
Auf einen Blick
Dieser Artikel ist kein Ausflug in die Geistesgeschichte, sondern eine Nachrechnung. Die Verhaltenstherapie hat sich bei der Antike bedient und das nie verheimlicht. Die Frage ist, welche der geliehenen Ideen die Prüfung überstanden haben.
- Der Kernsatz der kognitiven Verfahren stammt von Epiktet, einem Philosophen des ersten Jahrhunderts.
- Drei stoische Übungen haben heutige Entsprechungen und sind in dieser Form untersucht.
- Umdeuten und Annehmen senkten in einem Experiment beide die Belastung, mit leichten Vorteilen für das Umdeuten.
- Ein Nebenbefund spricht für das Annehmen: Bei misslingender Umdeutung folgt eher Vermeidung.
- Zwei stoische Grundannahmen sind aus heutiger Sicht nicht haltbar.
Die Anleihe
Die Begründer der kognitiven Therapieverfahren haben sich ausdrücklich auf die Stoa berufen. Der Satz, auf den sie sich bezogen, stammt von Epiktet, einem freigelassenen Sklaven, der im ersten und zweiten Jahrhundert lehrte.
Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile über die Dinge.
Dieser Satz ist die Grundannahme jeder kognitiven Umstrukturierung. Wenn zwischen Ereignis und Gefühl eine Bewertung steht, dann lässt sich am Gefühl arbeiten, indem man an der Bewertung arbeitet. Dasselbe Prinzip steht hinter dem Stress-Modell von Lazarus, das knapp 1900 Jahre später formuliert wurde.
ca. 300 v. Chr.
Gründung der Stoa
Zenon von Kition lehrt in einer Säulenhalle in Athen, der Stoa poikile, die der Schule den Namen gibt.
1. Jh. n. Chr.
Epiktet
Der Satz über die Urteile entsteht. Die Stoa ist zu diesem Zeitpunkt vor allem eine Anleitung zur Lebensführung.
1950er Jahre
Die rational-emotive Therapie
Albert Ellis beruft sich ausdrücklich auf Epiktet und macht die Prüfung von Bewertungen zum Kern seines Verfahrens.
1960er Jahre
Die kognitive Therapie
Aaron Beck entwickelt das Arbeiten an automatischen Gedanken, das bis heute Standard ist.
seit 1990
Die dritte Welle
Akzeptanzbasierte Verfahren rücken näher an die stoische Idee, das Unabänderliche anzunehmen, statt es umzudeuten.
Die Verbindung ist keine nachträgliche Deutung. Die Begründer der kognitiven Verfahren haben sich selbst auf die Stoa berufen.
Vier Ideen und ihr heutiges Gegenstück
| Antike Übung | Was sie meint | Heutiges Gegenstück |
|---|---|---|
| Die Dichotomie der Kontrolle | Unterscheiden, was in der eigenen Macht steht und was nicht, und die Aufmerksamkeit auf das Erste lenken | Problemorientierte gegen emotionsorientierte Bewältigung, Passung von Strategie und Situation |
| Premeditatio malorum | Sich mögliche Übel im Voraus vorstellen, um bei ihrem Eintreten nicht überrascht zu sein | Gedankliche Vorwegnahme, Umgang mit Sorgen, in Teilen auch Konfrontationsverfahren |
| Der Blick von oben | Die eigene Lage aus großer Entfernung betrachten, zeitlich und räumlich | Perspektivwechsel, die wirksamste Einzelstrategie in der Metaanalyse zur Gefühlsregulation |
| Amor fati | Das Unabänderliche nicht nur hinnehmen, sondern bejahen | Akzeptanz in den Verfahren der dritten Welle |
Die dritte Zeile ist die bestbelegte
Der Blick von außen auf die eigene Lage hat in der umfangreichsten Metaanalyse zur Gefühlsregulation über 306 experimentelle Vergleiche die stärkste Wirkung von allen geprüften Einzelstrategien erzielt, stärker als die Umdeutung der Situation und deutlich stärker als die Umdeutung der eigenen Reaktion. Von den vier antiken Übungen ist ausgerechnet die am wenigsten bekannte die am besten belegte.
