
Auf einen Blick
Krisenübungen sind besser untersucht als fast jede andere Vorsorgemaßnahme. Genau deshalb lässt sich hier zeigen, was in vielen anderen Feldern nur vermutet wird: dass die Übung selbst der am besten belegte Teil ist.
- Simulationstraining verbessert Zufriedenheit, Wissen, Fertigkeiten und Verhalten deutlich.
- Die Ergebnisse für Betroffene verbesserten sich dabei nicht.
- Von zwölf Studien zu Krisenteamtraining prüfte eine das Verhalten im Alltag.
- Verteilte Übungseinheiten erhalten Fertigkeiten besser als gebündelte.
- Trainierte Kräfte fühlen sich weiterhin unzureichend vorbereitet.
Was gemeint ist
Die beiden Begriffe beschreiben unterschiedliche Dinge, die häufig verwechselt werden. Der Unterschied entscheidet darüber, welche Forschung zuständig ist.
| Form | Was gemacht wird | Was sie leisten kann |
|---|---|---|
| Szenariotechnik | Mehrere plausible Zukünfte entwerfen und Entscheidungen daran prüfen | Blinde Flecken finden, Annahmen offenlegen |
| Wargaming oder Planspiel | Eine konkrete Lage unter Zeitdruck durchspielen, teils mit Gegenspielern | Abläufe, Rollen und Entscheidungswege erproben |
| Simulationstraining | Eine realistische Situation mit echter Handlung üben | Fertigkeiten und Zusammenarbeit einüben |
Nur die dritte Form ist mit randomisierten Studien untersucht. Ihre Befunde sind auf die ersten beiden nur begrenzt übertragbar, aber sie sind das Beste, was vorliegt.
Keine dieser Formen sagt die Zukunft voraus
Das ist der wichtigste Punkt und der am häufigsten missverstandene. Eine Übung prüft nicht, ob ein Szenario eintritt, sondern ob die Organisation im Fall des Eintretens handlungsfähig wäre. Wer ein Szenario für eine Prognose hält, zieht die falschen Schlüsse daraus.
Der große Befund
Die umfangreichste Auswertung stammt aus der Anästhesiologie, wo Simulation seit Jahrzehnten Teil der Ausbildung ist. 77 Studien mit 6066 Teilnehmenden wurden zusammengefasst.
77
eingeschlossene Studien
6066
Teilnehmende
0,60 bis 1,05
Effekte gegenüber keiner Maßnahme
−0,39
Effekt auf Patientenergebnisse
| Vergleich | Zielgröße | Effektstärke |
|---|---|---|
| Gegenüber keiner Maßnahme (52 Studien) | Alle Zielgrößen außer Patientenergebnisse | 0,60 bis 1,05 |
| Gegenüber keiner Maßnahme | Patientenergebnisse | −0,39 |
| Gegenüber anderem Unterricht (11 Studien) | Verhalten | 1,77 |
| Gegenüber anderem Unterricht | Fertigkeiten | 0,42 |
| Gegenüber anderem Unterricht | Zufriedenheit | 0,39 |
| Gegenüber anderem Unterricht | Zeit, Wissen, Patientenergebnisse | −0,18 bis 0,23 |
Simulation in der Anästhesiologie erscheint wirksamer als keine Maßnahme, mit Ausnahme der Patientenergebnisse, und nicht unterlegen gegenüber Unterricht ohne Simulation.
Ein negativer Wert ist kein Beweis für Schaden
Die Effektstärke von minus 0,39 bei den Patientenergebnissen stammt aus einer kleinen Zahl von Studien innerhalb der Gesamtauswertung und ist nicht als Nachweis zu lesen, dass Simulation schadet. Sie ist ein Hinweis darauf, dass der Übertrag in die Versorgung nicht gezeigt ist. Bemerkenswert bleibt sie, weil sie in die entgegengesetzte Richtung zeigt als alle anderen Zielgrößen.
Das Transferproblem
Die zweite Auswertung betrifft genau das Format, das einem Wargaming am nächsten kommt: simulationsbasiertes Training zur Bewältigung kritischer Ereignisse im Team, über Berufsgruppen hinweg. 7456 Arbeiten wurden gesichtet, zwölf eingeschlossen.
| Zielgröße | Anzahl der Studien mit Befund |
|---|---|
| Erwerb der Fähigkeiten in der Simulation, gegenüber Fallunterricht oder Simulation ohne solches Training | Bedeutsame Verbesserung in zehn von zwölf |
| Bedeutsame Verbesserung des Teamverhaltens am Arbeitsplatz | 1 |
| Anhaltende Verringerung unerwünschter Patientenereignisse | 2 |
Es ist jedoch mehr Forschung erforderlich, um den Übertrag des Gelernten an den Arbeitsplatz und die mögliche Auswirkung auf Patientenergebnisse zu belegen.
- Zehn von zwölf für den Erwerb, eine von zwölf für den Alltag. Das ist das Transferproblem in einer Zeile.
