
Auf einen Blick
Dieser Artikel trennt zwei Dinge, die im NLP fest verbunden auftreten: die Übungen und die Theorie dahinter. Die Übungen sind großenteils in Ordnung. Die Theorie ist es nicht.
- Die bekannteste NLP-Behauptung über Augenbewegungen fiel in drei Untersuchungen durch.
- Zur gesundheitlichen Wirksamkeit fanden sich zehn experimentelle Studien, alle mit hohem Verzerrungsrisiko.
- Vier von fünf randomisierten Studien fanden keinen Gruppenunterschied.
- Eine positive Metaanalyse stützt sich überwiegend auf Beobachtungsstudien.
- Die praktischen Übungen sind meist elementares Kommunikationstraining und dafür brauchbar.
Was NLP behauptet
NLP entstand in den 1970er Jahren mit einem ungewöhnlichen Anspruch: Man habe die Muster besonders erfolgreicher Therapeutinnen und Kommunikatoren beobachtet und in ein lehrbares Modell überführt. Aus diesem Modell wurden Techniken abgeleitet, die heute in Coaching, Verkauf, Führung und Seminaren aller Art auftauchen.
| Baustein | Was er behauptet |
|---|---|
| Repräsentationssysteme | Menschen bevorzugten einen Sinneskanal, sichtbar an ihrer Wortwahl. Wer sich darauf einstellt, komme besser an |
| Augenzugangshinweise | Die Blickrichtung verrate, welcher innere Vorgang gerade abläuft, etwa Erinnern oder Konstruieren |
| Ankern | Ein Zustand lasse sich mit einem Reiz verknüpfen und später über diesen Reiz abrufen |
| Spiegeln | Die Angleichung an Haltung, Sprechtempo und Atmung des Gegenübers erhöhe die Verbundenheit |
| Reframing | Ein Verhalten in einen anderen Bedeutungsrahmen setzen |
Nicht alle Bausteine sind gleich gut oder gleich schlecht belegt. Reframing etwa ist ein etabliertes Element mehrerer anerkannter Verfahren und stammt nicht aus dem NLP.
Die Augenbewegungsregel
Eine Behauptung ist besonders bekannt geworden und wird bis heute in Seminaren gelehrt: Ein Blick nach oben rechts deute auf eine Lüge hin, ein Blick nach oben links auf die Wahrheit. Bemerkenswert daran ist, dass diese populäre Regel über Jahrzehnte nie geprüft wurde.
2012 holte eine britische Forschungsgruppe das nach, in drei aufeinander aufbauenden Untersuchungen.
| Untersuchung | Vorgehen | Ergebnis |
|---|---|---|
| Erste | Augenbewegungen von Lügenden und Wahrheitssagenden wurden kodiert | Die Bewegungen entsprachen dem behaupteten Muster nicht |
| Zweite | Eine Gruppe wurde über die Regel aufgeklärt, eine nicht, beide machten einen Lügentest | Kein bedeutsamer Unterschied zwischen den Gruppen |
| Dritte | Augenbewegungen in Aufnahmen echter Pressekonferenzen wurden kodiert | Erneut kein bedeutsamer Unterschied |
Die Autoren halten fest, dass die Ergebnisse der drei Untersuchungen zusammengenommen die Behauptungen des NLP nicht stützen.
Eine Behauptung, die jahrzehntelang gelehrt, in Bücher geschrieben und in Seminaren bezahlt wurde, ohne dass jemand sie überprüfte. Das sagt weniger über die Regel als über die Prüfkultur des Felds, in dem sie entstanden ist.
Was die Übersicht fand
2012 erschien außerdem eine systematische Übersicht zur Frage, ob NLP gesundheitsbezogene Ergebnisse verbessert. Gesucht wurde breit: in den medizinischen Datenbanken, in NLP-eigenen Spezialdatenbanken, bei Berufsverbänden, Ausbildungsanbietern und Forschungsgruppen.
1.459
gesichtete Titel
10
eingeschlossene experimentelle Studien
5
davon randomisiert
4
davon ohne Gruppenunterschied
| Merkmal | Befund |
|---|---|
| Untersuchte Beschwerdebilder | Angststörungen, Gewichtserhaltung, Schwangerschaftsübelkeit, Substanzmissbrauch, Platzangst bei der Kernspintomografie |
| Umfang der Maßnahmen | Meist 4 bis 20 Sitzungen, drei Studien mit einer einzigen |
| Stichprobengrößen der randomisierten Studien | 22 bis 106 Teilnehmende |
| Ergebnis der randomisierten Studien | Vier ohne bedeutsamen Gruppenunterschied, eine zugunsten des NLP-Arms |
| Verzerrungsrisiko | Über alle Studien hinweg hoch oder unklar |
Die entscheidende Unterscheidung
Die Autoren formulieren ihr Fazit sehr genau: Es gebe wenig Belege dafür, dass NLP-Maßnahmen gesundheitsbezogene Ergebnisse verbessern, und dieses Ergebnis spiegele die begrenzte Menge und Qualität der NLP-Forschung wider und nicht einen belastbaren Nachweis fehlender Wirkung. Für die Zuweisung öffentlicher Gesundheitsmittel außerhalb von Forschungszwecken reiche die Beleglage nicht.