Was davon geprüft ist
306
experimentelle Vergleiche zur Gefühlsregulation
Webb et al. 2012
0,45
Effektstärke des Perspektivwechsels
94
Teilnehmende im Vergleich von Umdeuten und Annehmen
Wolgast et al. 2011
3
Arten von Messgrößen darin: Erleben, Körper, Verhalten
Der Perspektivwechsel, in der Stoa als Blick von oben beschrieben, erreichte in der Metaanalyse eine Effektstärke von 0,45. Zum Vergleich: Die Umdeutung der Situation kam auf 0,36, die Umdeutung der eigenen Reaktion auf 0,23. Die Aufforderung, das Gefühl selbst zu unterdrücken, wirkte gar nicht.
Warum das zur Stoa passt
Die stoische Übung besteht nicht darin, sich ein Ereignis schönzureden, sondern darin, den Maßstab zu wechseln: Wie wichtig ist das in einem Jahr, für einen Fremden, im Verhältnis zur Größe der Welt? Genau diese Verschiebung des Bezugsrahmens erwies sich als die wirksamste Vorgehensweise. Was dagegen nicht funktioniert, ist der Versuch, ein Gefühl direkt abzustellen, und auch das hätte die Stoa anders gesehen.
Umdeuten oder Annehmen?
Innerhalb der stoischen Tradition liegt eine Spannung, die in der modernen Therapie zur Trennung zweier Schulen geführt hat. Soll man ein Urteil prüfen und ändern, oder soll man annehmen, was ist?
Diese Frage ist experimentell untersucht worden. 94 Personen wurden auf drei Bedingungen verteilt. Die eine Gruppe sollte über belastende Filmausschnitte so nachdenken, dass die negativen Gefühle geringer ausfielen. Die zweite sollte ihre Gefühle kommen und gehen lassen, ohne sie zu steuern oder zu vermeiden. Die dritte sah die Filme nur an.
Umdeuten
- Senkte Belastung, körperliche Reaktion und Vermeidung gegenüber der Kontrollgruppe.
- Wo Unterschiede zum Annehmen auftraten, sprachen sie leicht dafür.
- Setzt voraus, dass sich eine andere Sichtweise finden lässt.
- Nachteil: Bei starker Belastung folgte eher Vermeidung.
Annehmen
- Senkte ebenfalls Belastung, körperliche Reaktion und Vermeidung.
- In den meisten Vergleichen kein Unterschied zum Umdeuten.
- Braucht keine alternative Sichtweise.
- Vorteil: Kein Zusammenhang zwischen Belastung und Vermeidung.
Der letzte Punkt ist der aufschlussreichste. In der Umdeutungsbedingung hing stärkere ausgelöste Belastung mit mehr Vermeidungsverhalten zusammen. In der Annehmensbedingung bestand dieser Zusammenhang nicht. Wenn Umdeuten also nicht gelingt, weil die Lage zu schwer ist, kippt es eher in Vermeidung. Das Annehmen hat diesen Rückschlag nicht.
Was daraus für die Praxis folgt
Beide Wege funktionieren, und sie eignen sich für verschiedene Lagen. Wo sich eine plausible andere Sichtweise finden lässt, ist die Umdeutung geringfügig überlegen. Wo die Lage eindeutig schlecht ist und sich nichts schönreden lässt, ist das Annehmen die verlässlichere Wahl, weil es nicht scheitern kann.
Das moderne Verfahren, das dem stoischen Annehmen am nächsten kommt, ist die Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Eine Metaanalyse randomisierter Studien mit Jugendlichen fand Wirksamkeit besonders bei depressiven Beschwerden und eine Wirksamkeit, die mit der klassischen Verhaltenstherapie vergleichbar ist. Die Autoren halten allerdings fest, dass alle eingeschlossenen Studien als mit hohem Verzerrungsrisiko behaftet eingestuft wurden, vor allem wegen Selbstauskunftsmaßen und fehlender methodischer Angaben.
