Praxis, Übungen & TrainingKurse & Coaching

Kunsttherapie

Kunsttherapie wird meist mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Ausgerechnet dort ist sie am schwächsten untersucht. Die brauchbaren Zahlen stammen aus einem ganz anderen Bereich.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Arbeitstisch mit Tonschale, Pinseln, angemischten Farben und einem halbfertigen Bild auf Papier
Nicht das Ergebnis zählt und nicht das Können, sondern das, was während des Gestaltens ins Gespräch kommt. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Wer wissen will, ob Kunsttherapie etwas bringt, muss zuerst fragen: für wen. Die Antwort fällt bei Krebserkrankungen deutlich anders aus als bei psychischen Erkrankungen, und nicht in der erwarteten Richtung.

  • Die belastbarsten Zahlen stammen aus der Krebsversorgung, nicht aus der Psychiatrie.
  • Dort zeigten sich kleine bis mittlere Effekte auf Angst, Depressivität, Erschöpfung und Lebensqualität.
  • In der Kinder- und Jugendpsychiatrie überwiegen Fallberichte ohne Wiederholungsstudien.
  • Kunsttherapeutin ist keine geschützte Berufsbezeichnung.
  • Ambulant ist sie in der Regel Selbstzahlerleistung, stationär meist enthalten.

Was Kunsttherapie ist

In der Kunsttherapie wird gestaltet, nicht gedeutet. Das ist der wichtigste Punkt und zugleich das häufigste Missverständnis. Es geht nicht darum, dass eine Fachperson aus einem Bild auf die Kindheit schließt. Es geht darum, dass etwas entsteht, das sich betrachten und besprechen lässt, ohne dass es zuerst in Worte gefasst werden musste.

Drei Gründe, warum der Umweg über das Material hilft
GrundWorum es geht
Zugang ohne SpracheBei Kindern, nach Traumatisierung, bei starker Scham oder bei fremder Sprache ist das Erzählen der schwierigste Teil
Äußerung statt BeschreibungEin Bild zeigt etwas, statt es zu behaupten. Das nimmt Druck aus dem Gespräch
Etwas Drittes im RaumStatt Auge in Auge zu sprechen, schauen beide auf dasselbe. Für manche Menschen ist genau das die Voraussetzung

Was Kunsttherapie nicht ist

Kein Testverfahren. Aus Farbwahl, Strichführung oder Bildaufbau lassen sich keine zuverlässigen Rückschlüsse auf Persönlichkeit oder Erlebnisse ziehen. Angebote, die das behaupten, bewegen sich außerhalb dessen, was die Beleglage hergibt.

Die besten Zahlen

Die belastbarste Auswertung zur Kunsttherapie stammt aus der Krebsversorgung. Gesucht wurde in den großen medizinischen Datenbanken sowie zusätzlich in drei chinesischsprachigen, eingeschlossen wurden zwölf Studien mit 587 Patientinnen und Patienten.

12

eingeschlossene Studien

587

Patientinnen und Patienten

−0,47

Effekt auf depressive Symptome

+0,43

Effekt auf die Lebensqualität

Kunsttherapie bei Krebserkrankungen

Depressive Symptome

0,47

p < 0,01

Angstsymptome

0,46

p = 0,04

Lebensqualität

0,43

p < 0,01

Erschöpfung

0,38

p = 0,01

MerkmalWert in
Depressive Symptome0.47
Angstsymptome0.46
Lebensqualität0.43
Erschöpfung0.38

Standardisierte Mittelwertdifferenzen, Beträge. Quelle: Jiang et al. 2020.

Kunsttherapie habe einen positiven Effekt auf Lebensqualität und Symptome bei Krebserkrankungen und könne als ergänzende Behandlung eingesetzt werden.
Die Empfehlung der Autoren

Zwei Einschränkungen

Erstens waren nicht alle eingeschlossenen Arbeiten randomisiert; für die nichtrandomisierten wurde ein eigenes Bewertungsinstrument verwendet. Zweitens ist das Wort ergänzend entscheidend. Untersucht wurde die Kunsttherapie zusätzlich zur onkologischen Behandlung, nicht an ihrer Stelle.

Die schwächste Stelle

Nun der Bereich, in dem man die besten Zahlen erwarten würde. Eine systematische Übersicht hat die Beleglage zur Kunstpsychotherapie bei Kindern in psychiatrischer Versorgung zusammengetragen und dabei 17 Arbeiten gefunden.

