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Leistungssport im Jugendalter

Beim Leistungssport ist die körperliche Prävention hervorragend belegt und die psychische kaum untersucht. Genau umgekehrt zur öffentlichen Aufmerksamkeit.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Eine leere Laufbahn in einem Stadion bei Morgenlicht, im Vordergrund die weißen Bahnmarkierungen
Was hier belegt ist, betrifft überwiegend Bänder und Gelenke. Beim Rest ist die Forschung dünn. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Über die psychische Belastung im Nachwuchsleistungssport wird viel gesprochen und wenig belastbar geforscht. Über die körperliche wird weniger gesprochen, und dort gibt es Maßnahmen mit klaren Zahlen.

  • Zwischen 19 und 34 Prozent der Aktiven berichten psychische Beschwerden.
  • Das entspricht weitgehend der Allgemeinbevölkerung.
  • Nur ein Viertel der Studien war methodisch streng.
  • Aufwärmprogramme senken Verletzungen um über 35 Prozent.
  • Der Stichtag der Auswahl erzeugt Unterschiede von bis zu zwölf Monaten.

Die psychischen Zahlen

Eine Metaanalyse hat Häufigkeiten psychischer Beschwerden bei aktiven und ehemaligen Spitzensportlerinnen und -sportlern zusammengetragen. Erfasst wurden vor allem Belastungserleben, Schlafstörungen, Angst und Depressivität sowie Alkoholmissbrauch.

Spanne der Häufigkeiten

Aktive, Angst und Depressivität

34 %

oberer Wert der Spanne

Ehemalige, höchster Wert

26 %

oberer Wert der Spanne

Aktive, Alkoholmissbrauch

19 %

unterer Wert der Spanne

Ehemalige, Belastungserleben

16 %

unterer Wert der Spanne

MerkmalWert in %
Aktive, Angst und Depressivität34 %
Ehemalige, höchster Wert26 %
Aktive, Alkoholmissbrauch19 %
Ehemalige, Belastungserleben16 %

Endpunkte der jeweils berichteten Spannen. Quelle: Gouttebarge et al. 2019.

Die Zahlen zu den Aktiven beruhen auf Metaanalysen mit 2.895 bis 5.555 Personen, die zu den Ehemaligen auf 1.579 bis 1.686 Personen. Beide Gruppen berichteten dieselben Beschwerdebereiche.

Die notwendige Einordnung

Eine zweite, ältere Übersicht mit 60 eingeschlossenen Studien liefert den Vergleichsmaßstab, der in vielen Berichten fehlt.

Die Befunde legen nahe, dass Spitzensportlerinnen und -sportler ein weitgehend vergleichbares Risiko für häufige psychische Erkrankungen wie Angst und Depression tragen wie die Allgemeinbevölkerung.
Rice et al. 2016
  • Für andere Bereiche ist die Lage uneinheitlich. Zu Essstörungen, Substanzkonsum, Belastung und Bewältigung sind die Belege weniger konsistent.
  • Die Qualität ist das eigentliche Problem. Nur etwa 25 Prozent der eingeschlossenen Studien waren gut berichtet oder methodisch streng.
  • Zu Maßnahmen gibt es kaum Forschung. Die Autorengruppe nennt einen Mangel an Studien, die eine Maßnahme prüfen, ausdrücklich.
  • Trotzdem gilt die Gruppe als gefährdet. Die Übersicht hält fest, dass diese Gruppe für eine Reihe psychischer Probleme anfällig ist, einschließlich Substanzmissbrauch.

Warum die Einordnung wichtig ist

Eine Häufigkeit von 34 Prozent klingt dramatisch, bis man sie mit der Allgemeinbevölkerung vergleicht. Das ist kein Grund zur Entwarnung, aber ein Grund, den Sport nicht als Sonderfall zu behandeln. Die Frage ist nicht, ob Leistungssport krank macht, sondern welche Bedingungen im Sport belasten und wie sie sich ändern lassen. Für die zweite Frage fehlt die Forschung.

Was körperlich belegt ist

Im Kontrast dazu steht die Verletzungsprävention. Hier gibt es klare Zahlen und hochwertige Belege, und die Zielgruppe sind genau die Jugendlichen.

