicht tragfähig, und die Behandlungen sind teuer.
  • Tageszahlen nicht überinterpretieren. Ein niedriger Erholungswert am Morgen ist eine Schätzung, keine Messung. Wer sich davon den Tag verderben lässt, hat mehr Stress als vorher.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei Herzrhythmusstörungen, mit Herzschrittmacher oder nach einem Herzinfarkt gehört der Einsatz von Herzratenvariabilitäts-Training ärztlich abgestimmt. Und bei einer Angststörung oder Depression ist Biofeedback ein ergänzendes Verfahren. In allen zitierten Arbeiten wurde es zusätzlich geprüft, nicht anstelle einer Behandlung.

Passend dazu

Fazit

Herzratenvariabilitäts-Biofeedback wirkt, und zwar in einer Größenordnung, die sich nicht von anderen wirksamen Verfahren unterscheidet. Am stärksten bei Angst, Depression und Ärger, am schwächsten bei posttraumatischer Belastungsstörung, Schlaf und Lebensqualität. Die Anzahl der Sitzungen machte keinen Unterschied.

Beim Neurofeedback zeigt dieselbe Datenlage etwas anderes: Effekte gab es nur, wenn die Bewertenden wussten, was passiert war. Unter verblindeter Bewertung und gegen Scheinbehandlung blieb nichts übrig.

Unstrittig ist der Nutzen dort, wo ein Gerät eine willentlich steuerbare, aber schlecht spürbare Funktion sichtbar macht. Und für zu Hause gilt: Das Wirksame ist die Atemübung. Das Gerät ist eine Lernhilfe, kein Wirkstoff.

Häufige Fragen

Was ist Biofeedback?

Ein Verfahren, das körperliche Vorgänge sichtbar oder hörbar macht, die man sonst nicht wahrnimmt, etwa Herzschlagabstände, Muskelspannung oder Hautleitfähigkeit. Die Rückmeldung soll es ermöglichen, diese Vorgänge zu beeinflussen.

Wie wirksam ist Herzratenvariabilitäts-Biofeedback?

Eine Metaanalyse über 58 randomisierte Studien fand einen kleinen bis mittleren Effekt, der sich nicht von dem anderer wirksamer Behandlungen unterscheidet. Am größten waren die Effekte bei Angst, Depression und Ärger.

Wie viele Sitzungen braucht man?

Die Anzahl der Behandlungssitzungen und die Zeit zwischen erster und letzter Messung machten in derselben Auswertung keinen bedeutsamen Unterschied. Mehr ist also nicht automatisch besser.

Wirkt Neurofeedback bei ADHS?

Nur bei den Bewertungen der Personen, die dem Behandlungsgeschehen am nächsten stehen. Bei wahrscheinlich verblindeten Bewertungen und in Studien mit aktiver Scheinbehandlung waren die Effekte nicht bedeutsam.

Sind Fitnessuhren für Biofeedback geeignet?

Für Schritte und Herzfrequenz sind mehrere Marken unter Laborbedingungen genau, mit Unterschieden zwischen Herstellern. Beim Energieverbrauch war keine einzige Marke genau.

Braucht man ein Gerät überhaupt?

Der Kernbestandteil des wirksamsten Verfahrens ist langsames Atmen mit etwa sechs Atemzügen pro Minute. Das Gerät hilft, den eigenen Rhythmus zu finden, ist aber kein Wirkfaktor für sich.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Lehrer, P. et al. (2020): Heart Rate Variability Biofeedback Improves Emotional and Physical Health and Performance: A Systematic Review and Meta Analysis. Applied Psychophysiology and Biofeedback. 1868 gesichtete Arbeiten, 58 randomisierte Studien eingeschlossen. Der Erstautor gehört zu den Entwicklern des Verfahrens

  2. 2

    Cortese, S. et al. (2016): Neurofeedback for Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: Meta-Analysis of Clinical and Neuropsychological Outcomes From Randomized Controlled Trials. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry. 13 randomisierte Studien mit 520 Teilnehmenden

  3. 3

    Wu, X. et al. (2021): Electromyographic Biofeedback for Stress Urinary Incontinence or Pelvic Floor Dysfunction in Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. Advances in Therapy. 21 Studien mit 1967 Personen mit und 1898 ohne Biofeedback zusätzlich zum Beckenbodentraining

  4. 4

    Fuller, D. et al. (2020): Reliability and Validity of Commercially Available Wearable Devices for Measuring Steps, Energy Expenditure, and Heart Rate: Systematic Review. JMIR mHealth and uHealth. 158 Veröffentlichungen zu neun Marken tragbarer Geräte