- Immerhin zwei Studien fanden anhaltend weniger unerwünschte Ereignisse nach einer einzigen Trainingsmaßnahme. Das ist ein echter, wenn auch schmaler Befund.
- Für Organisationen heißt das: Eine Übung, deren Erfolg an der Übung gemessen wird, belegt nichts über die Krise. Wer wissen will, ob es hilft, muss hinterher etwas im Betrieb messen.
Der Nachbesprechungsbefund
Die Nachbesprechung gilt als der wichtigste Teil jeder Übung. Die große Simulationsauswertung hat sie eigens untersucht, und das Ergebnis ist unangenehm.
| Verglichen wurde | Zielgrößen | Effektstärken |
|---|---|---|
| Training in nichtfachlichen Fähigkeiten plus fachliches Vorgehen gegen fachliches Vorgehen allein (4 Studien) | Wissen und Fertigkeiten | 0,14 bis 0,15 |
| Nachbesprechung mit mehreren gegen eine Informationsquelle (3 Studien) | Zeit und Fertigkeiten | −0,07 bis 0,09 |
Die Autorengruppe stellt in ihrer Analyse eine Unbeständigkeit in der Messung nichtfachlicher Fähigkeiten und eine Beständigkeit in der unwirksamen Gestaltung der Nachbesprechung fest.
Die aufschlussreichste Formulierung
Die Autorengruppe spricht ausdrücklich von der unwirksamen Gestaltung der Nachbesprechung, und zwar beständig über die Studien hinweg. Das heißt nicht, dass Nachbesprechung nichts nützt. Es heißt, dass die verbreitete Gestaltung sich in diesen Studien nicht als wirksam erwies, und dass die Zutaten, die man üblicherweise hinzufügt, nichts messbar hinzufügten.
Auch das Ergänzen von Kommunikationstraining brachte über vier Studien hinweg vernachlässigbare Effekte auf Wissen und Fertigkeiten. Wer eine Krisenübung durch weitere Module aufwertet, sollte damit nicht rechnen, dass die Wirkung mitwächst.
Der wirksamste Stellhebel
Es gibt einen Gestaltungsfaktor mit klarem Befund, und er kostet nichts außer Planung. Eine Übersicht hat 1955 Arbeiten gesichtet und elf randomisierte Studien zur zeitlichen Verteilung von Übungseinheiten eingeschlossen.
- Verteilt schlägt gebündelt. Wer in der verteilten Bedingung übte, erzielte im Behaltenstest höhere Werte als in der gebündelten.
- Die Gesamtqualität war mittel. Der Befund ist damit nicht erstklassig belegt, aber er passt zu einem der robustesten Effekte der Lernforschung überhaupt.
- Der optimale Abstand ist unklar. Die Übersicht sagt ausdrücklich nicht, ob zwei Wochen oder drei Monate besser sind.
- Praktisch: Vier halbtägige Übungen über ein Jahr sind nach dieser Datenlage besser als eine zweitägige Großübung. Das ist auch die günstigere Variante.
Vorbereitet fühlen und sein
Bleibt die Frage, wie es bei den Beteiligten ankommt. Eine Übersicht hat 17 Arbeiten zur Katastrophenvorbereitung von Pflegekräften ausgewertet.
| Befund | Angabe |
|---|---|
| Erhöht die Vorbereitung | Frühere Einsatzerfahrung und einsatzbezogenes Training |
| Erlebte Vorbereitung insgesamt | Weithin berichtet: unzureichend vorbereitet und nicht zuversichtlich, wirksam reagieren zu können |
| Empfehlung der Autorengruppe | Gut begründete Übungen, die tatsächliche Ereignisse nachbilden |
Das ist kein Widerspruch, sondern eine Größenordnung
Training erhöht die erlebte Vorbereitung, und das Niveau bleibt trotzdem niedrig. Beides zugleich zu lesen bewahrt vor zwei Fehlschlüssen: dass Übungen nichts bringen, und dass eine Übung ein Vorbereitungsproblem löst.
Praktisch
Wie eine Übung nach der Datenlage angelegt sein sollte
- Verteilt statt gebündelt. Mehrere kurze Termine über das Jahr schlagen die Großübung. Der einzige Gestaltungsfaktor mit klarem Befund.
- Nahe an tatsächlichen Ereignissen. Die Übersicht zur Katastrophenvorbereitung empfiehlt ausdrücklich Übungen, die reale Abläufe nachbilden.
- Eine Zielgröße im Betrieb festlegen, nicht in der Übung. Von zwölf Studien prüfte eine das Verhalten am Arbeitsplatz. Wer es besser machen will, definiert vorher, was sich danach im Alltag ändern soll.
- Nicht auf Modulzuwachs hoffen. Zusätzliches Kommunikationstraining brachte über vier Studien vernachlässigbare Effekte.
- Aus der Übung müssen Maßnahmen folgen. Wie bei der Fehlerbesprechung ist die zugewiesene Nachverfolgung der Teil, der Veränderung erzeugt.
Was Szenarien leisten können
- Annahmen offenlegen. Der Wert eines Szenarios liegt darin, dass stillschweigende Annahmen aussprechbar werden, nicht darin, dass es eintrifft.
