
Auf einen Blick
Eine Kündigung ist ein Ereignis mit drei Baustellen: einer rechtlichen, einer finanziellen und einer psychischen. Die Forschung sagt zu allen drei etwas, und sie legt eine Reihenfolge nahe, die von der gefühlten abweicht.
- Das Risikoverhältnis für die Gesamtsterblichkeit lag bei 1,63.
- Das wirksamste Programm arbeitete an Fertigkeiten, nicht am Gefühl.
- Selbstwirksamkeit vermittelte den Weg zu Wiederbeschäftigung und weniger Depressivität.
- Die Vorbereitung auf Rückschläge schützte beim zweiten Verlust.
- Am meisten profitierten die Personen mit dem höchsten Ausgangsrisiko.
Die Größenordnung
Damit klar ist, warum das Thema kein Befindlichkeitsthema ist, zuerst die harte Zahl. Eine Metaanalyse hat den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Gesamtsterblichkeit bei Personen im erwerbsfähigen Alter untersucht.
42
ausgewertete Studien
235
Risikoschätzungen
über 20 Mio.
einbezogene Personen
1,63
mittleres Risikoverhältnis
| Merkmal | Befund |
|---|---|
| Geschlecht | Der mittlere Effekt war für Männer höher als für Frauen |
| Berufsphase | Erhöhtes Risiko in der frühen und mittleren Berufsphase, geringer in der späten |
| Zeitverlauf | Am höchsten in den ersten zehn Jahren der Nachbeobachtung, danach abnehmend |
| Gesundheitsverhalten | In den Studien, die es mit berücksichtigten, lag das Risikoverhältnis um 24 Prozent niedriger |
Der Wert von 1,63 gilt für Schätzungen, die um Alter und weitere Einflussgrößen bereinigt sind.
Was der letzte Punkt bedeutet
Dass das Risiko in Studien mit Kontrolle des Gesundheitsverhaltens um ein knappes Viertel niedriger ausfiel, heißt: Ein Teil des Zusammenhangs läuft über Rauchen, Alkohol, Bewegung und Ernährung. Ein Teil, nicht der ganze. Die Autorengruppe empfiehlt daraus gezielte Angebote für Arbeitslose, unter anderem zur Herz-Kreislauf-Vorsorge.
Eine Einschränkung ist grundsätzlich: Wer krank ist, verliert die Arbeit eher, und wer die Arbeit verliert, wird eher krank. Beobachtungsdaten können das nicht vollständig trennen. Der Effekt bleibt aber auch nach Bereinigung deutlich.
Das Programm, das wirkte
Es gibt ein Programm für entlassene Menschen, das in einem randomisierten Feldexperiment geprüft wurde und seither als Bezugspunkt gilt. Es hieß JOBS II und richtete sich an kürzlich Entlassene.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Stichprobe | 1.801 kürzlich entlassene Personen |
| Programmgruppe | 671 Personen |
| Inhalte | Stärkung der Selbstwirksamkeit durch Fertigkeiten der Stellensuche und des Problemlösens sowie Vorbereitung auf Rückschläge |
| Ziele | Schlechte psychische Gesundheit verhindern und hochwertige Wiederbeschäftigung fördern |
| Besonderheit | Personen mit erhöhtem Risiko für eine deutliche Zunahme depressiver Beschwerden wurden gezielt überproportional einbezogen |
Die Ergebnisse zeigten, dass die Maßnahme vor allem die Wiederbeschäftigung und die psychische Gesundheit der Personen mit hohem Risiko verbesserte.
- Der Inhalt war praktisch, nicht therapeutisch. Es ging um Bewerben, Gespräche führen, Probleme lösen. Die psychische Wirkung war eine Folge davon, nicht das direkte Ziel der Übungen.
- Die Wirkung war ungleich verteilt. Sie zeigte sich vor allem bei den Personen mit hohem Ausgangsrisiko. Für alle anderen war der Zusatznutzen geringer.