Maßnahmen und ihre Wirkung. Quelle: Emery & Pasanen 2019
MaßnahmeWirkung
Neuromuskuläre AufwärmprogrammeErwartbare Senkung des Risikos muskuloskelettaler Verletzungen um über 35 Prozent, mit hochwertigen Belegen für den breiten Einsatz in Mannschafts- und Jugendsport
Verbot von Körperchecks im JugendeishockeyRückgang der Verletzungen um über 50 Prozent
Begrenzung von Kontakttraining im JugendfootballErhebliches Potenzial für die Verletzungsprävention
Bandagen und TapesBelege für die Vermeidung erneuter Sprunggelenksverstauchungen, nicht für die Vermeidung der ersten
Handgelenkschützer beim SnowboardenSchützen vor Verstauchungen

Die Autorengruppe nennt als offene Fragen die dauerhafte Umsetzung solcher Programme im Alltag von Sport und Schule sowie die Verbesserung der Teilnahmetreue.

Der Grund, warum das hierher gehört

Der langfristige Preis früher Verletzungen ist hoch: Die Übersicht nennt ausdrücklich die früh einsetzende Arthrose nach Gelenkverletzungen. Wer über Belastung im Nachwuchsleistungssport spricht, sollte die Maßnahme nennen, die am besten belegt ist, und das ist das Aufwärmprogramm.

Das Auswahlproblem

Ein struktureller Befund betrifft nicht die Belastung, sondern die Auswahl. Viele Nachwuchssysteme verwenden ein festes Stichtagsdatum, etwa den 31. Dezember.

  • Der Altersunterschied im selben Jahrgang kann fast zwölf Monate betragen. Wer im Januar geboren ist, ist bis zu zwölf Monate weniger einen Tag älter als ein im Dezember geborenes Kind desselben Auswahljahrs.
  • Daraus folgen bedeutsame Entwicklungseffekte. Die Forschung hat eine Reihe solcher Effekte identifiziert, die mit den relativen Altersunterschieden zusammenhängen.
  • Ein umfassender theoretischer Rahmen fehlte lange. Die zitierte Arbeit schlägt ein entwicklungsbezogenes Systemmodell vor, um die Breite und Vielschichtigkeit der Effekte zu erfassen.
  • Praktisch heißt das: Ein Teil dessen, was als Talent erscheint, ist schlicht ein Reifevorsprung. Und ein Teil dessen, was als fehlendes Talent gilt, ist ein Geburtsmonat.

Praktisch

Für Eltern

  • Frag nach dem Aufwärmprogramm. Es ist die am besten belegte Maßnahme im ganzen Feld und kostet nichts außer Zeit.
  • Ordne alarmierende Zahlen ein. Die berichteten Häufigkeiten entsprechen weitgehend denen der Allgemeinbevölkerung.
  • Denk an die Zeit nach der Karriere. Auch bei Ehemaligen lagen die Werte zwischen 16 und 26 Prozent. Der Übergang aus dem Leistungssport ist eine eigene Belastung.
  • Rechne mit dem Geburtsmonat. Wer im Herbst oder Winter geboren ist, tritt in vielen Systemen gegen bis zu ein Jahr ältere Kinder an.

Für Vereine und Verbände

  • Regeländerungen sind die stärksten Hebel. Das Verbot von Körperchecks im Jugendeishockey senkte die Verletzungen um über 50 Prozent, mehr als jede individuelle Maßnahme.
  • Teilnahmetreue ist die eigentliche Schwierigkeit. Die Autorengruppe nennt sie ausdrücklich als offene Forschungsfrage. Ein Programm wirkt nur, wenn es durchgeführt wird.
  • Zur psychischen Gesundheit gibt es kaum geprüfte Maßnahmen. Wer hier etwas anbietet, sollte das offen als unerprobt kennzeichnen.
  • Prüf die Auswahlstichtage. Sie erzeugen systematische Nachteile, die nichts mit Leistung zu tun haben.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei Gewichtsverlust, ausbleibender Regelblutung, wiederkehrenden Ermüdungsbrüchen, zwanghaftem Training oder anhaltender Niedergeschlagenheit gehört ein Kind sportmedizinisch und psychologisch abgeklärt. Ansprechstellen sind die Kinderarztpraxis, sportmedizinische Ambulanzen und für Jugendliche die Nummer gegen Kummer unter 116 111.