Wo die Übernahme endet
Die Verhaltenstherapie hat nicht alles übernommen, und das aus guten Gründen. Zwei stoische Grundannahmen sind aus heutiger Sicht nicht haltbar.
- Gefühle sind keine Fehlurteile. Die Stoa behandelt starke Gefühle als Denkfehler, die sich abstellen lassen. Aus heutiger Sicht sind sie Reaktionen mit eigener Funktion, und der Versuch, sie direkt zu unterdrücken, war in der Metaanalyse die wirkungsloseste aller geprüften Strategien.
- Äußere Umstände sind nicht gleichgültig. Die stoische Lehre erklärt Besitz, Gesundheit und Ansehen für unerheblich für das gute Leben. Wer das jemandem in tatsächlicher Not sagt, sagt etwas Unzumutbares. Die Datenlage zur sozialen Lage spricht klar dagegen.
- Die Dichotomie der Kontrolle ist zu scharf gezogen. Die meisten Dinge stehen weder ganz in unserer Macht noch gar nicht, sondern teilweise. Diese Zwischenstufe fehlt in der antiken Fassung.
- Der Blick von oben kann zur Abwertung werden. Was aus großer Entfernung klein wirkt, ist aus der Nähe trotzdem schwer. Der Perspektivwechsel ist ein Werkzeug und kein Urteil über die Bedeutung dessen, was einem zustößt.
Die häufigste Fehlanwendung
Stoische Sätze werden gern benutzt, um Beschwerden abzuweisen: Ändere deine Einstellung, der Rest liegt nicht in deiner Macht. Damit wird ein Werkzeug zur Selbstarbeit in ein Mittel verwandelt, andere zum Schweigen zu bringen. Die Stoa richtet sich an die eigene Person und nicht an das Gegenüber.
Was sich mitnehmen lässt
Der Blick von außen
10 Minuten, bei einer belastenden Lage- 1
Die Lage nüchtern aufschreiben
Nur, was tatsächlich geschehen ist, ohne Bewertung. Diese Trennung von Ereignis und Urteil ist der stoische Kern und zugleich der erste Schritt jeder kognitiven Umstrukturierung. - 2
Den Maßstab wechseln, nicht den Inhalt
Wie sieht das in einem Jahr aus? Wie würde ich es einem Freund schildern? Wie wichtig ist es im Verhältnis zu dem, was mir sonst wichtig ist? Nicht: Es ist gar nicht schlimm. - 3
Zwei Spalten anlegen
Was steht in meiner Macht, was nicht. Und eine dritte für das, was teilweise in meiner Macht steht. Diese dritte Spalte fehlt in der antiken Fassung und ist im Alltag die größte. - 4
Wenn nichts umzudeuten ist: annehmen
Bei eindeutig schlechten Lagen ist das Annehmen die verlässlichere Wahl. Es kann nicht misslingen, und es führt nach der Untersuchung nicht in Vermeidung. - 5
Nichts unterdrücken
Der Versuch, ein Gefühl direkt abzustellen, war in der Metaanalyse wirkungslos. Das gilt für die antike wie für die moderne Fassung.
Passend dazu
Premeditatio malorum
Die bekannteste stoische Übung, ausführlich mit Anleitung.
Das Stress-Modell nach Lazarus
Die moderne Fassung des Gedankens, dass die Bewertung entscheidet.
Radikale Akzeptanz
Was aus dem stoischen Annehmen in der heutigen Therapie geworden ist.
Emotionale Regulation
Die Forschung, an der sich die antiken Übungen messen lassen.
Fazit
Die Verhaltenstherapie hat bei der Stoa geliehen und das nie bestritten. Der Kernsatz Epiktets über die Urteile ist die Grundannahme jeder kognitiven Umstrukturierung, und er hat sich bewährt.
Von den einzelnen Übungen ist ausgerechnet die unbekannteste die bestbelegte. Der Blick von oben, also der Wechsel des Bezugsrahmens, erzielte in der umfangreichsten Metaanalyse zur Gefühlsregulation die stärkste Wirkung aller geprüften Einzelstrategien.
