
Auf einen Blick
TRE ist ein Beispiel dafür, wie weit eine gute Erzählung tragen kann. Die Übung erzeugt eine eindrückliche körperliche Erfahrung, die Erklärung dazu klingt einleuchtend, und die Studienlage besteht aus zwei Arbeiten einer einzigen Forschungsgruppe.
- Sieben Übungen ermüden die Beinmuskulatur, danach setzt in Rückenlage ein unwillkürliches Zittern ein.
- Die Erklärung stützt sich auf die Beobachtung, dass sich Tiere nach überstandener Gefahr schütteln.
- In der Fachliteratur finden sich im Kern zwei Arbeiten, beide zu Multipler Sklerose, mit neun und 28 Teilnehmenden.
- In der randomisierten Studie ergab sich beim Hauptzielkriterium ohne rechnerische Anpassung kein Gruppenunterschied.
- Für die Behandlung einer Traumafolgestörung gibt es besser belegte Verfahren.
Was TRE ist
Der Ablauf ist standardisiert und dauert etwa 20 bis 30 Minuten. Sieben Übungen belasten nacheinander Waden, Oberschenkel und Hüftbeuger, ohne dass es sich um klassisches Krafttraining handelt. Am Ende legst du dich auf den Rücken, stellst die Füße auf und lässt die Knie leicht nach innen fallen, bis die Fußsohlen aneinanderliegen.
In dieser Position beginnen die Oberschenkel bei den meisten Menschen nach kurzer Zeit zu zittern. Das Zittern ist unwillkürlich, es lässt sich nicht bewusst herstellen und jederzeit beenden, indem du die Beine ausstreckst. Es hält typischerweise fünf bis fünfzehn Minuten an.
Schritt 1
Übungsfolge
Sieben Übungen, die Waden, Oberschenkel und Hüftbeuger nacheinander ermüden.
Schritt 2
Endposition
Rückenlage, Füße aufgestellt, Knie nach außen fallen lassen, bis die Sohlen sich berühren.
Schritt 3
Zittern
Nach kurzer Zeit beginnen die Oberschenkel unwillkürlich zu zittern, meist fünf bis fünfzehn Minuten.
Schritt 4
Nachruhe
Beine ausstrecken, einige Minuten liegen bleiben, bevor du aufstehst.
Die Übungsfolge selbst ist unspektakulär. Der Teil, um den es geht, ist der letzte.
Physiologisch ist an dem Zittern nichts Rätselhaftes. Ermüdete Muskulatur in einer gehaltenen Position beginnt zu zittern, das kennt jeder aus der letzten Wiederholung einer anstrengenden Übung. Auch das Zittern nach Kälte, Schreck oder körperlicher Erschöpfung ist gut bekannt. Umstritten ist nicht, dass es passiert, sondern was es bedeutet.
Die Erzählung dahinter
Die Begründung der Methode geht so: In der Natur schüttelt sich ein Tier, das einer Gefahr entkommen ist, und ist danach wieder unbelastet. Menschen unterdrücken dieses Schütteln, weil es unpassend wirkt. Die Anspannung bleibe deshalb in der Muskulatur gebunden, vor allem im Bereich des Lendenmuskels, und TRE lasse sie nachträglich abfließen.
Wo diese Erzählung ungedeckt ist
Drei Annahmen stecken darin, und keine ist belegt. Erstens, dass ungenutztes Schütteln zu dauerhaft gebundener Spannung führt. Zweitens, dass diese Spannung an einer bestimmten Muskelgruppe sitzt. Drittens, dass nachträgliches Zittern sie auflöst. Das Verhalten von Tieren nach einer Gefahrensituation ist beschrieben, die Übertragung auf gespeicherte menschliche Belastung ist eine Deutung, keine Beobachtung.
Dass eine Erklärung nicht trägt, heißt nicht, dass die Übung nichts bewirkt. Es heißt, dass die Wirkung, falls vorhanden, vermutlich andere Ursachen hat: die körperliche Anstrengung, die anschließende Ruhe, die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und den Eindruck, etwas Ungewöhnliches erlebt zu haben.
