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Resilienz in der Gig-Economy

Bei Plattformarbeit wird viel über Unsicherheit gesprochen. Die Daten legen einen anderen Schwerpunkt nahe, und einen, der unangenehmer zu ändern ist.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein Fahrrad mit großer Transportbox am Gepäckträger steht abends an einem nassen Bordstein in einer Stadt
Der Arbeitsplatz ist die Straße, der Vorgesetzte ist eine App. Beides hat messbare Folgen. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel kommt ohne die üblichen Selbsthilfetipps aus, und das hat einen Grund. Die Belastungen in der Plattformarbeit liegen dort, wo eine einzelne Person am wenigsten ausrichten kann. Umso wichtiger ist es, sie genau zu benennen.

  • 39 Prozent der befragten Fahrer in Mailand berichteten Verkehrsunfälle.
  • 44 Prozent arbeiteten an sieben Tagen pro Woche.
  • Arbeitsplatzunsicherheit zeigte in der Metaanalyse keinen verlässlichen Zusammenhang.
  • Anstrengung ohne passende Belohnung war der stärkste Faktor.
  • Genau daran setzt algorithmische Steuerung an.

Die Zahlen aus Mailand

Belastbare Zahlen zur Plattformarbeit sind rar, weil die Beschäftigten schwer erreichbar sind. Eine italienische Arbeitsgruppe hat deshalb 240 Fahrer an ihren Sammelpunkten befragt, mit einem eigens entwickelten Fragebogen.

240

befragte Fahrer

97 %

davon Männer

81 %

unter 35 Jahre alt

83 %

mit außereuropäischer Herkunft

Berichtete Belastungen und Vorfälle

Arbeit an sieben Tagen pro Woche

44 %

Verkehrsunfall berichtet

39 %

Verbaler Angriff

28 %

Mehr als acht Stunden täglich

23 %

Körperlicher Angriff

12 %

MerkmalWert in %
Arbeit an sieben Tagen pro Woche44 %
Verkehrsunfall berichtet39 %
Verbaler Angriff28 %
Mehr als acht Stunden täglich23 %
Körperlicher Angriff12 %

Anteile der 240 befragten Fahrer. Der Unfallanteil hing mit dem Fahrzeugtyp, mit Ermüdung und mit der Zahl der täglichen Lieferungen zusammen. Quelle: Boniardi et al. 2024.

Weitere Angaben aus der Befragung. Quelle: Boniardi et al. 2024
MerkmalAngabe
Fahrzeuge40 Prozent gewöhnliche Fahrräder, 46 Prozent Elektrofahrräder
Einflussfaktoren auf UnfälleFahrzeugtyp, Ermüdung und Zahl der täglichen Lieferungen
Häufigste gesundheitliche BeschwerdenMuskel-Skelett-Beschwerden
ErhebungszeitraumJuli bis November 2022

Die Befragung ist eine Erkundungsstudie an Sammelpunkten. Sie erlaubt keine Aussage über alle Fahrer der Stadt, weil nicht zufällig ausgewählt wurde.

Diese Zahlen sind der Ausgangspunkt, nicht der Nebenaspekt

Bei einem Beruf, in dem vier von zehn Befragten einen Verkehrsunfall berichten und beinahe die Hälfte sieben Tage pro Woche arbeitet, geht es nicht zuerst um Stressbewältigung. Es geht um Arbeitsschutz, Fahrzeuge, Schichtlängen und die Zahl der Aufträge pro Stunde.

Der überraschende Nullbefund

Für die psychische Seite gibt es eine belastbare Grundlage: eine Metaanalyse ausschließlich prospektiver Kohortenstudien, die psychosoziale Arbeitsmerkmale gegen das Neuauftreten stressbedingter psychischer Erkrankungen rechnet.

