
Auf einen Blick
Dieses Verfahren stellt eine Frage, die sich nicht ausweichen lässt: Was passiert, wenn eine Behandlung absichtlich unangenehm ist? Die Forschung dazu ist dünn, aber die Bausteine der Antwort sind vorhanden.
- Zum Verfahren selbst gibt es praktisch keine Forschung.
- In der Lachforschung schlägt erzwungenes Lachen humorvolles Lachen.
- Brüche im Arbeitsbündnis sind nur nützlich, wenn sie repariert werden.
- Ein Training in dieser Reparatur verbesserte das Ergebnis nicht bedeutsam.
- Schaden wird in Psychotherapiestudien selten systematisch erhoben.
Was das Verfahren ist
Provokative Therapie geht auf den amerikanischen Psychotherapeuten Frank Farrelly zurück und entstand in den 1960er Jahren. Die behandelnde Person übernimmt die abwertende Sicht der Klientin und treibt sie ins Absurde, bis die Klientin sich dagegen wehrt. Der Widerstand gegen die Übertreibung soll die eigene Position verschieben.
| Bestandteil | Was passiert | Voraussetzung |
|---|---|---|
| Übernahme der abwertenden Sicht | Die behandelnde Person spricht die schlimmste Version der Selbstsicht aus | Die Klientin muss sicher sein, dass es nicht ernst gemeint ist |
| Überzeichnung ins Absurde | Die Zuspitzung geht so weit, dass sie offensichtlich unhaltbar wird | Sehr genaues Gespür für die Grenze |
| Widerspruch der Klientin | Sie verteidigt sich gegen die Übertreibung und formuliert dabei eine andere Sicht | Die Beziehung muss den Widerspruch aushalten |
| Gemeinsames Lachen | Die Absurdität wird geteilt, die Anspannung löst sich | Beide müssen lachen, nicht nur einer |
Der vierte Punkt ist der kritische. Wenn nur die behandelnde Person lacht, ist es keine Provokation mehr, sondern Spott.
Was die Suche ergibt
Für diesen Artikel wurde in PubMed nach dem englischen Begriff gesucht, ohne Filter. Das Ergebnis ist kurz.
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Treffer insgesamt
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randomisierte Studien
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Übersichtsarbeiten
3
Seiten Umfang des einen Treffers
Der einzige Treffer ist eine kurze Mitteilung aus einer psychiatrischen Fachzeitschrift über ein kombiniertes Behandlungsmodell aus tiefer transkranieller Magnetstimulation und provokativer Therapie bei Zwangsstörung nach belastenden Lebensereignissen. Auf drei Seiten lässt sich keine Wirksamkeit belegen, und die Arbeit erhebt diesen Anspruch auch nicht.
Ein Verfahren, das seit sechzig Jahren gelehrt wird
Provokative Therapie wird seit den 1960er Jahren praktiziert, in Deutschland seit Jahrzehnten in Ausbildungen und Seminaren vermittelt. Dass in dieser Zeit keine überprüfbare Wirksamkeitsstudie entstanden ist, ist bemerkenswert. Es spricht nicht gegen das Verfahren, aber es heißt: Jede Aussage über seine Wirksamkeit stützt sich auf Erfahrungsberichte.
Der Befund zum Lachen
Was sich prüfen lässt, ist der behauptete Wirkmechanismus. Das gemeinsame Lachen ist der Kern des Verfahrens, und dazu gibt es eine systematische Übersicht mit Metaanalyse. Sie hat lachauslösende Verfahren in zwei Gruppen geteilt: solche mit Humor, also mit spontanem Lachen, und solche ohne, also mit bewusst erzeugtem Lachen wie beim Lachyoga.
Erzwungenes, nicht humorvolles Lachen ist wirksamer als spontanes, humorvolles Lachen, und lachauslösende Verfahren können Depressivität verbessern.
- Was das für die Theorie bedeutet: Wenn der körperliche Vorgang des Lachens mehr bewirkt als der Humor, der ihn auslöst, dann ist der treffende Einfall nicht der Wirkstoff. Das ist unbequem für ein Verfahren, das ganz auf Schlagfertigkeit baut.
- Was es nicht bedeutet: Provokative Therapie erzeugt nicht nur Lachen, sondern auch Widerspruch. Der zweite Bestandteil ist in dieser Übersicht gar nicht enthalten.
- Die Einschränkung der Autoren: Die Studienqualität war insgesamt niedrig, mit erheblichem Verzerrungsrisiko in sämtlichen eingeschlossenen Arbeiten.
