Beruf & UnternehmenOrganisationale Resilienz

Resilienz bei Fusionen und Übernahmen

Über Fusionen wird meist aus der Sicht derer gesprochen, die gehen. Die härtesten Zahlen betreffen die, die bleiben, und sie stammen aus amtlichen Registern.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Zwei gestapelte Umzugskartons stehen neben einem leergeräumten Schreibtisch in einem Büro
Nach einer Fusion bleiben mehr Menschen als gehen. Über die Bleibenden gibt es die deutlicheren Zahlen. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Bei Fusionen und Übernahmen geht die Aufmerksamkeit zu den Kündigungen. Die arbeitsmedizinische Forschung hat sich auf eine andere Gruppe konzentriert, und die Befunde sind ungewöhnlich hart: Sie beruhen auf Krankmeldungsakten und amtlichen Sterberegistern.

  • Beschäftigte, die nach starkem Personalabbau blieben, hatten mehr Krankmeldungen.
  • Ihre Herz-Kreislauf-Sterblichkeit lag doppelt so hoch.
  • In den ersten vier Jahren lag sie 5,1-fach höher.
  • Für die Leistungssteigerung durch Krankenhausfusionen fehlen belastbare Belege.
  • Verfahrensgerechtigkeit sagt Krankmeldungen unabhängig von der Arbeitslast vorher.

Was untersucht ist

Die Forschung zu Fusionen zerfällt in zwei Stränge, die selten zusammen gelesen werden. Der eine fragt, ob der Zusammenschluss betriebswirtschaftlich funktioniert. Der andere fragt, was mit den Menschen passiert.

Zwei Forschungsstränge
FrageBeste DatenlageBefund
Verbessert die Fusion die Leistung?16 Arbeiten zu KrankenhausfusionenWidersprüchlich, Belegstärke für alle Kennzahlen unzureichend
Was passiert mit den Beschäftigten, die gehen?Allgemeine ArbeitslosigkeitsforschungGut belegte und dauerhafte Folgen, hier nicht Thema
Was passiert mit denen, die bleiben?Prospektive Kohorte über 7,5 Jahre mit 22.430 PersonenMehr Krankmeldungen, erhöhte Herz-Kreislauf-Sterblichkeit

Die dritte Zeile ist die am wenigsten erwartete und die am besten belegte. Sie steht deshalb im Mittelpunkt dieses Artikels.

Die Bleibenden

Die maßgebliche Untersuchung stammt aus Finnland und verfolgte kommunale Beschäftigte über 7,5 Jahre. Eingeschlossen wurden ausdrücklich nur Personen, die ihre Stelle behielten. Eingeteilt wurde nach dem Ausmaß des Personalabbaus in ihrem Beruf und an ihrem Arbeitsplatz.

22.430

einbezogene Beschäftigte

7,5

Jahre Nachbeobachtung

> 18 %

gilt als starker Abbau

2,0

fache Herz-Kreislauf-Sterblichkeit

Was gefunden wurde. Quelle: Vahtera et al. 2004
ZielgrößeBefund
KrankmeldungenAnstieg mit dem Ausmaß des Abbaus, bei fest angestellten Personen, nicht bei befristet beschäftigten
Herz-Kreislauf-SterblichkeitAnstieg mit dem Ausmaß des Abbaus, 2,0-fach nach starkem gegenüber keinem Abbau (95 % VB 1,0 bis 3,9)
Sterblichkeit aus anderen UrsachenKein Zusammenhang

Die Krankmeldungen stammten aus den Aufzeichnungen der Arbeitgeber, die Sterbedaten aus dem nationalen Sterberegister. Beides ist unabhängig von Selbstauskunft.

Personalabbau in Organisationen kann bei Beschäftigten, die ihre Stelle behalten, die Krankmeldungen und das Risiko erhöhen, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben.
Vahtera et al. 2004

Zwei Einschränkungen, die dazugehören

Erstens berührt das Vertrauensintervall für die Verdopplung die Eins, reicht also knapp an die Grenze zur Bedeutungslosigkeit. Zweitens handelt es sich um eine Beobachtungsstudie: Betriebe, die stark abbauen, unterscheiden sich möglicherweise auch in anderer Hinsicht von Betrieben, die es nicht tun. Der Befund ist damit ein starker Hinweis und kein Beweis.

