Kinder, Jugend & FamilieResilienz in der Kindheit

Flucht und Migration

Über die Hälfte der Geflüchteten weltweit ist unter 18. Was ihnen hilft, hat mit dem zu tun, was nach der Ankunft passiert, und weniger mit dem, was vorher war.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein kleiner abgenutzter Rucksack steht auf einem Bett in einem sehr schlicht eingerichteten Zimmer
Was nach der Ankunft folgt, entscheidet nach den Daten mehr als das, was vorher lag. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Bei geflüchteten Kindern liegt der Reflex nahe, auf das Erlebte zu schauen. Die Datenlage weist in eine andere Richtung: Der stärkste erklärende Faktor liegt in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit. Das ist die gute Nachricht dieses Artikels, weil die Gegenwart veränderbar ist.

  • Bei strengen Diagnosekriterien lag die PTBS-Häufigkeit bei 22,71 Prozent.
  • Unbegleitete Minderjährige waren stärker betroffen als begleitete.
  • Alltagsbelastungen nach der Ankunft vermittelten den Traumaeffekt vollständig.
  • Bei Kindern waren diese Effekte stärker als bei Erwachsenen.
  • Für Programme bei Kindern fand sich kein Wirksamkeitsnachweis.

Wie häufig

Zu Häufigkeitsangaben in diesem Feld gehört immer die Frage, wie gemessen wurde. Eine Metaanalyse hat deshalb nur Studien mit strengen Anforderungen an die Diagnosestellung zugelassen, was die Zahl der auswertbaren Arbeiten stark verkleinert.

Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Posttraumatische Belastungsstörung

22,71 %

VB 12,79 bis 32,64

Angststörungen

15,77 %

VB 8,04 bis 23,50

Depression

13,81 %

VB 5,96 bis 21,67

Aufmerksamkeitsstörung

8,6 %

VB 1,08 bis 16,12

MerkmalWert in %
Posttraumatische Belastungsstörung22.71 %
Angststörungen15.77 %
Depression13.81 %
Aufmerksamkeitsstörung8.6 %

Gepoolte Häufigkeiten aus acht Studien mit 779 Kindern und Jugendlichen in fünf Ländern. Wegen erheblicher Unterschiede zwischen den Studien wurden Zufallseffektmodelle verwendet. Quelle: Blackmore et al. 2020.

Acht Studien, 779 Kinder

Das ist eine schmale Grundlage für Zahlen, die häufig zitiert werden. Die Autorengruppe berichtet ausdrücklich erhebliche Unterschiede zwischen den Studien und hat deshalb Teilgruppenanalysen ergänzt. Die Vertrauensbereiche sind entsprechend breit: Bei der posttraumatischen Belastungsstörung reicht der Bereich von 12,79 bis 32,64 Prozent.

Zum Vergleich: Eine Übersicht über 23 neuere Studien mit insgesamt 80.651 unbegleiteten Minderjährigen fand Spannen von 4,6 bis 43 Prozent für die posttraumatische Belastungsstörung und von 2,9 bis 61,6 Prozent für Depression. Diese Bandbreite entsteht nicht, weil die Kinder so unterschiedlich sind, sondern weil die Instrumente, Zeitpunkte und Gruppen es sind. Wer eine einzelne Prozentzahl nennt, wählt aus.

Unbegleitet gegenüber begleitet

Ein Vergleich ist trotz aller Streuung belastbar, weil er innerhalb derselben Studien gezogen wurde.

Eine Metaanalyse von vier Studien zur posttraumatischen Belastungsstörung bei unbegleiteten und begleiteten geflüchteten Minderjährigen zeigte eine geringere Häufigkeit bei den begleiteten: −1,14 mit einem Vertrauensbereich von −1,56 bis −0,72.
Daniel-Calveras, Baldaqué & Baeza 2022
Weitere Angaben zur Gruppe der unbegleiteten Minderjährigen. Quelle: Daniel-Calveras et al. 2022
MerkmalAngabe
Häufigstes Herkunftsland in der Mehrzahl der StudienAfghanistan
Anteil JungenÜber 75 Prozent
Anteil der Studien mit PTBS-Messung13 von 23, also 56,5 Prozent
Suizidversuche und SuizideZwei Studien fanden höhere Raten als in der gleichaltrigen Bevölkerung des Aufnahmelandes
Genannte RisikofaktorenAusmaß der sozialen Unterstützung im Aufnahmeland, Betreuungsumfeld und weitere Faktoren

Bemerkenswert ist, welche Risikofaktoren diese Übersicht nennt: Unterstützung und Betreuungsumfeld im Aufnahmeland. Nicht Herkunft, nicht Fluchtweg. Das ist der Übergang zum zentralen Befund.