- Und ihre Einordnung: Lachverfahren seien vielversprechend als Ergänzung zu Hauptbehandlungen, aber es brauche methodisch strengere Forschung, um dieses Versprechen einzulösen.
Der bewusste Beziehungsbruch
Der zweite prüfbare Bestandteil ist der absichtlich herbeigeführte Bruch in der Arbeitsbeziehung. Genau das ist gut untersucht, wenn auch nicht im Rahmen dieses Verfahrens.
| Frage | Umfang | Ergebnis |
|---|---|---|
| Hängt eine gelungene Reparatur mit dem Ergebnis zusammen? | 11 Studien, 1314 Behandelte | Ja, mittelstark (r = 0,29) |
| Verbessert ein Training in dieser Reparatur das Ergebnis? | 6 Studien, 276 Ausgebildete | Nicht bedeutsam (r = 0,11) |
- Erste Lesart: Brüche sind nicht das Problem, solange sie repariert werden. Das stützt die Grundidee provokativer Arbeit.
- Zweite Lesart: Die Fähigkeit zur Reparatur ließ sich durch Training nicht zuverlässig verbessern. Wer sie nicht hat, lernt sie offenbar nicht in einem Kurs.
- Und ein wichtiges Detail: Der Zusammenhang war deutlicher, wenn weniger Behandelte mit Persönlichkeitsstörungen beteiligt waren und wenn die Behandlung kurz war. Genau bei den schwierigeren Konstellationen wird die Reparatur also unsicherer.
Warum das für dieses Verfahren besonders zählt
Andere Verfahren erzeugen Brüche versehentlich und reparieren sie dann. Provokative Therapie erzeugt sie planvoll. Damit hängt der gesamte Nutzen an einer Fähigkeit, die sich nach der Datenlage schlecht vermitteln lässt und bei den schwierigsten Fällen am wenigsten verlässlich ist.
Der blinde Fleck
Bei einem Verfahren, das absichtlich unangenehm ist, würde man erwarten, dass zumindest die Risikoseite untersucht ist. Sie ist es nicht, und das ist kein Sonderfall dieses Verfahrens, sondern ein Grundproblem der Psychotherapieforschung.
Eine systematische Übersicht hat 115 Studienprotokolle randomisierter Studien untersucht, mit 168 Behandlungs- und 85 Kontrollbedingungen, bei Menschen mit affektiven Störungen, Phobien, Angststörungen, Zwangsstörung, posttraumatischer Belastungsstörung oder Persönlichkeitsstörungen.
| Was im Protokoll steht | Anzahl von 115 Protokollen |
|---|---|
| Schaden wird ausdrücklich angesprochen | 77 |
| Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse werden berücksichtigt | 62 |
| Unerwünschte Ereignisse werden berücksichtigt | 39 |
Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wurden noch einigermaßen einheitlich definiert, unerwünschte Ereignisse dagegen nicht.
Eine zweite Übersicht hat neun Erhebungsinstrumente für unerwünschte Wirkungen von Psychotherapie geprüft. Sie fand 17 verschiedene Bereiche unerwünschter Wirkungen, die von den neun Instrumenten uneinheitlich erfasst werden, und bezeichnet deren psychometrische Eigenschaften als in der Regel unbefriedigend.
Was daraus folgt
Wir wissen nicht, wie häufig Psychotherapie schadet, weil kaum standardisiert danach gefragt wird. Für ein Verfahren, das mit Kränkungsnähe arbeitet, bedeutet das: Es gibt keine Zahlen zur Häufigkeit von Abbrüchen, Verschlechterungen oder Beschämungserleben. Nicht, weil es keine gäbe, sondern weil niemand gezählt hat.
Praktisch
Wenn dir das begegnet
- Es muss vorher besprochen sein. Provokatives Vorgehen ohne ausdrückliche Ankündigung und Zustimmung ist keine Methode, sondern eine Grenzüberschreitung.
- Du musst mitlachen können. Wenn du dich beschämt fühlst statt belustigt, ist der Bruch nicht repariert worden. Sag es, sofort.
- Eine tragfähige Beziehung muss vorher stehen. In der ersten Sitzung hat dieses Vorgehen nichts zu suchen.
- Nicht bei Scham- und Selbstwertthemen als Kern. Wer wegen Selbstabwertung kommt, braucht keine weitere Stimme, die sie ausspricht, auch nicht ironisch.
