
Auf einen Blick
Über kaum ein Arbeitsthema wird so viel geschrieben und so uneinheitlich gemessen. Wer die Zahlen kennt, liest die eigenen Gefühle anders: als Hinweis auf eine Position, nicht als Befund über eine Person.
- Es ist kein diagnostizierbares Krankheitsbild.
- Die berichtete Häufigkeit hängt fast vollständig vom Messinstrument ab.
- Verlässlich damit verbunden sind Berufsjahre, Rang und Minderheitenposition.
- Der Zusammenhang mit Erschöpfung ist unabhängig belegt.
- Es gibt keine veröffentlichte Studie zur Behandlung.
Kein Syndrom
Der Begriff stammt aus den 1970er Jahren und beschreibt das Erleben, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und irgendwann als Betrüger aufzufliegen. Er ist keine Diagnose, steht in keinem Klassifikationssystem und wird auch in der Forschung meist als Phänomen bezeichnet, nicht als Syndrom.
| Beschrieben wird | Nicht gemeint ist |
|---|---|
| Erfolg wird äußeren Umständen zugeschrieben, nicht eigenem Können | Realistische Einschätzung eigener Grenzen |
| Die Sorge, als weniger fähig erkannt zu werden | Berechtigte Kritik an der eigenen Arbeit |
| Anhaltendes Erleben trotz gegenteiliger Belege | Unsicherheit in einer tatsächlich neuen Aufgabe |
| Ein Erleben ohne Krankheitswert | Eine behandlungsbedürftige Störung |
Der letzte Punkt ist wichtig: Angst und depressive Beschwerden treten häufig gemeinsam damit auf und sind für sich behandelbar. Das Erleben selbst ist es nicht.
Die Spannweite
Die maßgebliche Übersicht hat 62 Studien mit 14.161 Teilnehmenden ausgewertet, wobei die Hälfte davon in den sechs Jahren vor der Veröffentlichung erschienen war. Ihr wichtigster Befund ist ein methodischer.
62
ausgewertete Studien
14.161
Teilnehmende
9 bis 82 %
berichtete Häufigkeit
0
Studien zur Behandlung
Die Häufigkeitsangaben schwankten stark zwischen 9 und 82 Prozent, weitgehend abhängig vom verwendeten Erhebungsinstrument und dem gewählten Grenzwert.
- Eine Spannweite von 9 bis 82 Prozent ist keine Häufigkeitsangabe. Sie ist eine Aussage über die Messung. Jede Schlagzeile, die eine bestimmte Zahl nennt, greift einen Punkt aus dieser Spanne heraus.
- Besonders hoch fielen die Werte in ethnischen Minderheiten aus. Das ist der erste Hinweis darauf, dass die Position eine Rolle spielt.
- Es war bei Männern und Frauen verbreitet und über alle Altersgruppen hinweg, von Jugendlichen bis zu Menschen am Ende ihrer Laufbahn.
- Zur Einordnung gehört ein Interessenkonflikt: Alle Autoren bis auf einen waren Beschäftigte oder Beratende des Unternehmens, das die Arbeit finanzierte. Das ist offengelegt und ändert nichts an den methodischen Befunden.
Warum die Zahlen schwanken
Eine zweite Übersicht hat sich ausschließlich mit den Erhebungsinstrumenten befasst und vier verbreitete Fragebögen gegen einen Qualitätsrahmen geprüft.
| Befund | Anmerkung |
|---|---|
| Vier geprüfte Erhebungsinstrumente | Aus 18 eingeschlossenen Studien |
| Niedrige methodische Bewertungen | Meist nicht wegen schlechter Werte, sondern weil Daten fehlten |
| Unklare Dimensionalität | Es ist nicht geklärt, ob das Erleben aus einem oder mehreren Bestandteilen besteht |
| Schwer unterscheidbare Instrumente | Die Autorengruppe empfiehlt, künftige Studien so anzulegen, dass sich die Instrumente besser vergleichen lassen |
Fehlende Daten sind nicht dasselbe wie schlechte Werte
Die Autorengruppe hebt das ausdrücklich hervor: Die Instrumente schnitten schlecht ab, weil zu vielen Eigenschaften keine Daten vorlagen, nicht weil die vorhandenen Daten schlecht waren. Das ist ein Forschungsdefizit, kein Nachweis der Untauglichkeit.
Praktisch heißt das zweierlei. Zum einen sind Selbsttests im Internet mit Vorsicht zu lesen, weil ihr Ergebnis vom gewählten Grenzwert abhängt. Zum anderen sind Vergleiche zwischen Studien mit unterschiedlichen Fragebögen nicht zulässig, und genau solche Vergleiche stehen in den meisten Berichten.