Was tatsächlich untersucht wurde
2
Arbeiten zu TRE in der medizinischen Fachliteratur
9
Teilnehmende in der Pilotstudie
Lynning et al. 2021
28
Teilnehmende in der randomisierten Studie
Skovgaard et al. 2025
1
Forschungsgruppe hinter beiden Arbeiten
Die Pilotstudie von 2021 begleitete neun Menschen mit Multipler Sklerose über neun Wochen, ohne Kontrollgruppe. Die selbst berichteten Beschwerden gingen fast durchgehend zurück, der Erschöpfungswert sank deutlich. Ein objektiv gemessener Wert, die Spastik der Wadenmuskulatur, änderte sich nicht. Die Autorinnen und Autoren bezeichnen die Ergebnisse selbst als Hinweis und fordern größere, randomisierte Studien.
Diese Studie folgte 2025. 28 Personen wurden zugelost, die Übungsgruppe erhielt acht Sitzungen und übte täglich zu Hause. Das Hauptzielkriterium war die selbst berichtete Erschöpfung.
| Auswertung | Ergebnis | Was das heißt |
|---|---|---|
| Hauptzielkriterium ohne Anpassung | kein bedeutsamer Unterschied zur Kontrollgruppe | Das vorab festgelegte Ergebnis. In dieser Form ein Nullbefund |
| Hauptzielkriterium nach Anpassung für Ungleichverteilung | bedeutsamer Gruppenunterschied | Nachträgliche rechnerische Korrektur. Zulässig, aber deutlich schwächer in der Aussage |
| Spastik und Schmerz über den Zeitraum | bedeutsame Verringerung | Sekundäre Zielgrößen aus täglicher Selbstauskunft |
| Gehtest | schrittweise Verbesserung über den Studienzeitraum | Ein objektiv gemessener Wert mit positivem Befund |
Die Autoren formulieren das Ergebnis vorsichtig: Es lasse sich nicht ausschließen, dass TRE die Erschöpfung bei Multipler Sklerose bedeutsam verbessert, weitere Forschung sei nötig, um die positiven Effekte zu bestätigen. Das ist die Sprache eines Befunds, der keine Aussage trägt.
Warum das kein Urteil über TRE ist
Beide Studien betreffen Menschen mit Multipler Sklerose und die Zielgröße Erschöpfung. Über den beworbenen Hauptanwendungsbereich, also die Verarbeitung belastender Erfahrungen, sagen sie gar nichts. Für diesen Bereich existiert bislang keine kontrollierte Studie. Nicht untersucht ist nicht dasselbe wie widerlegt, aber es ist eben auch nicht dasselbe wie belegt.
Wie das einzuordnen ist
Für einen fairen Vergleich hilft der Blick auf verwandte körperorientierte Verfahren. Zum bekanntesten davon, dem Somatic Experiencing, liegt eine Übersicht von 2021 vor, die 16 Arbeiten einschließt. Sie findet erste Hinweise auf positive Wirkungen bei Beschwerden nach Traumatisierung, hält aber fest, dass die Studienqualität gemischt ist und es unverzerrte randomisierte Studien braucht.
Deutlich besser sieht es bei traumasensitivem Yoga aus. Eine randomisierte Studie mit 60 Frauen mit chronischer Traumafolgestörung fand nach zehn Wochen, dass 16 von 31 Frauen der Yogagruppe die Kriterien für die Störung nicht mehr erfüllten, gegenüber 6 von 29 in der Kontrollgruppe. Die Effektstärke lag im großen Bereich und damit auf dem Niveau etablierter Verfahren.
Was für TRE spricht
- Die Übungsfolge ist körperlich unbedenklich und in einer Stunde erlernbar.
- Die Erfahrung ist eindrücklich und für viele Menschen angenehm.
- Kostet nach dem Erlernen nichts und braucht keine Ausrüstung.