Die Gegenposition
Es gibt eine Auswertung mit positivem Ergebnis, und sie gehört fairerweise dazu. 2015 erschien eine Metaanalyse zur Neuro-Linguistischen Psychotherapie, die aus 425 gefundenen Arbeiten zwölf einschloss und eine standardisierte Mittelwertdifferenz von 0,54 berichtet.
Was für diese Auswertung spricht
- Sie ist die erste ihrer Art zu diesem Verfahren
- Der berichtete Effekt ist mittelgroß
- Die Suche umfasste deutsch- und englischsprachige Quellen
Was gegen ihre Belastbarkeit spricht
- Ganz überwiegend prospektive Beobachtungsstudien statt randomisierter
- Stichproben von 12 bis 115 Teilnehmenden
- Gesucht wurde unter anderem in zwei NLP-eigenen Forschungsdatenbanken
- Nur zwölf Studien aus 425 gefundenen
Wie du mit solchen Auswertungen umgehst
Eine Metaanalyse ist nicht automatisch stärker als eine systematische Übersicht. Sie ist genau so stark wie die Studien, die sie zusammenfasst. Beobachtungsstudien ohne Kontrollgruppe können zeigen, dass es Menschen nach einer Maßnahme besser geht. Sie können nicht zeigen, dass es an der Maßnahme lag. Genau deshalb kommt die Übersichtsarbeit mit den strengeren Einschlusskriterien zu einem anderen Ergebnis.
Was trotzdem bleibt
Aus dieser Befundlage folgt nicht, dass ein NLP-Seminar vergeudete Zeit ist. Es folgt, dass der Nutzen woanders herkommt als behauptet.
- Augenzugangshinweise
- Repräsentationssysteme
- Ankern
- Spiegeln
- Aktives Zuhören und Anliegenklärung
- Reframing
Einordnung nach den in diesem Artikel besprochenen Arbeiten und nach der Aufstellung belegter Beziehungsfaktoren.
- Zuhören und nachfragen. Das Kernstück fast jeder NLP-Übung, und zugleich ein belegter Wirkfaktor. In der Aufstellung belegter Beziehungsfaktoren stehen Empathie und das Einholen von Rückmeldungen bei den nachweislich wirksamen Elementen.
- Ziele konkret formulieren. NLP legt großen Wert auf präzise Zielformulierungen. Zielübereinstimmung gilt in derselben Aufstellung als wahrscheinlich wirksam.
- Reframing. Gehört zum festen Bestand mehrerer anerkannter Verfahren und ist dort untersucht. Es stammt nicht aus dem NLP, sondern wurde von dort übernommen.
- Was du weglassen kannst: die Deutung von Blickrichtungen, die Einteilung von Menschen in Sinnestypen und alles, was mit dem Wort neuro anfängt und keine Hirnforschung enthält.
Praktisch
Wenn du ein Seminar erwägst
| Frage | Worauf du achtest |
|---|---|
| Wird mit Wirkungsversprechen geworben? | Aussagen wie „löst Ängste in einer Sitzung“ sind mit der Beleglage nicht vereinbar |
| Wird therapeutisch gearbeitet? | Phobien, Traumata und Depressionen gehören nicht in ein Kommunikationsseminar. Wer damit wirbt, bewegt sich in der Heilkunde |
| Was kostet die Ausbildungskette? | Practitioner, Master, Trainer, Lehrtrainer: Die Stufenlogik ist ein Geschäftsmodell und kein Qualifikationsnachweis |
| Wer zertifiziert? | NLP-Verbände zertifizieren sich gegenseitig. Eine staatliche Anerkennung gibt es nicht |
Wann professionelle Hilfe nötig ist
NLP-Formate werden regelmäßig zur Behandlung von Phobien, Traumafolgen und Zwangsgedanken angeboten. Das ist Heilkunde und setzt eine Approbation oder eine Heilpraktikererlaubnis voraus. Für diese Beschwerdebilder gibt es Verfahren mit belegter Wirksamkeit, und der Weg dorthin führt über die ärztliche oder psychotherapeutische Sprechstunde.
