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Das resiliente Lehrerzimmer

Die Belastung im Lehrberuf wird meist als persönliche Sache verhandelt. Zwei große Auswertungen legen etwas anderes nahe, und eine dritte relativiert die häufigste Antwort darauf.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein leeres Lehrerzimmer mit Tischen, Stühlen, Postfächern an der Wand und Kaffeetassen
Was hier möglich ist, entscheidet weniger die einzelne Lehrkraft als das System, in dem sie arbeitet. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Der Lehrberuf gilt als besonders belastend. Die interessante Frage ist, wodurch. Zwei Auswertungen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Antwort nicht bei den Lehrkräften liegt.

  • Mehr nationale Lernstandserhebungen gingen mit mehr Burnout einher.
  • Die Werte unterscheiden sich bedeutsam zwischen Ländern.
  • 41,3 Prozent der Befragten hatten kein Burnout-Risiko.
  • Achtsamkeitsprogramme wirken, aber mit Hinweisen auf Verzerrung.
  • Am schwächsten wirken sie auf Klassenklima und Unterricht.

Der Systembefund

Eine Metaanalyse hat Burnout im Lehrberuf länderübergreifend verglichen und dabei Merkmale des jeweiligen Bildungssystems als mögliche Einflussgrößen mitgerechnet.

156

ausgewertete Studien

36

einbezogene Länder

38,29

gepoolter Wert emotionale Erschöpfung

68,75

gepoolter Wert persönliche Leistungsfähigkeit

Gepoolte Werte der drei Burnout-Dimensionen. Quelle: García-Arroyo, Osca Segovia & Peiró 2019
DimensionWertVertrauensbereich
Emotionale Erschöpfung38,2935,26 bis 41,32
Zynismus29,4525,91 bis 32,99
Persönliche Leistungsfähigkeit68,7565,63 bis 71,87

Bei allen drei Dimensionen bestanden bedeutsame Unterschiede zwischen den Ländern. Bei der persönlichen Leistungsfähigkeit war das Geschlecht negativ bedeutsam.

Während eine höhere Zahl nationaler Lernstandserhebungen das Burnout tendenziell erhöht, senkt eine höhere Geschlechtergleichstellung es tendenziell.
García-Arroyo, Osca Segovia & Peiró 2019
  • Beide Moderatoren liegen auf Länderebene. Sie sind Merkmale des Systems, nicht der einzelnen Lehrkraft oder Schule.
  • Die Zusammenhänge sind nicht einfach linear. Die Autorengruppe berichtet bedeutsame lineare, kurvenförmige und Wechselwirkungseffekte.
  • Es handelt sich um Länderdaten. Von einem Länderbefund auf eine einzelne Schule zu schließen, ist ein Fehlschluss. Der Befund sagt etwas über Bildungspolitik, nicht über einzelne Kollegien.
  • Er ordnet die Debatte trotzdem ein. Wer Burnout im Lehrberuf allein als Frage persönlicher Widerstandskraft behandelt, übersieht eine Größe, die sich in 36 Ländern zeigt.

Nicht alle sind betroffen

Eine Untersuchung mit 522 Lehrkräften hat nicht nach Mittelwerten gefragt, sondern nach Gruppen. Sie ordnete die Befragten anhand ihrer Werte in Profile.

Anteile der fünf Burnout-Profile

Kein Burnout-Risiko

41,3 %

Niedriges Burnout-Risiko

21,9 %

Erschöpft und zynisch

16,1 %

Hohes Burnout-Risiko

13 %

Zynisch

7,7 %

MerkmalWert in %
Kein Burnout-Risiko41.3 %
Niedriges Burnout-Risiko21.9 %
Erschöpft und zynisch16.1 %
Hohes Burnout-Risiko13 %
Zynisch7.7 %

Ergebnis einer latenten Profilanalyse mit 522 Lehrkräften, Erhebung im November 2021. Quelle: Răducu & Stănculescu 2022.

  • Fast zwei Drittel hatten kein oder ein niedriges Risiko. Das widerspricht der Vorstellung, der Beruf sei flächendeckend zermürbend.
  • Von sechs Persönlichkeitsmerkmalen zählte nur eines. In der variablenbezogenen Auswertung hingen alle sechs mit Burnout zusammen, in der profilbezogenen war nur die Emotionalität eine Vorbedingung der Zugehörigkeit.
  • Geschlecht und Schulstandort spielten keine Rolle. Weder das Geschlecht noch ein ländliches oder städtisches Umfeld beeinflussten die Profilzugehörigkeit.
  • Berufserfahrung schon. Sie hatte einen bedeutsamen Einfluss.
  • Die Erhebung fand im November 2021 statt. Sie beschreibt eine Ausnahmelage und ist nicht ohne Weiteres auf den Normalbetrieb übertragbar.

