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Resilienz-Diagnostik und RS-13

Am Anfang vieler Kurse steht ein Fragebogen, am Ende derselbe. Die Differenz gilt als Erfolgsnachweis. Bevor man das glaubt, lohnt ein Blick darauf, was diese Fragebögen eigentlich messen.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein Fragebogen mit Ankreuzskalen und unlesbarem Text liegt auf einem Tisch, daneben ein Kugelschreiber
Sieben Antwortstufen, dreizehn Fragen, eine Summe. Was diese Summe bedeutet, steht auf keinem Bogen. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Resilienzfragebögen sind nützlich, aber sie sind keine Messgeräte im medizinischen Sinn. Wer den Unterschied kennt, kann sie sinnvoll einsetzen. Wer ihn nicht kennt, zieht aus einer Zahl Schlüsse, die sie nicht trägt.

  • 19 Resilienzverfahren wurden methodisch geprüft, keines gilt als Goldstandard.
  • Bei allen fehlten Angaben zu psychometrischen Eigenschaften.
  • Die theoretische Fundierung mehrerer Skalen wurde als fragwürdig bewertet.
  • Selbst beim meistgenutzten Verfahren war die Faktorstruktur instabil.
  • Ein Vorher-nachher-Vergleich ohne Kontrollgruppe überschätzt den Effekt systematisch.

Was die RS-13 ist

Die Resilienzskala wurde 1993 entwickelt und an 810 zu Hause lebenden älteren Menschen geprüft. Die Faktorenanalyse ergab zwei Bereiche, nämlich persönliche Kompetenz sowie Selbst- und Lebensannahme. Die Werte hingen positiv mit körperlicher Gesundheit, Lebenszufriedenheit und Moral zusammen und negativ mit Depressivität.

Die Ursprungsarbeit im Überblick. Quelle: Wagnild & Young 1993
MerkmalAngabe
Anzahl der Aussagen25
Stichprobe810 zu Hause lebende ältere Menschen
Gefundene FaktorenPersönliche Kompetenz, Selbst- und Lebensannahme
Belege für die GültigkeitZusammenhänge mit Gesundheit, Moral, Lebenszufriedenheit und Depressivität

Die RS-13 ist eine spätere Kurzform mit dreizehn Aussagen und siebenstufiger Antwortskala.

Woran man bei jeder Skala zuerst denken sollte

Eine Skala, die an älteren Menschen entwickelt wurde, misst zunächst einmal genau das, was sie dort gemessen hat. Ihre Übertragung auf Berufstätige mittleren Alters, auf Jugendliche oder auf Menschen in einer akuten Krise ist eine zusätzliche Annahme, die eigens geprüft werden müsste.

Die methodische Übersicht

Die maßgebliche Bewertung des gesamten Feldes stammt aus einer methodischen Übersicht, die 19 Resilienzverfahren nach ihren psychometrischen Eigenschaften geprüft hat.

19

geprüfte Verfahren

8

durchsuchte Datenbanken

0

Verfahren als Goldstandard

alle

mit fehlenden Angaben

Wir fanden unter 15 Verfahren zur Messung von Resilienz keinen derzeitigen Goldstandard.
Windle, Bennett & Noyes 2011
  • Bei allen Verfahren fehlten Angaben zu den psychometrischen Eigenschaften, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.
  • Am besten bewertet wurden drei Verfahren: die Connor-Davidson-Resilienzskala, die Resilienzskala für Erwachsene und die Kurze Resilienzskala.
  • Die begriffliche und theoretische Angemessenheit einer Reihe von Skalen wurde ausdrücklich als fragwürdig bezeichnet.
  • Mehrere Verfahren befanden sich zum Zeitpunkt der Übersicht noch in einem frühen Entwicklungsstadium und benötigten weitere Prüfung.

Was das für die RS-13 bedeutet

Die Resilienzskala von Wagnild und Young zählte nicht zu den drei am besten bewerteten Verfahren. Das macht sie nicht unbrauchbar, aber es widerspricht der Selbstdarstellung vieler Kursanbieter, die sie als wissenschaftlich anerkanntes Standardinstrument einführen.

Der Fall CD-RISC

Wie es selbst um das am besten bewertete Verfahren steht, zeigt seine eigene Entwicklungsgeschichte. Eine Arbeit hat die Connor-Davidson-Skala an drei studentischen Stichproben von jeweils unter 500 Personen untersucht.

Das Ergebnis der ersten beiden Untersuchungen: Die Faktorstruktur war zwischen zwei demografisch gleichartigen Stichproben instabil. Die Skala maß also in zwei sehr ähnlichen Gruppen nicht dasselbe. Daraufhin wurde sie empirisch überarbeitet, bis eine eindimensionale Fassung mit zehn Aussagen übrig blieb.