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Der eine Baustein mit ordentlicher Beleglage, in seiner eigentlichen Herkunft.
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Fazit
NLP ist ein gut verkauftes und schlecht geprüftes Modell. Seine bekannteste Einzelbehauptung, die Deutung von Augenbewegungen, wurde in drei Untersuchungen geprüft und fiel dreimal durch.
Für die gesundheitliche Wirksamkeit fand eine systematische Übersicht aus 1459 gesichteten Titeln zehn experimentelle Studien, vier von fünf randomisierten ohne Gruppenunterschied und ein durchweg hohes Verzerrungsrisiko. Die einzige positive Metaanalyse stützt sich überwiegend auf Beobachtungsstudien und sucht unter anderem in NLP-eigenen Datenbanken.
Was bleibt, ist ein Kommunikationstraining mit einem überflüssigen theoretischen Überbau. Nimm die Übungen mit, lass die Typenlehre stehen, und such für psychische Beschwerden ein Verfahren, dessen Wirksamkeit jemand außerhalb der eigenen Szene überprüft hat.
Häufige Fragen
Was ist NLP?
Ein in den 1970er Jahren entstandenes Modell der Kommunikation und Veränderung. Es beansprucht, die Muster erfolgreicher Therapeutinnen und Kommunikatoren nachgebildet zu haben, und bietet daraus abgeleitete Techniken an, etwa Ankern, Reframing, Spiegeln und die Arbeit mit sogenannten Repräsentationssystemen.
Stimmt es, dass Augenbewegungen Lügen verraten?
Nein. Genau diese Behauptung wurde 2012 in drei Untersuchungen geprüft. Weder entsprachen die Augenbewegungen von Lügenden dem behaupteten Muster, noch verbesserte das Wissen um die Regel die Trefferquote beim Erkennen von Lügen, noch fand sich das Muster in Aufnahmen echter Pressekonferenzen.
Wirkt NLP bei gesundheitlichen Fragen?
Dafür gibt es kaum Belege. Eine systematische Übersicht sichtete 1459 Titel und fand zehn experimentelle Studien, davon fünf randomisierte. Vier der fünf randomisierten Studien fanden keinen bedeutsamen Unterschied zwischen den Gruppen. Das Verzerrungsrisiko war über alle Studien hinweg hoch oder unklar.
Heißt das, NLP ist wirkungslos?
Das sagen die Autoren ausdrücklich nicht. Ihre Formulierung lautet, das Ergebnis spiegele die begrenzte Menge und Qualität der NLP-Forschung wider und nicht einen belastbaren Nachweis fehlender Wirkung. Der Unterschied ist wichtig.
Es gibt doch eine Metaanalyse mit positivem Ergebnis?
Ja, eine Auswertung von 2015 über zwölf Studien berichtet eine standardisierte Mittelwertdifferenz von 0,54. Die eingeschlossenen Studien waren allerdings ganz überwiegend prospektive Beobachtungsstudien mit 12 bis 115 Teilnehmenden, und gesucht wurde unter anderem in zwei NLP-eigenen Forschungsdatenbanken.
Ist ein NLP-Seminar dann Zeitverschwendung?
Nicht zwingend. Vieles, was dort geübt wird, ist elementares Kommunikationstraining: zuhören, nachfragen, Anliegen klären, Rückmeldung geben. Das ist nützlich. Der Zusatz an Theorie ist es, der der Prüfung nicht standhält.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Sturt, J. et al. (2012): Neurolinguistic programming: a systematic review of the effects on health outcomes. British Journal of General Practice. 1459 gesichtete Titel, zehn eingeschlossene experimentelle Studien, davon fünf randomisiert
- 2
Wiseman, R. et al. (2012): The eyes don’t have it: lie detection and Neuro-Linguistic Programming. PLoS ONE. Drei Untersuchungen: kodierte Augenbewegungen im Labor, Wissensvermittlung vor einem Lügentest, Auswertung echter Pressekonferenzen
- 3
Zaharia, C. et al. (2015): Evidence-based Neuro Linguistic Psychotherapy: a meta-analysis. Psychiatria Danubina. Zwölf eingeschlossene Studien mit 12 bis 115 Teilnehmenden, überwiegend prospektive Beobachtungsstudien
- 4
Norcross, J. C. & Wampold, B. E. (2011): Evidence-based therapy relationships: research conclusions and clinical practices. Psychotherapy. Hier als Bezug für die belegten Wirkfaktoren, die viele NLP-Übungen indirekt bedienen