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Onboarding und Psyche

Der Anfang in einem neuen Beruf verläuft erstaunlich vorhersagbar. Was ihn erträglicher macht, ist gut beschrieben. Was Organisationen daraus machen, ist deutlich schlechter untersucht.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein leerer Schreibtisch mit einem noch verpackten Bürostuhl, einem Monitor ohne Bild und einem Karton daneben
Der eingerichtete Arbeitsplatz ist der leichteste Teil. Rollenklarheit lässt sich nicht auspacken. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Die Einarbeitung ist einer der wenigen Momente im Berufsleben, in dem eine Organisation binnen Wochen viel bewirken kann. Was dabei hilft, ist gut beschrieben. Ob die üblichen Programme es einlösen, ist eine andere Frage.

  • Stress und Erschöpfung sind anfangs hoch und nehmen über zwölf Monate ab.
  • Aufgabenbeherrschung, soziale Aufnahme und Rollenklarheit senken den Stress unmittelbar.
  • Unhöflichkeit von Kollegen und Vorgesetzten sagte geringere Zufriedenheit vorher.
  • Zu formellen Programmen gibt es fünf Studien mit niedriger Belegsicherheit.
  • Am besten belegt ist begleitetes Lernen direkt am Arbeitsplatz.

Der typische Verlauf

Die genaueste Beschreibung des ersten Berufsjahres stammt aus der Pflegeforschung, weil dort der Übergang von der Ausbildung in die Praxis besonders scharf ist und entsprechend häufig untersucht wird. 34 quantitative Studien wurden zusammengetragen.

Was sich im ersten Jahr wie entwickelt. Quelle: Jarden et al. 2021
GrößeAnfangsniveauVerlauf
Stress, vor allem durch ArbeitsmengeHochNimmt über die Zeit ab
Emotionale ErschöpfungMittelhoch bis hochNimmt über die Zeit ab
ArbeitszufriedenheitNiedrigerSteigt, bei den meisten bis zum zwölften Monat
Belastbarkeit, Zuversicht und HoffnungHochBleiben hoch

Die Qualität der Belege war uneinheitlich: Nur ein Viertel der Studien erfüllte alle neun Qualitätskriterien.

Das ist eine entlastende Information

Wer im dritten Monat einer neuen Stelle erschöpft ist und daran zweifelt, ob die Entscheidung richtig war, befindet sich im statistischen Normalfall. Erschöpfung und Stress liegen zu Beginn am höchsten und gehen zurück, während die Zufriedenheit steigt. Diese Kurve zu kennen verhindert falsche Schlüsse.

Bemerkenswert ist die letzte Zeile. Belastbarkeit, Zuversicht und Hoffnung waren bei den Berufseinsteigenden hoch. Das Problem des ersten Jahres ist also nicht ein Mangel an persönlichen Voraussetzungen, sondern die Passung zwischen Anforderung und Lage.

Drei Hebel, die sofort wirken

Dieselbe Übersicht hat untersucht, womit stressärmere Zeitpunkte zusammenhingen. Das Ergebnis ist bemerkenswert konkret.

Aufgabe

etwas sicher können

Aufnahme

sozial dazugehören

Rolle

wissen, was erwartet wird

34

ausgewertete Studien

  • Aufgabenbeherrschung. Nicht alles können, sondern eine Sache sicher können. Deshalb wirkt es, die Einarbeitung nach abgeschlossenen Tätigkeiten zu gliedern statt nach Wochen.
  • Soziale Aufnahme. Dazuzugehören ist keine weiche Größe, sondern eine der drei Größen, die mit weniger Stress einhergingen.
  • Rollenklarheit. Zu wissen, was von einem erwartet wird und was nicht. Sie taucht auch in der Erschöpfungsforschung durchgehend als Schutzfaktor auf.
  • Und die Gegenrichtung: Arbeitszufriedenheit wurde negativ vorhergesagt durch Unhöflichkeit von Kolleginnen und Kollegen, Unhöflichkeit von Vorgesetzten und emotionale Erschöpfung. Positiv wirkten strukturelle Ermächtigung und Zufriedenheit mit der eigenen Laufbahn.

Stress war der stärkste Kündigungsvorbote

In derselben Auswertung sagte Arbeitsstress die Absicht vorher, die Stelle zu verlassen. Wer die Einarbeitung als Kostenfaktor betrachtet, sollte diesen Satz zweimal lesen: Der teuerste Teil eines schlechten Anfangs ist nicht die Einarbeitung, sondern die Neubesetzung.

Was Programme bewirken

Wenn die Hebel bekannt sind, sollte sich daraus ein wirksames Programm bauen lassen. Eine systematische Übersicht hat geprüft, ob das gelingt. Sie hat nur Studien zugelassen, die formelle Einarbeitung mit informeller Einarbeitung oder dem üblichen Vorgehen verglichen.

