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Das Impostor-Syndrom

Das Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben, ist gut beschrieben und schlecht gemessen. Was daran verlässlich ist, verweist eher auf die Lage als auf die Person.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein leerer Konferenzstuhl an einem Besprechungstisch, davor ein unbeschriftetes Namensschild aus gefaltetem Karton
Das Namensschild steht schon da. Ob man sich zugehörig fühlt, entscheidet sich anderswo. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Über kaum ein Arbeitsthema wird so viel geschrieben und so uneinheitlich gemessen. Wer die Zahlen kennt, liest die eigenen Gefühle anders: als Hinweis auf eine Position, nicht als Befund über eine Person.

  • Es ist kein diagnostizierbares Krankheitsbild.
  • Die berichtete Häufigkeit hängt fast vollständig vom Messinstrument ab.
  • Verlässlich damit verbunden sind Berufsjahre, Rang und Minderheitenposition.
  • Der Zusammenhang mit Erschöpfung ist unabhängig belegt.
  • Es gibt keine veröffentlichte Studie zur Behandlung.

Kein Syndrom

Der Begriff stammt aus den 1970er Jahren und beschreibt das Erleben, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und irgendwann als Betrüger aufzufliegen. Er ist keine Diagnose, steht in keinem Klassifikationssystem und wird auch in der Forschung meist als Phänomen bezeichnet, nicht als Syndrom.

Was der Begriff meint und was nicht
Beschrieben wirdNicht gemeint ist
Erfolg wird äußeren Umständen zugeschrieben, nicht eigenem KönnenRealistische Einschätzung eigener Grenzen
Die Sorge, als weniger fähig erkannt zu werdenBerechtigte Kritik an der eigenen Arbeit
Anhaltendes Erleben trotz gegenteiliger BelegeUnsicherheit in einer tatsächlich neuen Aufgabe
Ein Erleben ohne KrankheitswertEine behandlungsbedürftige Störung

Der letzte Punkt ist wichtig: Angst und depressive Beschwerden treten häufig gemeinsam damit auf und sind für sich behandelbar. Das Erleben selbst ist es nicht.

Die Spannweite

Die maßgebliche Übersicht hat 62 Studien mit 14.161 Teilnehmenden ausgewertet, wobei die Hälfte davon in den sechs Jahren vor der Veröffentlichung erschienen war. Ihr wichtigster Befund ist ein methodischer.

62

ausgewertete Studien

14.161

Teilnehmende

9 bis 82 %

berichtete Häufigkeit

0

Studien zur Behandlung

Die Häufigkeitsangaben schwankten stark zwischen 9 und 82 Prozent, weitgehend abhängig vom verwendeten Erhebungsinstrument und dem gewählten Grenzwert.
Bravata et al. 2020
  • Eine Spannweite von 9 bis 82 Prozent ist keine Häufigkeitsangabe. Sie ist eine Aussage über die Messung. Jede Schlagzeile, die eine bestimmte Zahl nennt, greift einen Punkt aus dieser Spanne heraus.
  • Besonders hoch fielen die Werte in ethnischen Minderheiten aus. Das ist der erste Hinweis darauf, dass die Position eine Rolle spielt.
  • Es war bei Männern und Frauen verbreitet und über alle Altersgruppen hinweg, von Jugendlichen bis zu Menschen am Ende ihrer Laufbahn.
  • Zur Einordnung gehört ein Interessenkonflikt: Alle Autoren bis auf einen waren Beschäftigte oder Beratende des Unternehmens, das die Arbeit finanzierte. Das ist offengelegt und ändert nichts an den methodischen Befunden.

Warum die Zahlen schwanken

Eine zweite Übersicht hat sich ausschließlich mit den Erhebungsinstrumenten befasst und vier verbreitete Fragebögen gegen einen Qualitätsrahmen geprüft.

