Persönliche ResilienzMindset & Innere Haltung

Growth Mindset (Wachstumsdenken)

Kaum eine psychologische Idee hat es so weit gebracht: vom Fachaufsatz in Klassenzimmer, Personalabteilungen und Elternratgeber. Und kaum eine ist so gründlich nachgeprüft worden. Das Ergebnis ist unangenehm, aber lehrreich, und es macht die Idee nicht wertlos.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Jugendlicher sitzt am Küchentisch über einem aufgeschlagenen Heft, stützt den Kopf in eine Hand und rechnet mit dem Bleistift weiter
Die Forschung zum Wachstumsdenken stammt fast vollständig aus der Schule. Genau das begrenzt, was sich daraus für Erwachsene ableiten lässt. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel ist kein Verriss. Er ist ein Beispiel dafür, wie eine Idee aussieht, nachdem die Forschung sie ordentlich geprüft hat, und was danach von ihr übrig bleibt.

  • Growth Mindset heißt: Fähigkeiten sind durch Anstrengung veränderbar.
  • Der Zusammenhang mit schulischer Leistung ist über 273 Studien hinweg schwach.
  • Trainingsprogramme wirken im Durchschnitt kaum, bei den besten Studien praktisch gar nicht.
  • Das größte Experiment fand einen realen, aber sehr kleinen Effekt bei schwächeren Schülern.
  • Autoren mit finanziellem Anreiz veröffentlichten größere Effekte als Autoren ohne.

Die Idee

Die Unterscheidung geht auf Arbeiten der Stanford-Psychologin Carol Dweck zurück und ist in einem Satz erzählt: Menschen unterscheiden sich darin, ob sie Eigenschaften wie Intelligenz für formbar oder für feststehend halten. Wer sie für formbar hält, sieht in Anstrengung einen Weg. Wer sie für feststehend hält, sieht in Anstrengung einen Beweis für mangelndes Talent.

Fixed Mindset

  • Fähigkeit ist eine feste Größe
  • Anstrengung wirkt wie ein Eingeständnis
  • Rückmeldung fühlt sich wie ein Urteil an
  • Schwierige Aufgaben werden gemieden

Growth Mindset

  • Fähigkeit entwickelt sich
  • Anstrengung ist der Mechanismus
  • Rückmeldung ist Information
  • Schwierige Aufgaben sind der Ort des Lernens

Als Beschreibung zweier Haltungen ist das nachvollziehbar und deckt sich mit dem, was viele an sich selbst beobachten. Die Frage der Forschung war aber eine andere: Wie stark hängt diese Haltung mit tatsächlichen Ergebnissen zusammen, und lässt sie sich so verändern, dass sich die Ergebnisse mitverändern?

Der Zusammenhang

2018 erschien in Psychological Science eine Doppelmetaanalyse, die beide Fragen getrennt beantwortete. Die erste Auswertung umfasste 273 Studien mit 365.915 Personen und untersuchte den bloßen Zusammenhang zwischen Mindset und schulischer Leistung.

273

Studien zum Zusammenhang, 365.915 Personen

43

Studien zu Programmen, 57.155 Personen

schwach

Gesamteffekt beider Auswertungen

2018

Erscheinungsjahr der Doppelmetaanalyse

Das Ergebnis fassen die Autoren in einem Wort zusammen: Die Gesamteffekte waren in beiden Auswertungen schwach. Zugleich fanden sie einen Hinweis, der zur Theorie passt: Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen und Kinder mit schulischen Schwierigkeiten könnten von Mindset-Programmen profitieren.

Warum das ein interessanter Befund ist

Ein Effekt, der nur bei denen auftritt, denen es schlechter geht, ist kein Widerspruch zur Theorie, sondern eine Präzisierung. Wer ohnehin gute Noten hat und Unterstützung bekommt, hat wenig zu gewinnen. Wer glaubt, dass Anstrengung bei ihm nichts bringt, hat viel zu gewinnen. Diese Einschränkung wird in Seminaren fast nie mitgeliefert.

Was die Programme bewirken

Die zweite Auswertung derselben Arbeit betraf 43 Studien mit 57.155 Personen und fragte nach der Wirksamkeit der Programme selbst. Auch hier: schwacher Gesamteffekt.

Das ist der Punkt, an dem die Popularität der Idee und ihre Belegbasis auseinandergehen. Ein einstündiges Onlineprogramm, das Schulnoten spürbar hebt, wäre eine bildungspolitische Sensation. Ein Programm mit schwachem Durchschnittseffekt ist eine von vielen Maßnahmen, die man abwägen muss.

Das nationale Experiment

2019 erschien in Nature die methodisch stärkste Studie zum Thema. Sie ist auch deshalb wichtig, weil sie mehrere Vorwürfe an die frühere Forschung entkräftet: Die Daten wurden unabhängig erhoben und aufbereitet, die Auswertung war vorab registriert, und die Ergebnisse wurden zusätzlich durch eine verblindete Zweitanalyse bestätigt.

