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Blended Learning

Onlinemodule plus Präsenztermine gelten als das Beste aus beiden Welten. Die Studien sagen genauer, wann das stimmt: bei stärkerer Belastung, am Anfang, und in kleinerer Dosis als man denkt.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein aufgeklappter Laptop steht neben einem Ringbuch mit handschriftlichen Notizen auf einem Schreibtisch am Fenster
Das Onlinemodul allein reicht bei leichter Belastung. Bei stärkerer nicht. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Bei gemischten Formaten geht es selten um die Frage, ob sie wirken. Es geht darum, wie viel Mensch das Programm braucht, für wen, und wie lange. Genau darauf gibt es brauchbare Antworten.

  • Bei Depression wirkt das gemischte Format, bei Angst zeigte sich kein bedeutsamer Effekt.
  • Weniger Präsenz war in den Auswertungen besser als mehr.
  • Die Begleitung nützt vor allem Menschen mit stärkerer Belastung.
  • Ihr Vorsprung verschwindet nach sechs Monaten.
  • Im Bildungsbereich schrumpft der Effekt nach Korrektur der Publikationsverzerrung deutlich.

Was gemeint ist

Der Begriff wird für zwei verschiedene Dinge verwendet, die getrennt untersucht werden. In der Behandlung meint er die Verbindung digitaler Bausteine mit persönlichen Terminen. In Kursen und Weiterbildungen meint er Onlinemodule plus Präsenztage.

Vier Bauformen, nach denen die Studien unterscheiden
MerkmalZwei Varianten
ZusammenspielVerzahnt, also ineinandergreifend, oder nacheinander abgearbeitet
Rolle der BausteineDer digitale Teil ist Kern des Programms, oder er ergänzt die Präsenz
AbfolgeFester Wechsel oder von Fall zu Fall entschieden
MaterialauswahlFür alle gleich oder auf die Person zugeschnitten

Diese vier Merkmale stammen aus dem Kodierschema, mit dem die zitierte Metaanalyse die Programme sortiert hat.

Blended in der Behandlung

Die aktuellste Auswertung hat 8436 Arbeiten gesichtet und Daten aus 29 Studien zusammengetragen. Fast alle Programme arbeiteten kognitiv-verhaltenstherapeutisch, bei Depression oder Angst.

29

ausgewertete Studien

91 %

nahmen das Angebot an

81 %

hielten bis zum Ende durch

d = 1,1

Effekt bei Depression

Die Annahme- und Durchhaltequoten sind der stärkste Punkt. Reine Onlineprogramme verlieren notorisch einen Großteil ihrer Nutzerinnen und Nutzer nach wenigen Modulen. Vier von fünf Menschen, die ein gemischtes Programm beginnen, bringen es zu Ende.

Bei Angst wirkte es nicht

Für Angststörungen ergab die Berechnung über fünf Studien einen kleinen, statistisch nicht bedeutsamen Effekt. Das ist bemerkenswert, weil gerade Angstbehandlung als der Bereich gilt, in dem digitale Verfahren gut funktionieren. Die Autorengruppe schränkt außerdem ein, dass die Streuung der Daten insgesamt groß war.

Weniger Präsenz war besser

Der praktisch wichtigste Befund betrifft die Mischung. Größere Effekte fanden sich, wenn der digitale Teil ergänzend statt tragend eingesetzt wurde, wenn es höchstens sechs Präsenztermine gab und wenn der Präsenzanteil bei höchstens der Hälfte lag.

Warum das gegen die Intuition läuft

Man würde annehmen, dass mehr persönlicher Kontakt mehr hilft. Plausibler ist, dass gerade der digitale Anteil das Üben zwischen den Terminen sicherstellt, und dass genau dieses Üben den Unterschied macht. Wer viele Präsenztermine hat, redet mehr und übt weniger. Das ist eine Deutung, kein Studienergebnis.

Wie viel Begleitung nötig ist

Die genaueste Antwort auf diese Frage liefert eine ungewöhnlich aufwendige Auswertung. Statt nur veröffentlichte Mittelwerte zu verrechnen, wurden die Einzeldaten der Teilnehmenden zusammengetragen: 39 Studien, 9751 Personen, davon 8107 Datensätze ausgewertet.

Begleitetes gegen unbegleitetes Onlineprogramm bei Depression. Quelle: Karyotaki et al. 2021
Zeitpunkt oder GruppeErgebnis
Direkt nach der BehandlungBegleitet besser, im Mittel 0,8 Punkte auf dem PHQ-9
Nach 6 MonatenKein Beleg für einen Unterschied
Nach 12 MonatenKein Beleg für einen Unterschied
Bei leichter Symptomatik (PHQ-9 zwischen 5 und 9)Unterschied gering, unbegleitet ähnlich wirksam
Bei einem PHQ-9 über 9Begleitet insgesamt besser

Der PHQ-9 ist ein gängiger Fragebogen zur Depressivität mit einem Wertebereich von 0 bis 27.

