Grundlagen & WissenResilienz-Modelle

Das Stress-Modell nach Lazarus

Zwei Menschen bekommen dieselbe Nachricht, einer bricht zusammen, der andere krempelt die Ärmel hoch. Richard Lazarus hat daraus 1984 ein Modell gemacht, das bis heute die Grundlage fast jedes Stresstrainings bildet. Vierzig Jahre Forschung später lässt sich ziemlich genau sagen, welche Teile davon halten.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Zwei Menschen stehen vor derselben großen Fensterfront mit Blick auf eine Baustelle, der eine angespannt, der andere gelassen
Dieselbe Lage, zwei Bewertungen. Genau an dieser Beobachtung setzt das Modell an. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Kein Modell hat die Stressforschung so geprägt wie dieses, und keines wird so oft verkürzt wiedergegeben. Es lohnt sich, beides anzuschauen: was Lazarus tatsächlich behauptet hat und was die Forschung daraus gemacht hat.

  • Stress entsteht nach dem Modell nicht im Ereignis, sondern im Verhältnis von Anforderung und verfügbaren Mitteln.
  • Herausforderung schlägt Bedrohung, aber die Effekte sind nach 62 aktuellen Studien klein.
  • Die Einteilung in problem- und emotionsorientierte Bewältigung ist zu grob. Entscheidend ist die Passung zur Situation.
  • Neubewertung wirkt, am stärksten als Perspektivwechsel. Das Unterdrücken des Gefühls wirkt nicht.
  • Der Kerngedanke ist unbestritten, die Messbarkeit der Bewertungen bleibt das Hauptproblem.

Der Grundgedanke

Bis in die 1970er Jahre wurde Stress überwiegend als Reiz oder als Reaktion verstanden. Entweder man zählte die belastenden Ereignisse eines Lebens und schloss daraus auf das Erkrankungsrisiko, oder man maß körperliche Reaktionen und nannte diese Stress. Beides erklärte nicht, warum dieselbe Situation für den einen zerstörerisch ist und für den anderen ein guter Tag.

Richard Lazarus und Susan Folkman schlugen 1984 einen dritten Weg vor: Stress ist weder das Ereignis noch die Reaktion, sondern eine bestimmte Beziehung zwischen Person und Umwelt. Nämlich eine, die von der Person als bedeutsam für ihr Wohlergehen und als ihre Mittel beanspruchend oder übersteigend eingeschätzt wird.

Zwischen dem Ereignis und deiner Reaktion steht immer eine Einschätzung. Sie läuft meist in Sekundenbruchteilen ab und bleibt unbemerkt, aber sie entscheidet über den Rest.
Kernaussage des transaktionalen Modells

Das Wort transaktional ist wörtlich zu nehmen. Es geht nicht nur darum, dass die Umwelt auf dich einwirkt, sondern auch darum, dass deine Reaktion die Lage verändert, die dann neu bewertet wird. Das Modell beschreibt eine Schleife, kein einmaliges Ereignis.

Die Schleife des transaktionalen Modells
Bewertung1234
  1. 1

    Was ist hier los, und betrifft es mich?

    Die primäre Bewertung: irrelevant, angenehm oder belastend.

  2. 2

    Was habe ich zur Verfügung?

    Die sekundäre Bewertung: Fähigkeiten, Zeit, Geld, Unterstützung, Erfahrung.

  3. 3

    Handeln oder Empfinden regulieren

    Bewältigung, entweder an der Lage selbst oder am eigenen Zustand.

  4. 4

    Neu einschätzen

    Die Lage hat sich verändert, die Bewertung ebenso. Die Schleife beginnt von vorn.

Der vierte Schritt ist der, der das Modell von einfachen Reiz-Reaktions-Vorstellungen unterscheidet. Nach jeder Handlung wird die Lage neu eingeschätzt, und diese Neubewertung ist häufig der Punkt, an dem sich etwas ändert.

Die beiden Bewertungen

Die Bezeichnungen primär und sekundär sind unglücklich gewählt und werden bis heute missverstanden. Sie meinen keine zeitliche Reihenfolge. Beide Einschätzungen laufen gleichzeitig ab und beeinflussen einander.

Die primäre Bewertung: Geht mich das etwas an?

Hier wird geklärt, ob eine Lage für das eigene Wohlergehen von Belang ist. Lazarus unterscheidet drei Ausgänge: irrelevant, angenehm oder belastend. Wird es belastend, gibt es wiederum drei Formen.