Warum die Profilbetrachtung nützlicher ist

Ein Mittelwert über alle Lehrkräfte verdeckt, dass es sehr unterschiedliche Gruppen gibt. Für die Praxis heißt das: Ein Angebot für alle erreicht überwiegend Menschen, die es nicht brauchen, und die Gruppe mit hohem Risiko braucht etwas anderes als eine Fortbildung.

Das übliche Angebot

Die häufigste Antwort auf Belastung im Lehrberuf sind achtsamkeitsbasierte Programme. Eine Metaanalyse hat 347 Effektstärken aus 29 Studien mit insgesamt 1.493 Teilnehmenden zusammengeführt.

Ergebnisse nach Zielgröße. Quelle: Klingbeil & Renshaw 2018
ZielgrößeBefund
Gesamteffekt auf LehrkräfteMittlerer Effekt von 0,601 mit Standardfehler 0,089
VeröffentlichungsverzerrungGrafische und statistische Hinweise darauf, dass die Schätzung nach oben verzerrt sein könnte
Geprüfte ModeratorenDrei auf Studienebene, keiner davon statistisch bedeutsam
Therapeutische Prozesse und ErgebnisseKleine bis mittlere positive Effekte
Klassenklima und UnterrichtspraxisDie kleinsten Effekte

Die letzte Zeile ist die entscheidende

Wenn ein Programm auf das Befinden der Lehrkraft wirkt, aber am wenigsten auf Klassenklima und Unterricht, dann leistet es nicht das, womit es meist begründet wird. Die Begründung lautet üblicherweise, entlastete Lehrkräfte unterrichteten besser. Genau dieser Übergang zeigt die schwächsten Werte.

Die Autorengruppe ordnet ihre Ergebnisse selbst ein: Sie ähneln denen anderer Auswertungen zu achtsamkeitsbasierten Programmen für nicht klinische Erwachsenengruppen und für Berufstätige. Der Effekt ist also nicht lehrberufsspezifisch.

Was die Pandemie zeigte

Eine Metaanalyse über 54 Studien mit Daten von 256.896 Lehrkräften aus 22 Ländern hat die Häufigkeit psychischer Beschwerden während der Schulschließungen erhoben.

Gepoolte Häufigkeiten während der Pandemie

Stress

62,6 %

Vertrauensbereich 46,1 bis 76,6

Depressivität

59,9 %

Vertrauensbereich 43,4 bis 74,4

Angst

36,3 %

Vertrauensbereich 28,5 bis 44,9

MerkmalWert in %
Stress62.6 %
Depressivität59.9 %
Angst36.3 %

Gepoolte Häufigkeiten aus 54 Studien mit 256.896 Lehrkräften. Quelle: Ma et al. 2022.

Die Vertrauensbereiche sind sehr breit, was auf große Unterschiede zwischen den Studien hinweist. Bemerkenswert ist die Reihenfolge: Stress und Depressivität lagen nahe beieinander und deutlich über der Angst. Die Beschwerden hingen nach dieser Auswertung mit verschiedenen soziodemografischen und einrichtungsbezogenen Merkmalen zusammen.

Praktisch

Für Schulleitungen

  • Behandle Belastung nicht als individuelle Eigenschaft. Ein Moderator auf Länderebene, der sich über 36 Länder zeigt, spricht gegen eine rein persönliche Erklärung.
  • Richte Angebote gezielt aus. Fast zwei Drittel der Befragten hatten kein oder ein niedriges Risiko. Ein Angebot für alle erreicht überwiegend diese Gruppe.
  • Prüf, was du dir von einem Programm versprichst. Achtsamkeitsprogramme wirkten am schwächsten auf Klassenklima und Unterrichtspraxis.
  • Berufserfahrung ist ein Faktor. Sie beeinflusste die Profilzugehörigkeit, Geschlecht und Standort dagegen nicht.

Für Lehrkräfte

  • Der Effekt von 0,601 ist real, aber mit Vorbehalt. Die Autorengruppe berichtet grafische und statistische Hinweise auf Veröffentlichungsverzerrung.
  • Weder Dauer noch Format machten einen Unterschied. Keiner der drei geprüften Moderatoren war bedeutsam. Das spricht dafür, ein Verfahren nach Vorliebe zu wählen.
  • Zynismus ist ein eigenes Profil. 7,7 Prozent gehörten zu einer Gruppe mit Zynismus ohne ausgeprägte Erschöpfung. Wer sich darin wiedererkennt, braucht keine Erholung, sondern eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn.
  • Emotionale Anforderungen sind ein eigener Belastungsfaktor. Sie gehören zu den Größen, für die in der Arbeitsforschung ein eigenständiger Zusammenhang mit stressbedingten Erkrankungen belegt ist.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei anhaltender Erschöpfung, Schlafstörungen, Zynismus gegenüber Schülerinnen und Schülern oder dem Gefühl innerer Leere gehört die Belastung ärztlich abgeklärt. Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis, der betriebsärztliche Dienst, der der Schweigepflicht gegenüber dem Dienstherrn unterliegt, und die Terminservicestelle unter 116 117.