Was die Prüfung der Instrumente ergab. Quelle: Mak, Kleitman & Abbott 2019
BefundAnmerkung
Vier geprüfte ErhebungsinstrumenteAus 18 eingeschlossenen Studien
Niedrige methodische BewertungenMeist nicht wegen schlechter Werte, sondern weil Daten fehlten
Unklare DimensionalitätEs ist nicht geklärt, ob das Erleben aus einem oder mehreren Bestandteilen besteht
Schwer unterscheidbare InstrumenteDie Autorengruppe empfiehlt, künftige Studien so anzulegen, dass sich die Instrumente besser vergleichen lassen

Fehlende Daten sind nicht dasselbe wie schlechte Werte

Die Autorengruppe hebt das ausdrücklich hervor: Die Instrumente schnitten schlecht ab, weil zu vielen Eigenschaften keine Daten vorlagen, nicht weil die vorhandenen Daten schlecht waren. Das ist ein Forschungsdefizit, kein Nachweis der Untauglichkeit.

Praktisch heißt das zweierlei. Zum einen sind Selbsttests im Internet mit Vorsicht zu lesen, weil ihr Ergebnis vom gewählten Grenzwert abhängt. Zum anderen sind Vergleiche zwischen Studien mit unterschiedlichen Fragebögen nicht zulässig, und genau solche Vergleiche stehen in den meisten Berichten.

Was verlässlich zusammenhängt

Wenn die Häufigkeit schlecht bestimmbar ist, bleibt die Frage nach den Zusammenhängen. Eine Befragung unter Fachärztinnen und Fachärzten der Urologie liefert dazu die deutlichsten Zahlen.

Was mit höheren Werten verbunden war. Quelle: Jefferson et al. 2024
MerkmalBefund
Weibliches GeschlechtUnabhängig mit höheren Werten verbunden
Wenige Berufsjahre, insbesondere null bis zweiUnabhängig mit höheren Werten verbunden
Niedrigerer akademischer RangUnabhängig mit höheren Werten verbunden
Anteil mit häufigem oder starkem Erleben40 Prozent von 614 Befragten

Die Rücklaufquote lag bei 11 Prozent. Wer an einer Befragung zu diesem Thema teilnimmt, hat vermutlich eher damit zu tun, sodass die 40 Prozent nach oben verzerrt sein dürften.

  • Alle drei Merkmale beschreiben eine Position, keine Persönlichkeit. Neu sein, unten stehen, in der Minderheit sein. Das sind Lagemerkmale.
  • Die Übersicht zu Chirurginnen und Chirurgen bestätigt das Muster: Frauen berichteten es häufiger als Männer, und die Werte gingen mit steigendem Alter zurück.
  • Der Rückgang mit dem Alter ist zweideutig. Er kann heißen, dass sich das Erleben legt. Er kann auch heißen, dass es diejenigen aus dem Beruf gedrängt hat, bei denen es besonders ausgeprägt war.
  • Die Autorengruppe der Urologiebefragung schlägt vor, den Frauenanteil zu erhöhen, um das Erleben bei den Kolleginnen zu verringern. Das ist eine strukturelle und keine persönliche Maßnahme.

Der Zusammenhang mit Erschöpfung

Der praktisch wichtigste Befund betrifft die Folgen. In derselben Befragung berichteten 46 Prozent Erschöpfungssymptome, und der Zusammenhang mit dem Impostor-Erleben blieb auch bestehen, nachdem andere Merkmale berücksichtigt wurden.

46 %

mit Erschöpfungssymptomen

OR 1,06

je Punkt auf der Skala

p < 0,001

Bedeutsamkeit

614

auswertbare Antworten

  • Ein Odds Ratio von 1,06 je Punkt klingt klein und ist es nicht, weil die Skala über viele Punkte reicht. Über eine Spanne von 20 Punkten summiert es sich deutlich.
  • Die Richtung ist unklar. Es handelt sich um eine einmalige Befragung. Erschöpfung kann Selbstzweifel verstärken, und Selbstzweifel können erschöpfen.
  • Die große Übersicht berichtet dasselbe Muster: Das Erleben tritt häufig gemeinsam mit Depressivität und Angst auf und geht mit beeinträchtigter Arbeitsleistung, geringerer Arbeitszufriedenheit und Erschöpfung einher.