Warum das lehrreich ist

Von 25 Aussagen blieben zehn übrig, weil die ursprüngliche Struktur sich nicht replizieren ließ. Das ist saubere Wissenschaft und zugleich ein Hinweis darauf, wie wackelig die begriffliche Grundlage ist. Man findet nicht heraus, was Resilienz ist. Man kürzt so lange, bis die Zahlen zusammenpassen.

Eine neuere Übersicht hat 80 Arbeiten zur Connor-Davidson-Skala nach einer standardisierten Methodik bewertet. Die Ergebnisse fallen gemischt aus.

Bewertung nach der COSMIN-Methodik. Quelle: Sharif-Nia et al. 2024
EigenschaftBefund
Strukturelle Gültigkeit der 25- und der 2-teiligen FassungÜberwiegend sehr gut oder ausreichend
Kulturübergreifende GültigkeitEinschränkungen in den einbezogenen Studien
Inhaltliche GültigkeitEinschränkungen in den einbezogenen Studien
Stabilität, etwa bei WiederholungsmessungEinschränkungen in den einbezogenen Studien
Bestätigende FaktorenanalyseFehlte weitgehend
Veränderungssensitivität und KriteriumsgültigkeitVernachlässigt

Die letzte Zeile ist für den Kursbetrieb die wichtigste. Veränderungssensitivität ist genau die Eigenschaft, die man braucht, wenn man eine Verbesserung messen will. Sie wurde nach dieser Bewertung vernachlässigt.

Das Grundproblem

Hinter den psychometrischen Fragen steht ein begriffliches Problem. Resilienz wird meist als Ergebnis definiert, nämlich als Zurechtkommen trotz Widrigkeit. Gemessen wird sie aber als Eigenschaft, nämlich als Zustimmung zu Aussagen über sich selbst.

Zwei verschiedene Dinge unter einem Namen
DefinitionWas daraus folgen würde
Resilienz als ErgebnisMan müsste eine echte Belastung abwarten und dann prüfen, wie es der Person geht
Resilienz als EigenschaftMan kann sie jederzeit per Fragebogen erheben, misst aber eine Selbsteinschätzung
Resilienz als ProzessMan müsste wiederholt über die Zeit messen, mit und ohne Belastung

Die meisten gebräuchlichen Fragebögen setzen die zweite Definition um, während die Werbetexte mit der ersten arbeiten.

  • Praktische Folge eins: Ein hoher Wert bedeutet, dass jemand sich für belastbar hält. Ob er es ist, zeigt sich erst unter Belastung.
  • Praktische Folge zwei: Wer gerade in einer schweren Phase steckt, stimmt Aussagen über eigene Stärke seltener zu. Der niedrige Wert bildet dann die Lage ab, nicht die Person.
  • Praktische Folge drei: Ein Vergleich zwischen zwei Personen ist wenig aussagekräftig, weil Selbsteinschätzungen unterschiedliche Maßstäbe verwenden.

Vorher-nachher-Messung

Der häufigste Einsatz dieser Fragebögen ist der Wirksamkeitsnachweis eines Kurses. Am ersten Tag ausfüllen, am letzten noch einmal, Differenz bilden. Das ist nachvollziehbar und methodisch problematisch.

Warum diese Zahlen zu groß ausfallen

In der Metaanalyse zu Resilienzprogrammen im Arbeitsumfeld zeigten Studien, die nur eine Gruppe vorher und nachher verglichen, deutlich stärkere Effekte als Studien mit einer Vergleichsgruppe. Wer Zeit und Geld in einen Kurs investiert hat, kreuzt am Ende anders an. Das ist menschlich und macht die Zahl unbrauchbar als Wirksamkeitsbeleg.

Dazu kommt ein zweiter Effekt. Wer denselben Fragebogen zum zweiten Mal ausfüllt, hat die Aussagen im Kurs oft besprochen und kennt inzwischen die erwünschte Richtung. Das ist kein böser Wille, sondern eine bekannte Eigenschaft wiederholter Selbstauskunft.

