
Auf einen Blick
Dieser Artikel enthält keine Bewerbungstipps. Er ordnet ein, was psychologisch tatsächlich passiert, damit du die eigenen Reaktionen nicht für persönliches Versagen hältst.
- Die Forschung stützt inzwischen den ursächlichen Schluss: Arbeitslosigkeit verschlechtert die Gesundheit.
- Die Lebenszufriedenheit kehrt im Mittel selbst nach neuer Beschäftigung nicht ganz zurück.
- Wer es schon erlebt hat, reagiert beim zweiten Mal nicht abgehärteter.
- Programme aus Therapie und Bewerbungstraining erhöhen die Beschäftigungsquote leicht.
- Die Gesundheit verbessern sie wahrscheinlich nicht.
Was mit der Arbeit wegfällt
Der Verlust der Arbeit wird meist als Einkommensverlust verhandelt. Das ist der sichtbare Teil und selten der belastendste. Was gleichzeitig wegfällt, ist eine Reihe von Dingen, die man kaum bemerkt, solange sie da sind.
Schritt 1
Zeitstruktur
Der Tag hat keine Fixpunkte mehr, an denen er hängt.
Schritt 2
Kontakte
Der größte Teil der beiläufigen sozialen Kontakte fällt weg.
Schritt 3
Gemeinsames Ziel
Die Zugehörigkeit zu etwas, das über einen selbst hinausgeht.
Schritt 4
Status
Die Antwort auf die Frage, was man macht.
Schritt 5
Regelmäßige Aktivität
Der Anlass, etwas zu tun, das jemand braucht.
Der Einkommensverlust lässt sich beziffern, die übrigen vier nicht. Genau deshalb werden sie unterschätzt.
Warum das praktisch wichtig ist
Wer nur den Einkommensverlust bekämpft, lässt vier von fünf Baustellen offen. Die Zeitstruktur ist dabei die einzige, die du am ersten Tag selbst wiederherstellen kannst, und sie ist die Voraussetzung für alles Weitere.
Der verschobene Sollwert
Die eindrucksvollste Untersuchung zum Thema stammt aus Deutschland. Über 15 Jahre wurden mehr als 24.000 Menschen wiederholt zu ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Geprüft werden sollte eine gängige Annahme: dass Menschen auf Ereignisse stark reagieren, danach aber zu ihrem persönlichen Ausgangsniveau zurückkehren.
24.000+
Befragte in der 15-Jahres-Untersuchung
15
Jahre Beobachtungszeitraum
6.397
Arbeitsuchende in der Cochrane-Übersicht
RR 1,12
Wirkung kombinierter Programme auf die Beschäftigung
| Erwartung | Befund |
|---|---|
| Starke Reaktion auf das Ereignis | Bestätigt. Die Zufriedenheit bricht deutlich ein |
| Rückkehr zum Ausgangsniveau | Teilweise. Die Werte bewegen sich zurück, erreichen den Ausgangswert im Mittel aber nicht wieder, auch nicht nach der Wiederbeschäftigung |
| Abhärtung durch frühere Erfahrung | Widerlegt. Wer schon einmal arbeitslos war, reagierte auf eine neue Phase nicht weniger stark |
Wenn du Monate nach der neuen Stelle merkst, dass etwas anders geblieben ist, bildest du dir das nicht ein. Das ist der am besten belegte Einzelbefund dieses Artikels.
Die Autoren ziehen daraus einen allgemeineren Schluss: Lebenszufriedenheit ist über die Zeit zwar mäßig stabil, doch Lebensereignisse können das langfristige Niveau des Wohlbefindens stark beeinflussen. Der oft zitierte innere Sollwert ist also verschiebbar.
Ursache oder Folge?
Über Jahrzehnte war der übliche Einwand, der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und schlechter Gesundheit könnte umgekehrt verlaufen: Wer gesundheitlich angeschlagen ist, verliert eher die Arbeit und findet schwerer eine neue. Dieser Einwand ist nicht falsch, aber er reicht als Erklärung nicht mehr aus.
Eine Übersicht in der Annual Review of Psychology fasst die Entwicklung zusammen: Die Forschung zu den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit ist methodisch anspruchsvoller geworden und hat den ursächlichen Schluss gestärkt, dass Arbeitslosigkeit zu einer Verschlechterung der psychischen und körperlichen Gesundheit und zu einer erhöhten Zahl von Suiziden führt.
Wo die Beleglage dünner ist
Dieselbe Übersicht ist genau: Für die psychische Gesundheit sind die Risikofaktoren und Wirkwege inzwischen recht gut beschrieben. Für die körperliche Gesundheit und für den Suizid gilt das ausdrücklich weniger. Der Zusammenhang ist dort also belegt, der Mechanismus aber nicht.
Ein weiterer Punkt der Übersicht gehört in jeden ehrlichen Artikel zum Thema: Manche Menschen, besonders Angehörige von Minderheiten, erleben bei der Stellensuche Diskriminierung. Wer nach hundert Bewerbungen keine Antwort bekommt, sucht den Fehler zuerst bei sich. Das ist nicht immer die richtige Adresse.