Was verlässlich zusammenhängt
Wenn die Häufigkeit schlecht bestimmbar ist, bleibt die Frage nach den Zusammenhängen. Eine Befragung unter Fachärztinnen und Fachärzten der Urologie liefert dazu die deutlichsten Zahlen.
| Merkmal | Befund |
|---|---|
| Weibliches Geschlecht | Unabhängig mit höheren Werten verbunden |
| Wenige Berufsjahre, insbesondere null bis zwei | Unabhängig mit höheren Werten verbunden |
| Niedrigerer akademischer Rang | Unabhängig mit höheren Werten verbunden |
| Anteil mit häufigem oder starkem Erleben | 40 Prozent von 614 Befragten |
Die Rücklaufquote lag bei 11 Prozent. Wer an einer Befragung zu diesem Thema teilnimmt, hat vermutlich eher damit zu tun, sodass die 40 Prozent nach oben verzerrt sein dürften.
- Alle drei Merkmale beschreiben eine Position, keine Persönlichkeit. Neu sein, unten stehen, in der Minderheit sein. Das sind Lagemerkmale.
- Die Übersicht zu Chirurginnen und Chirurgen bestätigt das Muster: Frauen berichteten es häufiger als Männer, und die Werte gingen mit steigendem Alter zurück.
- Der Rückgang mit dem Alter ist zweideutig. Er kann heißen, dass sich das Erleben legt. Er kann auch heißen, dass es diejenigen aus dem Beruf gedrängt hat, bei denen es besonders ausgeprägt war.
- Die Autorengruppe der Urologiebefragung schlägt vor, den Frauenanteil zu erhöhen, um das Erleben bei den Kolleginnen zu verringern. Das ist eine strukturelle und keine persönliche Maßnahme.
Der Zusammenhang mit Erschöpfung
Der praktisch wichtigste Befund betrifft die Folgen. In derselben Befragung berichteten 46 Prozent Erschöpfungssymptome, und der Zusammenhang mit dem Impostor-Erleben blieb auch bestehen, nachdem andere Merkmale berücksichtigt wurden.
46 %
mit Erschöpfungssymptomen
OR 1,06
je Punkt auf der Skala
p < 0,001
Bedeutsamkeit
614
auswertbare Antworten
- Ein Odds Ratio von 1,06 je Punkt klingt klein und ist es nicht, weil die Skala über viele Punkte reicht. Über eine Spanne von 20 Punkten summiert es sich deutlich.
- Die Richtung ist unklar. Es handelt sich um eine einmalige Befragung. Erschöpfung kann Selbstzweifel verstärken, und Selbstzweifel können erschöpfen.
- Die große Übersicht berichtet dasselbe Muster: Das Erleben tritt häufig gemeinsam mit Depressivität und Angst auf und geht mit beeinträchtigter Arbeitsleistung, geringerer Arbeitszufriedenheit und Erschöpfung einher.
Das ist der Grund, es ernst zu nehmen
Ein Erleben ohne Krankheitswert, das mit Depressivität, Angst und Erschöpfung einhergeht, ist trotzdem ein Anlass hinzuschauen. Nicht weil es behandelt werden müsste, sondern weil das, womit es zusammen auftritt, behandelbar ist.
Was es an Behandlung gibt
An dieser Stelle endet die Beleglage abrupt. Die Übersicht über 62 Studien hält einen Satz fest, der in der Ratgeberliteratur nie zitiert wird.
Keine veröffentlichte Studie hat Behandlungen für dieses Erleben untersucht.
- Es gibt reichlich Ratschläge und keine geprüfte Maßnahme. Alles, was zu diesem Thema angeboten wird, ist plausibel und unbelegt.
- Die Übersicht zu Chirurginnen und Chirurgen benennt einen Ansatz, nämlich zu üben, Tatsachen von Vermutungen zu unterscheiden und damit die verzerrten Gedanken zu untergraben. Das ist der Kern kognitiver Verfahren, in diesem Zusammenhang aber nicht in Studien geprüft.
- Was geprüft ist, sind die Begleiterscheinungen. Für Depressivität und Angststörungen gibt es wirksame Behandlungen. Der Weg führt also über das, was tatsächlich behandelbar ist.
- Und die strukturellen Ansätze sind naheliegender, weil die verlässlichen Zusammenhänge Lagemerkmale betreffen: Einarbeitung, Rückmeldung, Zusammensetzung von Teams.
Praktisch
Für dich selbst
- Prüfe zuerst die Lage, nicht die Person. Neu, jung, unten in der Hierarchie, allein in einer Merkmalsgruppe. Diese vier erklären mehr als jede Persönlichkeitsdeutung.
- Sammle überprüfbare Belege. Rückmeldungen, abgeschlossene Aufgaben, erreichte Ergebnisse, schriftlich. Das Erleben besteht darin, dass Belege nicht zählen. Aufgeschrieben lassen sie sich schlechter wegdeuten.
- Sprich mit jemandem in ähnlicher Lage. Bei einer Verbreitung, die je nach Messung bis zu 82 Prozent erreicht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es der anderen Person ähnlich geht.
- Erwarte keinen Kurs. Es gibt keine geprüfte Maßnahme. Was es gibt, sind wirksame Behandlungen für das, was häufig damit einhergeht.
