
Auf einen Blick
Wer für die eigene Belastbarkeit im Beruf etwas tun will, hört früh den Rat, sich eine Mentorin zu suchen. Der Rat ist nicht falsch. Aber die Beleglage dahinter ist deutlich dünner als der Ton, in dem er gegeben wird.
- Mentoring gilt als selbstverständlich und ist schwach belegt.
- 87 Prozent der Studien waren Querschnittsbefragungen.
- Von 30 Programmen erhoben sieben objektive Ergebnisse.
- Zu Sponsoring gibt es 16 Studien aus 50 Jahren.
- Der Zugang ist in beiden Bereichen ungleich verteilt.
Der Unterschied
Beide Begriffe beschreiben eine Beziehung zwischen einer erfahreneren und einer weniger erfahrenen Person. Was sie unterscheidet, ist, wer dabei etwas riskiert.
| Merkmal | Mentoring | Sponsoring |
|---|---|---|
| Was gegeben wird | Rat, Einschätzung, Wissen, Zuhören | Sichtbarkeit, Empfehlung, Zugang zu Positionen |
| Wo es stattfindet | Im Gespräch mit der geförderten Person | In Räumen, in denen die Person nicht anwesend ist |
| Wer ein Risiko trägt | Kaum jemand | Die fürsprechende Person, mit ihrem eigenen Ansehen |
| Woran es sich zeigt | An Zufriedenheit und Orientierung | An tatsächlichen Positionen |
| Wie gut untersucht | Viel Literatur, schwache Methodik | Wenig Literatur, uneinheitliche Methodik |
Sponsoring beschreibt eine Reihe von Handlungen, bei denen eine einflussreiche Person ihre Stellung nutzt, um die Laufbahn einer Kollegin oder eines Kollegen aktiv zu unterstützen, indem sie ihnen zu Sichtbarkeit, Anerkennung oder Positionen verhilft.
Warum die Unterscheidung praktisch zählt
Eine Organisation kann ein Mentoringprogramm einführen, ohne irgendetwas an Beförderungswegen zu ändern. Sponsoring lässt sich nicht als Programm verordnen, weil es darin besteht, dass jemand das eigene Ansehen einsetzt. Wer nur Mentoring anbietet, tut das Sichtbare und lässt das Wirksame unangetastet.
Die Beleglage zum Mentoring
Die maßgebliche Übersicht stammt aus der Hochschulmedizin, wo Mentoring seit Jahrzehnten als Grundpfeiler gilt. Sie hat 3640 Titel gesichtet, 142 Volltexte geprüft und 39 Studien eingeschlossen.
39
eingeschlossene Studien
87 %
davon Querschnittsbefragungen
< 50 %
Studierende mit Mentoring
< 20 %
Lehrende in manchen Fächern
Mentoring wird als wichtiger Teil der akademischen Medizin wahrgenommen, aber die Belege, die diese Wahrnehmung stützen, sind nicht stark.
- Was berichtet wurde: ein wichtiger Einfluss auf persönliche Entwicklung, Laufbahnberatung, Berufswahl und Forschungsleistung einschließlich Veröffentlichungen und Fördermittelerfolg.
- Wie es erhoben wurde: ganz überwiegend durch Selbstauskunft in Querschnittsbefragungen mit kleinen Stichproben und Rücklaufquoten zwischen 5 und 99 Prozent.
- Was fast völlig fehlte: Es gab eine einzige Fall-Kontroll-Studie mit einer Vergleichsgruppe ohne Mentoring und eine Kohortenstudie mit kleiner Stichprobe und großem Verlust an Nachbeobachtung.
- Und ein Zugangsbefund: Frauen berichteten, dass sie schwerer Mentorinnen und Mentoren fanden als ihre männlichen Kollegen.
Warum eine Rücklaufquote von 5 Prozent das Ergebnis kippt
Wer an einer freiwilligen Befragung zu Mentoring teilnimmt, hat vermutlich eine Meinung dazu, und häufig eine gute Erfahrung. Bei einer Rücklaufquote im einstelligen Bereich beschreibt das Ergebnis diese Gruppe, nicht die Gesamtheit.
Was gemessen wird
Eine neuere Übersicht hat 30 Mentoringprogramme an US-amerikanischen medizinischen Fakultäten ausgewertet. Ihr Befund zur Frage, was diese Programme eigentlich belegen, ist der praktisch wichtigste dieses Artikels.
| Merkmal | Befund |
|---|---|
| Häufigstes Modell | Die klassische Zweierbeziehung, danach Kombinationen aus Zweier- und Gruppenmentoring |
| Häufigste Zielgröße | Zufriedenheit, durchweg hoch bewertet |
| Programme mit objektiven Zielgrößen | Sieben von 30 |
| Merkmale dieser sieben | Kleiner als die übrigen, sechs von sieben auf ein einzelnes Fachgebiet begrenzt, fünf mit klassischer Zweierbeziehung |
| Objektive Ergebnisse | Bessere Vermittlungsquoten in Weiterbildungsstellen, mehr wissenschaftliche Arbeiten |
| Häufigste Hindernisse | Kosten und Zeitaufwand der Lehrenden |
- Zufriedenheit ist keine Wirkung. Dass ein Programm gut gefällt, sagt nichts darüber, ob es Laufbahnen verändert. Es sagt etwas darüber, ob Menschen gern teilnehmen, und das ist auch etwas wert.