Das ist der Grund, es ernst zu nehmen

Ein Erleben ohne Krankheitswert, das mit Depressivität, Angst und Erschöpfung einhergeht, ist trotzdem ein Anlass hinzuschauen. Nicht weil es behandelt werden müsste, sondern weil das, womit es zusammen auftritt, behandelbar ist.

Was es an Behandlung gibt

An dieser Stelle endet die Beleglage abrupt. Die Übersicht über 62 Studien hält einen Satz fest, der in der Ratgeberliteratur nie zitiert wird.

Keine veröffentlichte Studie hat Behandlungen für dieses Erleben untersucht.
Bravata et al. 2020
  • Es gibt reichlich Ratschläge und keine geprüfte Maßnahme. Alles, was zu diesem Thema angeboten wird, ist plausibel und unbelegt.
  • Die Übersicht zu Chirurginnen und Chirurgen benennt einen Ansatz, nämlich zu üben, Tatsachen von Vermutungen zu unterscheiden und damit die verzerrten Gedanken zu untergraben. Das ist der Kern kognitiver Verfahren, in diesem Zusammenhang aber nicht in Studien geprüft.
  • Was geprüft ist, sind die Begleiterscheinungen. Für Depressivität und Angststörungen gibt es wirksame Behandlungen. Der Weg führt also über das, was tatsächlich behandelbar ist.
  • Und die strukturellen Ansätze sind naheliegender, weil die verlässlichen Zusammenhänge Lagemerkmale betreffen: Einarbeitung, Rückmeldung, Zusammensetzung von Teams.

Praktisch

Für dich selbst

  • Prüfe zuerst die Lage, nicht die Person. Neu, jung, unten in der Hierarchie, allein in einer Merkmalsgruppe. Diese vier erklären mehr als jede Persönlichkeitsdeutung.
  • Sammle überprüfbare Belege. Rückmeldungen, abgeschlossene Aufgaben, erreichte Ergebnisse, schriftlich. Das Erleben besteht darin, dass Belege nicht zählen. Aufgeschrieben lassen sie sich schlechter wegdeuten.
  • Sprich mit jemandem in ähnlicher Lage. Bei einer Verbreitung, die je nach Messung bis zu 82 Prozent erreicht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es der anderen Person ähnlich geht.
  • Erwarte keinen Kurs. Es gibt keine geprüfte Maßnahme. Was es gibt, sind wirksame Behandlungen für das, was häufig damit einhergeht.

Für Führungskräfte

  • Konkrete Rückmeldung statt allgemeines Lob. Wer den eigenen Erfolg äußeren Umständen zuschreibt, kann mit „gut gemacht“ nichts anfangen. Was genau war gut und warum.
  • Zusammensetzung ändern. Die höchsten Werte fanden sich bei Menschen in Minderheitenpositionen. Das ist eine Struktur- und keine Haltungsfrage.
  • Die ersten zwei Jahre gezielt begleiten. Wenige Berufsjahre waren unabhängig mit höheren Werten verbunden.
  • Kein Impostor-Workshop als Ersatz. Es gibt dafür keine Beleggrundlage, und er verlagert ein Lageproblem in die Person.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Das Erleben tritt häufig gemeinsam mit Depressivität und Angststörungen auf, und diese sind gut behandelbar. Wenn du dich seit Wochen niedergeschlagen fühlst, Situationen vermeidest oder körperlich unter der Anspannung leidest, ist das der Punkt, an dem eine Abklärung sinnvoll ist. Die psychotherapeutische Sprechstunde ist über die Terminservicestelle unter 116 117 erreichbar.