Die drei Formen der belastenden Einschätzung
FormZeitbezugTypisches GefühlBeispiel
Schädigung oder VerlustBereits eingetretenTrauer, Wut, NiedergeschlagenheitDie Kündigung ist ausgesprochen
BedrohungSteht bevorAngst, Sorge, AnspannungDie Umstrukturierung ist angekündigt
HerausforderungSteht bevorAnspannung mit Erwartung, TatendrangDie neue Aufgabe ist anspruchsvoll, aber machbar

Bedrohung und Herausforderung betreffen dieselbe Zukunft und unterscheiden sich nur in der Einschätzung. Das ist der Punkt, an dem das Modell praktisch wird, und zugleich der, aus dem später der ganze Zweig der Herausforderungsforschung entstanden ist.

Die sekundäre Bewertung: Was habe ich?

Gemeint sind alle Mittel, die für die Bewältigung zur Verfügung stehen: Können, Erfahrung, Zeit, Geld, Gesundheit, Unterstützung durch andere, Handlungsspielraum. Auch hier zählt nicht, was objektiv vorhanden ist, sondern was du dir zutraust und was dir in dem Moment einfällt.

Anforderung und Mittel im Zusammenspiel
Mittel ausreichendMittel knapp

Routine

Wird kaum als Stress registriert. Auf Dauer allerdings die Quelle von Unterforderung und Langeweile.

Herausforderung

Anspannung mit Erwartung. Der Zustand, der mit besserer Leistung einhergeht.

Unbestimmt

Wenig Anforderung, wenig Mittel. Meist unauffällig, kann bei kleinsten Zusatzlasten kippen.

Bedrohung

Anforderungen übersteigen die verfügbaren Mittel. Der Zustand, der Leistung eher beeinträchtigt.

Anforderung niedrigAnforderung hoch

Vereinfachte Darstellung. Entscheidend ist nicht die Höhe der Anforderung, sondern das Verhältnis. Eine hohe Anforderung bei ausreichenden Mitteln wird als Herausforderung erlebt, dieselbe Anforderung bei knappen Mitteln als Bedrohung.

Herausforderung und Bedrohung heute

Aus der Unterscheidung zwischen Bedrohung und Herausforderung ist ein eigenes Forschungsfeld geworden, das inzwischen auch körperliche Muster unterscheiden kann. Im Herausforderungszustand steigt die Herzleistung bei gleichzeitig geweiteten Gefäßen, im Bedrohungszustand verengen sich die Gefäße. Das ist mit klassischen Kreislaufmessungen nachvollziehbar.

62

Studien in der aktuellen Auswertung

Hase et al. 2025

7418

Teilnehmende insgesamt

306

experimentelle Vergleiche zur Regulation von Gefühlen

Webb et al. 2012

58.946

Teilnehmende in der Auswertung zur Bewältigungsflexibilität

Cheng et al. 2014

Die aktuellste Zusammenfassung schloss 62 Studien aus den Jahren 2017 bis 2024 ein. Sie bestätigt, dass Menschen im Herausforderungszustand über verschiedene Bereiche hinweg, etwa Bildung und Sport, bessere Ergebnisse erzielen als im Bedrohungszustand. Zugleich halten die Autoren ausdrücklich fest, dass die Effektstärken klein sind, und weisen auf mögliche Veröffentlichungsverzerrung und Wiederholbarkeitsprobleme hin.

Klein heißt nicht unwichtig, aber es heißt klein

Die Vorstellung, man müsse Stress nur in Herausforderung umdeuten und alles werde gut, ist in dieser Form nicht gedeckt. Was gedeckt ist: Die Einschätzung verändert sowohl Erleben als auch körperliche Reaktion und Leistung, und zwar in eine bestimmte Richtung. Wer daraus ein Versprechen macht, verkauft eine kleine Effektstärke als Wundermittel.

Ein besonders klarer Beleg für die Bewertungstheorie kommt aus einem Bereich, in dem sich gut messen lässt: dem Schmerz. Eine Zusammenfassung von Labor- und Langzeitstudien fand, dass die Bewertung von Schmerz als Bedrohung mit stärkerer Schmerzempfindung, geringerer Schmerztoleranz und passivem Bewältigungsverhalten einherging. Bewertungen als Herausforderung hingen umgekehrt mit besserer Toleranz und aktiverem Umgang zusammen.

Bewältigung und ihre Grenzen

Lazarus und Folkman unterschieden zwei Grundformen der Bewältigung: die problemorientierte, die an der Situation ansetzt, und die emotionsorientierte, die am eigenen Zustand ansetzt. Aus dieser Unterscheidung ist in Ratgebern die Regel geworden, problemorientiert sei gut und emotionsorientiert schlecht.