Eine personalisierte Behandlungsauswahl ist ohne Weiteres möglich und notwendig, damit Behandlungsmittel bei Depression bestmöglich zugeteilt werden.
Karyotaki et al. 2021
  • Beide Formen schlugen die Kontrollbedingungen, kurzfristig wie langfristig. Die Frage ist also nicht ob, sondern für wen was.
  • Der Unterschied von 0,8 PHQ-9-Punkten ist klein. Er ist real, aber er rechtfertigt nicht, unbegleitete Angebote als wirkungslos abzutun.
  • Die Ausgangsschwere war der wichtigste Einflussfaktor. Wer stärker belastet ist, profitiert mehr von einem Menschen an der Seite.
  • Nach sechs Monaten glich sich alles an. Die Begleitung beschleunigt also eher, als dass sie das Endergebnis verändert.

Blended in der Ausbildung

Im Bildungsbereich sieht die Lage auf den ersten Blick eindeutig aus. Eine Metaanalyse in Gesundheitsberufen fand über 56 Programme hinweg einen Effekt von 0,81 gegenüber ungemischtem Unterricht, also gegenüber reinem Onlinelernen oder reiner Präsenz.

Eine zweite Auswertung in der Pharmazieausbildung mit 20 Studien und 4525 Teilnehmenden bestätigt die Richtung: 1,35 für Wissen und 0,68 für Fertigkeiten gegenüber klassischem Unterricht.

Effekte im Bildungsbereich

Wissen, mit Multiple-Choice geprüft

2,81

n = Teilmenge

Wissen insgesamt

1,35

gegenüber klassischem Unterricht

Fertigkeiten

0,68

gegenüber klassischem Unterricht

Wissen, anders geprüft

0,53

ohne Multiple-Choice

MerkmalWert in
Wissen, mit Multiple-Choice geprüft2.81
Wissen insgesamt1.35
Fertigkeiten0.68
Wissen, anders geprüft0.53

Standardisierte Mittelwertdifferenzen gegenüber klassischem Unterricht. Der Abstand zwischen dem obersten und dem untersten Balken zeigt, wie stark die Prüfungsform das Ergebnis beeinflusst. Quelle: Balakrishnan et al. 2021.

Der Ausreißer verrät das Problem

Ein Effekt von 2,81, wenn mit Multiple-Choice geprüft wird, und von 0,53, wenn anders geprüft wird, sagt weniger über das Lernen als über die Prüfung. Onlinemodule bereiten hervorragend auf Ankreuzfragen vor. Ob dabei mehr verstanden wurde, ist eine andere Frage. Auch der Abstand zwischen Wissen und Fertigkeiten passt in dieses Bild.

Ein Lehrstück zur Verzerrung

Die Metaanalyse in den Gesundheitsberufen enthält einen Befund, den man in Werbetexten nie findet, obwohl die Zahl 0,81 dort regelmäßig auftaucht.

Was mit dem Effekt geschieht, wenn man nachrechnet. Quelle: Liu et al. 2016
SchrittErgebnis
Zusammengefasster Effekt gegenüber ungemischtem Unterricht0,81
Prüfung auf PublikationsverzerrungDeutliche Verzerrung nachgewiesen
Nach Korrektur mit dem Trim-and-fill-Verfahren0,26, mit einem Vertrauensintervall von −0,01 bis 0,54
Streuung zwischen den StudienI² von mindestens 93,3 Prozent

Nach der Korrektur bleibt ein kleiner Effekt übrig, dessen Vertrauensintervall die Null knapp einschließt. Das Verfahren schätzt, wie viele Studien mit unauffälligem Ergebnis vermutlich nie veröffentlicht wurden, und rechnet sie hinzu.

Gemischtes Lernen scheint gegenüber keinerlei Maßnahme durchgehend positiv zu wirken und gegenüber ungemischtem Unterricht wirksamer oder mindestens gleich wirksam zu sein. Wegen der großen Streuung sollte die Schlussfolgerung mit Vorsicht behandelt werden.
Liu et al. 2016

Die ehrliche Zusammenfassung

Gemischte Formate sind mindestens so gut wie reine Präsenz und mindestens so gut wie reines Onlinelernen. Sie sind nicht nachweislich deutlich besser. Ihr eigentlicher Vorteil liegt woanders: in Erreichbarkeit, Terminfreiheit und Kosten.

