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Taschengeld und finanzielle Resilienz

Über Taschengeld wird viel behauptet und wenig geprüft. Die beiden am häufigsten zitierten Belege sind beide deutlich schwächer, als sie erscheinen.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein Sparschwein aus Keramik steht auf einem hölzernen Regalbrett neben einigen Münzen
Was Kinder über Geld lernen, lernen sie nach der Datenlage kaum im Unterricht. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Über Taschengeld gibt es unzählige Ratgeber und sehr wenig Forschung. Was es gibt, betrifft die beiden Ideen dahinter: dass man Umgang mit Geld unterrichten kann und dass frühes Aufschieben späteren Erfolg vorhersagt.

  • Finanzbildung erklärte 0,1 Prozent der Verhaltensunterschiede.
  • Nach 20 Monaten waren selbst große Maßnahmen wirkungslos.
  • Der Marshmallow-Effekt schrumpfte um zwei Drittel nach Kontrolle.
  • Bei niedrigem Einkommen wirkte Finanzbildung noch schwächer.
  • Verschuldung hängt mit Depression und Suizidgedanken zusammen.

Der Befund zur Finanzbildung

Eine Metaanalyse hat 168 Arbeiten mit 201 früheren Studien zum Zusammenhang von Finanzkompetenz und Finanzbildung mit tatsächlichem Finanzverhalten zusammengeführt.

168

ausgewertete Arbeiten

201

einbezogene Studien

0,1 %

erklärte Verhaltensunterschiede

20 Monate

ab hier vernachlässigbar

Wir finden, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Finanzkompetenz nur 0,1 Prozent der Unterschiede im untersuchten Finanzverhalten erklären, mit schwächeren Wirkungen in Stichproben mit niedrigem Einkommen.
Fernandes, Lynch & Netemeyer 2014
  • Die Wirkung verfällt. Wie andere Bildung verfällt auch Finanzbildung über die Zeit. Selbst umfangreiche Maßnahmen mit vielen Unterrichtsstunden hatten nach 20 Monaten oder mehr vernachlässigbare Wirkungen auf das Verhalten.
  • Bei niedrigem Einkommen wirkte sie noch schwächer. Das ist genau die Gruppe, für die solche Programme meist begründet werden.
  • Querschnittsstudien täuschen. Sie finden stärkere Zusammenhänge. Die Teileffekte der Finanzkompetenz nahmen aber deutlich ab, sobald psychologische Merkmale berücksichtigt wurden, die frühere Untersuchungen ausgelassen hatten.
  • Der Vorschlag der Autoren ist konkret. Sie sehen eine schmalere Rolle für Finanzbildung und plädieren für zeitnahe Vermittlung, die an eine konkrete anstehende Entscheidung gekoppelt ist.

Was das für Taschengeld bedeutet

Taschengeld ist keine Unterrichtsstunde, sondern eine wiederkehrende Entscheidungslage mit echten Folgen. Es entspricht damit eher dem, was die Autoren als zeitnahe Vermittlung empfehlen, als dem Finanzunterricht, dessen Wirkung sie widerlegen. Ein direkter Wirksamkeitsbeleg für Taschengeld ist das nicht.

Der Marshmallow-Test

Die zweite große Erzählung lautet, wer als Kind auf eine Belohnung warten kann, sei später erfolgreicher. Eine Wiederholung der berühmten Untersuchung hat das geprüft, mit Schwerpunkt auf Kindern, deren Mütter kein Hochschulstudium abgeschlossen hatten.

Was von dem Effekt übrig blieb. Quelle: Watts, Duncan & Quan 2018
PrüfschrittErgebnis
Zusammenhang ohne KontrollenEine zusätzlich gewartete Minute mit vier Jahren sagte rund ein Zehntel einer Standardabweichung in der Leistung mit 15 Jahren vorher
Vergleich mit der ursprünglichen StudieNur etwa halb so groß wie dort berichtet
Nach Kontrolle für Familienhintergrund, frühe kognitive Fähigkeiten und häusliches UmfeldUm zwei Drittel verringert
Wo der Unterschied entstandDer größte Teil der Unterschiede stammte daraus, überhaupt mindestens 20 Sekunden warten zu können
Verhaltensbezogene Zielgrößen mit 15 JahrenDeutlich kleinere Zusammenhänge, selten statistisch bedeutsam

Der 20-Sekunden-Befund

Er ist der aufschlussreichste. Wenn fast der ganze Unterschied zwischen null und zwanzig Sekunden liegt, misst der Test nicht die Fähigkeit zum langen Aufschieben, sondern etwas sehr Grundlegendes: ob ein Kind der Zusage überhaupt traut und die Aufgabe verstanden hat. Beides hängt eng mit dem Elternhaus zusammen, und genau dessen Berücksichtigung ließ den Effekt schrumpfen.

