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Resilienz-Retreats

Eine Woche abgeschieden, wenig reden, viel sitzen. Retreats gehören zu den wenigen Formaten in diesem Bereich mit ordentlichen Zahlen. Und zu den wenigen mit einem dokumentierten Nebenwirkungsprofil.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Mehrere runde graue Meditationskissen liegen in einem weiten Kreis auf dem hellen Holzboden eines leeren Raums mit hohen Fenstern
Sechs bis zehn Stunden auf dem Kissen am Tag sind bei traditionellen Retreats normal. Das ist kein Wellnessprogramm. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Retreats sind in diesem Themenbereich ein doppelter Sonderfall: Es gibt ordentliche Wirksamkeitszahlen, und es gibt ordentliche Zahlen zu den Nebenwirkungen. Beides ist selten, und man sollte beides kennen, bevor man bucht.

  • Mittlere Gesamteffekte, große Effekte auf Angst, Depressivität und Stress.
  • Kein Unterschied zwischen den Meditationsstilen.
  • Was zählte, war die Veränderung der Achtsamkeit, nicht die Methode.
  • Unerwünschte Wirkungen sind häufig und werden selten benannt.
  • Anhaltende negative Wirkungen hingen mit Übererregung und Dissoziation zusammen.

Was ein Retreat ist

Der Begriff wird inzwischen für sehr Unterschiedliches verwendet, vom Schweigekloster bis zum Wochenende im Wellnesshotel mit Yogaeinheit. Untersucht wurden traditionelle Meditationsretreats, und die haben wenig mit Erholung zu tun.

Was üblicherweise unter demselben Namen angeboten wird
FormatTagesablaufPreisrahmen
Traditionelles MeditationsretreatSechs bis zehn Stunden formale Praxis, Schweigen, feste ZeitenOft auf Spendenbasis oder wenige hundert Euro
Achtsamkeitsretreat im KursformatZwei bis vier Stunden Praxis, Gespräche, Vorträge400 bis 1200 Euro für ein Wochenende
Resilienz- oder Burnout-RetreatMischung aus Übungen, Vorträgen, Bewegung, oft mit HotelanteilHäufig vierstellig
Wellness mit AchtsamkeitsanteilErholung mit einer Übungseinheit im ProgrammWie eine Hotelbuchung

Die Zahlen weiter unten stammen ausschließlich aus dem ersten und teilweise zweiten Format. Sie lassen sich nicht auf die anderen übertragen.

Was die Zahlen sagen

Die maßgebliche Auswertung fasst 21 Studien mit insgesamt 2912 Teilnehmenden zusammen, sowohl Vorher-Nachher-Vergleiche als auch Vergleiche mit Kontrollgruppen.

21

ausgewertete Studien

2912

Teilnehmende

g = 0,45

Vorher-Nachher

g = 0,49

gegenüber Kontrollen

Bemerkenswert ist, dass beide Werte fast gleich groß sind. Wenn der Vergleich mit einer Kontrollgruppe ähnlich ausfällt wie der reine Vorher-Nachher-Vergleich, spricht das dafür, dass hier nicht nur der übliche Verlauf gemessen wurde.

Wo die Effekte groß und wo sie mittel waren. Quelle: Khoury et al. 2017
BereichEffektgröße
AngstGroß
DepressivitätGroß
StressGroß
AchtsamkeitGroß
MitgefühlGroß
EmotionsregulationMittel
LebensqualitätMittel
AkzeptanzMittel
Veränderungen im Ausmaß der Achtsamkeit beeinflussten die klinischen Effektstärken stark.
Khoury et al. 2017

Der Stil ist egal, die Veränderung nicht

Zwischen den Meditationsstilen fanden sich keine Unterschiede. Was den Ausschlag gab, war, ob sich die Achtsamkeit selbst veränderte. Wer sich also zwischen zwei Traditionen nicht entscheiden kann, entscheidet vermutlich über etwas Unwichtiges.

Die Einschränkung der Autoren

Die Streuung zwischen den Studien war erheblich, vermutlich wegen Unterschieden im Studienaufbau, in Art und Dauer der Retreats und in den gemessenen Größen. Das begrenzt, was sich aus den Zahlen ableiten lässt.

Die Frage nach der Dauer

In der Retreat-Auswertung blieben die Ergebnisse bei der Nachbeobachtung erhalten. Das ist eine gute Nachricht, steht aber in Spannung zu dem, was die breitere Achtsamkeitsforschung zeigt.

Eine Metaanalyse zu akzeptanz- und achtsamkeitsbasierten Verfahren bei Angststörungen hat 23 Studien mit 1815 Erwachsenen ausgewertet. Ihr Befund fällt zurückhaltender aus.