Praktisch

Woran du ein brauchbares gemischtes Angebot erkennst

  • Der Onlineteil enthält Übungen, nicht nur Videos. In beiden Bildungsauswertungen fielen die Effekte größer aus, wenn tatsächlich geübt wurde.
  • Es gibt Rückmeldung zu dem, was du eingibst. Ein Programm, das nur speichert, ist ein Buch mit Eingabefeld.
  • Die Präsenztermine sind wenige und dienen dem Nachsteuern. Sechs oder weniger und höchstens die Hälfte des Umfangs waren in der Auswertung die günstigeren Werte.
  • Bei leichter Belastung reicht auch ein unbegleitetes Programm. Das spart Zeit und Geld und ist durch die Einzeldatenauswertung gut gedeckt.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei mittlerer bis schwerer Depression, bei Suizidgedanken oder bei einer akuten Krise ist ein Onlineprogramm kein passendes Angebot, mit oder ohne Präsenzanteil. Die Einzeldatenauswertung zeigt genau das: Je höher der Ausgangswert, desto wichtiger wird der Mensch. Ab einer bestimmten Schwere gehört die Behandlung vollständig in fachliche Hände.

Passend dazu

Fazit

Gemischte Formate haben zwei nachweisbare Stärken: Bei Depression zeigen sie einen deutlichen Effekt gegenüber der üblichen Versorgung, und fast alle, die anfangen, bleiben dabei. Bei Angststörungen ließ sich kein bedeutsamer Effekt zeigen.

Die genaueste Antwort auf die Frage nach der Begleitung stammt aus einer Auswertung mit Einzeldaten von 8107 Menschen: Sie nützt vor allem bei stärkerer Belastung, ihr Vorsprung liegt bei etwa 0,8 Punkten auf dem PHQ-9, und nach sechs Monaten ist er nicht mehr nachweisbar.

Im Bildungsbereich sieht der Vorsprung eindrucksvoll aus, bis man ihn auf Publikationsverzerrung korrigiert. Danach bleibt: mindestens so gut wie die Alternativen, nicht nachweislich besser. Der echte Gewinn liegt in Zugang, Kosten und Termintreue, und das ist nicht wenig.

Häufige Fragen

Was ist Blended Learning?

Die Verbindung von Onlineanteilen mit Präsenzterminen in einem gemeinsamen Programm. In der Behandlung spricht man von Blended Therapy, im Kurs- und Weiterbildungsbereich von Blended Learning.

Wirkt das besser als reine Präsenz?

Bei der Behandlung von Depression fand eine Metaanalyse über 29 Studien einen mittleren bis großen Effekt gegenüber der üblichen Versorgung. Bei Angststörungen war der Effekt klein und nicht bedeutsam.

Wie viel Präsenz braucht es?

Weniger als üblich angenommen. Größere Effekte fanden sich bei höchstens sechs Präsenzterminen und wenn der Präsenzanteil bei höchstens der Hälfte lag.

Braucht ein Onlineprogramm überhaupt eine Begleitung?

Das hängt vom Ausgangszustand ab. Eine Auswertung mit Einzeldaten von 8107 Menschen zeigte: Bei leichter Symptomatik machte die Begleitung kaum einen Unterschied, bei stärkerer schon.

Hält der Vorteil der Begleitung an?

Nein. Nach sechs und nach zwölf Monaten war zwischen begleiteten und unbegleiteten Programmen kein Unterschied mehr nachweisbar. Der Vorsprung lag unmittelbar nach der Behandlung.

Halten die Teilnehmenden durch?

Deutlich besser als bei reinen Onlineprogrammen. Über die eingeschlossenen Studien hinweg lagen Annahmequote bei etwa 91 Prozent und Durchhaltequote bei etwa 81 Prozent.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Ferrao Nunes-Zlotkowski, K. et al. (2024): Blended Psychological Therapy for the Treatment of Psychological Disorders in Adult Patients: Systematic Review and Meta-Analysis. Interactive Journal of Medical Research. 8436 gesichtete Arbeiten, Daten aus 29 Studien

  2. 2

    Karyotaki, E. et al. (2021): Internet-Based Cognitive Behavioral Therapy for Depression: A Systematic Review and Individual Patient Data Network Meta-analysis. JAMA Psychiatry. 39 Studien mit 9751 Teilnehmenden, davon 8107 Einzeldatensätze ausgewertet

  3. 3

    Liu, Q. et al. (2016): The Effectiveness of Blended Learning in Health Professions: Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Medical Internet Research. 56 Arbeiten, Prüfung auf Publikationsverzerrung

  4. 4

    Balakrishnan, A. et al. (2021): Effectiveness of blended learning in pharmacy education: A systematic review and meta-analysis. PLOS ONE. 26 Arbeiten in der Übersicht, 20 mit 4525 Teilnehmenden in der Berechnung