- Mehrere, nicht eines. Ein einzelnes Szenario wird schnell zur Erwartung. Erst mehrere gleichwertige verhindern das.
- Die eigene Einschätzung vorher aufschreiben. Das ist die einzige wirksame Gegenmaßnahme gegen die Rückschauverzerrung, und ein Szenarioworkshop ist der natürliche Ort dafür.
- Kein Szenario ersetzt Puffer. Wenn die Übung zeigt, dass eine Ressource fehlt, ist die Maßnahme die Ressource und nicht die nächste Übung.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Übungen mit realistischer Darstellung von Gewalt, Unfällen oder Todesfällen können belasten, besonders bei Menschen mit eigenen entsprechenden Erfahrungen. Freiwilligkeit, eine Vorabinformation über den Inhalt und eine erreichbare Ansprechperson gehören dazu. Nach belastenden Übungen ist es sinnvoll, auf die betriebsärztliche Sprechstunde hinzuweisen.
Passend dazu
Fazit
Simulationstraining ist umfangreich untersucht, und der Befund ist über alle Auswertungen hinweg derselbe. Gegenüber keiner Maßnahme verbessern sich Zufriedenheit, Wissen, Fertigkeiten und Verhalten deutlich, mit Effektstärken zwischen 0,60 und 1,05. Bei den Ergebnissen für die Betroffenen lag der Wert bei minus 0,39.
Beim Krisenteamtraining verbesserte sich der Fähigkeitserwerb in zehn von zwölf Studien, das Teamverhalten am Arbeitsplatz in einer, und anhaltend weniger unerwünschte Ereignisse fanden zwei. Zusätzliche Module und aufwendigere Nachbesprechungen brachten vernachlässigbare Effekte.
Was sich lohnt, ist erstaunlich schlicht: mehrere kurze Übungen über das Jahr statt einer großen, nahe an realen Abläufen, mit einer Zielgröße im Betrieb und mit Maßnahmen, die hinterher tatsächlich umgesetzt werden. Alles andere ist gut gemeinte Beschäftigung.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Szenariotechnik und Wargaming?
Szenariotechnik entwirft mehrere plausible Zukünfte, um Entscheidungen daran zu prüfen. Wargaming spielt eine konkrete Lage durch, oft mit Gegenspielern und Zeitdruck. Beides sind Übungsformen, keine Vorhersageverfahren.
Wie gut ist Simulationstraining belegt?
Sehr umfangreich. Eine Metaanalyse über 77 Studien mit 6066 Teilnehmenden fand gegenüber keiner Maßnahme mittlere bis große Effekte auf alle Zielgrößen, mit einer Ausnahme.
Welche Ausnahme?
Die Ergebnisse für Patientinnen und Patienten. Dort lag die Effektstärke bei minus 0,39, also in der ungünstigen Richtung. Gegenüber anderem Unterricht lagen die Effekte auf diese Größe zwischen minus 0,18 und 0,23.
Überträgt sich Krisenteamtraining in den Alltag?
Selten geprüft. Von zwölf Studien zu simulationsbasiertem Krisenteamtraining zeigte eine bedeutsame Verbesserungen des Teamverhaltens am Arbeitsplatz, zwei fanden anhaltend weniger unerwünschte Patientenereignisse.
Wie sollten Übungen zeitlich angelegt sein?
Verteilt statt gebündelt. Eine Übersicht über elf randomisierte Studien fand, dass über die Zeit verteilte Übungseinheiten den langfristigen Erhalt von Fertigkeiten verbessern. Der optimale Abstand ist unklar.
Fühlen sich geübte Kräfte besser vorbereitet?
Etwas, aber nicht genug. Eine Übersicht über 17 Arbeiten zu Pflegekräften fand, dass frühere Einsatzerfahrung und Training die Vorbereitung erhöhen, dass die Befragten sich insgesamt aber unzureichend vorbereitet und nicht zuversichtlich fühlten.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Lorello, G. R. et al. (2014): Simulation-based training in anaesthesiology: a systematic review and meta-analysis. British Journal of Anaesthesia. 77 eingeschlossene Studien mit 6066 Teilnehmenden, davon 52 im Vergleich zu keiner Maßnahme und elf im Vergleich zu anderem Unterricht
- 2
Fung, L. et al. (2015): Impact of crisis resource management simulation-based training for interprofessional and interdisciplinary teams: A systematic review. Journal of Interprofessional Care. 7456 gesichtete Arbeiten, zwölf eingeschlossene Studien
- 3
Cecilio-Fernandes, D. et al. (2018): Avoiding Surgical Skill Decay: A Systematic Review on the Spacing of Training Sessions. Journal of Surgical Education. 1955 gesichtete Arbeiten, elf randomisierte Studien eingeschlossen, Gesamtqualität mittel
- 4
Labrague, L. J. et al. (2018): Disaster preparedness among nurses: a systematic review of literature. International Nursing Review. 17 ausgewertete Arbeiten aus den Jahren 2006 bis 2016