Das nationale Experiment im Überblick. Quelle: Yeager et al. 2019
MerkmalBefund
Umfang der Maßnahmeweniger als eine Stunde, online
Stichprobelandesweit repräsentativ für US-Sekundarschulen
Wirkung auf NotenVerbesserung nur bei leistungsschwächeren Jugendlichen
Größe der Verbesserung0,10 Notenpunkte (laut Einordnung im Fachkommentar)
Weitere Wirkunghöhere Belegquote anspruchsvollerer Mathematikkurse
Entscheidende BedingungDer Effekt trat auf, wenn die Normen der Mitschüler zur Botschaft passten
AbsicherungVorregistrierung, unabhängige Datenerhebung, verblindete Zweitanalyse
Nicht der Kopf des Einzelnen entscheidet, ob die Botschaft ankommt, sondern das Umfeld. Wo Anstrengung unter Gleichaltrigen als peinlich gilt, verpufft die beste Botschaft.
Die eigentliche Erkenntnis der Studie

Der begleitende Fachkommentar in Trends in Cognitive Sciences ordnet den Streit um diese Zahl ein: Ob 0,10 Notenpunkte viel oder wenig sind, hängt davon ab, womit man vergleicht. Gemessen an einer einstündigen kostenlosen Onlinemaßnahme ist es bemerkenswert. Gemessen an dem, was Ratgeber versprechen, ist es sehr wenig.

Die Abrechnung von 2023

2023 erschien im Psychological Bulletin eine systematische Übersicht, die zusätzlich zur Metaanalyse bewertete, wie gut die einzelnen Studien überhaupt gemacht waren. Sie fand erhebliche Mängel in Studiendesign, Auswertung und Berichterstattung.

Effektstärke je nach Studienqualität

Alle 63 Studien

0,05

nach Korrektur für Publikationsverzerrung nicht mehr bedeutsam

13 Studien mit belegter Mindset-Änderung

0,04

nicht statistisch bedeutsam

6 methodisch beste Studien

0,02

nicht statistisch bedeutsam

MerkmalWert in
Alle 63 Studien0.05
13 Studien mit belegter Mindset-Änderung0.04
6 methodisch beste Studien0.02

Je strenger ausgewählt wird, desto kleiner wird der Effekt. Cohens d, Quelle: Macnamara & Burgoyne 2023.

Der Befund, der am meisten zu denken gibt, betrifft aber nicht die Zahlen, sondern die Autorenschaft. Arbeiten von Personen mit einem finanziellen Anreiz, positive Ergebnisse zu berichten, wiesen deutlich größere Effekte auf als Arbeiten ohne diesen Anreiz. Das Fazit der Autoren fällt entsprechend deutlich aus: Die scheinbaren Effekte seien wahrscheinlich auf unzureichendes Studiendesign, Berichtsmängel und Verzerrung zurückzuführen.

Wie du mit widersprechenden Metaanalysen umgehst

Hier stehen sich eine sorgfältig gemachte Einzelstudie mit positivem Befund und eine strenge Übersichtsarbeit mit negativem Befund gegenüber. Das ist kein Grund, beides gegeneinander aufzurechnen und die Achseln zu zucken. Die brauchbare Lesart lautet: Der Effekt ist klein, tritt nur unter bestimmten Bedingungen auf und ist in der Breite der Literatur überzeichnet worden. Genau so klingen die meisten ehrlichen Antworten in der Psychologie.

Was übrig bleibt

Nichts an dieser Befundlage sagt, dass die Haltung schadet oder dass du sie ablegen solltest. Sie sagt, dass Wachstumsdenken kein Hebel ist, sondern bestenfalls ein kleiner Beitrag unter mehreren.

  • Für dich selbst brauchbar. Nach einem Rückschlag zu fragen „Was kann ich hieran ändern?“ statt „Bin ich dafür gemacht?“ ist eine vernünftige Gewohnheit. Sie kostet nichts und öffnet den nächsten Schritt.
  • Als Erklärung ungeeignet. Wer Lebenserfolg mit Haltung erklärt, blendet Gelegenheiten, Geld, Gesundheit und Zufall aus. Die Forschung stützt diese Erklärung ausdrücklich nicht.
  • Für Führung mit Vorsicht. Der stärkste Befund der Nature-Studie war, dass das Umfeld entscheidet. Eine Mindset-Schulung in einer Organisation, in der Fehler bestraft werden, ändert nichts außer dem Vokabular.
  • Nicht als Schuldzuweisung. „Du hast eben kein Growth Mindset“ ist die häufigste Fehlanwendung. Sie macht aus einer Beschreibung einen Vorwurf und aus einem Umfeldproblem ein Charakterproblem.

