Praxis, Übungen & TrainingAchtsamkeit & Entspannung

Tiefenmuskelentspannung

Von allen Entspannungsverfahren ist dieses das am wenigsten spektakuläre und das am besten abgesicherte. Es braucht keine Vorstellungskraft, keine besondere Haltung und keine Überzeugung, sondern nur Muskeln.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Älterer Mann liegt in Alltagskleidung auf einer Matte auf dem Schlafzimmerboden, eine Hand leicht zur Faust gespannt, Augen geschlossen
Anspannen und loslassen. Der Unterschied zwischen beidem ist der Wirkstoff. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Unter den Entspannungsverfahren ist dieses das unauffälligste. Es hat keine Geschichte, kein Zubehör und keine Weltanschauung. Dafür hat es etwas, das den meisten anderen fehlt: einen Platz in einer klinischen Leitlinie.

  • Prinzip: Muskelgruppe anspannen, halten, abrupt loslassen, den Unterschied wahrnehmen.
  • Entwickelt von Edmund Jacobson ab den 1920er Jahren.
  • Eines von drei Einzelverfahren mit bedingter Empfehlung in der Insomnie-Leitlinie von 2021.
  • Braucht keine Vorstellungskraft und keine besondere Haltung, nur Muskeln.
  • Beruht auf Übung: Wer erst im Ernstfall anfängt, wird enttäuscht.

Was das Verfahren ist

Edmund Jacobson war Arzt und beobachtete an seinen Patienten, dass psychische Anspannung regelmäßig mit muskulärer Anspannung einhergeht. Sein Schluss lag nahe: Wenn beides zusammenhängt, müsste sich über die Muskeln auch das Andere beeinflussen lassen.

Der Kniff liegt darin, nicht direkt zu entspannen, sondern über den Umweg der Anspannung. Das hat zwei Gründe, und beide sind praktisch bedeutsam.

Warum der Umweg über die Anspannung
1

Kontrast

Wer dauerhaft angespannt ist, spürt den Zustand nicht mehr, den Wechsel schon.

2

Nachlassen

Nach einer Anspannung fällt der Muskel tiefer als aus dem Ruhezustand.

3

Konkrete Aufgabe

Es gibt etwas zu tun. Das hilft allen, denen Stillliegen schwerfällt.

Wahrnehmbare Entspannung

Beide Gründe zusammen erklären, warum dieses Verfahren auch bei Menschen funktioniert, denen andere Entspannungsübungen nichts sagen.

Der Leitlinienstatus

Für die Einordnung ist ein Blick auf die Leitlinie der American Academy of Sleep Medicine aufschlussreich. Sie prüfte 2021 alle verhaltensbezogenen Verfahren bei chronischer Insomnie und gab nur für wenige eine Empfehlung ab.

Entspannungsverfahren im Vergleich zu anderen Bausteinen
VerfahrenEmpfehlung der Leitlinie
Kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (gesamt)Starke Empfehlung dafür
ReizkontrolleBedingte Empfehlung dafür
SchlafrestriktionBedingte Empfehlung dafür
EntspannungsverfahrenBedingte Empfehlung dafür
Achtsamkeit als EinzelverfahrenKeine Empfehlung, zu wenige geeignete Studien
BiofeedbackKeine Empfehlung, zu wenige geeignete Studien
Schlafhygiene alleinBedingte Empfehlung dagegen

Nach Edinger et al. (2021). Die Entspannungsverfahren umfassen dort neben der progressiven Muskelentspannung auch andere Verfahren zur Senkung körperlicher und gedanklicher Aktivierung.

Warum das bemerkenswert ist

Ausgerechnet die Verfahren mit dem größten Medieninteresse, Achtsamkeit und Biofeedback, erhielten keine Empfehlung. Das unscheinbare Anspannen und Loslassen dagegen schon. Der Grund ist banal und wichtig: Es liegen genügend qualifizierte Studien vor.

Die Anleitung

Der Ablauf pro Muskelgruppe
  1. Schritt 1

    Anspannen

    Etwa 5 bis 7 Sekunden, deutlich aber ohne Schmerz, etwa 60 bis 70 Prozent der Kraft.

  2. Schritt 2

    Halten

    Die Spannung bewusst wahrnehmen, ruhig weiteratmen.

  3. Schritt 3

    Abrupt loslassen

    Nicht langsam nachlassen, sondern auf einmal.

  4. Schritt 4

    Nachspüren

    20 bis 30 Sekunden. Hier passiert die Entspannung, nicht beim Anspannen.

Diese Abfolge wird für jede Gruppe wiederholt. Der letzte Schritt ist der eigentliche Zweck der Übung.