- Die Autorengruppe zieht daraus eine klare Folgerung. Die Wirksamkeit solcher vorbeugender Angebote lässt sich steigern, wenn man sie gezielt an Menschen mit hohem Risiko richtet, die vorab erkennbar sind.
- Das Alter der Studie ist eine Einschränkung. Sie stammt aus den 1990er Jahren und aus den USA. Arbeitsmarkt, Bewerbungswege und soziale Sicherung sind heute anders.
Die beiden Wirkstoffe
Zwei Jahre später hat dieselbe Arbeitsgruppe untersucht, über welche Wege das Programm eigentlich wirkte. Diese Auswertung ist der eigentlich nützliche Teil, weil sie sagt, was man selbst übernehmen kann.
| Wirkstoff | Was er bewirkte |
|---|---|
| Gestärkte Selbstwirksamkeit | Vermittelte die Effekte auf Wiederbeschäftigung, auf finanzielle Belastung und auf die Abnahme depressiver Beschwerden |
| Vorbereitung auf Rückschläge | Schützte jene Personen, die eine wiedergewonnene Stelle erneut verloren |
Berechnet mit einem Strukturgleichungsmodell. Vermittelnde Effekte zeigen Wirkwege, nicht endgültig die Ursächlichkeit.
Die Vorbereitung schützte sie vor jenem hohen Ausmaß depressiver Beschwerden, das für die entsprechenden Personen in der Vergleichsgruppe typisch war.
Warum der zweite Wirkstoff der bemerkenswertere ist
Er wirkte nicht im Durchschnitt, sondern in der schlechtesten denkbaren Lage: bei denjenigen, die es geschafft hatten und dann wieder ihre Stelle verloren. Der Nutzen der Vorbereitung zeigte sich also genau dann, wenn sie gebraucht wurde. Das ist ein ungewöhnlich sauberer Befund für ein Präventionsprogramm.
Selbstwirksamkeit meint hier nicht Zuversicht als Stimmung, sondern die begründete Annahme, eine Sache bewältigen zu können. Sie entstand im Programm durch Können, nicht durch Zuspruch. Das ist der wichtigste Unterschied zu vielen gut gemeinten Angeboten.
Die Fristen in Deutschland
Zwei Fristen entscheiden über Rechte, die sich später nicht zurückholen lassen. Sie laufen genau in den Tagen, in denen die meisten Menschen mit dem Ereignis selbst beschäftigt sind.
| Was | Frist | Grundlage |
|---|---|---|
| Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht | Drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung | § 4 Kündigungsschutzgesetz |
| Meldung als arbeitsuchend bei der Agentur für Arbeit | Spätestens drei Monate vor Ende des Arbeitsverhältnisses; liegen zwischen Kenntnis und Ende weniger als drei Monate, innerhalb von drei Tagen | § 38 Sozialgesetzbuch III |
Diese Seite gibt keine Rechtsberatung. Bei einer Kündigung ist eine anwaltliche oder gewerkschaftliche Beratung sinnvoll, und zwar innerhalb der Dreiwochenfrist.
Die Frist läuft unabhängig vom Zustand
Die drei Wochen laufen auch, wenn man verhandelt, wenn man krankgeschrieben ist oder wenn man noch nicht entschieden hat, ob man klagen will. Wer die Frist verstreichen lässt, verliert die Möglichkeit, die Wirksamkeit der Kündigung überprüfen zu lassen, in der Regel endgültig. Das ist der Grund, warum die rechtliche Baustelle vor der psychischen kommt.
Die, die bleiben
Bei einem Personalabbau geht es nicht nur um die Entlassenen. Eine Untersuchung hat 72 Verbliebene mit 92 Beschäftigten aus Betrieben ohne Abbau verglichen.
- Die Verbliebenen berichteten mehr Unzufriedenheit mit der Arbeit als Beschäftigte aus Betrieben ohne Abbau.
