
Auf einen Blick
Berufswahl wird meist als Informationsproblem behandelt. Die Forschung legt nahe, dass es eher ein Umgang mit Offenheit ist, und dass genau diese Fähigkeit trainierbar ist.
- Unsicherheitsaversion und Entscheidungsangst verstärken sich gegenseitig.
- Berufliche Anpassungsfähigkeit hängt mit 0,36 bis 0,44 mit Entscheidungszutrauen zusammen.
- 16,4 Prozent der Befragten waren ohne Schule, Ausbildung und Arbeit.
- Bei Langzeitbetroffenen stiegen die Angstwerte.
- Ein Sekundarabschluss pufferte die Folgen einer Depression.
Die Schleife
Eine Untersuchung mit 583 Studierenden hat über drei Erhebungszeitpunkte geprüft, in welche Richtung der bekannte Zusammenhang zwischen Mehrdeutigkeitstoleranz und beruflicher Unentschlossenheit läuft.
| Von | Nach |
|---|---|
| Abneigung gegen Mehrdeutigkeit | Mehr negatives Erleben und mehr Entscheidungsangst bei der Berufswahl |
| Negatives Erleben und Entscheidungsangst | Mehr Abneigung gegen Mehrdeutigkeit |
| Abneigung gegen Mehrdeutigkeit | Geringere Bereitschaft, eine Entscheidung zu treffen |
| Höhere Entscheidungsbereitschaft | Mehr Interesse an neuen Informationen |
Kreuzverzögertes Paneldesign mit drei Messzeitpunkten. Es zeigt zeitliche Vorhersagbarkeit in beide Richtungen.
Warum das die Beratung verändert
Wenn sich beide Seiten gegenseitig verstärken, hilft es wenig, mehr Informationen anzubieten. Wer die Unsicherheit nicht aushält, sucht keine neuen Informationen, sondern vermeidet sie. Die letzte Zeile der Tabelle zeigt den Ausweg: Erst die Bereitschaft, dann das Interesse an Informationen.
Berufliche Anpassungsfähigkeit
Der in diesem Feld am besten untersuchte Ansatzpunkt heißt berufliche Anpassungsfähigkeit. Sie umfasst Anteile wie Vorausschau, Kontrolle, Neugier und Zutrauen.
18
ausgewertete Studien
6.339
Teilnehmende
0,36 bis 0,44
Zusammenhänge mit Entscheidungszutrauen
3
gefundene Moderatoren
Die geschätzten Zusammenhänge zwischen den Teilbereichen der Anpassungsfähigkeit und Maßen der beruflichen Entscheidungs-Selbstwirksamkeit lagen zwischen 0,36 und 0,44. Als bedeutsame Moderatoren erwiesen sich das Land der Teilnehmenden, das mittlere Alter und das verwendete Messverfahren für Anpassungsfähigkeit.
Was diese Zahlen nicht sind
Sie sind Zusammenhänge zwischen zwei Fragebogenmaßen, nicht Wirksamkeitsbelege. Dass beide Konstrukte einander nahestehen, ist Teil der Erklärung für die Höhe der Werte. Belegt ist damit, dass beides eng zusammengehört, nicht dass ein Training des einen das andere verbessert.
Wenn nichts folgt
Ein Teil der Jugendlichen findet nach der Schule zunächst weder Ausbildung noch Arbeit. Eine griechische Erhebung mit einer vertretenen Zufallsstichprobe von 2.771 jungen Menschen hat diese Gruppe untersucht.
- 16,4 Prozent der Befragten waren betroffen. Erfasst wurden Personen zwischen 15 und 24 Jahren.
- Sie unterschieden sich in mehreren Merkmalen. Sie waren älter, hatten geringeres Familieneinkommen, seltener eine Versicherung, waren häufiger verheiratet und rauchten häufiger.
- Die Angstwerte stiegen mit Alter und Dauer. Höhere Werte fanden sich bei älteren Betroffenen und bei jenen, die länger als ein Jahr ohne Beschäftigung waren.