Für Führungskräfte
- Konkrete Rückmeldung statt allgemeines Lob. Wer den eigenen Erfolg äußeren Umständen zuschreibt, kann mit „gut gemacht“ nichts anfangen. Was genau war gut und warum.
- Zusammensetzung ändern. Die höchsten Werte fanden sich bei Menschen in Minderheitenpositionen. Das ist eine Struktur- und keine Haltungsfrage.
- Die ersten zwei Jahre gezielt begleiten. Wenige Berufsjahre waren unabhängig mit höheren Werten verbunden.
- Kein Impostor-Workshop als Ersatz. Es gibt dafür keine Beleggrundlage, und er verlagert ein Lageproblem in die Person.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Das Erleben tritt häufig gemeinsam mit Depressivität und Angststörungen auf, und diese sind gut behandelbar. Wenn du dich seit Wochen niedergeschlagen fühlst, Situationen vermeidest oder körperlich unter der Anspannung leidest, ist das der Punkt, an dem eine Abklärung sinnvoll ist. Die psychotherapeutische Sprechstunde ist über die Terminservicestelle unter 116 117 erreichbar.
Passend dazu
Fazit
Das Impostor-Syndrom ist keine Diagnose, und seine Häufigkeitsangaben sind vor allem eine Aussage über die Messung: 9 bis 82 Prozent über 62 Studien mit 14.161 Personen, abhängig von Fragebogen und Grenzwert. Eine zweite Übersicht zeigt, warum: Zu den vier verbreiteten Instrumenten fehlen entscheidende Daten, und es ist nicht einmal geklärt, aus wie vielen Bestandteilen das Erleben besteht.
Verlässlich sind die Zusammenhänge mit der Position: wenige Berufsjahre, niedrigerer Rang, Zugehörigkeit zu einer Minderheit. Alles Merkmale der Lage, nicht der Person. Und der Zusammenhang mit Erschöpfung ist unabhängig belegt, wenn auch in der Richtung offen.
Behandlungsstudien gibt es keine, und das sollte jeder wissen, der ein Angebot dazu kauft. Was es gibt, sind wirksame Behandlungen für die Begleiterscheinungen und strukturelle Ansätze, die an der Lage ansetzen. Beides ist besser begründet als ein Workshop.
Häufige Fragen
Ist das Impostor-Syndrom eine Diagnose?
Nein. Es ist kein diagnostizierbares Krankheitsbild und steht in keinem Klassifikationssystem. Beschrieben wird ein Erleben: dass die eigenen Leistungen nicht auf echtem Können beruhen.
Wie verbreitet ist es?
Die Angaben reichen von 9 bis 82 Prozent. Eine systematische Übersicht über 62 Studien mit 14.161 Teilnehmenden führt diese Spannweite ausdrücklich auf das verwendete Erhebungsinstrument und den gewählten Grenzwert zurück.
Trifft es vor allem Frauen?
Die große Übersicht fand es bei Männern und Frauen verbreitet und über alle Altersgruppen hinweg. In einzelnen Berufsgruppen zeigen sich Unterschiede: Bei Chirurginnen und bei Urologinnen fielen die Werte höher aus als bei ihren männlichen Kollegen.
Was hängt sonst damit zusammen?
In einer Befragung von 614 Urologinnen und Urologen waren weibliches Geschlecht, wenige Berufsjahre und ein niedrigerer akademischer Rang unabhängig voneinander mit höheren Werten verbunden.
Hängt es mit Erschöpfung zusammen?
Ja. In derselben Befragung war ein Anstieg des Wertes unabhängig mit höheren Chancen für Erschöpfungssymptome verbunden, mit einem Odds Ratio von 1,06 je Punkt.
Gibt es eine wirksame Behandlung?
Keine untersuchte. Die systematische Übersicht über 62 Studien hält ausdrücklich fest, dass keine veröffentlichte Arbeit Behandlungen für dieses Erleben geprüft hat.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Bravata, D. M. et al. (2020): Prevalence, Predictors, and Treatment of Impostor Syndrome: a Systematic Review. Journal of General Internal Medicine. 62 Studien mit 14.161 Teilnehmenden. Alle Autoren bis auf einen waren Beschäftigte oder Beratende des finanzierenden Unternehmens, was offengelegt ist
- 2
Mak, K. K. L., Kleitman, S. & Abbott, M. J. (2019): Impostor Phenomenon Measurement Scales: A Systematic Review. Frontiers in Psychology. 18 eingeschlossene Studien zu vier Erhebungsinstrumenten, bewertet mit einem Qualitätsrahmen
- 3
Jefferson, F. A. et al. (2024): The prevalence of impostor phenomenon and its association with burnout amongst urologists. BJU International. 614 auswertbare Antworten bei einer Rücklaufquote von 11 Prozent
- 4
El Boghdady, M. & Ewalds-Kvist, B. (2025): Surgeon's imposter syndrome: a systematic review. Langenbeck’s Archives of Surgery. 695 gesichtete Titel, zwölf eingeschlossene Arbeiten, bewertet mit MERSQI und GRADE