  • Kurzfristig zeigten sich Effekte auf die Angst, sowohl in der Einschätzung der Behandelnden als auch der Behandelten, zusätzlich zur üblichen Versorgung.
  • Im Vergleich zur kognitiven Verhaltenstherapie waren zwei der drei geprüften Verfahren gleichwertig, das dritte deutlich schwächer.
  • Nach sechs und zwölf Monaten zeigten sich weder gegenüber der üblichen Versorgung noch gegenüber der Verhaltenstherapie bedeutsame Unterschiede.
  • Und ausdrücklich: Ob die Effekte über Placebomechanismen hinausgehen, bleibt unklar. Unerwünschte Ereignisse wurden unzureichend berichtet.

Die vorsichtige Zusammenführung beider Befunde: Ein Retreat verschafft einen deutlichen kurzfristigen Sprung. Ob davon nach einem Jahr noch etwas übrig ist, hängt vermutlich weniger vom Retreat ab als davon, ob danach weiter geübt wird.

Die Nebenwirkungen

Fast keine Werbung für ein Retreat erwähnt, dass intensive Meditation unerwünschte Wirkungen haben kann. Die Forschung dazu ist inzwischen eindeutig genug, dass sich das nicht mehr übergehen lässt.

Eine systematische Übersicht hat 6742 Arbeiten gesichtet, 83 eingeschlossen und damit 6703 Praktizierende erfasst. In 55 der 83 Studien, also in zwei von drei, wurde mindestens eine Art unerwünschten Ereignisses berichtet.

Häufigkeit unerwünschter Ereignisse je nach Studienart

Beobachtungsstudien

33,2 %

gezielt nachgefragt

Alle Studien zusammen

8,3 %

Gesamtschätzung

Experimentelle Studien

3,7 %

meist nicht gezielt erhoben

MerkmalWert in %
Beobachtungsstudien33.2 %
Alle Studien zusammen8.3 %
Experimentelle Studien3.7 %

Anteil der Praktizierenden mit mindestens einem unerwünschten Ereignis. Quelle: Farias et al. 2020.

Warum die Zahlen so weit auseinanderliegen

Wer nicht fragt, erfährt nichts. In experimentellen Studien werden unerwünschte Wirkungen selten systematisch erhoben. Beobachtungsstudien fragen gezielt nach, und dort liegt der Anteil neunmal höher. Die realistische Zahl liegt näher an der oberen als an der unteren.

Die häufigsten Arten unerwünschter Ereignisse. Quelle: Farias et al. 2020
ArtAnteil der Studien, die sie berichten
Angst33 %
Depressive Symptome27 %
Kognitive Auffälligkeiten25 %
Magen-Darm-Beschwerden11 %
Suizidales Verhalten11 %

Die Autorengruppe hält fest, dass solche Ereignisse auch bei Menschen ohne vorherige psychische Erkrankung auftreten können.

Wie schlimm ist das

Die genaueste Untersuchung dazu hat 96 Teilnehmende eines achtwöchigen Achtsamkeitsprogramms mit einem eigens entwickelten Interview befragt, durchgeführt von unabhängigen Erhebenden. Jede Erfahrung wurde nach Ursache, Dauer, Vorzeichen und Folgen für die Lebensführung abgefragt.

Was wie häufig auftrat. Quelle: Britton et al. 2021
ErfahrungAnteil der Teilnehmenden
Mindestens eine meditationsbezogene Nebenwirkung83 %
Davon mit negativem Vorzeichen58 %
Mit negativen Auswirkungen auf die Lebensführung37 %
Anhaltende negative Wirkungen6 bis 14 %
Meditationspraxis in achtsamkeitsbasierten Programmen geht mit vorübergehendem Leid und negativen Auswirkungen einher, in ähnlichem Ausmaß wie andere psychologische Behandlungen.
Britton et al. 2021

Dieser letzte Satz ist die eigentliche Einordnung. Psychotherapie hat Nebenwirkungen, Medikamente haben Nebenwirkungen, und Meditation eben auch. Der Unterschied ist, dass in den ersten beiden Fällen darüber aufgeklärt wird.

Woran anhaltende Wirkungen hingen

Die anhaltenden negativen Wirkungen bei 6 bis 14 Prozent waren mit Zeichen einer gestörten Erregungsregulation verknüpft, also mit Übererregung und Dissoziation. Das ist der praktisch verwertbarste Befund: Wer solche Zustände kennt, sollte ein intensives Format nicht ohne fachliche Begleitung wählen.

