
Auf einen Blick
Dieser Artikel enthält bewusst keine Beispielbiografie. Der Grund dafür ist der Inhalt des Artikels: Eine gut erzählte Lebensgeschichte hätte hier genau die Wirkung, vor der zu warnen ist.
- Erzählte Erfolgsgeschichten werden nach dem Ergebnis ausgewählt und taugen deshalb nicht als Beleg.
- Rückblickend erzählte Lebensläufe wirken folgerichtiger, als sie zum Zeitpunkt der Entscheidung waren.
- Längsschnittstudien beginnen vor dem Ergebnis und erfassen auch die, die es nicht geschafft haben.
- Die Kauai-Studie begleitete einen kompletten Geburtsjahrgang über Jahrzehnte.
- Biografien sind für etwas anderes gut: Sie zeigen Möglichkeiten und machen Schutzfaktoren anschaulich.
Warum Biografien wirken
Menschen denken in Geschichten. Eine Zahl über Schutzfaktoren bleibt abstrakt, ein Lebenslauf mit Namen, Orten und Wendepunkten bleibt hängen. Das ist keine Schwäche des Publikums, sondern die Art, wie Erinnerung arbeitet.
Deshalb sind Biografien in der Vermittlung nützlich und in der Beweisführung gefährlich. Sie überzeugen unabhängig davon, ob sie etwas zeigen. Genau darin liegt das Problem.
Eine Geschichte, die dich überzeugt, hat dich nicht deshalb überzeugt, weil sie etwas beweist. Sie hat dich überzeugt, weil sie eine Geschichte ist.
Drei Denkfehler
Erstens: Auswahl nach dem Ergebnis
Der schwerwiegendste Fehler steckt schon in der Auswahl. Erzählt werden die Geschichten derer, die es geschafft haben. Wer unter denselben Umständen zerbrochen ist, tritt in keinem Vortrag auf und schreibt kein Buch.
Schritt 1
Auswahl
Betrachtet werden Menschen, die eine schwere Lage überstanden haben.
Schritt 2
Suche nach Gemeinsamkeiten
Man findet Merkmale, die viele von ihnen teilen, etwa Zuversicht oder Ausdauer.
Schritt 3
Falscher Schluss
Diese Merkmale gelten als Ursache des guten Ausgangs.
Schritt 4
Was fehlt
Die Frage, wie viele mit denselben Merkmalen gescheitert sind. Ohne diese Zahl trägt der Schluss nicht.
Der Fehler entsteht nicht im letzten Schritt, sondern im ersten. Wer nur die Erfolgreichen betrachtet, kann nicht wissen, ob das gefundene Merkmal auch bei den Gescheiterten vorlag.
Das klassische Beispiel
Im Zweiten Weltkrieg untersuchte man zurückgekehrte Bomber, um zu entscheiden, wo die Panzerung verstärkt werden sollte. Die Einschusslöcher häuften sich an bestimmten Stellen, und man wollte genau dort verstärken. Der Einwand, der die Überlegung umdrehte: Die zurückgekehrten Maschinen hatten die Treffer an diesen Stellen überstanden. Verstärkt werden musste dort, wo sie keine Löcher hatten, denn wer dort getroffen wurde, kam nicht zurück.
Zweitens: rückblickende Ordnung
Wer sein Leben erzählt, erzählt es vom Ende her. Entscheidungen, die damals offen waren, erscheinen im Rückblick folgerichtig. Zufälle werden zu Wendepunkten, Umwege zu notwendigen Vorbereitungen.
Das ist keine Unehrlichkeit, sondern die normale Arbeitsweise des Gedächtnisses. Es hat aber eine Folge: Der erzählte Weg wirkt planbarer, als er war, und legt nahe, dass sich dasselbe wiederholen ließe.
Drittens: die eine Zielgröße
Eine Biografie erzählt in der Regel eine Dimension: die Karriere, die Genesung, das Wiederaufstehen. Wie es derselben Person in anderen Bereichen ging, bleibt meist offen.
Dass das nicht nebensächlich ist, zeigt eine Untersuchung an 461 Eltern nach dem Tod eines Kindes. Je nach betrachteter Zielgröße lag der Anteil resilienter Verläufe zwischen 16 und 56 Prozent. Über alle fünf Zielgrößen hinweg resilient waren 5 Prozent. Dieselbe Person kann also je nach Blickwinkel als Beispiel für Resilienz oder für ihr Gegenteil erscheinen.
Was die Längsschnittforschung liefert
Die Antwort auf die Auswahlverzerrung ist einfach zu benennen und aufwendig umzusetzen: Man beginnt vor dem Ergebnis. Man wählt eine Gruppe nach einem Merkmal aus, das mit dem späteren Ausgang nichts zu tun hat, und begleitet sie über Jahrzehnte.