Passend dazu

Fazit

Das Impostor-Syndrom ist keine Diagnose, und seine Häufigkeitsangaben sind vor allem eine Aussage über die Messung: 9 bis 82 Prozent über 62 Studien mit 14.161 Personen, abhängig von Fragebogen und Grenzwert. Eine zweite Übersicht zeigt, warum: Zu den vier verbreiteten Instrumenten fehlen entscheidende Daten, und es ist nicht einmal geklärt, aus wie vielen Bestandteilen das Erleben besteht.

Verlässlich sind die Zusammenhänge mit der Position: wenige Berufsjahre, niedrigerer Rang, Zugehörigkeit zu einer Minderheit. Alles Merkmale der Lage, nicht der Person. Und der Zusammenhang mit Erschöpfung ist unabhängig belegt, wenn auch in der Richtung offen.

Behandlungsstudien gibt es keine, und das sollte jeder wissen, der ein Angebot dazu kauft. Was es gibt, sind wirksame Behandlungen für die Begleiterscheinungen und strukturelle Ansätze, die an der Lage ansetzen. Beides ist besser begründet als ein Workshop.

Häufige Fragen

Ist das Impostor-Syndrom eine Diagnose?

Nein. Es ist kein diagnostizierbares Krankheitsbild und steht in keinem Klassifikationssystem. Beschrieben wird ein Erleben: dass die eigenen Leistungen nicht auf echtem Können beruhen.

Wie verbreitet ist es?

Die Angaben reichen von 9 bis 82 Prozent. Eine systematische Übersicht über 62 Studien mit 14.161 Teilnehmenden führt diese Spannweite ausdrücklich auf das verwendete Erhebungsinstrument und den gewählten Grenzwert zurück.

Trifft es vor allem Frauen?

Die große Übersicht fand es bei Männern und Frauen verbreitet und über alle Altersgruppen hinweg. In einzelnen Berufsgruppen zeigen sich Unterschiede: Bei Chirurginnen und bei Urologinnen fielen die Werte höher aus als bei ihren männlichen Kollegen.

Was hängt sonst damit zusammen?

In einer Befragung von 614 Urologinnen und Urologen waren weibliches Geschlecht, wenige Berufsjahre und ein niedrigerer akademischer Rang unabhängig voneinander mit höheren Werten verbunden.

Hängt es mit Erschöpfung zusammen?

Ja. In derselben Befragung war ein Anstieg des Wertes unabhängig mit höheren Chancen für Erschöpfungssymptome verbunden, mit einem Odds Ratio von 1,06 je Punkt.

Gibt es eine wirksame Behandlung?

Keine untersuchte. Die systematische Übersicht über 62 Studien hält ausdrücklich fest, dass keine veröffentlichte Arbeit Behandlungen für dieses Erleben geprüft hat.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Bravata, D. M. et al. (2020): Prevalence, Predictors, and Treatment of Impostor Syndrome: a Systematic Review. Journal of General Internal Medicine. 62 Studien mit 14.161 Teilnehmenden. Alle Autoren bis auf einen waren Beschäftigte oder Beratende des finanzierenden Unternehmens, was offengelegt ist

  2. 2

    Mak, K. K. L., Kleitman, S. & Abbott, M. J. (2019): Impostor Phenomenon Measurement Scales: A Systematic Review. Frontiers in Psychology. 18 eingeschlossene Studien zu vier Erhebungsinstrumenten, bewertet mit einem Qualitätsrahmen

  3. 3

    Jefferson, F. A. et al. (2024): The prevalence of impostor phenomenon and its association with burnout amongst urologists. BJU International. 614 auswertbare Antworten bei einer Rücklaufquote von 11 Prozent

  4. 4

    El Boghdady, M. & Ewalds-Kvist, B. (2025): Surgeon's imposter syndrome: a systematic review. Langenbeck’s Archives of Surgery. 695 gesichtete Titel, zwölf eingeschlossene Arbeiten, bewertet mit MERSQI und GRADE