Praktisch

Fragen vor der Buchung

  • Gibt es ein Vorgespräch? Ein seriöses Angebot fragt nach Vorerkrankungen, laufender Behandlung und Medikamenten. Wenn niemand fragt, ist das ein Warnsignal.
  • Wer ist ansprechbar, wenn es schwierig wird? Bei mehreren Stunden Praxis am Tag braucht es eine Person, die Einzelgespräche führen kann und dafür qualifiziert ist.
  • Darf man abbrechen? Formate, in denen das Durchhalten zur Tugend erklärt wird, sind genau die, in denen Menschen zu Schaden kommen.
  • Wie geht es danach weiter? Der Sprung während des Retreats ist gut belegt, die Dauerhaftigkeit hängt an der Praxis danach. Ohne Anschluss verfliegt es.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Nicht geeignet ist ein intensives Retreat bei akuter psychischer Krise, bei einer unbehandelten Traumafolgestörung, bei Neigung zu dissoziativem Erleben und bei unbehandelter Psychose. Wer mitten in einer Erschöpfungsphase steckt, braucht meist zuerst Schlaf und ärztliche Abklärung, nicht zehn Stunden Sitzen am Tag. Und wenn während eines Retreats belastende Erinnerungen auftauchen und niemand ansprechbar ist, ist Abbrechen die richtige Entscheidung.

Passend dazu

Fazit

Retreats gehören zu den besser belegten Formaten dieses Themenbereichs. 21 Studien mit 2912 Teilnehmenden ergaben mittlere Gesamteffekte und große Effekte auf Angst, Depressivität und Stress. Welcher Meditationsstil praktiziert wird, machte keinen Unterschied.

Zur gleichen Beleglage gehört aber auch: Unerwünschte Wirkungen sind häufig, und ihre Häufigkeit hängt vor allem davon ab, ob man danach fragt. In der genauesten Untersuchung berichteten 83 Prozent mindestens eine, bei 37 Prozent hatte sie Folgen für die Lebensführung, und bei 6 bis 14 Prozent hielt sie an.

Das spricht nicht gegen Retreats. Es spricht dafür, sie zu behandeln wie jede andere wirksame Maßnahme: mit Aufklärung, mit einem Vorgespräch, mit einer erreichbaren Ansprechperson und mit der ausdrücklichen Erlaubnis, jederzeit aufzuhören.

Häufige Fragen

Was ist ein Retreat?

Ein mehrtägiger Aufenthalt außerhalb des Alltags mit festem Programm, meist Meditation, oft im Schweigen. Traditionelle Formate dauern drei bis zehn Tage, manche deutlich länger.

Wie gut ist die Wirkung belegt?

Eine Metaanalyse über 21 Studien mit 2912 Teilnehmenden fand mittlere Effekte, mit 0,45 im Vorher-Nachher-Vergleich und 0,49 im Vergleich zu Kontrollgruppen. Auf Angst, Depressivität und Stress waren die Effekte groß.

Hält die Wirkung an?

In der Retreat-Metaanalyse blieben die Ergebnisse bei der Nachbeobachtung erhalten. In der breiteren Achtsamkeitsforschung sieht es anders aus: Dort waren nach sechs und zwölf Monaten keine Unterschiede zu üblicher Behandlung oder Verhaltenstherapie mehr nachweisbar.

Welche Meditationsform ist die beste?

Zwischen den Stilen zeigten sich in der Metaanalyse keine Unterschiede. Was den Unterschied machte, war die Veränderung der Achtsamkeit selbst, unabhängig von der Methode.

Kann Meditation schaden?

Eine systematische Übersicht über 83 Studien mit 6703 Praktizierenden fand eine Gesamthäufigkeit unerwünschter Ereignisse von 8,3 Prozent. In Beobachtungsstudien lag sie bei 33,2 Prozent. Am häufigsten waren Angst, Depressivität und kognitive Auffälligkeiten.

Für wen ist ein Retreat nicht geeignet?

Für Menschen in einer akuten psychischen Krise, mit einer unbehandelten Traumafolgestörung oder mit Neigung zu dissoziativem Erleben. Genau diese Zeichen waren mit anhaltenden negativen Wirkungen verknüpft.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Khoury, B. et al. (2017): Effectiveness of traditional meditation retreats: A systematic review and meta-analysis. Journal of Psychosomatic Research. 20 Arbeiten mit 21 Studien und insgesamt 2912 Teilnehmenden

  2. 2

    Farias, M. et al. (2020): Adverse events in meditation practices and meditation-based therapies: a systematic review. Acta Psychiatrica Scandinavica. 6742 gesichtete Arbeiten, 83 eingeschlossen, 6703 Praktizierende

  3. 3

    Britton, W. B. et al. (2021): Defining and measuring meditation-related adverse effects in mindfulness-based programs. Clinical Psychological Science. 96 Teilnehmende, erhoben mit einem eigens entwickelten 44-teiligen Interview durch unabhängige Erhebende

  4. 4

    Haller, H. et al. (2021): A systematic review and meta-analysis of acceptance- and mindfulness-based interventions for DSM-5 anxiety disorders. Scientific Reports. 23 Studien mit 1815 Erwachsenen