
Auf einen Blick
Bei Umzügen wird häufig vermutet, nicht der Wechsel selbst sei das Problem, sondern die Umstände, unter denen Familien häufig umziehen. Diese Vermutung ist überprüfbar, und sie wurde überprüft.
- Mehr Umzüge gingen mit höherem Risiko einher.
- Genetik und Elternerkrankungen erklärten nur 5 bis 11 Prozent.
- Das kritische Alter liegt in der frühen Jugend.
- Fehlzeiten und Wechsel wirkten auf Mathematik, nicht auf Sprache.
- Vorbereitung wirkt, wenn sie ein Jahr vorher beginnt.
Die Größenordnung
Die aussagekräftigste Untersuchung nutzt dänische Register, in denen Wohnadressen und psychiatrische Diagnosen über Jahrzehnte verknüpft vorliegen. Betrachtet wurden Umzüge im Alter zwischen 10 und 14 Jahren.
4.207
Fälle mit Schizophrenie
1.402
Fälle mit bipolarer Störung
18.215
Fälle mit Depression
17.582
Personen der Zufallsstichprobe
Drei oder mehr Umzüge, bipolare Störung
3,05
Vertrauensbereich 1,92 bis 4,86
Ein Umzug, bipolare Störung
1,33
Vertrauensbereich 1,08 bis 1,62
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Drei oder mehr Umzüge, bipolare Störung | 3.05 |
| Ein Umzug, bipolare Störung | 1.33 |
Angegeben sind die berichteten Grenzwerte der Spanne. Quelle: Paksarian et al. 2020.
Umziehen war in dieser Untersuchung mit allen drei Erkrankungen verknüpft, und mehr Umzüge gingen mit höherem Risiko einher. Die genannten Werte sind die berichteten Endpunkte der Spanne; dazwischen liegen die übrigen Kombinationen aus Anzahl der Umzüge und Erkrankungsart.
Was diese Zahlen bedeuten und was nicht
Es handelt sich um relative Risiken für seltene Erkrankungen. Ein Risikoverhältnis von 3,05 bedeutet eine Verdreifachung eines kleinen Ausgangsrisikos, nicht eine hohe absolute Wahrscheinlichkeit. Für ein einzelnes Kind lässt sich daraus nichts ableiten.
Die geprüfte Gegenerklärung
Der übliche Einwand lautet: Familien mit psychischen Erkrankungen ziehen häufiger um, und die Kinder erben die Anfälligkeit. Diese Untersuchung konnte den Einwand direkt prüfen, weil sie über genomweite Daten aus einer Neugeborenen-Biobank verfügte.
| Prüfschritt | Ergebnis |
|---|---|
| Genetische Risikowerte und Umziehen | Schwache Zusammenhänge mit einem einzigen Umzug, Quotenverhältnisse 1,07 und 1,10; bei zwei oder mehr Umzügen keine Zusammenhänge |
| Bereinigung um genetische Risikowerte | Führte nur zu geringfügigen Verringerungen der Zusammenhänge |
| Bereinigung um Genetik und psychische Erkrankungen der Eltern zusammen | Verringerte die Schätzungen um 5 bis 11 Prozent |
| Nach vollständiger Bereinigung | Umziehen blieb mit allen drei Erkrankungen verknüpft |
Die Bereinigung um polygene Risikowerte und um die psychiatrische Vorgeschichte der Eltern zusammen verringerte die Schätzungen um 5 bis 11 Prozent.
Damit ist die genetische Erklärung nicht widerlegt, aber sie trägt nur einen kleinen Teil. Rund neunzig Prozent des Zusammenhangs bleiben bestehen, wenn man sie herausrechnet. Das ist eines der klareren Ergebnisse dieser Art in der Entwicklungsforschung, weil die meisten vergleichbaren Studien genetische Daten gar nicht haben.
Warum das Alter zählt
Die dänische Untersuchung betrachtet gezielt das Alter zwischen 10 und 14 Jahren. Eine englische Längsschnittstudie mit 8.612 Jugendlichen zeigt, warum genau dieser Zeitraum ungünstig ist.
- Das Risiko steigt in diesem Fenster ohnehin. Junge Menschen haben zwischen 11 und 14 Jahren ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme.
- Bei Mädchen war der Anstieg deutlicher. Die berichteten Schwierigkeitswerte lagen bei Mädchen über eine Reihe psychischer Probleme und beim Wohlbefinden bedeutsam höher als bei Jungen.