- Ein objektiv gemessener Gehtest verbesserte sich in der randomisierten Studie.
Was dagegen spricht
- Die Erklärung über gebundene Traumaspannung ist nicht belegt.
- Zwei Studien einer Gruppe, beide zu einer einzigen Erkrankung.
- Das vorab festgelegte Hauptergebnis war ein Nullbefund.
- Zum beworbenen Hauptanwendungsbereich gibt es keine kontrollierte Studie.
Sicherheit und Grenzen
Körperlich ist TRE unauffällig. Die Übungen entsprechen dem, was in jedem Beinkräftigungsprogramm vorkommt, und das Zittern selbst ist eine normale Reaktion ermüdeter Muskulatur. Zwei Punkte verdienen trotzdem Beachtung.
- Bei Gelenkbeschwerden anpassen lassen. Knie-, Hüft- und Rückenbeschwerden vertragen die Übungsfolge nicht in jeder Form. Ein Kurs mit Anleitung ist hier dem Video vorzuziehen.
- Nicht bei belastender Vorgeschichte allein beginnen. Die Kombination aus starker Körperwahrnehmung und unwillkürlicher Bewegung kann bei Menschen mit Traumafolgestörung Erinnerungen und Angst auslösen.
- Die Dauer begrenzen. Übliche Empfehlungen liegen bei fünf bis fünfzehn Minuten Zittern. Länger ist nicht besser, sondern führt zu Muskelkater und Erschöpfung.
- Nicht als Behandlung verstehen. Wer eine Traumafolgestörung hat, braucht ein Verfahren mit Leitlinienempfehlung.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Bei einer Traumafolgestörung, in der Schwangerschaft, bei Epilepsie und bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollte die Übungsfolge vorher ärztlich oder therapeutisch abgeklärt werden. Wenn während des Zitterns starke Angst, Übelkeit oder ein Gefühl von Unwirklichkeit auftritt, streckst du die Beine aus, öffnest die Augen und beendest die Übung. Bei wiederholtem Auftreten sprich mit einer Fachperson, bevor du weitermachst.
Was besser belegt ist
Wenn dich der körperorientierte Zugang anspricht, gibt es Verfahren mit derselben Grundidee und deutlich mehr Daten dahinter.
Für den Zugang über Anspannung und Loslassen
Die Tiefenmuskelentspannung arbeitet mit demselben Prinzip in kontrollierter Form: bewusst anspannen, bewusst loslassen, nacheinander durch den Körper. Sie hat eine Leitlinienempfehlung und ist in jeder Volkshochschule zu lernen.
Für den Zugang über Bewegung nach belastenden Erfahrungen
Traumasensitives Yoga ist das körperorientierte Verfahren mit der besten Studienlage. Die randomisierte Studie von 2014 erreichte Effektstärken auf dem Niveau etablierter psychotherapeutischer und medikamentöser Verfahren.
Für die eigentliche Behandlung
Bei einer Traumafolgestörung sind traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und EMDR die Verfahren mit Leitlinienempfehlung. Körperorientierte Methoden können begleiten, aber nicht ersetzen.
Passend dazu
Tiefenmuskelentspannung
Dieselbe Grundidee, kontrolliert ausgeführt und gut belegt.
Yoga als Resilienzverstärker
Das körperorientierte Verfahren mit der besten Datenlage.
EMDR
Eines der beiden Verfahren mit Leitlinienempfehlung bei Traumafolgestörung.
Der Vagusnerv
Die körperliche Grundlage, auf die sich viele dieser Methoden berufen.
Fazit
TRE erzeugt eine ungewöhnliche und für viele Menschen angenehme Körpererfahrung. Die Übungsfolge ist harmlos, in einer Stunde erlernbar und danach kostenlos. Wer sie ausprobieren möchte, riskiert wenig.
