Grundlagen & WissenWas ist Resilienz?

Resilienz vs. Grit

Beide Begriffe versprechen Durchhaltevermögen, beide sind millionenfach verkauft worden, und beide haben ein Messproblem. Bei Grit ist es inzwischen gut dokumentiert, bei Resilienz weniger bekannt. Ein nüchterner Vergleich.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Läuferin auf einer leeren Laufbahn im Regen, allein, in gleichmäßigem Tempo unterwegs
Grit meint das Weitermachen an einem Ziel über Jahre. Resilienz meint das Zurückkommen nach einem Einbruch. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Vergleich lohnt sich nicht, weil die Begriffe verwechselt würden, sondern weil sie im selben Markt verkauft werden. Bei einem der beiden lässt sich inzwischen ziemlich genau sagen, was von der Sache übrig bleibt.

  • Grit meint Dranbleiben an einem Ziel, Resilienz das Zurückkommen nach einem Einbruch.
  • Metaanalyse über 66.807 Menschen: Grit ist sehr stark mit Gewissenhaftigkeit verwandt.
  • Die angenommene Zweiteilung von Grit ließ sich nicht bestätigen.
  • Brauchbar bleibt die Ausdauer bei der Anstrengung, nicht die Beständigkeit der Interessen.
  • Auch die Resilienzmessung hat kein anerkanntes Maß: 19 Fragebögen, kein Goldstandard.

Was beide Begriffe meinen

Grit

  • Beharrlichkeit und Leidenschaft für langfristige Ziele.
  • Setzt ein Ziel voraus, keine Belastung.
  • Wird als stabiles Persönlichkeitsmerkmal beschrieben.
  • Gemessen über einen Selbstauskunftsfragebogen mit zwei Teilen.

Resilienz

  • Zurückfinden zu tragfähiger Anpassung nach einer Belastung.
  • Setzt eine Belastung voraus, kein bestimmtes Ziel.
  • Wird überwiegend als Prozess beschrieben, nicht als Merkmal.
  • Gemessen über eine ganze Reihe konkurrierender Fragebögen.
Grit fragt: Bleibst du dabei? Resilienz fragt: Kommst du zurück? Wer sein Ziel wechselt, hat wenig Grit und kann trotzdem hoch resilient sein.
Die Kurzformel

Dieser Unterschied ist mehr als eine Definitionsfrage. Er entscheidet darüber, wann welches Konzept überhaupt anwendbar ist. Ein Mensch, der nach einer Erkrankung den Beruf wechselt und danach zufrieden arbeitet, ist ein Beispiel für Resilienz und ein Gegenbeispiel für Grit.

Der Fall Grit

Grit wurde ab 2007 bekannt und mit spektakulären Beispielen belegt, darunter der Abbruch des Sommerlehrgangs an der amerikanischen Militärakademie. Die Botschaft war eingängig: Nicht Begabung entscheidet, sondern Beharrlichkeit. Sie fand ihren Weg in Schulpolitik, Personalauswahl und Ratgeberliteratur.

88

unabhängige Stichproben in der Metaanalyse

Credé et al. 2017

584

ausgewertete Effektstärken

66.807

einbezogene Personen

29.102

Kadetten in der Auswertung zur Militärakademie

Kuncel et al. 2026

2017 erschien eine Zusammenfassung der gesamten Literatur. Ihre Befunde treffen das Konzept an drei Stellen gleichzeitig.

Die drei Befunde und was sie bedeuten. Quelle: Credé, Tynan und Harms 2017
BefundWas geprüft wurdeFolge
Die Struktur bestätigt sich nichtOb sich die beiden Teile sinnvoll zu einem übergeordneten Merkmal zusammenfassen lassenGrit als einheitliches Merkmal ist fragwürdig. Die beiden Teile gehören womöglich nicht zusammen
Nur mäßiger Zusammenhang mit LeistungZusammenhänge mit Leistung und Verbleib in Ausbildung oder BerufDie Vorhersagekraft ist deutlich kleiner als behauptet
Sehr starker Zusammenhang mit GewissenhaftigkeitAbgrenzung gegenüber einem seit Jahrzehnten etablierten PersönlichkeitsmerkmalGrit misst weitgehend etwas, wofür es bereits ein Maß gab

Warum der dritte Punkt der schwerwiegendste ist

Ein neues Konstrukt muss zeigen, dass es etwas erklärt, was bestehende Maße nicht erklären. Wenn Grit sehr stark mit Gewissenhaftigkeit zusammenhängt, dann ist es entweder ein neuer Name für eine bekannte Sache oder es müsste über Gewissenhaftigkeit hinaus etwas beitragen. Genau das ist geprüft worden.

Eine aktuelle Auswertung dort, wo die Grit-Geschichte begann, bestätigt das Bild. Über 21 Stichproben mit 29.102 Kadetten der Jahrgänge 1949 bis 2022 zeigte sich Gewissenhaftigkeit als der belastbarste nicht kognitive Vorhersagefaktor für Führungsleistung, mit mittleren Zusammenhängen auch zu akademischen und körperlichen Ergebnissen. Grit hatte schwächere Zusammenhänge mit den Ergebnissen. Die Autoren empfehlen entsprechend, Auswahlverfahren stärker auf gewissenhaftigkeitsnahe Maße zu stützen.