Quotenverhältnisse für stressbedingte psychische Erkrankungen. Quelle: van der Molen et al. 2020
FaktorQuotenverhältnisVertrauensbereich
Missverhältnis von Anstrengung und Belohnung1,91,70 bis 2,15
Organisationale Gerechtigkeit1,6 bis 1,71,44 bis 1,86
Hohe Arbeitsanforderungen1,61,41 bis 1,72
Hohe emotionale Anforderungen1,61,35 bis 1,84
Soziale Unterstützung1,3 bis 1,41,16 bis 1,69
Entscheidungsbefugnis1,31,20 bis 1,49
Arbeitsplatzunsicherheitkein verlässlicher Zusammenhangnicht bedeutsam oder widersprüchlich

14 prospektive Kohortenstudien mit 73.874 Beschäftigten aus Belgien, Dänemark, England, Finnland, Japan, den Niederlanden und Schweden. Die Evidenz wurde nach GRADE als moderat eingestuft.

Für Arbeitsplatzunsicherheit, Entscheidungsspielraum, Anforderungsvielfalt und Schikanierung fanden sich keine bedeutsamen oder nur widersprüchliche Zusammenhänge.
van der Molen, Nieuwenhuijsen, Frings-Dresen & de Groene 2020
  • Der Befund ist nicht so zu lesen, dass Unsicherheit harmlos ist. Prospektive Studien mit einer harten Zielgröße sind streng. Ein ausbleibender Nachweis kann auch an unterschiedlichen Messungen liegen.
  • Er verschiebt aber den Schwerpunkt. Was verlässlich zeigte, war die Bilanz aus Anstrengung und Gegenleistung sowie die Frage, ob es gerecht zugeht. Beides ist gestaltbar und beides ist in der Plattformarbeit strukturell schwach.
  • Die drei stärksten Faktoren lagen bei 60 bis 90 Prozent Risikoerhöhung. Das sind für eine arbeitsbezogene Zielgröße erhebliche Werte.
  • Entscheidungsbefugnis war bedeutsam, Entscheidungsspielraum nicht. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied: Es geht weniger um Abwechslung als um die Befugnis, tatsächlich zu entscheiden.

Was algorithmische Steuerung berührt

In der Plattformarbeit werden Kernaufgaben der Führung von Software erledigt: Auftragszuteilung, Wegplanung, Bewertung, Vergütung und im Zweifel die Sperrung des Zugangs. Eine Übersichtsarbeit hat zusammengetragen, welche Merkmale der Arbeitsqualität davon berührt werden.

Die acht genannten Merkmale und ihr Bezug zur Metaanalyse. Quelle: Vignola et al. 2023
Merkmal der ArbeitsqualitätEntsprechung in den Risikofaktoren
ArbeitsmengeHohe Arbeitsanforderungen, Quotenverhältnis 1,6
EinkommenssicherheitTeil der Bilanz von Anstrengung und Belohnung, 1,9
Bedeutsamkeit der AufgabeTeil der Gegenleistung im weiteren Sinn
Verlässlichkeit der EinsatzplanungErholung und Planbarkeit
Soziale und emotionale AnerkennungTeil der Bilanz von Anstrengung und Belohnung
Beziehungen zu anderenSoziale Unterstützung, 1,3 bis 1,4
EntscheidungsbefugnisEntscheidungsbefugnis, 1,3
Vertrauen in die OrganisationOrganisationale Gerechtigkeit, 1,6 bis 1,7

Die rechte Spalte ist eine Zuordnung dieses Artikels zwischen zwei getrennten Arbeiten, keine Angabe der Übersichtsarbeit selbst.

Warum der Abgleich aufschlussreich ist

Die Übersichtsarbeit hat die Merkmale nicht ausgewählt, weil sie zur Metaanalyse passen, sondern weil sie als Merkmale der Arbeitsqualität mit bekannten Bezügen zur Gesundheit gelten. Dass sich fast alle bei den nachgewiesenen Risikofaktoren wiederfinden, ist der eigentliche Punkt: Algorithmische Steuerung greift nicht an einer Randstelle ein, sondern genau dort, wo die Evidenz am deutlichsten ist.

Die Autorengruppe hält die Forschung ausdrücklich für rückständig gegenüber der Entwicklung. Sie hat sich vor allem auf plattformbasierte Essens- und Lebensmittellieferung konzentriert, weil dieser Bereich weltweit stark wächst und politisch beachtet wird.

Die Schutzlücke

Ein Vergleich von acht Industriestaaten hat untersucht, wie Beschäftigungsstatus und Arbeitsschutz für niedrig entlohnte und selbstständige Plattformarbeitende geregelt sind.