Die Übertragung auf Erwachsene

Ein Punkt, der selten gesagt wird: Praktisch die gesamte Forschungsbasis stammt aus dem Bildungswesen und betrifft Kinder und Jugendliche mit Schulnoten als Ergebnismaß. Was das für einen 45-Jährigen nach einer Kündigung bedeutet, ist nicht untersucht. Wer die Idee trotzdem im Coaching verwendet, sollte das als Übertragung kennzeichnen und nicht als Befund.

Passend dazu

Fazit

Growth Mindset ist die am gründlichsten nachgeprüfte populäre Idee der Lernpsychologie und zugleich das beste Beispiel dafür, wie weit Popularität und Beleglage auseinanderliegen können.

Der Zusammenhang mit Leistung ist über 273 Studien hinweg schwach. Programme wirken im Durchschnitt kaum, und je besser eine Studie gemacht ist, desto kleiner wird der Effekt. Das größte und sauberste Experiment fand eine reale Wirkung, aber nur bei leistungsschwächeren Jugendlichen, nur in Höhe von 0,10 Notenpunkten und nur dort, wo das Umfeld mitspielte.

Als persönliche Haltung nach einem Rückschlag bleibt der Grundgedanke brauchbar. Als Erklärung für Erfolg, als Verkaufsargument eines Seminars oder als Ersatz für Rahmenbedingungen ist er nicht gedeckt.

Häufige Fragen

Was ist ein Growth Mindset?

Die Überzeugung, dass persönliche Eigenschaften wie Intelligenz durch Anstrengung veränderbar sind. Das Gegenstück ist das Fixed Mindset, die Überzeugung, dass diese Eigenschaften feststehen. Die Theorie besagt, dass die erste Haltung zu besseren Ergebnissen führt, weil sie Anstrengung sinnvoll erscheinen lässt.

Wie stark ist der Zusammenhang mit Leistung?

Schwach. Eine Metaanalyse über 273 Studien mit fast 366.000 Personen fand einen insgesamt schwachen Zusammenhang zwischen Mindset und schulischer Leistung. Der Befund ist also nicht null, aber weit von dem entfernt, was die populäre Darstellung nahelegt.

Wirken Mindset-Trainings?

Im Durchschnitt kaum. Eine Auswertung von 63 Studien mit fast 98.000 Schülerinnen und Schülern fand einen Effekt von d = 0,05, der nach Korrektur für mögliche Publikationsverzerrung nicht mehr statistisch bedeutsam war. Bei den methodisch besten sechs Studien lag er bei d = 0,02.

Es gab doch eine große Studie in Nature?

Ja, und sie ist der stärkste Beleg für die Theorie. Ein einstündiges Onlineprogramm verbesserte in einer landesweit repräsentativen US-Stichprobe die Noten leistungsschwächerer Jugendlicher und erhöhte die Belegung anspruchsvollerer Mathematikkurse. Der Notenzuwachs lag bei 0,10 Punkten, und er trat nur dort auf, wo die Normen der Mitschüler zur Botschaft passten.

Warum sind manche veröffentlichten Effekte so viel größer?

Die Metaanalyse von 2023 hat das untersucht und einen unangenehmen Befund berichtet: Autorinnen und Autoren mit einem finanziellen Anreiz, positive Ergebnisse zu berichten, veröffentlichten deutlich größere Effekte als solche ohne diesen Anreiz.

Bringt Wachstumsdenken für Resilienz trotzdem etwas?

Als Haltung nach einem Rückschlag ist der Grundgedanke plausibel und harmlos. Als Erklärung für Lebenserfolg oder als Ersatz für Gelegenheiten, Unterstützung und Zeit ist er nicht haltbar. Genau in dieser Zwischenzone liegt der brauchbare Rest.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Sisk, V. F. et al. (2018): To What Extent and Under Which Circumstances Are Growth Mind-Sets Important to Academic Achievement? Two Meta-Analyses. Psychological Science. Zwei Metaanalysen: 273 Studien zum Zusammenhang, 43 Studien zur Wirksamkeit von Programmen

  2. 2

    Yeager, D. S. et al. (2019): A national experiment reveals where a growth mindset improves achievement. Nature. Landesweit repräsentative US-Stichprobe, vorregistrierte Auswertung, unabhängige Datenerhebung

  3. 3

    Macnamara, B. N. & Burgoyne, A. P. (2023): Do growth mindset interventions impact students’ academic achievement? A systematic review and meta-analysis with recommendations for best practices. Psychological Bulletin. 63 Studien, gestufte Auswertung nach methodischer Qualität, Prüfung auf Publikations- und Interessenverzerrung

  4. 4

    Miller, D. I. (2019): When Do Growth Mindset Interventions Work?. Trends in Cognitive Sciences. Kommentar zur Nature-Studie über die Frage, wie kleine Effekte einzuordnen sind