Bemerkenswert ist die Spezifität. Nur die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit stieg, die Sterblichkeit aus anderen Ursachen nicht. Eine Maßnahme, die alle Todesursachen erhöht, wäre verdächtig. Eine, die genau die stressassoziierte Todesursache erhöht, passt zu einem plausiblen Wirkweg.

Das Zeitmuster

Der aufschlussreichste Teil der Untersuchung ergibt sich, wenn man den Beobachtungszeitraum aufteilt. Er sagt etwas darüber, wann eine Organisation gegensteuern müsste.

Herz-Kreislauf-Sterblichkeit nach starkem Personalabbau

Erste vier Jahre nach dem Abbau

5,1

VB 1,4 bis 19,3

Gesamter Zeitraum

2

VB 1,0 bis 3,9

Zweite Hälfte des Zeitraums

1,4

VB 0,6 bis 3,1, nicht bedeutsam

MerkmalWert in
Erste vier Jahre nach dem Abbau5.1
Gesamter Zeitraum2
Zweite Hälfte des Zeitraums1.4

Verhältnis gegenüber Beschäftigten ohne Personalabbau, also Faktor 1 bedeutet kein Unterschied. Quelle: Vahtera et al. 2004.

  • Der Effekt liegt vorn. In den ersten vier Jahren war er groß, danach nicht mehr bedeutsam. Das spricht für eine akute Belastungsphase und gegen einen langsam wirkenden Mechanismus.
  • Das Vertrauensintervall ist breit. Von 1,4 bis 19,3 reicht eine große Spannweite, weil es sich um wenige Todesfälle handelt. Die Richtung ist gesichert, die Größe nicht.
  • Praktisch heißt das: Wenn eine Organisation etwas tun will, dann in den ersten Jahren. Ein Unterstützungsangebot, das anläuft, wenn sich die Lage beruhigt hat, kommt nach dieser Datenlage zu spät.

Was mit der Leistung passiert

Wenn der menschliche Preis so hoch ist, sollte der Gegenwert erkennbar sein. Für einen Bereich mit gut messbarer Leistung, das Krankenhaus, hat eine systematische Übersicht das geprüft und 16 Arbeiten eingeschlossen.

Krankenhausfusionen und Qualitätskennzahlen. Quelle: Mariani et al. 2022
BereichBeobachtete Tendenz
BettenzahlRückgang
PersonalRückgang
Stationäre AufnahmenRückgang
Sterblichkeit bei Herzinfarkt und SchlaganfallAnstieg
Wiederaufnahmerate bei Herzinfarkt und SchlaganfallAnstieg

Die Autorengruppe betont, dass die Ergebnisse widersprüchlich waren, kaum statistisch bedeutsame Befunde vorlagen und die Belegstärke für sämtliche Kennzahlen unzureichend war, um zu abschließenden Schlüssen zu kommen.

In unserer Untersuchung gibt es keine starken Belege für eine Verbesserung oder Verschlechterung der Qualitätskennzahlen bei Krankenhausfusionen.
Mariani et al. 2022

Wie diese Tabelle zu lesen ist

Die Tendenzen in der Tabelle sind ausdrücklich keine belegten Effekte. Die Autorengruppe sagt, dass die Belegstärke nicht ausreicht. Trotzdem lohnt der Blick auf die Richtung: Weniger Betten, weniger Personal und weniger Aufnahmen sind das erklärte Ziel vieler Zusammenschlüsse. Dass in derselben Auswertung die Sterblichkeit bei zwei Notfalldiagnosen zunahm, ist ein Grund für Aufmerksamkeit, nicht für eine Schlagzeile.

Die Empfehlung der Autorengruppe ist praktisch verwertbar: Wer eine Fusion verantwortet, soll vorher einen Bewertungsrahmen mit Kennzahlen festlegen und regelmäßig prüfen, dass die Versorgungsqualität nicht sinkt. Das ist der Unterschied zwischen einer geprüften und einer behaupteten Verbesserung.

Der eine Hebel

Bleibt die Frage, was sich beeinflussen lässt. Der bestuntersuchte Ansatzpunkt ist die Verfahrensgerechtigkeit. Eine prospektive Kohortenstudie hat 3773 Beschäftigte in zehn finnischen Krankenhäusern über drei Jahre begleitet.