Passend dazu

Fazit

Im Spitzensport berichten zwischen 19 und 34 Prozent der Aktiven psychische Beschwerden, bei Ehemaligen zwischen 16 und 26 Prozent. Eine zweite Übersicht über 60 Studien ordnet das ein: Das Risiko für häufige Erkrankungen wie Angst und Depression ist weitgehend vergleichbar mit der Allgemeinbevölkerung, und nur etwa ein Viertel der Studien war methodisch streng.

Deutlich besser belegt ist die körperliche Prävention. Neuromuskuläre Aufwärmprogramme senken das Verletzungsrisiko erwartbar um über 35 Prozent, und das Verbot von Körperchecks im Jugendeishockey senkte die Verletzungen um über 50 Prozent.

Hinzu kommt ein struktureller Punkt: Wo ein fester Stichtag über die Auswahl entscheidet, liegen im selben Jahrgang fast zwölf Monate Reifeunterschied. Ein Teil des vermeintlichen Talents ist damit ein Geburtsdatum.

Häufige Fragen

Wie häufig sind psychische Beschwerden im Spitzensport?

Eine Metaanalyse über 22 Studien mit 2.895 bis 5.555 aktiven Spitzensportlerinnen und -sportlern fand Häufigkeiten zwischen 19 Prozent für Alkoholmissbrauch und 34 Prozent für Angst und Depressivität.

Und nach der Karriere?

Bei ehemaligen Spitzensportlerinnen und -sportlern lagen die Werte über 15 Studien mit 1.579 bis 1.686 Personen zwischen 16 Prozent für Belastungserleben und 26 Prozent für die höchste erfasste Größe.

Ist das mehr als in der Allgemeinbevölkerung?

Eine Übersicht über 60 Studien kommt zu dem Schluss, dass Spitzensportlerinnen und -sportler ein weitgehend vergleichbares Risiko für häufige psychische Erkrankungen wie Angst und Depression tragen wie die Allgemeinbevölkerung.

Wie belastbar sind diese Zahlen?

Nur etwa 25 Prozent der eingeschlossenen Studien waren gut berichtet oder methodisch streng. Die Autorengruppe nennt zudem einen Mangel an Studien zu Maßnahmen.

Was ist bei der Verletzungsprävention belegt?

Neuromuskuläre Aufwärmprogramme sind mit hochwertigen Belegen unterlegt und senken das Risiko muskuloskelettaler Verletzungen erwartungsgemäß um über 35 Prozent.

Was ist der relative Alterseffekt?

Ein festes Stichtagsdatum bei der Auswahl führt dazu, dass Kinder im selben Auswahljahr bis zu zwölf Monate weniger einen Tag auseinanderliegen. Daraus ergeben sich systematische Nachteile für die Jüngeren.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Gouttebarge, V. et al. (2019): Occurrence of mental health symptoms and disorders in current and former elite athletes: a systematic review and meta-analysis. British Journal of Sports Medicine. 22 Studien zu aktiven und 15 zu ehemaligen Spitzensportlerinnen und -sportlern, Suche in fünf Datenbanken bis November 2018

  2. 2

    Rice, S. M. et al. (2016): The Mental Health of Elite Athletes: A Narrative Systematic Review. Sports Medicine. 2.279 gesichtete Datensätze, 60 eingeschlossene Studien, mit eigener Qualitätsbewertung

  3. 3

    Emery, C. A. & Pasanen, K. (2019): Current trends in sport injury prevention. Best Practice & Research Clinical Rheumatology. Übersicht zu neuromuskulärem Training, Regeländerungen und Ausrüstungsempfehlungen

  4. 4

    Wattie, N., Schorer, J. & Baker, J. (2015): The relative age effect in sport: a developmental systems model. Sports Medicine. Übersicht der vorhandenen Literatur zum relativen Alter im Sport mit Vorschlag eines entwicklungsbezogenen Systemmodells