- Das Alter machte einen Unterschied. Jüngere Verbliebene waren unzufriedener als ältere und bewerteten den Abbau als weniger gerecht.
- Bei denen ohne Abbau war der Alterseffekt gering. Der Unterschied entstand also im Zusammenspiel von Alter und Betroffenheit.
- Die Autoren deuten es vorsichtig. Jüngere Verbliebene erschienen berufsbezogen weniger anpassungsfähig und persönlich stärker betroffen, möglicherweise wegen unrealistischer Erwartungen an den Berufsverlauf. Ältere könnten wegen mehr Erfahrung widerstandsfähiger sein. Die Stichprobe ist klein.
Das Gerechtigkeitsurteil taucht hier wieder auf und passt zu einem Befund aus der Stressforschung: Erlebte Ungerechtigkeit ist ein eigenständiger Faktor, unabhängig von der Belastung. Wie ein Abbau durchgeführt wird, wirkt also auf die, die bleiben.
Praktisch
Die erste Woche
- Beratung zur Kündigung innerhalb der ersten Tage. Die Dreiwochenfrist nach § 4 Kündigungsschutzgesetz ist die eine Frist, die sich nicht nachholen lässt.
- Meldung bei der Agentur für Arbeit. Nach § 38 SGB III spätestens drei Monate vor Ende des Arbeitsverhältnisses, bei kürzerer Vorlaufzeit innerhalb von drei Tagen nach Kenntnis.
- Papiere sichern, solange der Zugang besteht. Arbeitsvertrag, Zwischenzeugnisse, Zielvereinbarungen, Nachweise über Fortbildungen.
Die ersten Wochen
- Arbeite an Können, nicht an Zuversicht. Der Wirkweg im Programm lief über gestärkte Selbstwirksamkeit, und die entstand durch geübte Fertigkeiten der Stellensuche und des Problemlösens.
- Rechne mit Rückschlägen, bevor sie kommen. Die Vorbereitung darauf war der zweite Wirkstoff. Sich vorher zu überlegen, was nach einer Ablehnung oder nach einem gescheiterten Neuanfang zu tun ist, war in der Auswertung schützend.
- Nimm die finanzielle Seite als eigene Aufgabe. Die finanzielle Belastung war eine der Größen, die über die Selbstwirksamkeit vermittelt wurden. Ein nüchterner Überblick über Einnahmen und Fixkosten gehört deshalb zur Bewältigung.
- Wenn du zu einer Risikogruppe gehörst, hol Unterstützung früher. Das Programm wirkte vor allem bei Personen mit erhöhtem Risiko für eine deutliche Zunahme depressiver Beschwerden. Wer schon vorher belastet war, sollte nicht abwarten.
- Das Gesundheitsverhalten ist ein realer Anteil. Ein knappes Viertel des erhöhten Sterblichkeitsrisikos war in den Studien mit entsprechender Kontrolle damit verbunden. Bewegung, Alkohol und Rauchen sind hier keine Nebensache.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn die Stimmung über zwei Wochen gedrückt bleibt, du das Interesse an allem verlierst, nicht mehr schläfst oder Gedanken hast, nicht weiterleben zu wollen, ist das eine behandlungsbedürftige Lage und keine normale Reaktion mehr. Die Terminservicestelle ist unter 116 117 erreichbar, die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Passend dazu
Fazit
Der Verlust der Arbeit ist ein gesundheitliches Ereignis. Eine Metaanalyse über 42 Studien mit Daten von mehr als 20 Millionen Personen fand ein mittleres Risikoverhältnis von 1,63 für die Gesamtsterblichkeit, am höchsten in den ersten zehn Jahren, für Männer stärker als für Frauen und in der frühen und mittleren Berufsphase stärker als in der späten.