Die Erklärung, die mitgeliefert wird, hält der Prüfung nicht stand. Dass sich Tiere nach einer Gefahr schütteln, ist beobachtet. Dass beim Menschen dadurch gebundene Belastung gelöst wird, ist eine Deutung. Und die Studienlage besteht aus zwei Arbeiten einer Gruppe zu einer einzigen Erkrankung, deren vorab festgelegtes Hauptergebnis negativ ausfiel.
Für eine Übung, die Spaß macht und entspannt, ist das genug. Für eine Methode, die als Traumabehandlung angeboten wird, ist es das nicht.
Häufige Fragen
Was ist TRE?
Eine Folge von sieben Übungen, die die Bein- und Hüftmuskulatur gezielt ermüden. In der abschließenden Rückenlage setzt bei den meisten Menschen ein unwillkürliches Zittern der Oberschenkel ein, das einige Minuten anhält. Die Methode wurde von einem amerikanischen Traumatherapeuten entwickelt und wird seit den 2000er Jahren verbreitet.
Was soll das Zittern bewirken?
Nach der Vorstellung der Methode entlädt der Körper dabei Anspannung, die nach belastenden Erfahrungen in der Muskulatur gebunden geblieben ist. Diese Vorstellung stützt sich auf die Beobachtung, dass sich Tiere nach einer überstandenen Gefahr schütteln. Ein Nachweis, dass beim Menschen dabei etwas Vergleichbares geschieht, steht aus.
Wie gut ist TRE untersucht?
Sehr dünn. In der medizinischen Literatur finden sich im Wesentlichen zwei Arbeiten derselben dänischen Gruppe zu Menschen mit Multipler Sklerose: eine Pilotstudie mit neun Teilnehmenden und eine randomisierte Studie mit 28. In der randomisierten Studie zeigte sich beim Hauptzielkriterium ohne rechnerische Anpassung kein Unterschied zur Kontrollgruppe.
Ist das Zittern gefährlich?
Für gesunde Menschen in der Regel nicht. Die Übungen selbst sind kräftigende Beinübungen, wie sie in jedem Fitnessprogramm vorkommen. Wer Probleme mit Knie, Hüfte oder Rücken hat, sollte die Übungsfolge anpassen lassen. Das Zittern selbst lässt sich jederzeit stoppen, indem man die Beine ausstreckt.
Kann TRE eine Traumatherapie ersetzen?
Nein. Für die Behandlung einer Traumafolgestörung gibt es Verfahren mit Leitlinienempfehlung, und TRE gehört nicht dazu. Anbieter, die es als Traumabehandlung darstellen, gehen über die Studienlage weit hinaus.
Warum fühlt es sich trotzdem gut an?
Weil die Übungsfolge muskulär anstrengend ist und danach Entspannung folgt, weil das Zittern eine ungewohnte und eindrückliche Körpererfahrung ist, und weil zwanzig Minuten bewusstes Liegen mit Aufmerksamkeit auf den Körper für sich genommen wirkt. Nichts davon setzt die Erklärung der Methode voraus.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Skovgaard, L. et al. (2025): Tension and Trauma Releasing Exercises for People with Multiple Sclerosis: A Randomized Controlled Trial. Advances in Mind-Body Medicine. 28 Teilnehmende, acht Sitzungen plus tägliches Üben, ohne Unterschied im unangepassten Hauptergebnis
- 2
Lynning, M. et al. (2021): Tension and trauma releasing exercises for people with multiple sclerosis - An exploratory pilot study. Journal of Traditional and Complementary Medicine. Neun Teilnehmende über neun Wochen, ohne Kontrollgruppe
- 3
Kuhfuß, M. et al. (2021): Somatic experiencing - effectiveness and key factors of a body-oriented trauma therapy: a scoping literature review. European Journal of Psychotraumatology. Übersicht zum verwandten körperorientierten Verfahren, 16 eingeschlossene Arbeiten
- 4
van der Kolk, B. A. et al. (2014): Yoga as an adjunctive treatment for posttraumatic stress disorder: a randomized controlled trial. The Journal of Clinical Psychiatry. 60 Frauen mit chronischer Traumafolgestörung, das am besten untersuchte körperorientierte Verfahren