- Die Verläufe blieben nach Bereinigung bestehen. Berücksichtigt wurden verschiedene soziodemografische Merkmale und Widerstandsfaktoren.
- Ein Wechsel trifft also auf eine bereits angespannte Lage. Das ist kein Argument gegen Umzüge, aber eines für zusätzliche Aufmerksamkeit in genau diesen Jahren.
Der schulische Anteil
Ein Umzug bedeutet fast immer auch einen Schulwechsel. Eine amerikanische Untersuchung hat geprüft, über welchen Weg Instabilität auf die Schulleistung wirkt, und dabei Muster von Anwesenheit und Schulstabilität von der Vorschule bis zur dritten Klasse gebildet.
| Befund | Inhalt |
|---|---|
| Drei Muster | Hohe Fehlzeiten, abnehmende Fehlzeiten und niedrige Fehlzeiten |
| Wirkung auf Mathematik | Frühe Wohnungslosigkeitserfahrungen wirkten direkt und über die Muster auf die Mathematikleistung |
| Wirkung auf sprachliche Leistung | Kein entsprechender Zusammenhang |
Untersucht wurden Kinder junger Mütter in den USA, die als Säuglinge oder Kleinkinder Wohnungslosigkeit erlebt hatten. Die Ergebnisse sind nicht unmittelbar auf gewöhnliche Umzüge übertragbar.
Warum Mathematik und nicht Sprache
Mathematik baut stärker aufeinander auf als sprachliche Fächer. Wer eine Einheit verpasst, weil er fehlt oder die Schule wechselt, verliert die Grundlage für die nächste. Sprachliche Fähigkeiten wachsen dagegen auch außerhalb des Unterrichts weiter. Praktisch heißt das: Beim Schulwechsel lohnt der gezielte Blick auf Mathematik.
Was ein Programm leistet
Für den Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule gibt es ein geprüftes Programm. Es umfasst neun Klassenstunden und beginnt bereits ein Schuljahr vor dem Wechsel.
- Die Kinder im Programm hatten weniger Übergangssorgen als die Vergleichsgruppe.
- Vorfreude und Bewältigungszutrauen stiegen. Beides wurde eigens erfasst.
- Das Wohlbefinden wurde über die Zeit weniger beeinträchtigt. Das war die eigentliche Zielgröße.
- Der Zeitpunkt ist der Kern. Die Autorengruppe hält einen vorbeugenden statt eines nachbessernden Ansatzes für nötig und empfiehlt, ein volles Schuljahr vor dem Wechsel zu beginnen.
- Das Design hat Grenzen. Es handelt sich um einen quasi-experimentellen Vergleich ohne Zufallszuteilung, mit 185, 217 und 162 Kindern in den drei Erhebungsjahren.
Praktisch
Vor dem Umzug
- Fang früh an, nicht kurz vorher. Das geprüfte Programm beginnt ein volles Schuljahr vor dem Wechsel, und die Autorengruppe hält genau das für entscheidend.
- Prüf den Zeitpunkt, wenn er verhandelbar ist. Die Risiken sind für Umzüge zwischen 10 und 14 Jahren am besten belegt, und in diesem Fenster steigt die Belastung ohnehin.
- Zähl die Umzüge. Mehr Umzüge gingen mit höherem Risiko einher. Ein Wechsel weniger ist ein realer Gewinn.
Nach dem Umzug
- Alte Kontakte aktiv halten. Der belegte Wirkweg läuft über den Verlust von Beziehungen, nicht über die Adresse.
- Schau gezielt auf Mathematik. In der Untersuchung zur Schulstabilität war die Mathematikleistung betroffen und die sprachliche nicht. Verpasste Grundlagen lassen sich nachholen, wenn man sie bemerkt.
- Achte auf Fehlzeiten. Sie waren der geprüfte Vermittler zwischen Instabilität und Leistung.
- Rechne mit einem längeren Zeitraum. Die Effekte in den Registerstudien sind langfristig. Dass das Kind nach vier Wochen noch nicht angekommen ist, ist kein Alarmzeichen.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn ein Kind nach einem Wechsel über Wochen nicht schläft, die Schule meidet, keinen Anschluss findet und sich zurückzieht, gehört das abgeklärt. Ansprechstellen sind Schulsozialarbeit, schulpsychologischer Dienst, Erziehungsberatungsstellen und die Nummer gegen Kummer unter 116 111.
