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Führen in der BANI-Welt

Das Kürzel beschreibt eine Stimmung und liefert kein Werkzeug. Was Führung in unsicheren Zeiten tatsächlich bewirken kann, steht in einer anderen Literatur, und dort geht es um harte Endpunkte.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Dunkle Wolken über einer Bürohausfassade aus Glas, in der sich der Himmel spiegelt
Für die Wetterlage gibt es keine Führungstechnik. Für die Arbeitsbedingungen darunter schon. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Führungsmodelle mit Kürzel haben eine kurze Halbwertszeit. Was bleibt, sind die Arbeitsbedingungen, und die sind erstaunlich gut untersucht, teils bis zu harten medizinischen Endpunkten.

  • Zum Modell selbst gibt es keine empirische Forschung.
  • Arbeitsplatzunsicherheit erhöht messbar das Diabetesrisiko.
  • Der Zusammenhang von Umbau und psychischer Gesundheit ist uneindeutig.
  • Erlebte Gerechtigkeit senkt das kardiometabolische Risiko.
  • Die wirksamen Hebel sind dieselben wie in ruhigen Zeiten.

Was BANI behauptet

Das Kürzel stammt vom Zukunftsforscher Jamais Cascio und wurde 2020 als Nachfolger des älteren VUCA-Modells vorgeschlagen. Es beschreibt vier Eigenschaften der Gegenwart.

Die vier Bestandteile
BegriffGemeint istWovon in der Forschung die Rede ist
Brittle, brüchigSysteme wirken stabil und brechen plötzlich ganzArbeitsplatzunsicherheit, organisatorischer Umbau
Anxious, ängstlichDauerhafte Sorge, Entscheidungen zu vermeidenAngstsymptome, Unsicherheitsintoleranz
Non-linear, nichtlinearUrsache und Wirkung stehen nicht im VerhältnisGeringe Kontrolle über eigene Arbeitsergebnisse
Incomprehensible, unbegreiflichSelbst nachträglich lässt sich nicht erklären, was passiert istFehlende Rollenklarheit, fehlende Information

Die rechte Spalte ist die Übersetzung dieses Artikels. Sie ist nicht Teil des Modells, aber sie macht es prüfbar.

Ein Kürzel ist keine Theorie

BANI benennt keine Ursachen, keine Wirkungen und keine Maßnahmen. Es ist ein Bild für eine Erfahrung, und als solches durchaus brauchbar. Wer daraus Führungshandeln ableiten will, muss die Bestandteile in etwas übersetzen, das sich messen lässt.

Was die Suche ergibt

Für diesen Artikel wurde in PubMed nach dem Begriff im Titel oder in der Kurzfassung gesucht, sowohl als Kürzel als auch ausgeschrieben.

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Treffer für BANI world

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Treffer für brittle, anxious

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Wirksamkeitsstudien

2020

Jahr der Begriffsprägung

In der Fachliteratur außerhalb der Medizin finden sich Konferenzbeiträge, Vorabveröffentlichungen und Aufsätze in nicht erfassten Zeitschriften, die das Kürzel im Titel führen. Keine davon prüft, ob eine daran ausgerichtete Führung etwas bewirkt.

Das ist die Regel, nicht die Ausnahme

Führungsmodelle mit Kürzel entstehen in der Beratungspraxis und werden dort verkauft, nicht in der Forschung geprüft. Das gilt für VUCA genauso. Der einzige seriöse Umgang damit ist, das Modell als Beschreibung zu nehmen und die Maßnahmen aus einer Literatur zu holen, die etwas gemessen hat.

Unsicherheit als Exposition

Der erste Buchstabe des Kürzels lässt sich sehr genau untersuchen, wenn man ihn als Arbeitsplatzunsicherheit versteht. Eine Auswertung hat dafür Einzeldaten aus 19 Kohortenstudien zusammengeführt, mit 140.825 Beschäftigten aus Australien, Europa und den Vereinigten Staaten.

Arbeitsplatzunsicherheit und neu aufgetretener Diabetes. Quelle: Ferrie et al. 2016
AuswertungErgebnis
Bereinigt um Alter und GeschlechtOdds Ratio 1,19 (95 % VB 1,09 bis 1,30)
Umfassend bereinigt, 15 StudienOdds Ratio 1,12 (95 % VB 1,01 bis 1,24), zusätzlich um Sozialstatus, Übergewicht, Bewegung, Alkohol und Rauchen bereinigt
Nur hochwertige Studien mit gesicherter DiagnoseOdds Ratio 1,19 (95 % VB 1,04 bis 1,35)
Streuung zwischen den StudienNiedrig bis mittel (I² = 24 bis 27 %)

Mittlere Nachbeobachtung 9,4 Jahre, 3954 neu aufgetretene Diabetesfälle.