Was von Grit bleibt

Es wäre falsch, daraus zu schließen, dass an dem Konzept nichts dran ist. Die Metaanalyse hat die beiden Teile getrennt betrachtet, und dabei zeigt sich ein klarer Unterschied.

Die beiden Teile von Grit sind nicht gleich brauchbar

Ausdauer bei der Anstrengung

1

Der brauchbare Teil. Bleibt auch dann bedeutsam, wenn Gewissenhaftigkeit berücksichtigt wird.

Beständigkeit der Interessen

0,4

Deutlich schwächere Zusammenhänge mit Leistung und Verbleib.

MerkmalWert in
Ausdauer bei der Anstrengung1
Beständigkeit der Interessen0.4

Vereinfachte Darstellung der Befundlage, keine Effektstärken. Die Ausdauer bei der Anstrengung hatte bedeutsam stärkere Zusammenhänge mit den geprüften Ergebnissen und erklärte schulische Leistung auch nach Berücksichtigung von Gewissenhaftigkeit. Quelle: Credé et al. 2017.

Dieser Unterschied ist praktisch bedeutsam und wird in der populären Wiedergabe fast nie erwähnt. Was hilft, ist Weiterarbeiten trotz Schwierigkeiten. Was wenig hilft, ist über Jahre bei demselben Interesse zu bleiben. Genau das Zweite wird aber gern als Tugend verkauft, und es ist der Teil, der bei einem Berufswechsel oder einer Neuorientierung Schuldgefühle erzeugt.

Die praktische Übersetzung

Dranbleiben an der Aufgabe von heute ist belegt nützlich. Dranbleiben an dem Ziel, das du dir mit 22 gesetzt hast, ist es nicht. Wer sein Interesse wechselt, verliert nach der Datenlage nichts, was mit Leistung zu tun hätte.

Das Messproblem der Resilienz

Bevor der Vergleich einseitig wird: Die Resilienzforschung hat ein verwandtes Problem, das nur weniger diskutiert wird. Eine methodische Durchsicht hat 19 Resilienzfragebögen geprüft, vier davon Überarbeitungen bestehender Verfahren.

  • Bei allen Verfahren fehlten Angaben zu Messeigenschaften. Kein einziger Fragebogen war vollständig dokumentiert.
  • Kein anerkannter Maßstab. Die Autorinnen und Autoren halten ausdrücklich fest, dass sich unter den geprüften Verfahren kein Goldstandard finden ließ.
  • Begriffliche Angemessenheit teils fraglich. Bei mehreren Verfahren war zweifelhaft, ob sie das messen, was sie zu messen vorgeben.
  • Drei Verfahren schnitten am besten ab. Sie brauchen laut Durchsicht trotzdem weitere Überprüfung.

Der Unterschied zu Grit liegt darin, dass Resilienz nie als eng umgrenztes Persönlichkeitsmerkmal auftrat, sondern als Sammelbegriff für einen Verlauf. Das macht die Messung schwieriger und die Kritik weniger scharf, aber es macht Zahlen aus Resilienzfragebögen nicht belastbarer.

Der eigentliche Unterschied

Sie beantworten verschiedene Fragen

Grit ist eine Antwort auf die Frage, warum manche Menschen bei einem Vorhaben bleiben und andere nicht. Resilienz ist eine Antwort auf die Frage, warum manche Menschen nach einer Belastung wieder auf die Beine kommen und andere nicht. Beide Fragen sind sinnvoll, und sie kommen selten gleichzeitig vor.

Wann welcher Begriff überhaupt anwendbar ist
SituationGritResilienz
Langes Studium ohne besondere Krise durchziehenPasst. Genau der AnwendungsfallPasst nicht. Es fehlt die Belastung
Nach einer schweren Erkrankung zurück ins Leben findenPasst nicht. Es fehlt das ZielPasst. Genau der Anwendungsfall
Nach einem Scheitern das Ziel wechseln und neu anfangenZählt als wenig GritZählt als resiliente Anpassung
An einem aussichtslosen Vorhaben festhaltenZählt als viel GritZählt eher als ungünstige Anpassung

Die letzte Zeile ist der interessante Fall

Bei einem aussichtslosen Vorhaben laufen die beiden Begriffe auseinander. Was aus Grit-Sicht Tugend ist, ist aus Resilienz-Sicht das Festhalten an einem Ziel, das nicht mehr erreichbar ist. Die Fähigkeit, ein Ziel loszulassen und ein neues zu setzen, gilt in der Bewältigungsforschung als Stärke, nicht als Schwäche.