- Bei den Älteren war es am deutlichsten. Dort ging der Status mit schweren Angstsymptomen und mittelschweren bis schweren depressiven Symptomen einher.
- Die Einschränkungen sind erheblich. Es handelt sich um eine Telefonbefragung ohne klinische Untersuchung, und die Gründe für den Status wurden nicht erfasst.
Der Puffer
Die aussagekräftigste Arbeit stammt aus norwegischen Registern und verfolgt 111.558 Personen vom 22. bis zum 29. Lebensjahr. Untersucht wurde, ob eine Depressionsdiagnose im jungen Erwachsenenalter das Risiko der Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt erhöht, getrennt nach Schulabschluss.
Sozialleistungsbezug
1,56
Vertrauensbereich 1,41 bis 1,74
Längere Arbeitslosenunterstützung
1,46
Vertrauensbereich 1,38 bis 1,55
Niedriges Einkommen
1,33
Vertrauensbereich 1,25 bis 1,40
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Sozialleistungsbezug | 1.56 |
| Längere Arbeitslosenunterstützung | 1.46 |
| Niedriges Einkommen | 1.33 |
Gilt für Personen, die mit 21 Jahren keinen Abschluss der Sekundarstufe II hatten, verglichen mit Personen ohne Depression. Quelle: Hetlevik et al. 2024.
Für Personen, die mit 21 Jahren die Sekundarstufe II nicht abgeschlossen hatten, erhöhte eine Depressionsdiagnose im Alter von 22 bis 26 das Risiko für niedriges Einkommen, für längeren Bezug von Arbeitslosenunterstützung und für Sozialleistungen mit 29 Jahren.
Die Auswertung war nach Bildungsstand mit 21 Jahren geschichtet, weil sich die Verläufe unterscheiden. Berücksichtigt wurden begleitende psychische und körperliche Erkrankungen, Geschlecht und Herkunftsland. Der Abschluss ist damit kein Nebenaspekt, sondern die Größe, nach der sich die Folgen einer Erkrankung unterschiedlich auswirken.
Praktisch
Für Jugendliche
- Es geht nicht um die richtige Entscheidung. Was die Unentschlossenheit antreibt, ist die Abneigung gegen Offenheit, und die verstärkt sich mit der Entscheidungsangst gegenseitig.
- Bereitschaft kommt vor Information. Höhere Entscheidungsbereitschaft ging mit mehr Interesse an neuen Informationen einher, nicht umgekehrt.
- Der Abschluss ist die härteste Währung. In der Registerstudie unterschied er die Verläufe deutlich, auch bei einer psychischen Erkrankung.
- Eine Wartezeit ist kein Scheitern, eine lange schon ein Risiko. Betroffene mit über einem Jahr ohne Beschäftigung hatten höhere Angstwerte.
Für Eltern und Beratung
- Mehr Informationen lösen das Problem meist nicht. Wer Mehrdeutigkeit schlecht aushält, meidet sie eher.
- Setz an der Anpassungsfähigkeit an. Vorausschau, Kontrolle, Neugier und Zutrauen hingen mit 0,36 bis 0,44 mit dem beruflichen Entscheidungszutrauen zusammen.
- Achte auf die Dauer ohne Anschluss. Sie war ein eigener Faktor, unabhängig vom Alter.
- Erkrankung und Bildungsstand zusammen denken. Die Registerstudie zeigt, dass sich beide Größen gegenseitig verstärken.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn ein Jugendlicher über Monate keinen Anschluss findet, den Kontakt abbricht und sich zurückzieht, ist das mehr als eine Orientierungsphase. Anlaufstellen sind die Jugendberufsagentur, die Berufsberatung der Agentur für Arbeit, Jugendmigrationsdienste und die Nummer gegen Kummer unter 116 111.
Passend dazu
Fazit
Berufliche Unentschlossenheit und die Abneigung gegen Mehrdeutigkeit verstärken sich gegenseitig. In einer dreiwelligen Untersuchung mit 583 Personen führte die Abneigung zu mehr negativem Erleben und Entscheidungsangst, und diese wiederum zu mehr Abneigung. Zugleich ging höhere Entscheidungsbereitschaft mit mehr Interesse an Informationen einher.