Die Sieben-Gruppen-Fassung

15 Minuten
  1. 1

    Hände und Unterarme

    Beide Hände zur Faust ballen, Unterarme mit anspannen. Loslassen und nachspüren.
  2. 2

    Oberarme

    Die Arme anwinkeln und die Bizeps anspannen, als würdest du etwas Schweres halten.
  3. 3

    Gesicht

    Stirn runzeln, Augen fest schließen, Zähne leicht aufeinander, Lippen zusammen. Alles gleichzeitig, dann alles gleichzeitig loslassen.
  4. 4

    Nacken und Schultern

    Die Schultern zu den Ohren ziehen und dort halten. Die Gruppe, die am meisten trägt.
  5. 5

    Brust, Rücken und Bauch

    Einatmen, den Brustkorb weiten, die Schulterblätter zusammenziehen, den Bauch fest machen.
  6. 6

    Oberschenkel und Gesäß

    Die Oberschenkel gegeneinander drücken und das Gesäß anspannen.
  7. 7

    Unterschenkel und Füße

    Die Fußspitzen zum Körper ziehen. Bei Krampfneigung nur leicht anspannen oder die Gruppe auslassen.
  8. 8

    Abschluss

    Zwei Minuten nachliegen, dann bewusst zurückkommen: Hände und Füße bewegen, tief einatmen, langsam aufsetzen. Nicht abrupt aufstehen.

Der häufigste Anfängerfehler

Zu stark anspannen. Sechzig bis siebzig Prozent der möglichen Kraft reichen völlig. Wer mit voller Kraft anspannt, erzeugt Verkrampfungen und im Gesicht und Nacken gelegentlich Kopfschmerzen. Die Übung wirkt über den Wechsel, nicht über die Höhe der Anspannung.

Die Kurzform für den Alltag

Sobald die längere Fassung ein paar Wochen geübt ist, lässt sie sich verdichten. Das ist nicht nur eine Zeitersparnis, sondern der eigentliche Zweck: Die Kurzform soll im Alltag verfügbar sein, kurz vor einem Gespräch, im Wartezimmer, in der Bahn.

Fassungen nach Aufwand
FassungGruppenDauerWofür
Vollständig nach Jacobsonüber 4045 bis 60 Minutenhistorische Fassung, heute selten
Sechzehn Gruppen1625 bis 30 MinutenKursformat, gründlicher Aufbau
Sieben Gruppen715 Minutendie gebräuchliche Fassung für zu Hause
Vier Gruppen45 MinutenArme, Gesicht, Rumpf, Beine. Für den Alltag
Nur Schultern11 Minuteunauffällig im Sitzen möglich, auch im Büro

Die Verkürzung setzt voraus, dass die längere Fassung eingeübt ist. Wer direkt mit vier Gruppen beginnt, hat den Konditionierungseffekt nicht.

Warum die Reihenfolge stimmen sollte

Üblich ist der Weg von den Händen nach oben und dann nach unten. Der Grund ist praktisch: Hände und Arme sind gut ansteuerbar, dort gelingt der Einstieg. Das Gesicht kommt früh, weil dort besonders viel Anspannung sitzt. Die Beine kommen zuletzt, weil man danach ohnehin liegen bleibt.

Wofür es untersucht ist

Neben dem Leitlinienstatus bei Schlafstörungen gibt es eine ganze Reihe von Übersichtsarbeiten aus verschiedenen Anwendungsbereichen, überwiegend aus der Pflegeforschung.

  • Schlafstörungen. Bedingte Empfehlung in der AASM-Leitlinie 2021 als Einzelbaustein.
  • Erschöpfung bei Krebserkrankungen. Mehrere Übersichtsarbeiten aus 2022 und 2024 zu Lebensqualität und tumorbedingter Erschöpfung.
  • Schwangerschaft. Eine Übersicht von 2024 zu Entspannungsverfahren und mütterlicher psychischer Gesundheit.
  • Depression. Eine ältere Cochrane-Übersicht von 2008 fand Wirkungen, die allerdings hinter denen der Psychotherapie zurückblieben.

Die ehrliche Einordnung

Die Effekte sind in der Regel klein bis moderat und die Studienqualität ist gemischt. Was das Verfahren auszeichnet, ist nicht die Höhe der Wirkung, sondern das Verhältnis: Es kostet nichts, hat kaum Nebenwirkungen, braucht keine Ausstattung und ist in fünfzehn Minuten erlernt.

Typische Fehler

So wirkt es

  • Mit 60 bis 70 Prozent der Kraft anspannen.
  • Abrupt loslassen, nicht langsam nachlassen.
  • Dem Nachspüren mehr Zeit geben als dem Anspannen.
  • Zwei bis drei Wochen täglich üben, bevor bilanziert wird.
  • Erst danach auf die Kurzform verdichten.