Diese Regel ist falsch, und zwar aus einem Grund, den Lazarus selbst betont hat: Bei einer unveränderbaren Lage ist der Versuch, das Problem zu lösen, die schlechtere Wahl. Wer eine unheilbare Diagnose problemorientiert bewältigen will, richtet mehr Schaden an als jemand, der an seinem Umgang damit arbeitet.

Was die Forschung stattdessen zeigt

Die aussagekräftigste Arbeit dazu ist eine Zusammenfassung von 329 Studien mit fast 59.000 Teilnehmenden. Sie untersuchte, wie stark Bewältigungsflexibilität mit dem psychischen Befinden zusammenhängt, und unterschied dabei fünf verschiedene Auffassungen davon, was Flexibilität überhaupt heißt.

Fünf Auffassungen von Flexibilität und ihr Zusammenhang mit dem Befinden. Quelle: Cheng et al. 2014
AuffassungWas gemessen wirdZusammenhang
Passung von Strategie und SituationWird die jeweils zur Lage passende Strategie gewähltMittel. Die stärkste der geprüften Auffassungen
Zugetraute AnpassungsfähigkeitTraut sich die Person zu, mit wechselnden Anforderungen umzugehenMittel
Breite des StrategienvorratsWie viele verschiedene Strategien stehen zur VerfügungKlein
Ausgewogenheit des BewältigungsprofilsSind die Strategien gleichmäßig über Kategorien verteiltKlein
Wechsel zwischen SituationenWerden je nach Situation unterschiedliche Strategien eingesetztKlein

Der Gesamtzusammenhang lag bei r = 0,23, also im kleinen bis mittleren Bereich. Die praktische Lehre daraus ist deutlich: Es bringt wenig, möglichst viele Bewältigungsformen zu beherrschen. Es bringt etwas, die passende zu wählen. Damit rückt die Diagnose der Situation in den Mittelpunkt, nicht der Vorrat an Techniken.

Was Neubewertung wirklich leistet

Der vierte Schritt der Schleife, die Neubewertung, ist der Teil des Modells, der am besten experimentell überprüft ist. Eine Zusammenfassung von 306 experimentellen Vergleichen hat verschiedene Regulationsstrategien gegeneinander gestellt und dabei sehr genau unterschieden.

Wie gut verschiedene Strategien wirken

Perspektivwechsel

0,45

Die Lage aus einer anderen Position betrachten. Die wirksamste geprüfte Einzelstrategie.

Umdeutung des Auslösers

0,36

Die Situation selbst anders einordnen, nicht das eigene Gefühl darüber.

Unterdrücken des Gefühlsausdrucks

0,32

Die Miene wahren. Wirkt kurzfristig, ist aber langfristig umstritten.

Ablenkung

0,27

Die Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten.

Umdeutung der eigenen Reaktion

0,23

Das eigene Gefühl anders bewerten. Deutlich schwächer als die Umdeutung der Lage.

MerkmalWert in
Perspektivwechsel0.45
Umdeutung des Auslösers0.36
Unterdrücken des Gefühlsausdrucks0.32
Ablenkung0.27
Umdeutung der eigenen Reaktion0.23

Mittlere Effektstärken über 306 experimentelle Vergleiche. Zwei weitere Befunde derselben Arbeit sind ebenso wichtig und lassen sich nicht als Balken darstellen, weil sie negativ ausfallen: Das Unterdrücken des Gefühlserlebens war wirkungslos, und die Konzentration auf das Gefühl verschlechterte das Ergebnis. Quelle: Webb, Miles und Sheeran 2012.

Der praktisch wichtigste Unterschied

Die Umdeutung der Situation wirkte stärker als die Umdeutung der eigenen Reaktion, und der Perspektivwechsel wirkte am stärksten von allem. Für den Alltag heißt das: Der Satz Wie würde ich das sehen, wenn es einem Freund passiert wäre, ist wirksamer als der Satz Meine Nervosität ist eigentlich gar nicht schlimm.

Die Überzeugung über Stress selbst

Eine Erweiterung des Bewertungsgedankens betrifft nicht die einzelne Situation, sondern die generelle Auffassung darüber, was Stress ist. Drei Studien von 2013 zeigten, dass sich diese Überzeugung mit kurzen Informationsfilmen verändern lässt und dass sie mit körperlichen und Verhaltensmaßen zusammenhängt: Wer Stress als leistungssteigernd auffasste, zeigte eine mittlere statt einer extremen Cortisolreaktion und suchte häufiger Rückmeldung unter Belastung.