Unsere Befunde legen nahe, dass selbst berichtete Arbeitsplatzunsicherheit mit einem moderat erhöhten Risiko für neu auftretenden Diabetes verbunden ist.
Ferrie et al. 2016
  • Ein Odds Ratio von 1,12 ist klein. Es bedeutet keine persönliche Bedrohung, sondern eine Verschiebung auf Bevölkerungsebene.
  • Bemerkenswert ist etwas anderes: Gemessen wurde die selbst berichtete Unsicherheit, und der Endpunkt ist eine ärztliche Diagnose Jahre später. Das Gefühl der Unsicherheit sagt einen körperlichen Befund vorher.
  • Und die Bereinigung ist gründlich. Sozialstatus, Gewicht, Bewegung, Alkohol und Rauchen wurden herausgerechnet, und der Zusammenhang blieb.
  • Der Wert stieg wieder auf 1,19, wenn nur Studien mit gesicherter Diagnose aus Akten oder Untersuchung betrachtet wurden. Bessere Messung schwächt den Befund also nicht ab.

Was Umbau anrichtet

Der zweite prüfbare Bestandteil ist der ständige organisatorische Umbau. Hier ist die Datenlage schwächer, und das gehört dazugesagt.

Umbau und psychische Gesundheit. Quelle: Bamberger et al. 2012
BefundAngabe
Eingeschlossene Studien17
Mit erhöhtem Risiko für psychische Probleme11
Stärke des Zusammenhangs im LängsschnittWeniger deutlich als im Querschnitt
Gesamturteil der AutorengruppeDie Belege reichen nicht aus, um einen Zusammenhang als gesichert zu bezeichnen

Warum das ehrlich ist und nicht beruhigend

Elf von 17 Studien fanden einen Zusammenhang, und die Autorengruppe sagt trotzdem, das genüge nicht. Der Grund liegt in der Bauart: Wer nach einem Umbau befragt wird, erinnert sich anders, und die Menschen, denen es besonders schlecht ging, sind oft nicht mehr im Betrieb. Dass die Längsschnittbefunde schwächer ausfallen, passt dazu.

Zur Einordnung hilft die prospektive Übersicht zur Erschöpfung. Dort wird Arbeitsplatzunsicherheit ausdrücklich als Risikofaktor für emotionale Erschöpfung geführt, mit begrenzter Belegstärke, während Handlungsspielraum und Unterstützung am Arbeitsplatz auf der höheren Stufe stehen.

Der wirksamste Hebel

Es gibt einen Faktor, der in beiden Literaturen auftaucht und den Führungskräfte unmittelbar beeinflussen können: das Erleben von Gerechtigkeit.

Zwei Befunde zur organisationalen Gerechtigkeit
QuelleBefund
Scalabrin et al. 2022, acht Studien aus 1959 gesichteten TitelnHohe wahrgenommene Gerechtigkeit ging mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen einher, geringe Gerechtigkeit mit Folgen für die kardiovaskuläre und metabolische Gesundheit
Aronsson et al. 2017, 25 prospektive StudienGerechtigkeit am Arbeitsplatz wirkte schützend gegen emotionale Erschöpfung, Belegstärke begrenzt
  • Gerechtigkeit ist keine Gesinnung, sondern ein Verfahren. Nach welchen Regeln wird entschieden, wer wird gefragt, wird die Entscheidung erklärt, gilt sie für alle gleich.
  • Genau das lässt sich auch in unsicheren Zeiten liefern. Ob Umsatzeinbruch oder Umbau: Wie entschieden wird, bleibt eine Entscheidung der Führung, auch wenn das Ergebnis es nicht ist.
  • Und es ist der einzige Hebel dieses Artikels, der nichts kostet und nicht von der Lage abhängt.

BANI übersetzt

Zusammengeführt ergibt das eine brauchbare Übersetzungstabelle: von der Beschreibung zur untersuchten Größe zur Maßnahme.

Von der Beschreibung zur Maßnahme
BeschreibungUntersuchte GrößeWas Führung tun kann
BrüchigArbeitsplatzunsicherheit, mit erhöhtem Diabetesrisiko verbundenFrüh und ehrlich über Aussichten sprechen, Unsicherheit benennen statt aussitzen
ÄngstlichErschöpfung, für die geringe Unterstützung ein belegter Risikofaktor istErreichbar sein, Belastung sichtbar verringern
NichtlinearHandlungsspielraum, der stärkste belegte SchutzfaktorEntscheidungen abgeben, wo es geht, und den Rahmen klar benennen
UnbegreiflichErlebte Gerechtigkeit, mit geringerem kardiometabolischem Risiko verbundenEntscheidungswege erklären, gleiche Regeln für alle, Nachfragen zulassen

Die dritte Spalte ist die Ableitung dieses Artikels aus der zweiten. Sie ist plausibel, aber sie ist nicht selbst untersucht.

Praktisch

Vier Dinge, die in jeder Lage gehen

  • Unsicherheit benennen statt verwalten. Was ist entschieden, was ist offen, wann gibt es das nächste Update. Ein Termin für die nächste Information ist wertvoller als eine Beruhigung ohne Termin.
  • Entscheidungswege erklären. Nicht nur das Ergebnis, sondern nach welchen Kriterien entschieden wurde. Das ist der Kern erlebter Gerechtigkeit.
  • Spielraum vergrößern, wo die Lage es zulässt. Wenn du über das Was nicht entscheiden kannst, gib das Wie ab. Handlungsspielraum ist der am besten belegte Schutzfaktor der Erschöpfungsforschung.
  • Gleiche Regeln für alle. Ausnahmen in Krisenzeiten kosten mehr als sie einbringen, weil sie genau die Größe zerstören, die schützt.

