
Auf einen Blick
Mitfühlende Führung wird meist als Zusatz verkauft: etwas, das man zur bestehenden Führungsarbeit dazunimmt. Die Datenlage legt eine andere Reihenfolge nahe, und die ist unbequemer.
- Sieben Führungsstile tragen jeweils eigenständig zur psychischen Gesundheit bei.
- Zerstörerische Führung ist eine der beiden stärksten Vorhersagegrößen.
- Für die positiven Anteile zählen Beziehungs- und Aufgabenorientierung am meisten.
- Führungstraining verbessert Wissen, Haltung und Verhalten der Führungskraft.
- Ein Effekt auf die Symptomlast der Beschäftigten ist bisher nicht gezeigt.
Was gemeint ist
Der Begriff stammt überwiegend aus dem Gesundheitswesen. Eine systematische Übersicht hat zehn Studien zusammengeführt, fünf qualitative und fünf quantitative, und daraus sieben Kernelemente herausgearbeitet.
| Element | Was es praktisch bedeutet |
|---|---|
| Menschen als Einzelne behandeln | Einfühlsam und verstehend, statt alle über einen Kamm zu scheren |
| Eine Kultur für offene und sichere Kommunikation aufbauen | Probleme lassen sich ansprechen, ohne dass es teuer wird |
| Für die Mitarbeitenden da sein | Erreichbarkeit, Präsenz, Zeit |
| Umfassend unterstützen | Fachlich, organisatorisch und persönlich |
| Vorangehen, als Führungskraft und als Fachperson | Fachliche Glaubwürdigkeit gehört dazu, Freundlichkeit allein reicht nicht |
| Bedingungen für gute Arbeit und Wohlbefinden schaffen | Personalbemessung, Ausstattung, Abläufe |
| In die Rolle hineinwachsen | Es ist eine Entwicklung, kein Charakterzug |
Das sechste Element ist das unbequemste
Bedingungen für gute Arbeit schaffen heißt in der Praxis Personal, Ausstattung und Abläufe. Das lässt sich nicht durch Haltung ersetzen. Eine Führungskraft, die sehr zugewandt ist und die Überlastung nicht ändert, erfüllt sechs von sieben Elementen und verfehlt das entscheidende.
Zur Einordnung gehört die Größe der Datenbasis: zehn Studien. Der Begriff ist deutlich besser beschrieben als untersucht. Für die Wirkungsfrage braucht es die breitere Führungsforschung.
Die Rangfolge der Stile
Die genaueste Antwort auf die Frage, welcher Führungsstil wie viel beiträgt, stammt aus einer Metaanalyse, die sieben Stile direkt gegeneinander gerechnet hat. Eingeschlossen wurden nur Studien, die mindestens zwei Stile gleichzeitig erhoben.
53
eingeschlossene Studien
217
Effektstärken
93.470
Beschäftigte
7
verglichene Führungsstile
| Zielgröße | Stärkste Vorhersagegrößen |
|---|---|
| Psychische Gesundheit insgesamt | Transformationale und zerstörerische Führung |
| Belastende Anteile: affektive Symptome, Stress, Beschwerden | Transformationale und zerstörerische Führung |
| Positive Anteile: Wohlbefinden, psychisches Funktionieren | Beziehungsorientierte und aufgabenorientierte Führung, danach transformationale |
Die sieben verglichenen Stile waren transformationale, transaktionale, Laissez-faire-, aufgaben- und beziehungsorientierte sowie zerstörerische Führung und die Qualität der Führungsbeziehung.
Die Ergebnisse legen nahe, dass verschiedene Führungsstile eigenständige Beiträge zur Erklärung der psychischen Gesundheit der Geführten leisten.
Der überraschende Teil
Für das Wohlbefinden zählte nicht die charismatische, visionäre Führung am meisten, sondern die schlichte Kombination aus Beziehungspflege und klarer Aufgabenklärung. Zu wissen, was zu tun ist, und sich dabei gesehen zu fühlen, schlägt Begeisterung.
Der stärkste Hebel
Die ältere, umfassendere Metaanalyse derselben Forschungsrichtung hat fünf Gruppen von Führungskonstrukten gegen sechs Kategorien psychischer Gesundheit gerechnet. Ihr deutlichster Befund betrifft die negative Seite.
Zerstörerische Führung
1
stark negativ
Transformationale Führung
0,6
positiv
Beziehungsorientierte Führung
0,6
positiv
Aufgabenorientierte Führung
0,5
positiv
Qualität der Führungsbeziehung
0,5
positiv
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Zerstörerische Führung | 1 |
| Transformationale Führung | 0.6 |
| Beziehungsorientierte Führung | 0.6 |
| Aufgabenorientierte Führung | 0.5 |
| Qualität der Führungsbeziehung | 0.5 |
Schematische Darstellung der Befundrichtungen, nicht der Effektgrößen. Quelle: Montano et al. 2017.