Das ist ein interessanter Befund und eine kleine Studienreihe. Er passt zum Modell, ohne es zu beweisen, und wird häufig weit über seine Grundlage hinaus zitiert.

Kritik am Modell

Ein Modell, das seit vierzig Jahren die Lehrbücher prägt, hat auch vierzig Jahre Kritik hinter sich. Vier Punkte sind bedeutsam.

  • Die Gefahr des Zirkelschlusses. Wenn Stress als das definiert wird, was die Person als Stress bewertet, und die Bewertung über die Stressreaktion erschlossen wird, erklärt das Modell nichts, sondern beschreibt nur um.
  • Messbarkeit. Bewertungen laufen größtenteils unbewusst ab. Erhoben werden sie über Fragebögen, also über nachträgliche Selbstauskunft, die selbst schon eine Neubewertung ist.
  • Zu grobe Einteilung der Bewältigung. Die Aufteilung in problem- und emotionsorientiert fasst sehr Verschiedenes zusammen. Die Forschung arbeitet heute mit feineren Einteilungen.
  • Der Körper kommt zu kurz. Chronische Belastung wirkt auch dann, wenn sie nicht als bedrohlich bewertet wird. Lärm, Schichtarbeit und Schlafmangel beeinträchtigen unabhängig von der Einschätzung.

Wo die Verkürzung schädlich wird

Aus dem Modell wird gern die Botschaft gemacht, Stress sei Ansichtssache und jeder habe es selbst in der Hand. Das ist eine Verdrehung. Die sekundäre Bewertung betrifft tatsächlich vorhandene Mittel: Zeit, Geld, Personal, Unterstützung. Wer die nicht hat, bewertet nicht falsch, sondern zutreffend. Eine Umdeutung ersetzt keine fehlende Stelle im Team.

Was du damit machst

Die Bewertung sichtbar machen

10 Minuten, bei einer konkreten belastenden Lage
  1. 1

    Die Situation in einem Satz aufschreiben

    Ohne Bewertung, nur was tatsächlich geschieht. Nicht: Mein Chef macht mich fertig. Sondern: Am Donnerstag ist ein Gespräch über das Projekt angesetzt.
  2. 2

    Die primäre Bewertung benennen

    Geht es um etwas bereits Verlorenes, um etwas Drohendes oder um etwas Anspruchsvolles? Diese drei Fälle verlangen unterschiedliche Antworten, und sie werden im Alltag ständig verwechselt.
  3. 3

    Mittel auflisten, ohne zu bewerten

    Was steht dir zur Verfügung: Erfahrung, Zeit, Zahlen, Verbündete, frühere ähnliche Lagen. Aufschreiben, nicht überlegen. Unter Anspannung fällt einem regelmäßig die Hälfte nicht ein.
  4. 4

    Prüfen, ob sich die Lage ändern lässt

    Das ist die entscheidende Weiche. Bei veränderbaren Lagen setzt du am Problem an, bei unveränderbaren am eigenen Umgang damit. Wer sich an einer unveränderbaren Lage abarbeitet, erschöpft sich.
  5. 5

    Den Perspektivwechsel benutzen

    Was würde ich einem Freund raten, dem das passiert? Diese Formulierung ist nicht nur ein Trick, sie war in der Metaanalyse die wirksamste geprüfte Strategie.
  6. 6

    Nach dem Ereignis neu bewerten

    Der vierte Schritt der Schleife wird fast immer ausgelassen. War es so schlimm wie gedacht? Diese Frage ist die eigentliche Lernstelle, denn sie korrigiert die Einschätzung für das nächste Mal.

Passend dazu

Fazit

Der Kerngedanke von Lazarus hat gehalten: Zwischen Ereignis und Reaktion steht eine Einschätzung, und diese Einschätzung ist beeinflussbar. Das ist in Physiologie, Leistungsforschung und Schmerzforschung vielfach bestätigt.

Zwei populäre Verkürzungen halten dagegen nicht. Erstens ist problemorientierte Bewältigung nicht generell besser, entscheidend ist die Passung zur Situation. Zweitens sind die Effekte der Umdeutung von Bedrohung in Herausforderung real, aber klein.

Und die wichtigste Einschränkung steht im Modell selbst: Die sekundäre Bewertung betrifft echte Mittel. Wer zu wenig Zeit, zu wenig Geld oder zu wenig Unterstützung hat, bewertet seine Lage nicht falsch. In dem Fall ist nicht die Bewertung das Problem, sondern die Lage.