Biografische Erzählung
- Auswahl nach dem Ergebnis.
- Rückblickend erhoben, aus dem Gedächtnis.
- Meist eine Zielgröße.
- Eindrücklich, anschaulich, gut zu merken.
Längsschnittstudie
- Auswahl vor dem Ergebnis, unabhängig vom Ausgang.
- Fortlaufend erhoben, mit Daten aus mehreren Quellen.
- Mehrere Zielgrößen nebeneinander.
- Unanschaulich, langsam, teuer, aussagekräftig.
Der Preis der besseren Methode
Längsschnittstudien dauern Jahrzehnte, kosten viel und liefern Ergebnisse, die sich schlecht erzählen lassen. Genau deshalb dominieren Biografien die öffentliche Darstellung, obwohl die Datenlage seit Jahrzehnten woanders liegt.
Der Fall Kauai
1955
Geburtsjahrgang der begleiteten Kohorte
32
Jahre bis zur Auswertung von 1989
Werner
461
Eltern in der Untersuchung zu mehreren Zielgrößen
Infurna & Luthar 2017
5 %
davon über alle fünf Zielgrößen hinweg resilient
Die bekannteste Untersuchung dieser Art begleitete einen kompletten Geburtsjahrgang auf der hawaiianischen Insel Kauai, beginnend 1955. Aufgenommen wurden alle Kinder, nicht die später erfolgreichen, und die Begleitung reichte über Jahrzehnte.
Zwei Befunde aus dieser Arbeit sind für die Frage nach Biografien besonders aufschlussreich.
| Befund | Was daraus folgt |
|---|---|
| Das Gewicht von Risiko- und Schutzfaktoren verschiebt sich über die Lebensphasen | Eine Momentaufnahme sagt wenig. Männliche Teilnehmer waren im ersten Lebensjahrzehnt verletzlicher, im zweiten weniger |
| Bestimmte Schutzfaktoren wirken allgemeiner als einzelne Risikofaktoren spezifisch wirken | Es gibt keine Zuordnung von einem Risiko zu einem passenden Gegenmittel. Wenige breite Faktoren wirken gegen vieles |
Der zweite Befund ist die eigentliche Nachricht der gesamten Resilienzforschung und wurde später auf eine Formel gebracht: Was wie ein Wunder aussieht, entsteht aus gewöhnlichen Vorgängen. Nicht besondere Kräfte machen den Unterschied, sondern funktionierende Grundausstattung, allen voran eine verlässliche Bezugsperson.
Warum diese Nachricht keine Biografie ergibt
Eine Lebensgeschichte lebt vom Außergewöhnlichen. Der wichtigste Befund der Forschung lautet aber, dass das Entscheidende gewöhnlich ist. Wer aus einer erzählbaren Biografie lernen will, bekommt fast zwangsläufig die falsche Botschaft: dass es auf eine besondere Person ankommt und nicht auf gewöhnliche Umstände.
Wie sich Biografien sinnvoll nutzen lassen
Aus alldem folgt nicht, Lebensgeschichten zu meiden. Es folgt, sie für das zu verwenden, wofür sie taugen.
- Als Möglichkeitsbeweis, nicht als Regel. Eine Biografie zeigt, dass ein Weg gangbar ist. Sie zeigt nicht, dass er der übliche oder der beste ist.
- Zur Veranschaulichung eines belegten Faktors. Wenn die Forschung zeigt, dass eine verlässliche Bezugsperson zählt, macht eine Geschichte sichtbar, wie das aussieht. Der Beleg kommt aus der Studie, die Anschauung aus der Geschichte.
- Mit den Umständen erzählt, nicht nur mit der Person. Wer half, was zufällig günstig lief, was an Mitteln vorhanden war. Ohne diesen Teil entsteht eine Heldengeschichte.
- Mit Gegenbeispielen im Blick. Wie ging es anderen unter denselben Umständen? Diese Frage nimmt der Geschichte nichts und dem Fehlschluss die Grundlage.
- Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Eine Biografie erzählt eine Dimension. Wie es derselben Person gesundheitlich, familiär oder finanziell ging, ist damit nicht gesagt.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Vorsicht ist geboten, wenn Biografien als Maßstab dienen. Der Satz Andere haben Schwereres überstanden ist als Trost gemeint und wirkt als Abwertung. Wie jemand mit einer Belastung zurechtkommt, hängt an seinen Mitteln, seiner Vorgeschichte und seiner Umgebung und nicht an der Größe der Belastung im Vergleich zu anderen.
Passend dazu
Die Kauai-Studie
Die Längsschnittstudie, die den Anfang der Resilienzforschung markiert.