  • Die Autorengruppe beschreibt eine anhaltende Zweiteilung. Auf der einen Seite herkömmliche Arbeitsverhältnisse mit gutem Schutz, auf der anderen niedrig entlohnte und selbstständige Plattformarbeitende, die aus den Systemen überwiegend herausfallen.
  • Der Kern ist die Einordnung des Status. Die Arbeit untersucht, wie Fehleinordnungen des Beschäftigungsverhältnisses und Definitionen von Beschäftigten in Gesetz und Politik behandelt wurden.
  • Es gab Fortschritte, aber kleine. Während der Pandemie kam es zu geringen und oft befristeten Verbesserungen.
  • Das erklärt die Grenze dieses Artikels. Wer keinen Zugang zu Arbeitsschutz, betriebsärztlicher Betreuung oder bezahlter Ausfallzeit hat, kann Belastung schlechter abfedern, unabhängig von persönlicher Widerstandskraft.

Praktisch

Wenn du selbst auf Plattformen arbeitest

  • Das Unfallrisiko ist der wichtigste Punkt. Unter den befragten Fahrern hing es mit dem Fahrzeugtyp, mit Ermüdung und mit der Zahl der täglichen Lieferungen zusammen. Alle drei sind teilweise beeinflussbar, zwei davon durch die Entscheidung, eine Schicht zu beenden.
  • Prüf deinen Versicherungsstatus, bevor etwas passiert. Ob ein Unfall auf dem Weg zu einer Lieferung als Arbeitsunfall gilt, hängt vom Beschäftigungsverhältnis ab. Die Klärung danach ist deutlich schwieriger.
  • Muskel-Skelett-Beschwerden waren die häufigste Klage. Sie entwickeln sich langsam und werden lange hingenommen. Eine frühe hausärztliche Vorstellung ist hier wirksamer als jede Übung im Nachhinein.
  • Der Anschluss an andere ist keine Nebensache. Soziale Unterstützung war in der Metaanalyse ein eigenständiger Faktor. Die Sammelpunkte, an denen die Befragung stattfand, sind genau deshalb wichtig.
  • Achte auf die Bilanz, nicht auf das Gefühl der Unsicherheit. Der stärkste Risikofaktor war das Missverhältnis von Anstrengung und Gegenleistung. Auszurechnen, was eine Stunde nach Abzug von Wartezeit und Verschleiß übrig lässt, ist damit mehr als eine Geldfrage.

Für Auftraggeber und Politik

  • Gerechtigkeit ist ein messbarer Gesundheitsfaktor. Organisationale Gerechtigkeit lag bei einem Quotenverhältnis von 1,6 bis 1,7. Nachvollziehbare Auftragszuteilung und ein Widerspruchsweg gegen Sperrungen sind damit keine Nettigkeiten.
  • Die Vergütungsstruktur ist der stärkste Hebel. Das Missverhältnis von Anstrengung und Belohnung war der Faktor mit dem höchsten Quotenverhältnis.
  • Auftragsdichte ist Arbeitsschutz. Unter den befragten Fahrern hing das Unfallrisiko mit der Zahl der Lieferungen pro Tag zusammen. Was die Zuteilung beschleunigt, erhöht das Risiko.
  • Die Forschung hinkt nachweislich hinterher. Die Übersichtsarbeit benennt das selbst und formuliert dringende offene Forschungsfragen zur Gesundheit unter algorithmischer Steuerung.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn du nach einem Unfall Schmerzen, Schlafstörungen oder wiederkehrende Bilder des Geschehens hast, gehört das ärztlich abgeklärt, auch ohne sichtbare Verletzung. Das gilt unabhängig vom Beschäftigungsverhältnis. Die Terminservicestelle ist unter 116 117 erreichbar.

Passend dazu

Fazit

Plattformarbeit ist zuerst ein Arbeitsschutzthema. Unter 240 in Mailand befragten Fahrern berichteten 39 Prozent Verkehrsunfälle, 28 Prozent verbale und 12 Prozent körperliche Angriffe. 44 Prozent arbeiteten an sieben Tagen pro Woche, 23 Prozent mehr als acht Stunden täglich. Das Unfallrisiko hing mit Fahrzeugtyp, Ermüdung und Auftragsdichte zusammen.