Geringe Gerechtigkeit und Gesundheit. Quelle: Kivimäki et al. 2003
BereichZielgrößeMännerFrauen
Gerechtigkeit der EntscheidungsverfahrenKrankmeldungen41 % höheres Risiko12 % höheres Risiko
Gerechtigkeit der EntscheidungsverfahrenLeichtere psychische BeschwerdenOR 1,6OR 1,4
Gerechtigkeit der EntscheidungsverfahrenSelbst bewerteter GesundheitszustandOR 1,4OR 1,4
Gerechtigkeit im persönlichen UmgangKrankmeldungen30 % höheres Risiko20 % höheres Risiko
Gerechtigkeit im persönlichen UmgangLeichtere psychische BeschwerdenOR 1,2OR 1,2
  • Die Zusammenhänge blieben bestehen, als Handlungsspielraum, Arbeitslast, soziale Unterstützung und Feindseligkeit herausgerechnet wurden. Es handelt sich also um einen eigenständigen Beitrag, nicht um eine verkappte Arbeitslastfrage.
  • Sie ließen sich in ursprünglich gesunden Teilgruppen wiederholen. Das schließt aus, dass nur bereits erkrankte Personen das Ergebnis erzeugten.
  • Es fanden sich keine Hinweise auf eine umgekehrte Wirkrichtung. Die Autorengruppe hat ausdrücklich geprüft, ob Gerechtigkeitsurteile eine Folge von Gesundheit sein könnten, und keine Belege dafür gefunden.
  • Der Unterschied zwischen den beiden Bereichen ist praktisch nützlich. Verfahrensgerechtigkeit wirkte stärker als Gerechtigkeit im persönlichen Umgang. Wie entschieden wird, zählt mehr als der Ton dabei.

Wandel allein reicht nicht als Erklärung

Zur Einordnung gehört ein Gegengewicht. Wenn Fusionen an sich krank machen würden, müsste sich das in der allgemeinen Forschung zu organisatorischem Wandel zeigen. Dort ist der Befund uneindeutig.

Wandel und psychische Gesundheit. Quelle: Bamberger et al. 2012
BefundAngabe
Studien mit erhöhtem Risiko für psychische Probleme11 von 17
Stärke im LängsschnittWeniger deutlich als im Querschnitt
Gesamturteil der AutorengruppeDie Belege reichen für einen gesicherten Zusammenhang nicht aus

Wie die drei Befunde zusammenpassen

Wandel als solcher ist kein gesicherter Risikofaktor. Starker Personalabbau, gemessen an Krankmeldungsakten und Sterberegistern, ist einer. Und geringe Verfahrensgerechtigkeit ist ebenfalls einer, unabhängig von der Arbeitslast. Das ergibt eine klare Reihenfolge: Es geht nicht darum, ob umgebaut wird, sondern wie stark abgebaut und nach welchen Regeln entschieden wird.

Praktisch

Für Verantwortliche

  • Die Bleibenden mitplanen. Sie sind die größere Gruppe und die mit den belegten gesundheitlichen Folgen. Ein Programm, das nur die Ausscheidenden begleitet, lässt die untersuchte Risikogruppe aus.
  • Die ersten vier Jahre sind entscheidend. Dort lag der Effekt. Was danach anläuft, kommt nach dieser Datenlage zu spät.
  • Entscheidungsregeln vorher festlegen und offenlegen. Verfahrensgerechtigkeit war der stärkere der beiden Gerechtigkeitsbereiche und wirkte unabhängig von Arbeitslast und Handlungsspielraum.
  • Kennzahlen vorher festlegen. Die Übersicht zu Krankenhausfusionen empfiehlt ausdrücklich einen Bewertungsrahmen, der regelmäßig prüft, dass die Leistungsqualität nicht sinkt.
  • Abbautiefe als eigene Größe behandeln. Die Studie unterschied unter 8 Prozent, 8 bis 18 Prozent und über 18 Prozent. Die Folgen traten vor allem bei der obersten Stufe auf.

Für Betroffene

  • Bleiben ist keine Entwarnung. Die untersuchten Folgen betrafen genau die Gruppe, die ihre Stelle behielt. Wer sich nach einer Fusion schlechter fühlt, folgt einem beschriebenen Muster.
  • Herz-Kreislauf-Beschwerden ernst nehmen. Der Befund betraf ausschließlich diese Todesursache. Bluthochdruck, Brustschmerz und anhaltende Erschöpfung gehören abgeklärt.
  • Die Verfahrensfrage ist ein legitimes Thema. Nach welchen Regeln entschieden wird und ob sie für alle gelten, ist ein Mitbestimmungsthema und keine persönliche Empfindlichkeit.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Anhaltender Personalabbau ist eine Belastung, die in die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung gehört. Wer nach einer Umstrukturierung über Wochen schlecht schläft, Herzbeschwerden bemerkt oder morgens mit Angst aufwacht, sollte das ärztlich abklären lassen. Der Betriebsarzt unterliegt der Schweigepflicht gegenüber dem Arbeitgeber.