Praktisch

Wofür ein Resilienzfragebogen taugt

  • Als Gesprächseinstieg. Einzelne Aussagen, denen jemand deutlich nicht zustimmt, sind ein guter Ausgangspunkt für ein Gespräch. Die Gesamtsumme ist es nicht.
  • Als grobe Verlaufsbeobachtung für dich selbst. Derselbe Bogen alle paar Monate, für dich allein, ohne Vergleich mit anderen.
  • Nicht als Auswahlkriterium. Ein Resilienzwert gehört nicht in ein Bewerbungsverfahren und nicht in eine Personalakte. Er ist dafür weder gültig genug noch fair.
  • Nicht als Diagnostik. Ein niedriger Wert ist keine Diagnose. Wenn jemand belastet wirkt, führt der Weg über eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung, nicht über einen Fragebogen im Kursraum.
  • Nicht als Werbezahl. Wenn ein Anbieter mit einer Punktesteigerung wirbt, frag nach der Vergleichsgruppe. Meist gibt es keine.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Fragebögen zur Resilienz enthalten keine Fragen zu Suizidgedanken, zu Substanzkonsum oder zu Traumafolgen. Ein unauffälliger Wert schließt eine behandlungsbedürftige Erkrankung deshalb nicht aus. Wer das Gefühl hat, seit Wochen nicht mehr auf die Beine zu kommen, braucht kein weiteres Messinstrument, sondern einen Termin.

Passend dazu

Fazit

Es gibt keinen Goldstandard für die Messung von Resilienz. Eine methodische Übersicht über 19 Verfahren fand bei allen fehlende Angaben und bewertete die begriffliche Grundlage mehrerer Skalen ausdrücklich als fragwürdig. Die RS-13 gehörte nicht zu den drei am besten bewerteten Verfahren.

Selbst beim am besten bewerteten Verfahren war die Faktorstruktur zwischen zwei sehr ähnlichen Stichproben instabil, und die Eigenschaft, auf die es beim Kursnachweis ankäme, nämlich die Veränderungssensitivität, wurde in der Forschung vernachlässigt.

Praktisch bleibt ein brauchbares Werkzeug für ein Gespräch und für die eigene Verlaufsbeobachtung. Als Diagnostik, als Auswahlkriterium oder als Wirksamkeitsbeleg eines Angebots trägt es nicht.

Häufige Fragen

Was ist die RS-13?

Eine Kurzform der Resilienzskala von Wagnild und Young mit dreizehn Aussagen, die auf einer siebenstufigen Skala eingeschätzt werden. Die ursprüngliche Fassung hatte 25 Aussagen und wurde 1993 an 810 zu Hause lebenden älteren Menschen entwickelt.

Wie gut ist sie geprüft?

Eine methodische Übersicht über 19 Resilienzskalen fand bei allen Verfahren fehlende Angaben zu den psychometrischen Eigenschaften. Am besten schnitten drei andere Verfahren ab, nicht die Resilienzskala.

Gibt es einen Goldstandard?

Nein. Die Autorengruppe hielt ausdrücklich fest, dass sich unter 15 Verfahren kein Goldstandard finden ließ und alle weitere Prüfung benötigen.

Was misst ein hoher Wert?

Selbsteingeschätzte Zustimmung zu Aussagen über eigene Fähigkeiten. Ob jemand tatsächlich mit einer Belastung zurechtkommt, wird damit nicht geprüft, sondern erwartet.

Kann man mit dem Wert einen Kurserfolg belegen?

Nur sehr eingeschränkt. Ein Vorher-nachher-Vergleich ohne Vergleichsgruppe liefert systematisch größere Effekte als ein Vergleich zwischen Gruppen. Genau dieser Studientyp ist im Kursmarkt üblich.

Wofür sind solche Fragebögen dann gut?

Als Gesprächsanlass und als grobe Verlaufsbeobachtung für eine einzelne Person. Nicht als Diagnostik, nicht als Auswahlkriterium und nicht als Nachweis der Wirksamkeit eines Angebots.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Windle, G., Bennett, K. M. & Noyes, J. (2011): A methodological review of resilience measurement scales. Health and Quality of Life Outcomes. 19 geprüfte Resilienzverfahren, Recherche in acht Literaturdatenbanken

  2. 2

    Wagnild, G. M. & Young, H. M. (1993): Development and psychometric evaluation of the Resilience Scale. Journal of Nursing Measurement. Ursprungsarbeit zur 25-teiligen Resilienzskala an 810 zu Hause lebenden älteren Menschen

  3. 3

    Campbell-Sills, L. & Stein, M. B. (2007): Psychometric analysis and refinement of the Connor-Davidson Resilience Scale (CD-RISC): Validation of a 10-item measure of resilience. Journal of Traumatic Stress. Drei studentische Stichproben von je unter 500 Personen

  4. 4

    Sharif-Nia, H. et al. (2024): Connor-Davidson Resilience Scale: a systematic review psychometrics properties using the COSMIN. Annals of Medicine and Surgery. 80 ausgewertete Arbeiten, bewertet nach der COSMIN-Methodik