So bringt es wenig

  • Mit voller Kraft anspannen.
  • Die Nachspürphase abkürzen.
  • Nur im akuten Stress anwenden, ohne geübt zu haben.
  • Direkt mit der Vier-Gruppen-Kurzform beginnen.
  • Nach zwei Sitzungen aufgeben, weil nichts passiert ist.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei akuten Verletzungen, nach Operationen, bei Muskelerkrankungen mit Krampfneigung und bei Bluthochdruck, der noch nicht eingestellt ist, sollte die Anwendung vorher ärztlich abgesprochen werden. Betroffene Muskelgruppen lassen sich in der Regel problemlos auslassen, ohne dass die Übung ihren Zweck verliert.

Passend dazu

Fazit

Die progressive Muskelentspannung ist das unauffälligste Entspannungsverfahren und eines der wenigen mit Leitlinienrückhalt. Sie verlangt keine Vorstellungskraft, keine Haltung und keine Überzeugung. Wer sie zwei bis drei Wochen täglich übt, hat danach eine Fertigkeit, die in fünf Minuten abrufbar ist.

Der häufigste Grund für Enttäuschung ist die Anwendung ohne vorheriges Üben. Das Verfahren beruht darauf, dass der Körper den Wechsel gelernt hat. Wer erst in der angespannten Situation damit anfängt, probiert etwas Neues aus, statt etwas Geübtes abzurufen.

Häufige Fragen

Wie funktioniert die progressive Muskelentspannung?

Du spannst nacheinander einzelne Muskelgruppen für etwa fünf bis sieben Sekunden bewusst an, lässt dann abrupt los und nimmst für rund zwanzig bis dreißig Sekunden den Unterschied wahr. Dieser Wechsel wird über den ganzen Körper hinweg wiederholt. Entwickelt wurde das Verfahren von dem amerikanischen Arzt Edmund Jacobson ab den 1920er Jahren.

Warum spannt man erst an, wenn man sich entspannen will?

Aus zwei Gründen. Erstens ist der Kontrast leichter wahrnehmbar als der Zustand allein: Wer chronisch angespannt ist, spürt seine Anspannung oft gar nicht mehr, den Unterschied dagegen schon. Zweitens fällt das Loslassen nach einer Anspannung leichter als aus dem Ruhezustand heraus.

Ist das Verfahren wissenschaftlich anerkannt?

Ja, und es hat einen Status, den die meisten Entspannungsverfahren nicht haben. Die Leitlinie der American Academy of Sleep Medicine von 2021 spricht eine bedingte Empfehlung für Entspannungsverfahren bei chronischer Insomnie aus. Damit gehört es zu den wenigen Einzelbausteinen mit Leitlinienrückhalt, während etwa Achtsamkeit und Biofeedback dort keine Empfehlung erhielten.

Wie lange dauert eine Sitzung?

Die vollständige Fassung nach Jacobson umfasst über vierzig Muskelgruppen und dauert entsprechend lange. Gebräuchlich sind heute Kurzfassungen mit sieben bis sechzehn Gruppen, die zwischen zehn und zwanzig Minuten brauchen. Für den Alltag reicht eine Fassung mit vier Gruppen in etwa fünf Minuten.

Für wen ist es nicht geeignet?

Bei akuten Muskel- oder Gelenkverletzungen, nach Operationen und bei Erkrankungen mit Muskelkrämpfen sollte vorher ärztlich geklärt werden, welche Gruppen ausgespart werden. Bei niedrigem Blutdruck kann das Aufstehen danach kreislaufbedingt unangenehm sein. Bei Traumafolgestörungen gilt dasselbe wie für andere Körperübungen: erst mit Begleitung ausprobieren.

Wie oft sollte ich üben?

Für den Aufbau täglich über zwei bis drei Wochen. Das Verfahren beruht auf Konditionierung: Je häufiger der Wechsel geübt wird, desto schneller stellt sich die Entspannung später ein. Wer es nur im Bedarfsfall anwendet, ohne vorher geübt zu haben, wird meist enttäuscht.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Edinger, J. D. et al. (2021): Behavioral and psychological treatments for chronic insomnia disorder in adults: an American Academy of Sleep Medicine clinical practice guideline. Journal of Clinical Sleep Medicine 17(2), 255–262. Bedingte Empfehlung für Entspannungsverfahren

  2. 2

    Effects of progressive muscle relaxation on health-related outcomes in cancer patients: A systematic review. Complementary Therapies in Clinical Practice 2022

  3. 3

    The efficacy of progressive muscle relaxation training on cancer-related fatigue and quality of life. International Journal of Nursing Studies 2024

  4. 4

    Effects of relaxation interventions during pregnancy on maternal mental health, and pregnancy and newborn outcomes. PLOS ONE 2024. Entspannungsverfahren in der Schwangerschaft

  5. 5

    Relaxation for depression. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008. Ältere, aber grundlegende Übersicht zur Wirkung bei Depression