Der entscheidende Befund

Die aufschlussreichste Arbeit hat nicht gefragt, wie viele erkranken, sondern wodurch. Sie hat den Zusammenhang alltäglicher Belastungen nach der Ankunft mit psychischen Beschwerden gerechnet und zusätzlich geprüft, wie sich dieser Zusammenhang zur früheren Traumatisierung verhält.

Ergebnisse der Metaanalyse. Quelle: Hou et al. 2020, 59 Studien, 17.763 Personen
FrageBefund
Alltagsbelastungen und psychiatrische BeschwerdenPositiv verknüpft, Fisher-Z zwischen 0,126 und 0,199
Alltagsbelastungen und allgemeine BelastungPositiv verknüpft, Fisher-Z 0,542
Art der BelastungGemischte Alltagsbelastungen zeigten stärkere Effekte als rein persönliche, zwischenmenschliche oder materielle
AlterDie Effekte waren bei Kindern und Jugendlichen stärker als bei Erwachsenen
Verhältnis zur früheren TraumatisierungAlltagsbelastungen vermittelten die Zusammenhänge früherer Traumatisierung mit Angst, Depressivität und posttraumatischen Beschwerden vollständig

Vollständige Vermittlung ist eine statistische Aussage über dieses Modell. Sie bedeutet nicht, dass Traumatisierung unwichtig wäre, sondern dass ihr Beitrag in diesen Daten über die heutigen Belastungen lief.

Was daraus praktisch folgt

Wenn der Weg über die heutigen Belastungen läuft, sind Wohnsituation, Schulplatz, Aufenthaltssicherheit, Sprachkurs und der Kontakt zu Gleichaltrigen keine Begleitmusik zur Behandlung, sondern der wirksamere Teil. Die Autorengruppe formuliert es genau so: regelhafte Erhebung und Verringerung von Alltagsbelastungen kann psychische Erkrankungen verhindern und verringern.

Was schützt

Eine systematische Übersicht hat gezielt nach Schutzfaktoren bei geflüchteten Kindern in Ländern mit hohem Einkommen gesucht, statt nach Erkrankungen.

  • Die genannten Faktoren stammen aus mehreren Ebenen: Alter, Selbstwert, Erhalt der kulturellen Identität, soziale Unterstützung, Zugehörigkeit und Sicherheit sowie neu gestaltete Angebote der sozialen Versorgung.
  • Der Erhalt der kulturellen Identität ist ein Schutzfaktor, nicht ein Hindernis. Das steht quer zu der Vorstellung, Anpassung sei der Weg zur Gesundheit.
  • Der übergreifende Punkt ist der wichtigste. Damit Maßnahmen und Vorgaben zur Aufnahme nützen, müssen sie nach den ausgewerteten Studien in eine sozial einbeziehende Gesellschaft eingebettet sein.
  • Die Übersicht kritisiert das eigene Fachgebiet. Eine anhaltende Beschäftigung mit Krankheitsbildern sei über die Studien hinweg erkennbar, und das halte die Entwicklung von Ansätzen mit Blick auf Widerstandskraft zurück.

Was Programme leisten

Bleibt die Frage, ob die üblichen Angebote helfen. Eine Metaanalyse hat randomisierte Studien zu psychosozialen Programmen für vertriebene Menschen aller Altersgruppen zusammengeführt.