- Transformationale Führung, eine hohe Qualität beziehungs- und aufgabenorientierten Verhaltens sowie eine gute Führungsbeziehung hingen positiv mit psychischer Gesundheit zusammen.
- Zerstörerische Führung hing stark negativ damit zusammen. In der Formulierung der Autorengruppe ist dieser Zusammenhang der einzige, der ausdrücklich als stark bezeichnet wird.
- Praktisch heißt das: Die zuverlässigste Verbesserung ist das Abstellen schädigenden Verhaltens, nicht das Hinzufügen von Mitgefühl.
Warum die Reihenfolge zählt
Ein Team, in dem herabgesetzt und willkürlich entschieden wird, profitiert nicht von einem Achtsamkeitsangebot. Es profitiert davon, dass das Herabsetzen aufhört. Wenn eine Organisation Mitgefühlstrainings anbietet, ohne das Führungsverhalten zu verändern, arbeitet sie an der schwächeren Stellschraube.
Lässt es sich trainieren
Die entscheidende praktische Frage: Bringt es etwas, Führungskräfte zu schulen? Eine Metaanalyse hat dazu zehn kontrollierte Studien zusammengefasst, die ausdrücklich auch die psychische Gesundheit der unterstellten Beschäftigten in den Blick nahmen.
| Zielgröße | Effekt | Bedeutsamkeit |
|---|---|---|
| Wissen der Führungskraft über psychische Gesundheit | SMD 0,73 | p < 0,001 |
| Nicht stigmatisierende Haltung | SMD 0,36 | p < 0,001 |
| Selbst berichtetes Unterstützungsverhalten | SMD 0,59 | p = 0,01 |
| Psychische Symptome der Beschäftigten | Kein bedeutsamer Effekt | p = 0,28 |
Die Befunde zur Auswirkung von Führungstrainings auf die psychische Belastung der Beschäftigten bleiben vorläufig, da bisher nur sehr wenig Forschung mit Daten auf Beschäftigtenebene vorliegt.
- Was gezeigt ist: Führungskräfte wissen hinterher mehr, urteilen weniger abwertend und geben an, sich anders zu verhalten.
- Was nicht gezeigt ist: dass es den Beschäftigten dadurch besser geht. Die Autorengruppe führt das ausdrücklich auf die kleine Zahl entsprechender Studien zurück, nicht auf ein widerlegtes Wirkprinzip.
- Was zur Einordnung gehört: Zwei Autoren sind bei einer Einrichtung angestellt, die Führungstrainings an Unternehmen verkauft. Das ist offengelegt und spricht eher dafür, dass der Nullbefund auf Beschäftigtenebene belastbar ist, denn er geht gegen das eigene Interesse.
Selbstauskunft ist die schwache Stelle
Der Effekt von 0,59 betrifft das selbst berichtete Verhalten. Wer gerade zwei Tage über psychische Gesundheit gelernt hat, schätzt das eigene Unterstützungsverhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit besser ein als vorher. Erst Daten der Beschäftigten könnten das prüfen, und genau die fehlen.
Woran man es erkennt
Wenn Selbstauskunft der schwache Punkt ist, dann ist die nützlichste Frage: Woran merken es die Beschäftigten? Aus der Zusammenschau der zitierten Arbeiten lässt sich das recht konkret sagen.
| Anspruch | Beobachtbarer Beleg |
|---|---|
| Ich bin ansprechbar | Es gibt feste Zeiten, in denen die Tür offen ist, und sie werden eingehalten |
| Fehler dürfen angesprochen werden | Es gibt einen Fall, in dem jemand einen Fehler gemeldet hat und nichts Schlimmes passiert ist |
| Ich unterstütze | Eine Aufgabe wurde tatsächlich weggenommen, nicht nur Verständnis geäußert |
| Ich sorge für gute Bedingungen | Eine Personal- oder Ausstattungsentscheidung ist nachweislich zugunsten des Teams ausgefallen |
| Ich behandle euch als Einzelne | Unterschiedliche Menschen bekommen unterschiedliche Regelungen, ohne dass es Streit gibt |
Jede Zeile in der rechten Spalte lässt sich von außen prüfen. Die linke nicht.
Praktisch
Für Führungskräfte
- Zuerst das Schädigende abstellen. Herabsetzung, Willkür bei Entscheidungen, öffentliche Kritik, Unerreichbarkeit in Krisen. Diese Liste durchzugehen bringt mehr als jedes Mitgefühlstraining.
- Klarheit ist ein Mitgefühlsbeitrag. Aufgabenorientierte Führung war eine der stärksten Vorhersagegrößen für Wohlbefinden. Wer weiß, was von ihm erwartet wird, ist entlastet.
- Entlasten statt verstehen. Verständnis, das keine Aufgabe wegnimmt, ändert die Lage nicht.
- Frag nach Wirkung, nicht nach Absicht. Die Studienlage zeigt, dass Selbsteinschätzungen sich verbessern, ohne dass das etwas heißen muss. Eine anonyme Rückmeldung aus dem Team sagt mehr.