Was praktisch daraus folgt

  • Skeptisch bei Grit-Trainings. Die Autoren der Metaanalyse erwarten von solchen Maßnahmen nur schwache Effekte auf Leistung und Erfolg.
  • Ausdauer üben, nicht Zieltreue. Der belegbare Teil ist das Weiterarbeiten trotz Schwierigkeiten, nicht die Treue zu einem einmal gewählten Interesse.
  • Zahlen aus beiden Fragebogenfamilien vorsichtig lesen. Weder bei Grit noch bei Resilienz gibt es ein Maß, auf das sich alle geeinigt hätten.
  • Zielwechsel nicht als Schwäche behandeln. Aus Resilienzsicht ist er eine Bewältigungsleistung.
  • Auswahlverfahren nicht auf Grit umstellen. Die Auswertung zur Militärakademie empfiehlt ausdrücklich das Gegenteil.

Passend dazu

Fazit

Grit ist der besser untersuchte und zugleich der schwächer belegte der beiden Begriffe. Nach 584 Effektstärken aus 88 Stichproben ist die angenommene Struktur nicht bestätigt, der Zusammenhang mit Leistung mäßig und die Nähe zur Gewissenhaftigkeit sehr groß. Was bleibt, ist die Ausdauer bei der Anstrengung, und zwar nur diese Hälfte.

Resilienz steht nicht besser da, weil sie besser belegt wäre, sondern weil sie nie denselben Anspruch erhoben hat. Ein Prozessbegriff lässt sich schlechter widerlegen als ein Persönlichkeitsmerkmal. Das Messproblem ist trotzdem da: 19 Verfahren, kein Goldstandard.

Am nützlichsten ist der Vergleich dort, wo die beiden auseinanderlaufen. Wenn ein Ziel nicht mehr erreichbar ist, empfiehlt Grit Durchhalten und die Bewältigungsforschung einen Wechsel. In dieser Frage hat die Bewältigungsforschung die besseren Argumente.

Häufige Fragen

Was ist Grit?

Ein Persönlichkeitsmerkmal, das als Beharrlichkeit und Leidenschaft für langfristige Ziele beschrieben wird. Es besteht aus zwei Teilen: Ausdauer bei der Anstrengung und Beständigkeit der Interessen. Das Konzept wurde ab 2007 bekannt und mit Erfolg in Schule, Ausbildung und Militär in Verbindung gebracht.

Was ist der Unterschied zu Resilienz?

Grit beschreibt das Dranbleiben an einem Ziel über Jahre, auch ohne besondere Belastung. Resilienz beschreibt das Zurückfinden nach einem Einbruch. Grit setzt ein Ziel voraus, Resilienz eine Belastung. Wer sein Ziel wechselt, hat wenig Grit, kann aber sehr resilient sein.

Ist Grit wissenschaftlich belegt?

Deutlich schwächer als sein Ruf. Eine Metaanalyse mit 584 Effektstärken aus 88 Stichproben und 66.807 Personen fand, dass die angenommene Struktur sich nicht bestätigen ließ, dass Grit nur mäßig mit Leistung zusammenhängt und dass es sehr stark mit Gewissenhaftigkeit korreliert.

Bringt ein Grit-Training etwas?

Die Autoren derselben Metaanalyse formulieren das eindeutig: Maßnahmen zur Steigerung von Grit dürften nur schwache Effekte auf Leistung und Erfolg haben. Wenn Grit weitgehend Gewissenhaftigkeit ist, dann ist es auch so schwer veränderbar wie ein Persönlichkeitsmerkmal.

Bleibt von Grit gar nichts?

Doch, ein Teil. Die Untergruppe Ausdauer bei der Anstrengung sagte Leistung deutlich besser vorher als die Beständigkeit der Interessen, und sie erklärte auch dann noch Unterschiede in schulischer Leistung, wenn Gewissenhaftigkeit berücksichtigt wurde. Der brauchbare Kern liegt also in der Ausdauer, nicht in der Treue zu einem Interesse.

Hat Resilienz dasselbe Problem?

Ein verwandtes. Eine Durchsicht von 19 Resilienzfragebögen fand bei allen fehlende Angaben zu ihren Messeigenschaften und stellte bei mehreren die begriffliche Angemessenheit infrage. Ein anerkannter Maßstab existierte demnach nicht. Drei Fragebögen schnitten am besten ab, alle brauchen weitere Überprüfung.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Credé, M., Tynan, M. C. & Harms, P. D. (2017): Much ado about grit: A meta-analytic synthesis of the grit literature. Journal of Personality and Social Psychology. 584 Effektstärken aus 88 unabhängigen Stichproben mit 66.807 Personen

  2. 2

    Windle, G., Bennett, K. M. & Noyes, J. (2011): A methodological review of resilience measurement scales. Health and Quality of Life Outcomes. Bewertung von 19 Resilienzfragebögen nach ihren psychometrischen Eigenschaften

  3. 3

    Elliott, B. J. & Kuncel, N. R. (2026): Brain, personality, and leadership: A meta-analysis of performance predictors among West Point cadets. Military Psychology. 116 Effektstärken aus 21 Stichproben mit 29.102 Kadetten der Jahrgänge 1949 bis 2022