Kritik am Resilienzbegriff
Weitere methodische Einwände, die aus der Forschung selbst kommen.
Das Resilienz-Paradoxon
Was in Erfolgsgeschichten regelmäßig fehlt.
Resilienz-Mythen
Wo sich die Heldenerzählung sonst noch eingeschlichen hat.
Fazit
Lebensgeschichten sind das wirksamste Mittel, um über Resilienz zu sprechen, und das schwächste, um etwas über sie zu beweisen. Sie werden nach dem Ergebnis ausgewählt, rückblickend geordnet und meist auf eine einzige Dimension verkürzt.
Die Alternative ist unspektakulär: ganze Jahrgänge über Jahrzehnte begleiten, auch die, bei denen es nicht gut ausging. Genau das hat die Forschung getan, und ihr Hauptbefund lässt sich schlecht erzählen. Was den Unterschied macht, ist gewöhnlich.
Wer Biografien trotzdem nutzen möchte, erzählt sie mitsamt den Umständen und ohne Anspruch auf eine Regel. Eine Geschichte zeigt, dass etwas möglich war. Mehr behauptet sie nicht, und mehr sollte ihr nicht zugeschrieben werden.
Häufige Fragen
Warum sind einzelne Lebensgeschichten kein Beleg?
Weil sie nach dem Ergebnis ausgewählt werden. Erzählt werden die Geschichten derer, die es geschafft haben. Wer unter denselben Umständen zerbrochen ist, kommt in keinem Vortrag vor. Aus einer nach dem Ausgang ausgewählten Stichprobe lässt sich nicht schließen, was zum Ausgang geführt hat.
Wie heißt dieser Fehler?
Überlebendenverzerrung, im Englischen survivorship bias. Das bekannteste Beispiel stammt aus dem Zweiten Weltkrieg: Man wollte Flugzeuge dort verstärken, wo zurückgekehrte Maschinen Einschusslöcher hatten, bis jemand darauf hinwies, dass die entscheidenden Treffer bei den nicht zurückgekehrten Maschinen zu suchen sind.
Was ist der zweite Denkfehler?
Die rückblickende Ordnung. Wer sein Leben erzählt, erzählt es vom Ergebnis her. Entscheidungen erscheinen dann folgerichtig, die zum Zeitpunkt der Entscheidung offen waren. Das ist keine Unehrlichkeit, sondern die normale Arbeitsweise des Gedächtnisses.
Was liefert die Längsschnittforschung stattdessen?
Sie beginnt vor dem Ergebnis. Die bekannteste Untersuchung dieser Art begleitete einen kompletten Geburtsjahrgang auf der Insel Kauai von 1955 an über Jahrzehnte, unabhängig davon, wie es den Einzelnen später erging. Damit sind auch die erfasst, die es nicht geschafft haben.
Was hat diese Untersuchung ergeben?
Unter anderem, dass sich das Gewicht von Risiko- und Schutzfaktoren über die Lebensphasen verschiebt. Männliche Teilnehmer waren im ersten Lebensjahrzehnt verletzlicher, im zweiten weniger. Bestimmte Schutzfaktoren wirkten allgemeiner auf die Anpassung als einzelne Risikofaktoren spezifisch wirkten.
Sind Biografien also wertlos?
Nein, aber sie taugen für etwas anderes, als ihnen zugeschrieben wird. Sie liefern keine Belege, sondern Möglichkeiten: Sie zeigen, dass ein bestimmter Weg gangbar ist, und sie machen abstrakte Schutzfaktoren anschaulich. Wer sie so verwendet, nutzt ihre Stärke, ohne ihrem Fehler aufzusitzen.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Werner, E. E. (1989): High-risk children in young adulthood: a longitudinal study from birth to 32 years. American Journal of Orthopsychiatry. Auswertung des Geburtsjahrgangs 1955 auf Kauai über 32 Jahre
- 2
Werner, E. E. (1992): The children of Kauai: resiliency and recovery in adolescence and adulthood. Journal of Adolescent Health. Fortschreibung derselben Kohorte für Jugend und Erwachsenenalter
- 3
Masten, A. S. (2001): Ordinary magic. Resilience processes in development. American Psychologist. Die Zusammenfassung der Befundlage: Resilienz entsteht aus gewöhnlichen Vorgängen, nicht aus außergewöhnlichen Eigenschaften
- 4
Infurna, F. J. & Luthar, S. S. (2017): Parents’ adjustment following the death of their child: Resilience is multidimensional and differs across outcomes examined. Journal of Research in Personality. Beleg dafür, dass dieselbe Person je nach betrachteter Zielgröße als resilient oder nicht resilient gilt