Ergebnisse nach Altersgruppe. Quelle: Schäfer et al. 2023
GruppeErgebnis
Kinder und Jugendliche, 10 StudienKein Hinweis auf günstige Wirkungen; 44,4 Prozent der Effektstärken deuteten in eine möglicherweise nachteilige Richtung, blieben aber nicht bedeutsam
Erwachsene, 27 StudienKnapp nicht bedeutsamer günstiger Effekt auf Beschwerden, 0,33 mit Vertrauensbereich −0,03 bis 0,69
Erwachsene, nur hochwertige StudienDer Effekt wurde bedeutsam und war bei klinischen Gruppen größer als bei nicht klinischen
Positive psychische GesundheitKeine Effekte
BelegsicherheitÜber alle Zielgrößen sehr niedrig, die Übertragbarkeit ist dadurch eingeschränkt

Die Unterschiede zwischen den Studien waren erheblich und ließen sich nicht durch Art der Kontrollbedingung, Dauer, Umgebung oder theoretische Grundlage erklären.

Der Befund bei Kindern richtig lesen

Kein Wirksamkeitsnachweis heißt nicht Nachweis der Unwirksamkeit. Zehn Studien sind wenig, die Belegsicherheit ist sehr niedrig, und geprüft wurden übergreifende psychosoziale Programme, nicht die gezielte Behandlung einer diagnostizierten Erkrankung. Was der Befund aber verbietet, ist die Aussage, ein Gruppenprogramm sei die belegte Antwort auf die Belastung geflüchteter Kinder.

Praktisch

Für Pflegefamilien, Betreuende und Lehrkräfte

  • Alltagsbelastungen abbauen ist der belegte Hebel. Sie vermittelten in der Metaanalyse den ganzen Zusammenhang von Traumatisierung und Beschwerden, und bei Kindern stärker als bei Erwachsenen.
  • Gemischte Belastungen wirkten stärker als einzelne. Es geht also nicht darum, ein Problem zu lösen, sondern die Zahl gleichzeitiger Baustellen zu verringern.
  • Kulturelle Identität stützen, nicht abtrainieren. Ihr Erhalt gehörte zu den genannten Schutzfaktoren. Muttersprache, Feste und Kontakte in die eigene Gemeinschaft sind Ressourcen.
  • Zugehörigkeit und Sicherheit sind messbare Größen. Beide standen auf der Liste. Ein verlässlicher Platz in einer Gruppe und Klarheit über den Verbleib sind deshalb keine Nebensache.
  • Bei unbegleiteten Kindern früher hinschauen. Sie waren in der Metaanalyse stärker betroffen, und zwei Studien fanden bei ihnen höhere Raten an Suizidversuchen als in der gleichaltrigen Bevölkerung.

Für Fachkräfte und Träger

  • Erhebe Alltagsbelastungen regelhaft. Die Autorengruppe der Metaanalyse empfiehlt genau das als Weg, psychische Erkrankungen zu verhindern und zu verringern.
  • Erwarte von Gruppenprogrammen bei Kindern nicht zu viel. Die Metaanalyse fand dort keinen Wirksamkeitsnachweis. Bei diagnostizierten Erkrankungen gilt die reguläre Behandlungsleitlinie, nicht das übergreifende Programm.
  • Die Häufigkeitszahlen sind Bandbreiten. Wer Bedarf plant, sollte die Vertrauensbereiche nennen und nicht die Einzelzahl mit der besten Erzählung.
  • Das Umfeld ist Teil der Maßnahme. Nach den ausgewerteten Studien nützen Aufnahmeregeln nur, wenn sie in einer sozial einbeziehenden Gesellschaft stehen.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei anhaltenden Schlafstörungen, wiederkehrenden Erinnerungsbildern, starkem Rückzug oder Anzeichen von Selbstgefährdung gehört ein Kind in kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung. Zugang bieten die Kinderarztpraxis, sozialpsychiatrische Dienste und die Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer. Die Terminservicestelle ist unter 116 117 erreichbar, die Nummer gegen Kummer für Kinder unter 116 111.

Passend dazu

Fazit

Geflüchtete Kinder sind häufig psychisch belastet. Bei strengen Diagnosekriterien lag die Häufigkeit der posttraumatischen Belastungsstörung über acht Studien mit 779 Kindern bei 22,71 Prozent, für Angststörungen bei 15,77 und für Depression bei 13,81 Prozent, jeweils mit breiten Vertrauensbereichen. Unbegleitete Minderjährige waren stärker betroffen als begleitete.

Der Befund, der die Praxis verändern sollte, stammt aus einer Metaanalyse über 59 Studien mit 17.763 Personen: Alltagsbelastungen nach der Ankunft vermittelten die Zusammenhänge früherer Traumatisierung mit Angst, Depressivität und posttraumatischen Beschwerden vollständig, und bei Kindern stärker als bei Erwachsenen.