Passend dazu

Fazit

Die härtesten Zahlen zu Fusionen und Übernahmen betreffen nicht die Ausscheidenden, sondern die Bleibenden. In einer prospektiven Kohorte mit 22.430 Beschäftigten über 7,5 Jahre stiegen nach starkem Personalabbau die Krankmeldungen, und die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit lag doppelt so hoch, in den ersten vier Jahren 5,1-fach. Die Sterblichkeit aus anderen Ursachen blieb unverändert.

Der Gegenwert ist schwer nachweisbar. Für Krankenhausfusionen fand eine Übersicht über 16 Arbeiten widersprüchliche Ergebnisse und für alle Kennzahlen unzureichende Belegstärke, während die beobachtete Richtung bei Sterblichkeit und Wiederaufnahmen nach Herzinfarkt und Schlaganfall nach oben zeigte.

Und der belegte Hebel ist ein Verfahren, kein Programm. Geringe Gerechtigkeit bei Entscheidungsverfahren sagte Krankmeldungen und leichtere psychische Beschwerden prospektiv vorher, unabhängig von Arbeitslast und Handlungsspielraum, ohne Hinweise auf eine umgekehrte Wirkrichtung. Wie entschieden wird, zählt dabei mehr als der Ton.

Häufige Fragen

Was passiert mit denen, die nach einem Personalabbau bleiben?

In einer prospektiven Kohortenstudie über 7,5 Jahre mit 22.430 kommunalen Beschäftigten, die ihre Stelle behielten, stiegen die Krankmeldungen nach starkem Personalabbau, und die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit lag doppelt so hoch wie ohne Abbau.

Was gilt als starker Personalabbau?

In dieser Studie eine Verringerung des Personals um mehr als 18 Prozent. Als geringer Abbau galten 8 bis 18 Prozent, als kein Abbau weniger als 8 Prozent.

Wann trat der Effekt auf?

Vor allem früh. In den ersten vier Jahren nach dem Abbau lag die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit 5,1-fach höher, in der zweiten Hälfte des Beobachtungszeitraums war der Wert nicht mehr bedeutsam.

Traf es alle gleich?

Nein. Der Anstieg der Krankmeldungen zeigte sich bei fest angestellten, nicht bei befristet beschäftigten Personen. Die Autorengruppe deutet das nicht weiter aus.

Verbessert eine Fusion die Leistung?

Für Krankenhausfusionen ließ sich das nicht zeigen. Eine systematische Übersicht über 16 Arbeiten fand widersprüchliche Ergebnisse und für alle Kennzahlen eine unzureichende Belegstärke.

Was kann man tun?

Verfahrensgerechtigkeit sichern. In einer prospektiven Kohorte mit 3773 Krankenhausbeschäftigten war geringe Gerechtigkeit bei Entscheidungsverfahren mit einem um 41 Prozent höheren Krankmeldungsrisiko bei Männern verbunden, unabhängig von Handlungsspielraum und Arbeitslast.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Vahtera, J. et al. (2004): Organisational downsizing, sickness absence, and mortality: 10-town prospective cohort study. BMJ. Prospektive Kohortenstudie über 7,5 Jahre mit 5909 Männern und 16.521 Frauen im kommunalen Dienst in Finnland, die ihre Stelle behielten

  2. 2

    Mariani, M. et al. (2022): Impact of hospital mergers: a systematic review focusing on healthcare quality measures. European Journal of Public Health. 16 eingeschlossene Arbeiten, ausgewertet als erzählende Zusammenfassung mit Bewertung der Belegstärke

  3. 3

    Kivimäki, M. et al. (2003): Organisational justice and health of employees: prospective cohort study. Occupational and Environmental Medicine. 416 Männer und 3357 Frauen in zehn finnischen Krankenhäusern, Krankmeldungen aus Aufzeichnungen mit ärztlicher Bescheinigung

  4. 4

    Bamberger, S. G. et al. (2012): Impact of organisational change on mental health: a systematic review. Occupational and Environmental Medicine. 17 eingeschlossene Studien, Querschnitt und Längsschnitt