- Die sieben mit objektiven Ergebnissen waren klein und eng. Das ist die übliche Umkehrung: Wo genau gemessen wird, ist die Reichweite gering, und wo die Reichweite groß ist, wird ungenau gemessen.
- Die klassische Zweierbeziehung dominiert dort, wo objektive Ergebnisse gemessen wurden. Fünf der sieben setzten darauf.
Die Beleglage zum Sponsoring
Für Sponsoring liegt eine Übersicht vor, die 50 Jahre Literatur durchsucht hat, von 1973 bis Juli 2023. Sechzehn Studien erfüllten die Kriterien.
| Frage | Befund |
|---|---|
| Was Sponsoring ist und ob es dem Aufstieg nützt | Weitgehende Übereinstimmung in der Literatur |
| Erhalten Männer häufiger Fürsprache? | Zwei von vier quantitativen Studien ja, eine kein Unterschied, eine nicht aussagekräftig genug |
| Was zeigen die qualitativen Studien? | Alle bis auf eine berichteten Geschlechterunterschiede: Frauen erhielten seltener Zugang oder wurden seltener dafür in Betracht gezogen |
| Was ist über unterrepräsentierte Gruppen bekannt? | Nur zwei der 16 Studien haben das untersucht |
| Wie sollte Sponsoring institutionell gestützt werden? | Unklar. Die vorliegenden Daten lassen keine Aussage zu strukturierten Programmen, formaler Anerkennung oder Anreizen zu |
Auch die Frage, in welcher Laufbahnphase Sponsoring am wichtigsten ist, blieb offen. Die Autorengruppe spricht ausdrücklich von einer Wissenslücke.
Der Kern des Problems
Sponsoring beruht darauf, dass jemand an jemanden denkt, wenn eine Gelegenheit entsteht. Wer nicht im Raum ist, wird nicht gedacht. Genau deshalb entstehen die Zugangsunterschiede, und genau deshalb lässt sich das nicht durch ein Mentoringprogramm beheben, in dem alle dieselben Gespräche führen.
Der Sonderfall Peer-Mentoring
Es gibt einen Bereich mit einer echten Metaanalyse. Sie betrifft altersübergreifendes Mentoring durch Gleichaltrige bei Jugendlichen, also die Form, in der ältere Jugendliche jüngere begleiten. Sechs Studien wurden zusammengefasst.
6
eingeschlossene Studien
g = 0,45
mittlerer Gesamteffekt
außerhalb
der Schule stärker
Aufsicht
durch Erwachsene verstärkt
- Größere Effekte fanden sich bei Programmen außerhalb des schulischen Rahmens, also am Wochenende, in den Ferien oder in Gemeinschaftseinrichtungen.
- Und bei mittlerer bis hoher Begleitung durch Erwachsene. Das ist der übertragbarste Befund: Auch Mentoring unter Gleichrangigen braucht einen Rahmen, sonst versandet es.
- Die Einschränkung: sechs Studien. Der Effekt von 0,45 ist mittelgroß, die Grundlage ist schmal.
Praktisch
Wenn du selbst begleitet werden willst
- Trenne die beiden Bedürfnisse. Wer Orientierung braucht, sucht Mentoring. Wer Zugang braucht, sucht Fürsprache. Es sind selten dieselben Personen.
- Bitte um Fürsprache konkret. Nicht „hättest du Zeit für ein Gespräch", sondern „würdest du mich für diese Aufgabe vorschlagen". Fürsprache entsteht selten von selbst.
- Mehrere statt eine Person. Die Zweierbeziehung dominiert die Literatur, aber die Programme mit objektiven Ergebnissen waren eng zugeschnitten. Für unterschiedliche Fragen braucht es unterschiedliche Menschen.
- Rechne mit Zugangsunterschieden. Beide Übersichten berichten sie. Wer schwerer Zugang findet, hat kein Vermittlungsproblem, sondern trifft auf ein beschriebenes Muster.
Wenn du ein Programm aufsetzt
- Miss etwas anderes als Zufriedenheit. Von 30 Programmen taten das sieben. Beförderungen, Wechsel, übernommene Aufgaben, Verbleib im Unternehmen.