Das am besten geprüfte Programm dagegen arbeitete nicht am Gefühl, sondern am Können. In einem Feldexperiment mit 1.801 Entlassenen wirkte es über zwei Wege: über gestärkte Selbstwirksamkeit, die die Effekte auf Wiederbeschäftigung, finanzielle Belastung und depressive Beschwerden vermittelte, und über die Vorbereitung auf Rückschläge, die diejenigen schützte, die eine wiedergewonnene Stelle erneut verloren.
Und es wirkte ungleich: vor allem bei den Menschen mit dem höchsten Ausgangsrisiko. Wer schon belastet in diese Lage kommt, wartet also am besten nicht ab. Zuvor gilt jedoch die nüchterne Reihenfolge: Die Dreiwochenfrist für die Kündigungsschutzklage und die Meldung bei der Agentur für Arbeit laufen unabhängig davon, wie es einem geht.
Häufige Fragen
Wie stark wirkt Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit?
Eine Metaanalyse über 42 Studien mit Daten von mehr als 20 Millionen Personen fand ein mittleres Risikoverhältnis von 1,63 für die Gesamtsterblichkeit, bereinigt um Alter und weitere Einflussgrößen.
Für wen ist das Risiko am höchsten?
Der Effekt war für Männer größer als für Frauen und für Menschen in der frühen und mittleren Berufsphase deutlicher als in der späten. Am höchsten war das Risiko in den ersten zehn Jahren der Nachbeobachtung.
Was hilft nach einer Kündigung nachweislich?
Das am besten untersuchte Programm ist ein Feldexperiment mit 1.801 kürzlich entlassenen Menschen. Es setzte auf Fertigkeiten für die Stellensuche und für das Lösen von Problemen sowie auf die Vorbereitung auf Rückschläge.
Hilft ein solches Programm allen?
Nach den Ergebnissen nicht in gleichem Maß. Es verbesserte vor allem die Rückkehr in Beschäftigung und die psychische Gesundheit derjenigen mit erhöhtem Risiko für eine deutliche Zunahme depressiver Beschwerden.
Was ist mit Vorbereitung auf Rückschläge gemeint?
Die Teilnehmenden übten vorab, mit Ablehnungen und Fehlschlägen umzugehen. In der Auswertung schützte genau das jene Menschen, die eine wiedergewonnene Stelle erneut verloren, vor der starken Zunahme depressiver Beschwerden, die in der Vergleichsgruppe auftrat.
Welche Fristen gelten in Deutschland?
Eine Kündigungsschutzklage muss nach § 4 Kündigungsschutzgesetz innerhalb von drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung erhoben werden. Die Meldung bei der Agentur für Arbeit hat nach § 38 SGB III spätestens drei Monate vor Ende des Arbeitsverhältnisses zu erfolgen, bei kürzerer Frist innerhalb von drei Tagen nach Kenntnis.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Roelfs, D. J., Shor, E., Davidson, K. W. & Schwartz, J. E. (2011): Losing life and livelihood: a systematic review and meta-analysis of unemployment and all-cause mortality. Social Science & Medicine. 235 Risikoschätzungen aus 42 Studien mit Daten von mehr als 20 Millionen Personen, Zufallseffektmodell und Meta-Regression
- 2
Vinokur, A. D., Price, R. H. & Schul, Y. (1995): Impact of the JOBS intervention on unemployed workers varying in risk for depression. American Journal of Community Psychology. Randomisiertes Feldexperiment mit 1.801 kürzlich entlassenen Personen, davon 671 im Programm
- 3
Vinokur, A. D. & Schul, Y. (1997): Mastery and inoculation against setbacks as active ingredients in the JOBS intervention for the unemployed. Journal of Consulting and Clinical Psychology. Analyse der Wirkwege mit einem Strukturgleichungsmodell
- 4
Lahner, J. M., Hayslip, B. Jr., McKelvy, T. N. & Caballero, D. M. (2014): Employee age and reactions to downsizing. International Journal of Aging and Human Development. Befragung von 72 Verbliebenen nach einem Personalabbau und 92 Beschäftigten aus Betrieben ohne Abbau