Woran du ein leeres Angebot erkennst

  • Es verkauft eine Haltung statt einer Bedingung. Wer in unsicheren Zeiten die Belastbarkeit der Beschäftigten trainiert und die Unsicherheit selbst nicht angeht, arbeitet an der falschen Stelle.
  • Es beruft sich auf ein Kürzel als Beleg. BANI und VUCA sind Beschreibungen. Sie tragen keine Aussage über Wirksamkeit.
  • Es nennt keine Zielgröße. Ein Programm, das nicht sagt, was sich messbar ändern soll, kann auch nicht scheitern.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Anhaltende Arbeitsplatzunsicherheit ist eine Gesundheitsbelastung und gehört in die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung, die Arbeitgeber nach dem Arbeitsschutzgesetz durchführen müssen. Wer persönlich seit Monaten schlecht schläft und morgens mit Sorge aufwacht, sollte das ärztlich abklären lassen, unabhängig davon, wie die Lage im Betrieb weitergeht.

Passend dazu

Fazit

Zum BANI-Modell gibt es keine empirische Forschung. Null Treffer in der medizinischen Literaturdatenbank, außerhalb davon Konferenzbeiträge ohne Wirksamkeitsprüfung. Als Beschreibung einer Erfahrung ist es brauchbar, als Grundlage für Führungshandeln nicht.

Was es beschreibt, ist dagegen gut untersucht. Arbeitsplatzunsicherheit war über 140.825 Beschäftigte hinweg mit einem erhöhten Risiko für neu auftretenden Diabetes verbunden, und zwar auch nach Bereinigung um Sozialstatus, Gewicht, Bewegung, Alkohol und Rauchen. Beim organisatorischen Umbau ist der Befund uneinheitlicher, und die Autorengruppe sagt das selbst.

Der wirksamste und günstigste Hebel ist erlebte Gerechtigkeit: Sie ging mit geringerem Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen einher und wirkt schützend gegen Erschöpfung. Wie entschieden wird, bleibt auch dann eine Entscheidung der Führung, wenn das Ergebnis längst feststeht.

Häufige Fragen

Was bedeutet BANI?

Brittle, anxious, non-linear, incomprehensible, also brüchig, ängstlich, nichtlinear und unbegreiflich. Der Zukunftsforscher Jamais Cascio schlug das Kürzel 2020 als Nachfolger von VUCA vor.

Gibt es Forschung zum Modell?

Keine empirische. Eine Suche in PubMed nach dem Begriff im Titel oder in der Kurzfassung liefert null Treffer. In der Fachliteratur außerhalb der Medizin finden sich Konferenzbeiträge und Vorabveröffentlichungen, aber keine Wirksamkeitsuntersuchung.

Ist das Modell damit wertlos?

Nein, aber es ist eine Beschreibung und kein Werkzeug. Es benennt eine Erfahrung. Was Führung dagegen tun kann, muss aus anderer Literatur kommen.

Was richtet Arbeitsplatzunsicherheit tatsächlich an?

Eine Auswertung mit Einzeldaten aus 19 Studien und 140.825 Beschäftigten fand für hohe Arbeitsplatzunsicherheit ein erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken, mit einem Odds Ratio von 1,19 beziehungsweise 1,12 nach umfassender Bereinigung.

Macht organisatorischer Wandel krank?

Uneindeutig. In elf von 17 Studien fand sich ein Zusammenhang mit psychischen Problemen, in den Längsschnittstudien schwächer. Die Autorengruppe hält die Belege ausdrücklich für nicht ausreichend.

Was hilft am meisten?

Erlebte Gerechtigkeit. Eine systematische Übersicht fand, dass Beschäftigte mit hoher wahrgenommener organisationaler Gerechtigkeit ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen aufwiesen.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Ferrie, J. E. et al. (2016): Job insecurity and risk of diabetes: a meta-analysis of individual participant data. CMAJ. 19 Kohortenstudien mit 140.825 Teilnehmenden, mittlere Nachbeobachtung 9,4 Jahre, 3954 neu aufgetretene Diabetesfälle

  2. 2

    Bamberger, S. G. et al. (2012): Impact of organisational change on mental health: a systematic review. Occupational and Environmental Medicine. 17 eingeschlossene Studien, Querschnitt und Längsschnitt

  3. 3

    Scalabrin, A., Silva, A. T. C. D. & Menezes, P. R. (2022): Organizational justice and cardiometabolic disease: a systematic review. Ciência & Saúde Coletiva. 1959 gesichtete Titel, acht eingeschlossene Studien, Qualitätsbewertung nach dem Instrument der National Institutes of Health

  4. 4

    Aronsson, G. et al. (2017): A systematic review including meta-analysis of work environment and burnout symptoms. BMC Public Health. 25 prospektive Studien mit ein bis fünf Jahren Nachbeobachtung, bewertet nach GRADE