Passend dazu

Fazit

Über 156 Studien aus 36 Ländern lagen die gepoolten Burnout-Werte bei 38,29 für emotionale Erschöpfung, 29,45 für Zynismus und 68,75 für persönliche Leistungsfähigkeit, mit bedeutsamen Unterschieden zwischen den Ländern. Eine höhere Zahl nationaler Lernstandserhebungen ging tendenziell mit mehr Burnout einher, eine höhere Geschlechtergleichstellung mit weniger.

Zugleich ist der Beruf nicht flächendeckend zermürbend. In einer Untersuchung mit 522 Lehrkräften hatten 41,3 Prozent kein und weitere 21,9 Prozent ein niedriges Burnout-Risiko, während 13 Prozent ein hohes hatten. Von sechs Persönlichkeitsmerkmalen war nur die Emotionalität eine Vorbedingung der Zugehörigkeit.

Das häufigste Angebot erfüllt seinen Zweck nur teilweise. Achtsamkeitsprogramme für Lehrkräfte erreichten über 29 Studien einen mittleren Effekt von 0,601, mit Hinweisen auf Veröffentlichungsverzerrung und mit den kleinsten Effekten ausgerechnet bei Klassenklima und Unterrichtspraxis.

Häufige Fragen

Hängt Burnout im Lehrberuf mit dem Bildungssystem zusammen?

Eine Metaanalyse über 156 Studien aus 36 Ländern fand, dass eine höhere Zahl nationaler Lernstandserhebungen tendenziell mit mehr Burnout einhergeht, während höhere Geschlechtergleichstellung tendenziell mit weniger einhergeht.

Wie hoch sind die Burnout-Werte?

Die gepoolten Werte lagen bei 38,29 für emotionale Erschöpfung, 29,45 für Zynismus und 68,75 für persönliche Leistungsfähigkeit, jeweils mit bedeutsamen Unterschieden zwischen den Ländern.

Sind alle Lehrkräfte betroffen?

Nein. In einer Untersuchung mit 522 Lehrkräften ordneten 41,3 Prozent zum Profil ohne Burnout-Risiko und weitere 21,9 Prozent zum Profil mit niedrigem Risiko. 13 Prozent hatten ein hohes Risiko.

Welche persönlichen Merkmale spielen eine Rolle?

In derselben Untersuchung war von sechs geprüften Persönlichkeitsmerkmalen nur die Emotionalität eine Vorbedingung der Profilzugehörigkeit. Berufserfahrung wirkte sich aus, Geschlecht und ländliches oder städtisches Umfeld nicht.

Helfen Achtsamkeitsprogramme für Lehrkräfte?

Eine Metaanalyse über 29 Studien mit 1.493 Teilnehmenden fand einen mittleren Effekt von 0,601. Es fanden sich allerdings deutliche Hinweise auf Veröffentlichungsverzerrung.

Wirken sie auch im Unterricht?

Am wenigsten. Die kleinsten Effekte fanden sich bei Maßen des Klassenklimas und der Unterrichtspraxis.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    García-Arroyo, J. A., Osca Segovia, A. & Peiró, J. M. (2019): Meta-analytical review of teacher burnout across 36 societies: the role of national learning assessments and gender egalitarianism. Psychology & Health. 156 quantitative Studien aus 36 Ländern, zweistufiges Mehrebenenmodell mit gemischten Effekten zur Prüfung von Moderatoren auf Länderebene

  2. 2

    Klingbeil, D. A. & Renshaw, T. L. (2018): Mindfulness-based interventions for teachers: A meta-analysis of the emerging evidence base. School Psychology Quarterly. 347 Effektstärken aus 29 Studien mit 1.493 Teilnehmenden, Meta-Regression mit robuster Varianzschätzung

  3. 3

    Răducu, C. M. & Stănculescu, E. (2022): Personality and socio-demographic variables in teacher burnout during the COVID-19 pandemic: a latent profile analysis. Scientific Reports. 522 Lehrkräfte, Erhebung im November 2021, latente Profilanalyse mit dem HEXACO-Persönlichkeitsmodell

  4. 4

    Ma, K. et al. (2022): COVID-19 pandemic-related anxiety, stress, and depression among teachers: A systematic review and meta-analysis. Work. 54 eingeschlossene Studien mit Daten von 256.896 Lehrkräften aus 22 Ländern