Was Programme leisten
2020 hat eine Cochrane-Übersicht 15 randomisierte Studien mit insgesamt 6397 Arbeitsuchenden ausgewertet. Untersucht wurden zwei Arten von Angeboten: rein therapeutische, etwa kognitive Verhaltenstherapie, Bewegungsprogramme oder Gesundheitsberatung, und kombinierte, die therapeutische Bausteine mit Bewerbungstraining verbanden.
| Angebot | Wirkung auf die Beschäftigung | Wirkung auf die Gesundheit |
|---|---|---|
| Kombiniert (Therapie plus Bewerbungstraining) | wahrscheinlich leichte Steigerung, relatives Risiko 1,12 nach durchschnittlich 10 Monaten | nicht berichtet |
| Rein therapeutisch | möglicherweise Steigerung, relatives Risiko 1,41, aber sehr unsichere Beleglage | wahrscheinlich kein Unterschied bei psychischer und allgemeiner Gesundheit |
Zu Arbeitsfähigkeit, unerwünschten Wirkungen und Wirtschaftlichkeit lagen keine Studien vor. Die Autoren fordern große, hochwertige Studien und eine Kosten-Nutzen-Bewertung der kleinen Effekte.
Der unbequemste Satz dieser Übersicht
Therapeutische Angebote verbessern die Gesundheit von Arbeitsuchenden wahrscheinlich nicht. Das ist kein Argument gegen psychotherapeutische Behandlung bei einer Depression, die ist etwas anderes und wirkt. Es ist ein Argument gegen die Erwartung, ein Gruppenangebot der Arbeitsvermittlung könne die seelische Last der Arbeitslosigkeit aufheben. Sie ist nicht in erster Linie ein Trainingsdefizit.
Der Umweg über Druck
Der politisch häufigste Vorschlag lautet, die Bezugsdauer von Leistungen zu verkürzen. Auch dazu gibt es eine systematische Übersicht, und ihr Ergebnis ist bemerkenswert unspektakulär.
Sieben Studien aus Österreich, Frankreich, Deutschland und Slowenien mit Daten aus 1.154.090 Arbeitslosigkeitsphasen wurden ausgewertet. Eine verkürzte Bezugsdauer erhöht die Rate, mit der Menschen die Arbeitslosigkeit verlassen. Die Größenordnung: Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 52 Prozent, dass jemand mit verkürztem Anspruch früher eine Stelle findet als jemand mit dem längeren Anspruch. Kein Unterschied entspräche 50 Prozent.
Was in dieser Übersicht offen blieb
Ob die so gefundenen Stellen von Dauer sind und wie sie bezahlt werden, ließ sich nicht beantworten: Für die Frage, ob Betroffene später wieder aus der Beschäftigung ausscheiden, und für den erzielten Lohn reichte die Beleglage nicht aus. Von ursprünglich 41 gefundenen Studien blieben nach der Qualitätsprüfung nur sieben übrig.
Was du selbst steuerst
Aus der Befundlage folgt eine ungewöhnliche Prioritätenliste. Die Suchintensität und das soziale Netzwerk stehen laut der Übersicht in der Annual Review im Vordergrund. Beides setzt aber voraus, dass der Tag überhaupt eine Form hat.
Die künstliche Woche
Einrichtung 30 Minuten, dann täglich- 1
Feste Anker setzen
Aufstehzeit, eine Mahlzeit und ein Verlassen der Wohnung zu festen Zeiten. Diese drei sind nicht verhandelbar und haben nichts mit Bewerbungen zu tun. - 2
Suchzeit begrenzen
Zwei feste Blöcke am Tag für Suche und Bewerbungen, danach Schluss. Unbegrenzte Suchzeit führt zu weniger Bewerbungen, nicht zu mehr. - 3
Einen Kontakt pro Tag
Ein Anruf, ein Kaffee, eine Nachricht an eine ehemalige Kollegin. Das ist der Netzwerkteil, und er ist laut Forschungsstand der wirksamste. - 4
Etwas beitragen
Eine regelmäßige Tätigkeit, bei der jemand auf dich zählt. Ehrenamt, Verein, Nachbarschaftshilfe. Sie ersetzt genau das, was mit der Arbeit weggefallen ist.
Was du dir sparen kannst
- Die Frage nach der Schuld. Sie ist bei einem Stellenabbau nicht zu beantworten und führt zu keiner Handlung.
- Die Sorge, zu wenig zu leiden. Es gibt keinen vorgeschriebenen Verlauf. Wenn es dir zwischendurch gut geht, ist das kein Zeichen von Gleichgültigkeit.
- Das Warten auf den richtigen Moment. Die Zeitstruktur kommt zuerst, nicht die Motivation. Sie stellt sich danach ein oder auch nicht, und die Woche läuft trotzdem.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Arbeitslosigkeit erhöht das Suizidrisiko, das ist einer der belegten Befunde dieses Artikels. Wenn du an Suizid denkst, wende dich an die Telefonseelsorge unter 0800 1110111 oder 0800 1110222, rund um die Uhr, kostenfrei und anonym. Bei akuter Gefahr wähle den Notruf 112.