Passend dazu
Fazit
Ein Umzug in der frühen Jugend ist mehr als ein Ortswechsel. In einer dänischen Registerstudie war Umziehen zwischen 10 und 14 Jahren mit Schizophrenie, bipolarer Störung und Depression verknüpft, mit steigendem Risiko bei mehr Umzügen und Risikoverhältnissen zwischen 1,33 und 3,05 nach vollständiger Bereinigung.
Die wichtigste Leistung dieser Studie ist, dass sie die naheliegende Gegenerklärung geprüft hat. Genetische Risikowerte und psychische Erkrankungen der Eltern zusammen verringerten die Schätzungen nur um 5 bis 11 Prozent. Der Zusammenhang bleibt damit weitgehend bestehen.
Praktisch gibt es zwei Ansatzpunkte. Erstens die Schule: Fehlzeiten und Wechsel wirkten in einer amerikanischen Untersuchung auf die Mathematikleistung, nicht auf die sprachliche. Zweitens die Vorbereitung: Ein neunwöchiges Klassenprogramm, das ein volles Jahr vor dem Wechsel beginnt, verringerte Übergangssorgen und erhöhte Vorfreude und Bewältigungszutrauen.
Häufige Fragen
Wie stark wirkt ein Umzug im Jugendalter?
In einer dänischen Registerstudie war Umziehen zwischen 10 und 14 Jahren mit einem erhöhten Risiko für Schizophrenie, bipolare Störung und Depression verknüpft. Die Risikoverhältnisse reichten in den vollständig bereinigten Modellen von 1,33 bis 3,05.
Steigt das Risiko mit der Zahl der Umzüge?
Ja. Mehr Umzüge gingen mit höherem Risiko einher. Der höchste Wert von 3,05 galt für drei oder mehr Umzüge und die bipolare Störung.
Liegt das nicht an den Familien, die häufig umziehen?
Genau das wurde geprüft. Die Bereinigung um genetische Risikowerte und um psychische Erkrankungen der Eltern verringerte die Schätzungen zusammen nur um 5 bis 11 Prozent.
Warum ist die frühe Jugend besonders empfindlich?
In einer englischen Längsschnittstudie mit 8.612 Jugendlichen stieg das Risiko psychischer Probleme zwischen 11 und 14 Jahren ohnehin an, bei Mädchen deutlicher. Ein Wechsel fällt damit in eine bereits belastete Zeit.
Wirkt sich ein Schulwechsel auf die Leistung aus?
In einer amerikanischen Untersuchung wirkten sich frühe Wohnungslosigkeitserfahrungen über Muster von Fehlzeiten und Schulwechseln auf die Mathematikleistung in der dritten Klasse aus, auf die sprachliche Leistung dagegen nicht.
Kann man den Übergang vorbereiten?
Ein neunwöchiges Klassenprogramm, das bereits ein Jahr vor dem Wechsel beginnt, verringerte in einer Untersuchung die Übergangssorgen und erhöhte Vorfreude und Bewältigungszutrauen, mit geringerer Belastung des Wohlbefindens über die Zeit.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Paksarian, D. et al. (2020): Adolescent residential mobility, genetic liability and risk of schizophrenia, bipolar disorder and major depression. The British Journal of Psychiatry. Bevölkerungsbezogene Fall-Kohorten-Studie aus dänischen Registern, Jahrgänge 1981 bis 1997, mit polygenen Risikowerten aus der Neugeborenen-Biobank
- 2
Yoon, Y., Eisenstadt, M., Lereya, S. T. & Deighton, J. (2023): Gender difference in the change of adolescents' mental health and subjective wellbeing trajectories. European Child & Adolescent Psychiatry. 8.612 Jugendliche in England, Verläufe zwischen 11 bis 12 und 13 bis 14 Jahren, Mehrebenenregression
- 3
Stargel, L. E. & Easterbrooks, M. A. (2022): Children's early school attendance and stability as a mechanism through which homelessness is associated with academic achievement. Journal of School Psychology. Personenzentrierte Auswertung mit latenter Klassenanalyse über wiederholte Messungen von der Vorschule bis zur dritten Klasse
- 4
Bagnall, C. L., Stevenson, E., Cookson, D., Jones, F. & Garnett, N. J. (2024): A mixed-methods evaluation of a longitudinal primary-secondary school transitions support intervention. Frontiers in Psychology. Quasi-experimentelles Design mit Befragungen in drei aufeinanderfolgenden Schuljahren, 185, 217 und 162 Kinder, ergänzt um Prozessauswertung