Warum es dennoch zählt

Dass Finanzbildung wenig bewirkt, heißt nicht, dass Geld unwichtig wäre. Eine systematische Übersicht über 33 begutachtete Studien hat die gesundheitlichen Folgen von Verschuldung zusammengetragen.

  • Die Folgen sind ernst. Menschen mit nicht bedienten Krediten hatten häufiger Suizidgedanken und litten häufiger unter Depressionen als Menschen ohne solche finanziellen Probleme.
  • Auch andere Größen waren betroffen. Unbezahlte finanzielle Verpflichtungen hingen mit schlechterer selbst eingeschätzter Gesundheit und mit ungünstigerem Gesundheitsverhalten zusammen.
  • Die Autorengruppe fordert Schuldnerberatung. Sie hält Beratung und weitere Programme zur Verringerung schuldenbedingter Belastung für nötig.
  • Es handelt sich um Beobachtungsdaten. Schulden und psychische Erkrankungen verstärken sich vermutlich gegenseitig.

Was auf Gemeindeebene geprüft wurde

Eine weitere Übersicht hat gefragt, ob nicht klinische Angebote in der Gemeinde die psychische Gesundheit von Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter in finanziell unsicheren Zeiten schützen können. Eingeschlossen wurden Maßnahmen zu finanzieller Unsicherheit, zur Beschäftigung, zur Ernährung und zum Wohnen.

Umfang der Übersicht. Quelle: McGrath et al. 2021
MerkmalAngabe
Gesichtete Studien2.326
Eingeschlossene Studien15
LänderAusschließlich Länder mit hohem Einkommen
ZeitraumVeröffentlichungen seit 2000
Untersuchte AnsatzpunkteFinanzielle Lage, Beschäftigung, Ernährungssicherheit und Wohnsituation

Von 2.326 gesichteten Arbeiten erfüllten nur 15 die Einschlusskriterien. Die Forschungsgrundlage in diesem Feld ist damit ausgesprochen dünn.

Der Umfang ist die eigentliche Aussage. Finanzielle Belastung ist als Risikofaktor für die psychische Gesundheit von erwerbsfähigen Erwachsenen gut belegt, geprüfte Gegenmaßnahmen außerhalb der Klinik gibt es dagegen kaum.

Praktisch

Für Eltern

  • Erwarte von Finanzunterricht wenig. Über 201 Studien hinweg erklärte er 0,1 Prozent der Verhaltensunterschiede, und nach 20 Monaten war praktisch nichts mehr messbar.
  • Setz auf den zeitnahen Anlass. Die Autorengruppe empfiehlt Vermittlung, die an eine konkrete anstehende Entscheidung gekoppelt ist. Der erste Vertrag, das erste Konto, der erste größere Kauf sind solche Anlässe.
  • Zieh keine Schlüsse aus dem Warteverhalten deines Kindes. Der Zusammenhang schrumpfte nach Berücksichtigung des Familienhintergrunds um zwei Drittel, und die verhaltensbezogenen Zusammenhänge waren selten bedeutsam.
  • Verlässlichkeit zählt mehr als Betrag. Der Befund, dass fast der ganze Unterschied zwischen null und zwanzig Sekunden lag, spricht dafür, dass Kinder vor allem lernen, ob Zusagen halten.
  • Nimm Schulden ernst, auch kleine. Die Übersicht fand ernsthafte gesundheitliche Folgen bei nicht bedienten Verpflichtungen, nicht erst bei hohen Beträgen.

Für Schulen und Politik

  • Finanzunterricht ist kein wirksamer Ersatz für Regulierung. Die Autorengruppe nennt neben Bildung ausdrücklich die Gestaltung von Entscheidungssituationen und Regulierung als Werkzeuge.
  • Bei niedrigem Einkommen wirkte Bildung am wenigsten. Genau dort werden solche Programme aber am häufigsten eingesetzt.
  • Schuldnerberatung ist der belegte Ansatz. Die Übersicht zu den gesundheitlichen Folgen fordert sie ausdrücklich.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei Überschuldung gibt es kostenfreie Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände und Kommunen. Wenn Geldsorgen zu Hoffnungslosigkeit oder Gedanken an Suizid führen, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar.