- Plane die Zeit ein. Kosten und Zeitaufwand der Begleitenden waren die meistgenannten Hindernisse. Ein Programm ohne freigestellte Zeit ist eine Absichtserklärung.
- Frag nach der Fürsprache getrennt ab. Wer wurde im letzten Jahr von wem für welche Gelegenheit vorgeschlagen? Diese Frage macht die eigentliche Verteilung sichtbar.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Mentoring ist keine Behandlung. Wenn jemand in einer Krise steckt, überlastet ist oder unter der Arbeitssituation gesundheitlich leidet, gehört das nicht in eine Mentoringbeziehung, sondern zur Betriebsärztin, in eine Beratungsstelle oder in fachliche Behandlung. Die begleitende Person trägt dafür weder Ausbildung noch Schweigepflicht.
Passend dazu
Fazit
Mentoring gehört zu den Praktiken, deren Ansehen und Beleglage am weitesten auseinander liegen. 39 Studien, davon 87 Prozent Querschnittsbefragungen, und die Autorengruppe der JAMA-Übersicht schreibt selbst, die Belege seien nicht stark. Von 30 untersuchten Programmen erhoben sieben objektive Ergebnisse.
Sponsoring ist das, was Laufbahnen tatsächlich bewegt, und dazu gibt es 16 Studien aus 50 Jahren. Ihr klarster gemeinsamer Befund ist ein Zugangsunterschied: Frauen erhalten seltener Fürsprache oder werden seltener dafür in Betracht gezogen. Zu unterrepräsentierten Gruppen haben ganze zwei Studien überhaupt etwas gesagt.
Praktisch heißt das: Ein Mentoringprogramm ist eine gute Sache und keine Gleichstellungsmaßnahme. Wer Zugänge verändern will, muss die Fürsprache selbst zum Thema machen, und zwar mit der Frage, wer im letzten Jahr wen für was vorgeschlagen hat.
Häufige Fragen
Was unterscheidet Mentoring von Sponsoring?
Mentoring ist Beratung und Begleitung: Eine erfahrenere Person teilt Wissen und Einschätzungen. Sponsoring ist Fürsprache: Eine einflussreiche Person setzt ihre eigene Stellung ein, um jemandem Sichtbarkeit, Anerkennung oder Positionen zu verschaffen.
Wie gut ist Mentoring belegt?
Schwächer als sein Ruf. Eine Übersicht in JAMA fand 39 Studien, von denen 87 Prozent Querschnittsbefragungen mit kleinen Stichproben waren. Die Autorengruppe hält ausdrücklich fest, dass die Belege die verbreitete Einschätzung nicht stark stützen.
Was wird in Mentoringprogrammen gemessen?
Überwiegend Zufriedenheit. Von 30 ausgewerteten Programmen an US-Universitäten erhoben sieben objektive Ergebnisse, und diese sieben waren kleiner und meist auf ein einzelnes Fachgebiet begrenzt.
Wie verbreitet ist Mentoring überhaupt?
In der JAMA-Übersicht hatten weniger als 50 Prozent der Medizinstudierenden und in manchen Fächern weniger als 20 Prozent der Lehrenden eine Mentorin oder einen Mentor.
Gibt es einen Geschlechterunterschied?
Ja, in beiden Bereichen. Frauen berichteten in der JAMA-Übersicht, schwerer Mentorinnen und Mentoren zu finden. Bei der Fürsprache fanden zwei von vier quantitativen Studien, dass Männer sie häufiger erhalten.
Wirkt Peer-Mentoring?
Eine Metaanalyse zu altersübergreifendem Mentoring durch Gleichaltrige fand über sechs Studien einen mittleren Effekt von 0,45. Stärker fiel er außerhalb der Schule, im städtischen Umfeld und bei mittlerer bis hoher Begleitung durch Erwachsene aus.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Sambunjak, D., Straus, S. E. & Marušić, A. (2006): Mentoring in academic medicine: a systematic review. JAMA. 3640 gesichtete Titel, 142 Volltexte, 42 Arbeiten zu 39 Studien eingeschlossen
- 2
Farkas, A. H. et al. (2019): Mentorship of US Medical Students: a Systematic Review. Journal of General Internal Medicine. 3743 gesichtete Titel, 30 eingeschlossene Arbeiten
- 3
Schwartz, R., Williams, M. F. & Feldman, M. D. (2024): Does Sponsorship Promote Equity in Career Advancement in Academic Medicine? A Scoping Review. Journal of General Internal Medicine. Suche über 50 Jahre von 1973 bis Juli 2023, 16 eingeschlossene Studien
- 4
Burton, S. et al. (2022): Cross-age peer mentoring for youth: A meta-analysis. American Journal of Community Psychology. Sechs eingeschlossene Studien