Zwei Annahmen sind dagegen nicht übernommen worden, und das zu Recht. Gefühle sind keine abstellbaren Denkfehler, und äußere Umstände sind nicht gleichgültig. Wer stoische Sätze benutzt, um beides zu behaupten, benutzt sie gegen ihren Zweck.
Häufige Fragen
Welche Philosophie steckt hinter der Verhaltenstherapie?
Vor allem die Stoa. Die Begründer der kognitiven Therapieverfahren haben sich ausdrücklich auf Epiktet berufen, dessen Kernsatz lautet, dass nicht die Dinge selbst die Menschen beunruhigen, sondern ihre Urteile über die Dinge. Genau das ist die Grundannahme jeder kognitiven Umstrukturierung.
Welche stoischen Übungen gibt es heute noch?
Drei sind in heutigen Verfahren wiederzufinden: das Vorwegnehmen möglicher Übel, die Unterscheidung zwischen dem, was in der eigenen Macht steht, und dem, was nicht, sowie die Betrachtung einer Lage aus der Distanz. Alle drei haben moderne Entsprechungen und sind in dieser Form untersucht.
Wirkt die Umdeutung besser als das Annehmen?
In einer experimentellen Untersuchung mit 94 Teilnehmenden senkten beide Vorgehensweisen die Belastung, körperliche Reaktionen und Vermeidungsverhalten gegenüber einer Kontrollgruppe. Unterschiede zwischen beiden waren selten, und wo sie auftraten, sprachen sie leicht für die Umdeutung. Ein Nebenbefund fiel dagegen zugunsten des Annehmens aus.
Welcher Nebenbefund war das?
In der Umdeutungsbedingung hing stärkere ausgelöste Belastung mit mehr Vermeidungsverhalten zusammen, in der Annehmensbedingung bestand dieser Zusammenhang nicht. Anders gesagt: Wenn Umdeuten nicht gelingt, folgt eher Vermeidung. Beim Annehmen entfällt dieser Rückschlag.
Was ist aus dem stoischen Annehmen heute geworden?
Am ehesten die Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Eine Metaanalyse zu Jugendlichen fand Wirksamkeit besonders bei depressiven Beschwerden und eine vergleichbare Wirksamkeit wie bei der klassischen Verhaltenstherapie. Die eingeschlossenen Studien wurden allerdings alle als mit hohem Verzerrungsrisiko behaftet bewertet.
Wo endet die Übernahme antiker Ideen?
An zwei Stellen. Die Stoa hält Gefühle für Fehlurteile, die sich abstellen lassen, was aus heutiger Sicht nicht haltbar ist. Und sie behandelt äußere Umstände durchgehend als gleichgültig, was bei tatsächlicher Not eine unzumutbare Zumutung wäre.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Wolgast, M., Lundh, L.-G. & Viborg, G. (2011): Cognitive reappraisal and acceptance: an experimental comparison of two emotion regulation strategies. Behaviour Research and Therapy. 94 Teilnehmende, drei Bedingungen, mit körperlichen und Verhaltensmaßen neben der Selbstauskunft
- 2
López-Pinar, C. et al. (2025): Process of change and efficacy of acceptance and commitment therapy (ACT) for anxiety and depression symptoms in adolescents: A meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Affective Disorders. Auswertung des modernen Verfahrens, das dem stoischen Annehmen am nächsten kommt
- 3
Webb, T. L., Miles, E. & Sheeran, P. (2012): Dealing with feeling: a meta-analysis of the effectiveness of strategies derived from the process model of emotion regulation. Psychological Bulletin. 306 experimentelle Vergleiche, mit getrennter Auswertung von Umdeutung und Perspektivwechsel
- 4
Robertson, D. (2019): Stoicism and Ellis’s rational therapy (REBT). In: The Philosophy of Cognitive-Behavioural Therapy. Darstellung der direkten Linie von der Stoa zu den kognitiven Verfahren