Für Beschäftigte
- Achte auf die rechte Spalte. Bewerte Führung an Entscheidungen, nicht an Formulierungen.
- Zerstörerische Führung ist kein Persönlichkeitsproblem, das du lösen musst. Der Zusammenhang mit psychischer Gesundheit ist stark und gut belegt. Dokumentieren und die nächste Ebene oder den Betriebsrat einbeziehen sind angemessene Schritte.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn du unter deiner Führungssituation seit Monaten leidest, schlecht schläfst und morgens Angst vor der Arbeit hast, ist das kein Führungsthema mehr, sondern ein Gesundheitsthema. Der Weg führt über die Hausarztpraxis oder den Betriebsarzt, und beide unterliegen der Schweigepflicht gegenüber dem Arbeitgeber.
Passend dazu
Fazit
Über 93.470 Beschäftigte hinweg tragen sieben Führungsstile jeweils eigenständig zur psychischen Gesundheit bei. Für die belastenden Anteile sind transformationale und zerstörerische Führung die stärksten Vorhersagegrößen, für die positiven Anteile beziehungs- und aufgabenorientiertes Verhalten.
Daraus folgt eine unbequeme Reihenfolge: Der zuverlässigste Gewinn liegt im Abstellen schädigenden Verhaltens, nicht im Hinzufügen von Mitgefühl. Und die zweitbeste Maßnahme ist schlichte Klarheit über Aufgaben.
Führungstrainings verbessern nachweislich Wissen, Haltung und selbst berichtetes Verhalten der Führungskräfte. Ob es den Beschäftigten dadurch besser geht, ist bisher nicht gezeigt, weil kaum jemand Daten bei ihnen erhoben hat. Wer ein solches Training einkauft, sollte genau das zur Bedingung machen.
Häufige Fragen
Was ist mitfühlende Führung?
Ein Führungsverständnis, das Zuhören, Verstehen der Lage und konkrete Entlastung in den Mittelpunkt stellt. Eine systematische Übersicht aus dem Gesundheitswesen hat daraus sieben Kernelemente herausgearbeitet, vom empathischen Umgang mit Einzelnen bis zum Schaffen guter Arbeitsbedingungen.
Wie stark hängt Führung mit psychischer Gesundheit zusammen?
Deutlich. Eine Metaanalyse über 53 Studien mit 217 Effektstärken und 93.470 Beschäftigten fand für sieben Führungsstile jeweils eigenständige Zusammenhänge mit der psychischen Gesundheit der Geführten.
Welcher Stil wirkt am stärksten?
Für die psychische Gesundheit insgesamt und für ihre belastenden Anteile waren transformationale und zerstörerische Führung die stärksten Vorhersagegrößen. Für die positiven Anteile waren es beziehungsorientierte und aufgabenorientierte Führung.
Was ist zerstörerische Führung?
Ein Sammelbegriff für Herabsetzung, Willkür, Ausnutzen und systematisches Untergraben. In der umfassenden Metaanalyse von 2017 war sie stark negativ mit psychischer Gesundheit verbunden.
Bringt ein Führungstraining etwas?
Für die Führungskräfte selbst ja. Zehn kontrollierte Studien zeigten Verbesserungen bei Wissen, Einstellung und selbst berichtetem Unterstützungsverhalten. Für die psychische Symptomlast der Beschäftigten ließ sich kein bedeutsamer Effekt zeigen.
Heißt das, Führungstrainings sind sinnlos?
Nein. Es heißt, dass der Nachweis auf der Ebene der Beschäftigten noch fehlt, weil bisher nur sehr wenige Studien überhaupt Daten von Beschäftigten erhoben haben.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Montano, D., Schleu, J. E. & Hüffmeier, J. (2022): A Meta-Analysis of the Relative Contribution of Leadership Styles to Followers' Mental Health. Journal of Leadership & Organizational Studies. 53 Studien mit 217 Effektstärken und 93.470 Teilnehmenden, sieben verglichene Führungsstile
- 2
Montano, D. et al. (2017): Leadership, followers' mental health and job performance in organizations: A comprehensive meta-analysis from an occupational health perspective. Journal of Organizational Behavior. Sechs Kategorien psychischer Gesundheit, fünf Gruppen von Führungskonstrukten
- 3
Gayed, A. et al. (2018): Effectiveness of training workplace managers to understand and support the mental health needs of employees: a systematic review and meta-analysis. Occupational and Environmental Medicine. Zehn kontrollierte Studien. Zwei Autoren sind bei einem Institut angestellt, das Führungstrainings verkauft, was offengelegt ist
- 4
Östergård, K., Kuha, S. & Kanste, O. (2023): Health-care leaders and professionals experiences and perceptions of compassionate leadership: A mixed-methods systematic review. Leadership in Health Services. Zehn eingeschlossene Studien, fünf qualitative und fünf quantitative