Was die Übersicht fand. Quelle: Frögéli et al. 2023
MerkmalAngabe
Eingeschlossene StudienFünf
Beteiligte1556 Berufseinsteigende, Durchschnittsalter 25 Jahre, überwiegend Pflegekräfte
Methodische QualitätNiedrig bis mittel, mit hohem Verzerrungsrisiko
Studien mit bedeutsamem EffektDrei von fünf, mit Effektstärken zwischen 0,13 und 1,35
Am besten belegte StrategieStrukturiertes und begleitetes Lernen am Arbeitsplatz
Belegsicherheit insgesamtNiedrig
Die Ergebnisse legen nahe, dass Organisationen begleitetes Lernen am Arbeitsplatz als Strategie zur Erleichterung der Eingliederung in den Vordergrund stellen sollten.
Frögéli, Jenner & Gustavsson 2023

Der Spannbereich von 0,13 bis 1,35 sagt dasselbe wie in der Rückmeldungsforschung: Es kommt nicht darauf an, dass ein Programm existiert, sondern was darin passiert. Und das, was in dieser Übersicht am besten abschnitt, ist ausgerechnet der Teil, der am wenigsten nach Programm aussieht.

Wie lange es dauern sollte

Eine größere Übersicht hat 11.656 Arbeiten gesichtet und 53 Studien zu Maßnahmen eingeschlossen, die die Bindung von Berufseinsteigenden erhöhen oder Fluktuation senken sollten. Anders als in vielen Übersichten mussten die Studien tatsächliche Fluktuationszahlen ausweisen.

Merkmale vielversprechender Maßnahmen. Quelle: Brook et al. 2019
MerkmalAngabe
FormatTraineeprogramme oder strukturierte Einarbeitungs- und Übergangsprogramme
Dauer27 bis 52 Wochen
BestandteileUnterrichtsanteil, fachliche Anleitung am Arbeitsplatz und persönliche Begleitung

Die Autorengruppe schränkt ein, dass methodische Probleme die Reichweite der Schlüsse begrenzten, obwohl viele Studien gefunden wurden. Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen fehlten weitgehend.

Sechs bis zwölf Monate

Die genannte Spanne widerspricht der verbreiteten Praxis, Einarbeitung nach vier bis sechs Wochen als abgeschlossen zu betrachten. Sie deckt sich dagegen gut mit dem beschriebenen Verlauf des ersten Jahres, in dem sich die Zufriedenheit erst bis zum zwölften Monat einpendelt.

Die Rolle der Führungskraft

Eine strukturierte Literaturübersicht hat gezielt untersucht, welche Rolle direkte Vorgesetzte bei der Eingliederung spielen, und fünf Aufgaben herausgearbeitet.

Fünf Aufgaben und was sie beeinflussen. Quelle: Lee 2023
Aufgabe der FührungskraftWas dadurch beeinflusst wird
Den Übertrag von Gelerntem in die Praxis stützenAufgabenbeherrschung
Informationen bereitstellenWissen über die Organisation
Die Rolle klärenRollenklärung
Beim Einordnen des Erlebten helfenSoziale Identifikation
Rückmeldung gebenSoziale Eingliederung

Die Zuordnung in der rechten Spalte ist eine Vereinfachung: Die Übersicht beschreibt, dass die fünf Aufgaben alle fünf Anpassungsbereiche deutlich beeinflussen.

  • Drei der fünf Aufgaben kosten fast nichts. Informationen bereitstellen, die Rolle klären und Rückmeldung geben sind Gesprächsaufgaben, keine Programme.
  • Beim Einordnen des Erlebten helfen ist die am leichtesten übersehene. Neue Beschäftigte erleben viel, was sie nicht deuten können. Wer erklärt, warum etwas so läuft, erspart ihnen falsche Schlüsse.
  • Und die praktische Konsequenz: Die Übersicht empfiehlt ausdrücklich, Führungskräfte für genau diese Aufgaben zu schulen, statt weitere Programme aufzusetzen.

Praktisch

Für Organisationen

  • Nach Tätigkeiten gliedern, nicht nach Wochen. Aufgabenbeherrschung ist einer der drei Hebel. Eine Liste abgeschlossener Tätigkeiten schlägt einen Zeitplan.
  • Am Arbeitsplatz lernen lassen, aber begleitet. Die einzige Strategie mit klarer Unterstützung in der Übersicht. Nicht mitlaufen lassen, sondern mit fester Ansprechperson und Auswertung.
  • Rollen schriftlich klären. Was gehört zur Aufgabe, was nicht, wer entscheidet was. Ein einseitiges Papier reicht.
  • Auf den Umgangston achten. Unhöflichkeit von Kollegen und Vorgesetzten sagte geringere Zufriedenheit vorher. Das ist im ersten Jahr besonders folgenreich.
  • Sechs bis zwölf Monate ansetzen. Die als vielversprechend beschriebenen Programme dauerten 27 bis 52 Wochen.