Passend dazu

Fazit

Die beiden meistzitierten Belege für Erziehung zum Umgang mit Geld halten der Prüfung nicht stand. Über 168 Arbeiten mit 201 Studien erklärten Maßnahmen zur Finanzkompetenz nur 0,1 Prozent der Unterschiede im Finanzverhalten, mit schwächeren Wirkungen bei niedrigem Einkommen und vernachlässigbaren Wirkungen nach 20 Monaten.

Und der Marshmallow-Test sagt weniger vorher als angenommen. In einer Wiederholung war der Zusammenhang halb so groß wie ursprünglich berichtet und verringerte sich nach Berücksichtigung von Familienhintergrund, frühen kognitiven Fähigkeiten und häuslichem Umfeld um zwei Drittel. Der größte Teil des Unterschieds lag darin, überhaupt zwanzig Sekunden warten zu können.

Ernst zu nehmen ist dagegen die andere Richtung. Über 33 Studien hinweg gingen nicht bediente Kredite mit häufigeren Suizidgedanken und Depressionen einher. Und von 2.326 gesichteten Arbeiten zu Gegenmaßnahmen außerhalb der Klinik erfüllten nur 15 die Einschlusskriterien.

Häufige Fragen

Wirkt Finanzbildung?

Kaum. Eine Metaanalyse über 168 Arbeiten mit 201 Studien fand, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Finanzkompetenz nur 0,1 Prozent der Unterschiede im untersuchten Finanzverhalten erklären.

Hält die Wirkung wenigstens an?

Nein. Selbst umfangreiche Maßnahmen mit vielen Unterrichtsstunden hatten nach 20 Monaten oder mehr vernachlässigbare Wirkungen auf das Verhalten.

Warum wirken Querschnittsstudien überzeugender?

Weil sie Zusammenhänge messen statt Wirkungen. Die Teileffekte der Finanzkompetenz nahmen deutlich ab, sobald psychologische Merkmale berücksichtigt wurden, die frühere Untersuchungen ausgelassen hatten.

Was schlägt die Metaanalyse stattdessen vor?

Eine engere Rolle für Finanzbildung, die zeitnah an eine konkrete Entscheidung gekoppelt ist, sowie Gestaltung von Entscheidungssituationen und Regulierung.

Sagt der Marshmallow-Test die Zukunft voraus?

Deutlich schwächer als angenommen. In einer begrifflichen Wiederholung sagte eine zusätzliche Wartesekundenminute im Alter von vier Jahren rund ein Zehntel einer Standardabweichung in der Leistung mit 15 vorher, und dieser Zusammenhang verringerte sich um zwei Drittel, sobald Familienhintergrund, frühe kognitive Fähigkeiten und häusliches Umfeld berücksichtigt wurden.

Was macht Schulden mit der Gesundheit?

Eine systematische Übersicht über 33 Studien fand ernsthafte gesundheitliche Folgen. Menschen mit nicht bedienten Krediten hatten häufiger Suizidgedanken und litten häufiger unter Depressionen als Menschen ohne solche Probleme.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Fernandes, D., Lynch, J. G. & Netemeyer, R. G. (2014): Financial Literacy, Financial Education, and Downstream Financial Behaviors. Management Science. Metaanalyse über 168 Arbeiten mit 201 früheren Studien, ergänzt um drei eigene empirische Untersuchungen

  2. 2

    Watts, T. W., Duncan, G. J. & Quan, H. (2018): Revisiting the Marshmallow Test: A Conceptual Replication Investigating Links Between Early Delay of Gratification and Later Outcomes. Psychological Science. Begriffliche Wiederholung der ursprünglichen Untersuchung mit Schwerpunkt auf Kindern, deren Mütter kein Hochschulstudium abgeschlossen hatten

  3. 3

    Turunen, E. & Hiilamo, H. (2014): Health effects of indebtedness: a systematic review. BMC Public Health. 33 begutachtete Studien, ergänzt um Quellen- und Zitationssuche

  4. 4

    McGrath, M. et al. (2021): Effectiveness of community interventions for protecting and promoting the mental health of working-age adults experiencing financial uncertainty: a systematic review. Journal of Epidemiology and Community Health. 2.326 gesichtete Studien, 15 eingeschlossene Arbeiten aus Ländern mit hohem Einkommen, Vorgehen nach PRISMA