Auf der psychischen Seite verschiebt eine Metaanalyse über 14 prospektive Kohortenstudien mit 73.874 Beschäftigten den Schwerpunkt. Arbeitsplatzunsicherheit zeigte keinen verlässlichen Zusammenhang mit stressbedingten psychischen Erkrankungen. Deutlich zeigten sich dagegen ein Missverhältnis von Anstrengung und Belohnung mit einem Quotenverhältnis von 1,9, geringe organisationale Gerechtigkeit mit 1,6 bis 1,7 und hohe Anforderungen mit 1,6.

Genau diese Größen berührt algorithmische Steuerung: Arbeitsmenge, Einkommenssicherheit, Planbarkeit, Anerkennung, Entscheidungsbefugnis und Vertrauen. Weil zugleich der arbeitsrechtliche Schutz für diese Gruppe weitgehend fehlt, ist persönliche Widerstandskraft hier die schwächste der verfügbaren Antworten.

Häufige Fragen

Wie gefährlich ist Essenslieferung als Arbeit?

In einer Befragung von 240 Fahrern in Mailand berichteten 39 Prozent von Verkehrsunfällen. 28 Prozent berichteten verbale und 12 Prozent körperliche Angriffe. Muskel-Skelett-Beschwerden waren häufig.

Wie lange arbeiten Lieferfahrer?

In derselben Befragung arbeiteten 44 Prozent an sieben Tagen pro Woche und 23 Prozent mehr als acht Stunden täglich.

Ist Arbeitsplatzunsicherheit der wichtigste psychische Risikofaktor?

Nach einer Metaanalyse über 14 prospektive Kohortenstudien mit 73.874 Beschäftigten nicht. Für Arbeitsplatzunsicherheit fanden sich keine bedeutsamen oder nur widersprüchliche Zusammenhänge mit stressbedingten psychischen Erkrankungen.

Welche Faktoren zeigten die stärksten Zusammenhänge?

Ein Missverhältnis von Anstrengung und Belohnung mit einem Quotenverhältnis von 1,9, geringe organisationale Gerechtigkeit mit 1,6 bis 1,7 und hohe Arbeitsanforderungen mit 1,6.

Was ist algorithmische Steuerung?

Kernaufgaben der Führung werden von Algorithmen statt von Menschen erledigt: Auftragszuteilung, Bewertung, Bezahlung, Sperrung. Eine Übersichtsarbeit nennt acht Merkmale der Arbeitsqualität, die davon berührt werden.

Sind Plattformarbeitende sozial abgesichert?

Ein Vergleich von acht Industriestaaten beschreibt eine anhaltende Trennung zwischen abgesicherten Arbeitsverhältnissen und überwiegend nicht einbezogenen niedrig entlohnten und selbstständigen Plattformarbeitenden.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Boniardi, L. et al. (2024): Occupational Safety and Health of Riders Working for Digital Food Delivery Platforms in the City of Milan, Italy. La Medicina del Lavoro. Strukturierte Interviews mit 240 Fahrern an ihren Sammelpunkten, Erhebung von Juli bis November 2022

  2. 2

    van der Molen, H. F., Nieuwenhuijsen, K., Frings-Dresen, M. H. W. & de Groene, G. (2020): Work-related psychosocial risk factors for stress-related mental disorders: an updated systematic review and meta-analysis. BMJ Open. 17 eingeschlossene Studien, Metaanalyse über 14 prospektive Kohortenstudien mit 73.874 Beschäftigten aus sieben Ländern, Bewertung der Evidenz nach GRADE

  3. 3

    Vignola, E. F., Baron, S., Abreu Plasencia, E., Hussein, M. & Cohen, N. (2023): Workers' Health under Algorithmic Management: Emerging Findings and Urgent Research Questions. International Journal of Environmental Research and Public Health. Übersichtsarbeit über Literatur aus Public Health, Soziologie, Managementforschung und Mensch-Computer-Interaktion

  4. 4

    MacEachen, E. et al. (2022): Laws, Policies, and Collective Agreements Protecting Low-wage and Digital Platform Workers During the COVID-19 Pandemic. NEW SOLUTIONS: A Journal of Environmental and Occupational Health Policy. Vergleich von acht Industriestaaten