Häufige Fragen

Was besagt das Stress-Modell nach Lazarus?

Dass Stress nicht im Ereignis liegt und auch nicht in der Person, sondern in der Beziehung zwischen beiden. Entscheidend ist, wie eine Lage bewertet wird: Wird sie als bedeutsam für das eigene Wohlergehen eingeschätzt, und reichen die eigenen Mittel aus, um damit umzugehen. Deshalb heißt es transaktionales Modell.

Was ist der Unterschied zwischen primärer und sekundärer Bewertung?

Die primäre Bewertung klärt, ob die Situation für dich überhaupt von Belang ist, und wenn ja, in welcher Form: als bereits eingetretene Schädigung, als drohender Verlust oder als Herausforderung. Die sekundäre Bewertung klärt, was dir zur Verfügung steht. Die Bezeichnungen sind irreführend, denn beide laufen gleichzeitig ab und nicht nacheinander.

Stimmt es, dass Herausforderung besser ist als Bedrohung?

Im Kern ja, aber die Effekte sind kleiner als oft dargestellt. Eine Auswertung von 62 Studien mit 7418 Teilnehmenden aus den Jahren 2017 bis 2024 bestätigt, dass Menschen im Herausforderungszustand über verschiedene Bereiche hinweg bessere Leistungen erbringen als im Bedrohungszustand. Die Effektstärken werden von den Autoren ausdrücklich als klein bezeichnet.

Ist problemorientierte Bewältigung besser als emotionsorientierte?

Diese verbreitete Vereinfachung hält nicht. Entscheidend ist nicht die Art der Strategie, sondern ob sie zur Situation passt. Eine Metaanalyse über 329 Studien mit fast 59.000 Teilnehmenden fand: Wer die Passung zwischen Strategie und Situation misst, findet mittlere Zusammenhänge mit dem psychischen Befinden. Wer nur die Anzahl der Strategien zählt, findet kleine.

Wirkt Neubewertung tatsächlich?

Ja, sie gehört zu den wirksamsten Strategien, allerdings mit wichtigen Unterschieden. Eine Metaanalyse über 306 experimentelle Vergleiche fand für gedankliche Umdeutung insgesamt eine kleine bis mittlere Wirkung. Am stärksten wirkte der Perspektivwechsel, deutlich schwächer die Umdeutung der eigenen Reaktion. Das Unterdrücken des Gefühls selbst wirkte gar nicht.

Ist das Modell noch aktuell?

Als Rahmen ja, als Erklärung nur teilweise. Der Kerngedanke, dass die Bewertung zwischen Ereignis und Reaktion steht, ist in der Stressforschung unbestritten und in Bildgebung wie Physiologie vielfach bestätigt. Kritisiert werden die Messbarkeit der Bewertungen, die Gefahr eines Zirkelschlusses und die grobe Einteilung der Bewältigungsformen.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Hase, A. et al. (2025): The effects of challenge and threat states on performance outcomes: An updated review and meta-analysis of recent findings. EXCLI Journal. 62 Studien aus den Jahren 2017 bis 2024 mit 7418 Teilnehmenden, mit Prüfung auf Veröffentlichungsverzerrung

  2. 2

    Webb, T. L., Miles, E. & Sheeran, P. (2012): Dealing with feeling: a meta-analysis of the effectiveness of strategies derived from the process model of emotion regulation. Psychological Bulletin. 306 experimentelle Vergleiche verschiedener Regulationsstrategien, mit feiner Aufschlüsselung nach Unterformen

  3. 3

    Cheng, C., Lau, H.-P. B. & Chan, M.-P. S. (2014): Coping flexibility and psychological adjustment to stressful life changes: a meta-analytic review. Psychological Bulletin. 329 Studien mit 58.946 Teilnehmenden, mit Vergleich fünf verschiedener Auffassungen von Bewältigungsflexibilität

  4. 4

    Crum, A. J., Salovey, P. & Achor, S. (2013): Rethinking stress: the role of mindsets in determining the stress response. Journal of Personality and Social Psychology. Drei Studien zur Frage, ob die Überzeugung über Stress die Stressreaktion verändert

  5. 5

    Jackson, T., Wang, Y. & Fan, H. (2014): Associations between pain appraisals and pain outcomes: meta-analyses of laboratory pain and chronic pain literatures. The Journal of Pain. Prüfung der Bewertungstheorie an einem klar messbaren Anwendungsfall