Auf der Gegenseite steht ein unbequemer Befund: Für übergreifende psychosoziale Programme fand sich bei Kindern und Jugendlichen kein Wirksamkeitsnachweis. Was übrig bleibt, sind die genannten Schutzfaktoren, allesamt Merkmale der Umgebung: Unterstützung, Zugehörigkeit, Sicherheit und der Erhalt der eigenen kulturellen Identität.

Häufige Fragen

Wie viele geflüchtete Kinder sind psychisch erkrankt?

Eine Metaanalyse mit strengen Diagnosekriterien über acht Studien mit 779 Kindern und Jugendlichen ergab 22,71 Prozent für die posttraumatische Belastungsstörung, 13,81 Prozent für Depression und 15,77 Prozent für Angststörungen.

Warum schwanken die Zahlen so stark?

Eine Übersicht über 23 Studien mit 80.651 unbegleiteten Minderjährigen fand Spannen von 4,6 bis 43 Prozent für die posttraumatische Belastungsstörung und 2,9 bis 61,6 Prozent für Depression. Ursache sind unterschiedliche Fragebögen, Zeitpunkte und Gruppen.

Geht es unbegleiteten Kindern schlechter?

Ja. Eine Metaanalyse über vier Studien fand bei begleiteten Minderjährigen eine geringere Häufigkeit der posttraumatischen Belastungsstörung, mit einer Differenz von −1,14 und einem Vertrauensbereich von −1,56 bis −0,72.

Was belastet mehr, die Flucht oder die Zeit danach?

Eine Metaanalyse über 59 Studien mit 17.763 Personen fand, dass alltägliche Belastungen nach der Ankunft den Zusammenhang früherer Traumatisierung mit Angst, Depressivität und posttraumatischen Beschwerden vollständig vermittelten. Die Effekte waren bei Kindern und Jugendlichen stärker als bei Erwachsenen.

Was schützt geflüchtete Kinder?

Eine systematische Übersicht nennt unter anderem Selbstwert, den Erhalt der kulturellen Identität, soziale Unterstützung sowie das Erleben von Zugehörigkeit und Sicherheit. Entscheidend war, dass Maßnahmen in eine sozial einbeziehende Gesellschaft eingebettet sind.

Helfen psychosoziale Programme?

Bei Erwachsenen zeigte eine Metaanalyse einen knapp nicht bedeutsamen Effekt von 0,33, der bei Beschränkung auf hochwertige Studien bedeutsam wurde. Bei Kindern und Jugendlichen fand sich kein Hinweis auf günstige Wirkungen.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Blackmore, R. et al. (2020): Systematic Review and Meta-analysis: The Prevalence of Mental Illness in Child and Adolescent Refugees and Asylum Seekers. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. Acht Studien mit 779 Kindern und Jugendlichen aus fünf Ländern, strenge Anforderungen an die Diagnosestellung

  2. 2

    Daniel-Calveras, A., Baldaqué, N. & Baeza, I. (2022): Mental health of unaccompanied refugee minors in Europe: A systematic review. Child Abuse & Neglect. 23 Studien aus neun Ländern mit 80.651 unbegleiteten Minderjährigen, Suchzeitraum Oktober 2017 bis Mai 2022

  3. 3

    Hou, W. K. et al. (2020): Everyday life experiences and mental health among conflict-affected forced migrants: A meta-analysis. Journal of Affective Disorders. 59 Studien mit 17.763 Personen, Moderator- und Vermittlungsanalysen

  4. 4

    Marley, C. & Mauki, B. (2019): Resilience and protective factors among refugee children post-migration to high-income countries: a systematic review. European Journal of Public Health. Systematische Übersicht quantitativer Studien nach den Leitlinien des Centre for Reviews and Dissemination

  5. 5

    Schäfer, S. K. et al. (2023): Transdiagnostic psychosocial interventions to promote mental health in forcibly displaced persons: a systematic review and meta-analysis. European Journal of Psychotraumatology. 32 in die Metaanalyse einbezogene randomisierte Studien mit 5.299 Teilnehmenden, davon 10 zu Kindern und Jugendlichen