Der am besten untersuchte Ansatzpunkt ist die berufliche Anpassungsfähigkeit. Über 18 Studien mit 6.339 Teilnehmenden lagen die Zusammenhänge ihrer Teilbereiche mit dem beruflichen Entscheidungszutrauen zwischen 0,36 und 0,44.
Wo der Anschluss ausbleibt, wird es ernst. In einer griechischen Erhebung waren 16,4 Prozent der 15- bis 24-Jährigen ohne Schule, Ausbildung und Arbeit, mit höheren Angstwerten bei längerer Dauer. Und in einer norwegischen Registerstudie mit 111.558 Personen erhöhte eine Depressionsdiagnose die Risiken für Einkommensarmut und Leistungsbezug vor allem bei jenen, die keinen Sekundarabschluss hatten.
Häufige Fragen
Warum fällt die Berufswahl so schwer?
Eine dreiwellige Untersuchung mit 583 Personen fand eine gegenseitige Verstärkung: Abneigung gegen Mehrdeutigkeit führte zu mehr negativem Erleben und Entscheidungsangst, und diese wiederum zu mehr Abneigung gegen Mehrdeutigkeit.
Gibt es dabei einen zweiten Kreislauf?
Ja. Abneigung gegen Mehrdeutigkeit ging mit geringerer Entscheidungsbereitschaft einher, und höhere Bereitschaft mit mehr Interesse an neuen Informationen.
Was hilft gegen Unentschlossenheit?
Berufliche Anpassungsfähigkeit. Eine Metaanalyse über 18 Studien mit 6.339 Teilnehmenden fand Zusammenhänge zwischen ihren Teilbereichen und der beruflichen Entscheidungs-Selbstwirksamkeit zwischen 0,36 und 0,44.
Wie viele junge Menschen sind ohne Ausbildung, Arbeit oder Schule?
In einer landesweit vertretenen griechischen Erhebung mit 2.771 Personen zwischen 15 und 24 Jahren waren 16,4 Prozent in dieser Lage.
Wie hängt das mit der psychischen Gesundheit zusammen?
In derselben Erhebung ging dieser Status bei Älteren und bei Langzeitbetroffenen mit höheren Angstwerten einher, bei Älteren zudem mit schweren Angstsymptomen und mittelschweren bis schweren depressiven Symptomen.
Puffert ein Schulabschluss die Folgen einer Depression?
In einer Registerstudie mit 111.558 jungen Erwachsenen erhöhte eine Depressionsdiagnose die Risiken für niedriges Einkommen, längere Arbeitslosenunterstützung und Sozialleistungen deutlich, und zwar bei jenen, die mit 21 Jahren keinen Sekundarabschluss hatten.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Xu, H. & Tracey, T. J. G. (2017): The reciprocal dynamic model of career decision ambiguity tolerance with career indecision: A longitudinal three-wave investigation. Journal of Counseling Psychology. 583 Studierende, drei Messzeitpunkte, kreuzverzögertes Paneldesign
- 2
Stead, G. B., LaVeck, L. M. & Hurtado Rúa, S. M. (2022): Career Adaptability and Career Decision Self-Efficacy: Meta-Analysis. Journal of Career Development. Mehrvariablen-Metaanalysen über 18 Studien mit insgesamt 6.339 Teilnehmenden
- 3
Basta, M. et al. (2019): NEET status among young Greeks: Association with mental health and substance use. Journal of Affective Disorders. Telefonische Erhebung in einer vertretenen Zufallsstichprobe von 2.771 jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren
- 4
Hetlevik, Ø., Smith-Sivertsen, T., Haukenes, I., Ruths, S. & Baste, V. (2024): Young adults with depression: A registry-based longitudinal study of work-life marginalisation. The Norwegian GP-DEP study. Scandinavian Journal of Public Health. 111.558 Personen aus landesweiten Registern, verfolgt vom 22. bis zum 29. Lebensjahr, Poisson-Regression