Passend dazu
Selbstwirksamkeit stärken
Das Zutrauen, das nach der zehnten Absage zuerst verloren geht.
Der innere Kritiker
Wer die Schuld bei sich sucht, findet sie immer.
Zeit- und Energiemanagement
Struktur bauen, wenn keine mehr vorgegeben ist.
Netzwerkanalyse durchführen
Soziale Netzwerke gehören laut Forschungsstand zu den stärksten Faktoren der Rückkehr in Arbeit.
Fazit
Arbeitslosigkeit ist kein Einkommensproblem mit seelischer Begleiterscheinung. Sie ist ein Einschnitt, dessen Wirkung auf die Lebenszufriedenheit im Durchschnitt auch nach der Rückkehr in Arbeit nicht vollständig verschwindet, und Erfahrung damit härtet nicht ab.
Gleichzeitig sind die Hebel dagegen kleiner, als der öffentliche Ton vermuten lässt. Programme aus Therapie und Bewerbungstraining erhöhen die Beschäftigungsquote leicht, die Gesundheit verbessern sie wahrscheinlich nicht. Verkürzte Leistungsdauer beschleunigt die Rückkehr in Arbeit messbar, aber gering, und über die Qualität der so gefundenen Stellen weiß man wenig.
Was bleibt, ist eine unspektakuläre Reihenfolge: erst die Zeitstruktur, dann die Kontakte, dann die Bewerbungen. In dieser Reihenfolge, weil die späteren Schritte ohne die früheren nicht stattfinden.
Häufige Fragen
Macht Arbeitslosigkeit wirklich krank, oder sind Kranke häufiger arbeitslos?
Beides trägt bei, aber die Forschung ist inzwischen deutlicher geworden. Eine Übersicht in der Annual Review of Psychology hält fest, dass die Arbeiten des vergangenen Jahrzehnts den ursächlichen Schluss gestärkt haben: Arbeitslosigkeit führt zu einer Verschlechterung der psychischen und körperlichen Gesundheit und zu einer erhöhten Zahl von Suiziden.
Erholt sich die Lebenszufriedenheit nach einer neuen Stelle wieder?
Nicht ganz. Eine 15 Jahre laufende Untersuchung an über 24.000 Menschen in Deutschland fand, dass die Zufriedenheit nach dem Jobverlust stark einbricht und sich anschließend wieder in Richtung des Ausgangswerts bewegt, im Durchschnitt aber selbst nach der Wiederbeschäftigung nicht vollständig dorthin zurückkehrt.
Gewöhnt man sich an Arbeitslosigkeit, wenn man sie schon einmal erlebt hat?
Nein. Dieselbe Untersuchung fand, entgegen den Erwartungen aus Anpassungstheorien, dass Menschen mit früherer Arbeitslosigkeit auf eine neue Phase nicht weniger stark reagierten als Menschen ohne diese Erfahrung.
Helfen Programme, wieder Arbeit zu finden?
Ein wenig. Eine Cochrane-Übersicht über 15 randomisierte Studien mit 6397 Arbeitsuchenden fand für Programme, die therapeutische Bausteine mit Bewerbungstraining verbinden, wahrscheinlich eine kleine Steigerung der Beschäftigungsquote, mit einem relativen Risiko von 1,12 nach durchschnittlich zehn Monaten.
Verbessern solche Programme auch die Gesundheit?
Danach sieht es nicht aus. In derselben Übersicht bestand bei den rein therapeutischen Angeboten wahrscheinlich kein Unterschied zur Nichtbehandlung, weder bei der psychischen noch bei der allgemeinen Gesundheit.
Was hilft am meisten bei der Rückkehr in Arbeit?
Laut der Übersicht in der Annual Review hat das vergangene Jahrzehnt vor allem die Rolle sozialer Netzwerke und der Suchintensität beleuchtet. Zugleich weist sie darauf hin, dass manche Menschen, besonders Angehörige von Minderheiten, bei der Stellensuche Diskriminierung erleben.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Wanberg, C. R. (2012): The Individual Experience of Unemployment. Annual Review of Psychology. Übersicht über ein Jahrzehnt Forschung zu Erleben, Wiederbeschäftigung und Programmen
- 2
Lucas, R. E. et al. (2004): Unemployment Alters the Set Point for Life Satisfaction. Psychological Science. Längsschnitt über 15 Jahre mit mehr als 24.000 Menschen in Deutschland
- 3
Hult, M. et al. (2020): Health-improving interventions for obtaining employment in unemployed job seekers. Cochrane Database of Systematic Reviews. 15 randomisierte Studien, 6397 Arbeitsuchende, GRADE-Bewertung
- 4
Filges, T. et al. (2018): Reducing unemployment benefit duration to increase job finding rates: a systematic review. Campbell Systematic Reviews. 7 Studien aus europäischen Ländern, Daten aus 1.154.090 Arbeitslosigkeitsphasen