- Ein Abbruch ist keine Niederlage. Wenn ein Verfahren dich regelmäßig schlechter aus der Sitzung gehen lässt, ist der Wechsel die richtige Entscheidung.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Nicht geeignet ist dieses Vorgehen bei akuter Suizidalität, bei posttraumatischer Belastungsstörung, bei Essstörungen, bei ausgeprägter sozialer Angst und bei Menschen, die Entwertung als prägende Erfahrung mitbringen. In all diesen Fällen ist die Grenze zwischen Provokation und Wiederholung des Erlebten zu schmal, und es gibt keine Daten, die ein solches Risiko rechtfertigen würden.
Passend dazu
Fazit
Zum Verfahren selbst gibt es in der medizinischen Literatur einen einzigen, drei Seiten langen Treffer. Jede Wirksamkeitsaussage stützt sich damit auf Erfahrung, nicht auf Prüfung.
Die beiden prüfbaren Bestandteile geben ein gemischtes Bild. Lachverfahren können Depressivität verbessern, aber ausgerechnet das erzwungene Lachen ohne Humor schnitt besser ab als das humorvolle. Und der bewusst herbeigeführte Bruch in der Beziehung ist nur dann nützlich, wenn er repariert wird, wobei sich diese Fähigkeit durch Training nicht bedeutsam verbessern ließ.
Am unangenehmsten ist die dritte Erkenntnis: Wie oft ein solches Vorgehen schadet, weiß niemand, weil unerwünschte Wirkungen in der Psychotherapieforschung nur unvollständig und uneinheitlich erhoben werden. Bei einem Verfahren, das planvoll an der Kränkungsgrenze arbeitet, ist das die entscheidende Lücke.
Häufige Fragen
Was ist provokative Therapie?
Ein in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten entwickelter Ansatz, bei dem die behandelnde Person die selbstschädigende Sicht der Klientin bewusst überzeichnet, bis diese widerspricht. Der Widerspruch und das gemeinsame Lachen sollen die Sicht in Bewegung bringen.
Gibt es Studien dazu?
Eine Suche in PubMed nach dem Begriff liefert einen einzigen Treffer, eine kurze Mitteilung über einen kombinierten Behandlungsansatz. Randomisierte Studien oder Übersichtsarbeiten gibt es nicht.
Wirkt Lachen denn überhaupt?
Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse zu lachauslösenden Verfahren fand Hinweise auf eine Verbesserung von Depressivität. Die Studienqualität war insgesamt niedrig, mit erheblichem Verzerrungsrisiko in allen Arbeiten.
Was ist der überraschende Befund dieser Übersicht?
Erzwungenes Lachen ohne Humor war wirksamer als Lachen, das durch Humor ausgelöst wurde. Das spricht dafür, dass der körperliche Vorgang zählt und nicht der Einfall.
Ist es riskant, eine Beziehung bewusst zu belasten?
Über Brüche im Arbeitsbündnis gibt es Forschung. Ihre gelungene Reparatur hängt mittelstark mit einem guten Behandlungsergebnis zusammen. Ein Training darin verbesserte das Ergebnis der Behandelten allerdings nicht bedeutsam.
Werden Schäden in Psychotherapiestudien erfasst?
Nur unvollständig. In einer Auswertung von 115 Studienprotokollen sprachen 77 überhaupt von Schaden, 62 berücksichtigten schwerwiegende unerwünschte Ereignisse und 39 unerwünschte Ereignisse.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
van der Wal, C. N. & Kok, R. N. (2019): Laughter-inducing therapies: Systematic review and meta-analysis. Social Science & Medicine. Randomisierte und quasiexperimentelle Studien zu mehrsitzungsbasierten Lach- und Humorverfahren, englische und nicht englische Literatur
- 2
Eubanks, C. F. et al. (2018): Alliance rupture repair: A meta-analysis. Psychotherapy. Elf Studien mit 1314 Behandelten zum Zusammenhang von Reparatur und Ergebnis, sechs Studien mit 276 Ausgebildeten zum Einfluss eines Trainings
- 3
Klatte, R. et al. (2023): Defining and assessing adverse events and harmful effects in psychotherapy study protocols: A systematic review. Psychotherapy. 115 Studienprotokolle randomisierter Studien aus den Jahren 2004 bis 2017 mit 168 Behandlungs- und 85 Kontrollbedingungen
- 4
Herzog, P. et al. (2019): Assessing the unwanted: A systematic review of instruments used to assess negative effects of psychotherapy. Brain and Behavior. Zehn eingeschlossene Arbeiten, neun geprüfte Erhebungsinstrumente