Für dich selbst am Anfang

  • Nimm dir eine Sache vor, die du sicher können willst. Etwas vollständig zu beherrschen senkt den Stress mehr als überall halbwegs mitzukommen.
  • Frag aktiv nach der Rollenklärung. „Woran merke ich in drei Monaten, dass es gut läuft?" ist eine legitime Frage in der ersten Woche.
  • Ordne den Verlauf ein. Hoher Stress am Anfang, sinkend über Monate, steigende Zufriedenheit bis etwa zum zwölften Monat. Das ist der Normalfall, kein Fehlgriff.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Der Verlauf beschreibt den Durchschnitt. Wenn der Stress nach mehreren Monaten nicht nachlässt, sich Schlafprobleme einstellen oder du sonntagabends regelmäßig Angst vor Montag hast, ist das kein Einarbeitungsthema mehr. Der Weg führt über die Hausarztpraxis oder den Betriebsarzt, die beide der Schweigepflicht gegenüber dem Arbeitgeber unterliegen.

Passend dazu

Fazit

Das erste Berufsjahr verläuft nach einem beschreibbaren Muster: hoher Stress und mittelhohe Erschöpfung zu Beginn, beides abnehmend, während die Zufriedenheit bis etwa zum zwölften Monat steigt. Belastbarkeit und Zuversicht der Betroffenen sind dabei hoch. Das Problem liegt in der Passung, nicht in der Person.

Drei Größen hingen mit stressärmeren Zeitpunkten zusammen: eine Sache sicher zu können, sozial aufgenommen zu sein und zu wissen, was erwartet wird. Alle drei lassen sich in einer Einarbeitung gezielt herstellen.

Die Programme dagegen sind schwach belegt: fünf Studien, niedrige Belegsicherheit. Am besten schnitt das ab, was am wenigsten nach Programm aussieht, nämlich begleitetes Lernen am Arbeitsplatz. Und drei der fünf wichtigsten Führungsaufgaben dabei sind Gespräche, keine Maßnahmen.

Häufige Fragen

Wie verläuft das erste Berufsjahr psychisch?

Eine Übersicht über 34 Studien zu neu ausgebildeten Pflegekräften fand anfangs hohen Stress, vor allem durch die Arbeitsmenge, und mittelhohe emotionale Erschöpfung. Beides nahm über die Zeit ab, während die Arbeitszufriedenheit bis zum zwölften Monat stieg.

Was senkt den Stress kurzfristig?

In derselben Übersicht hingen stressärmere Zeitpunkte mit drei Dingen zusammen: hoher Aufgabenbeherrschung, sozialer Aufnahme ins Team und Rollenklarheit.

Was verschlechtert die Zufriedenheit am stärksten?

Unhöflichkeit durch Kolleginnen und Kollegen sowie durch Vorgesetzte sagte geringere Arbeitszufriedenheit vorher, ebenso emotionale Erschöpfung. Positiv wirkten strukturelle Ermächtigung und Zufriedenheit mit der Laufbahn.

Wirken formelle Einarbeitungsprogramme?

Wahrscheinlich, aber die Beleglage ist dünn. Eine systematische Übersicht fand fünf Studien mit 1556 Berufseinsteigenden. In drei davon zeigte sich ein bedeutsamer Effekt, die Belegsicherheit wurde insgesamt als niedrig eingestuft.

Welche Einarbeitungsform ist am besten belegt?

Strukturiertes und begleitetes Lernen direkt am Arbeitsplatz. Es war in dieser Übersicht die Strategie mit der stärksten Unterstützung.

Wie lange sollte eine Einarbeitung dauern?

Eine Übersicht über 53 Studien zur Bindung von Berufseinsteigenden nennt Programme mit einer Dauer zwischen 27 und 52 Wochen als vielversprechend, kombiniert aus Unterricht sowie fachlicher und persönlicher Begleitung.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Jarden, R. J. et al. (2021): New graduate nurse wellbeing, work wellbeing and mental health: A quantitative systematic review. International Journal of Nursing Studies. 34 eingeschlossene Studien aus den Jahren 2009 bis 2019

  2. 2

    Frögéli, E., Jenner, B. & Gustavsson, P. (2023): Effectiveness of formal onboarding for facilitating organizational socialization: A systematic review. PLOS ONE. Fünf eingeschlossene Studien mit 1556 Berufseinsteigenden, Belegsicherheit nach GRADE bewertet

  3. 3

    Brook, J. et al. (2019): Characteristics of successful interventions to reduce turnover and increase retention of early career nurses: A systematic review. International Journal of Nursing Studies. 11.656 gesichtete Arbeiten, 53 eingeschlossene Studien

  4. 4

    Lee, J. (2023): Supervisors roles for newcomer adjustment: review of supervisors impact on newcomer organizational socialization outcomes. European Journal of Training and Development. Strukturierte Literaturübersicht aus der Personalentwicklungsperspektive