Was die Übersicht vorfand. Quelle: Braito et al. 2022
MerkmalBefund
Eingeschlossene Arbeiten17, davon zehn zu Kindern mit psychiatrischer Diagnose und sieben zu Kindern mit Beschwerden ohne Diagnose
StudientypenÜberwiegend Fallberichte, Fallserien und kleine quasiexperimentelle Untersuchungen
Randomisierte StudienWenige
WiederholungsstudienKeine
Deutlichster Hinweis auf NutzenBei Kindern nach Traumatisierung oder mit Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung

Die Arbeiten unterschieden sich stark in Art der Kunsttherapie, zugrundeliegenden Beschwerden und verwendeten Messgrößen. Die Letztautorin leitet ein Masterprogramm für Kinder-Kunstpsychotherapie, was in der Arbeit offengelegt ist.

Es gebe umfangreiche Literatur zur Kunsttherapie bei Kindern, aber begrenzt viele empirische Arbeiten zu ihrem Einsatz in der psychiatrischen Versorgung.
Die Formulierung der Autorinnen

Warum die Umkehrung interessant ist

In der Onkologie wird Kunsttherapie als Ergänzung eingesetzt und entsprechend untersucht: gegen die Behandlung allein, mit klaren Zielgrößen. In der Psychiatrie ist sie seit Jahrzehnten Teil des Alltags, gerade deshalb aber selten randomisiert geprüft worden. Etabliert und untersucht sind eben nicht dasselbe.

Der breitere Blick

Eine dritte Perspektive liefert eine Übersicht über gemeinschaftsbasierte Angebote gegen Angst und Depression, also über Angebote in Museen, Kunstgalerien, Bibliotheken, Gärten, Chören und Sportvereinen. Eingeschlossen wurden 31 randomisierte Studien mit 2898 Teilnehmenden.

  • Am häufigsten untersucht: gemeinschaftliches Musizieren (12 Studien, 1432 Teilnehmende), Bewegungsangebote (14 Studien, 955 Teilnehmende) und Gemeinschaftsgärten (6 Studien, 335 Teilnehmende).
  • Bemerkenswert niedrige Abbruchquote: im Mittel etwa eine Person je hundert Teilnehmende.
  • Aber: Die Studien waren zu unterschiedlich für eine Metaanalyse und wurden als insgesamt von geringer Qualität eingestuft.
  • Das Fazit: Die Unsicherheit der Beleglage erlaube nur eine schwache Empfehlung für gemeinschaftsbasierte Angebote bei Angst und Depression.

Für die Kunsttherapie heißt das: Der gemeinschaftliche und teilnehmende Aspekt ist ein plausibler Wirkweg, aber die Datenlage trägt bisher keine starke Empfehlung.

Die Ausbildungsfrage

Bei diesem Verfahren ist die Qualifikation der anbietenden Person besonders schwer zu beurteilen, weil die Bezeichnung nicht geschützt ist.

Woran du die Ausbildung erkennst
FrageWas eine belastbare Antwort enthält
Welche Ausbildung liegt vor?Ein Studium an einer Hochschule mit mehrjähriger Dauer, oder eine strukturierte Weiterbildung mit Selbsterfahrung und Supervision
In welchem Rahmen wird gearbeitet?Klinik, Tagesklinik, Rehabilitation oder eine eigene Praxis. Im klinischen Rahmen ist die Qualifikation üblicherweise geprüft
Gibt es Supervision?Regelmäßige Fallsupervision ist bei therapeutischer Arbeit Standard, auch außerhalb der Richtlinienverfahren
Wird mit Deutung geworben?Wenn ja, ist Vorsicht angebracht. Bilder sind keine diagnostischen Werkzeuge

Praktisch

Wann es sich anbietet

  • Begleitend bei einer körperlichen Erkrankung. Das ist der Bereich mit der besten Beleglage, insbesondere in der onkologischen Versorgung.
  • Wenn Sprechen der Engpass ist. Bei Kindern, nach Traumatisierung, bei Sprachbarrieren.
  • Im stationären Rahmen. Dort ist es meist ohnehin Teil des Programms und kostet dich nichts extra.
  • Nicht als alleinige Behandlung. Für keine der untersuchten Anwendungen wurde die Kunsttherapie als Ersatz geprüft, sondern immer als Ergänzung.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Beim Gestalten können belastende Erinnerungen unvermittelt auftauchen. Eine gute kunsttherapeutische Begleitung rechnet damit und fängt es auf. Wenn du nach Sitzungen regelmäßig aufgewühlt bleibst und das über Tage anhält, sprich es an. Bei einer behandlungsbedürftigen Erkrankung ersetzt die Kunsttherapie keine Behandlung: Der Weg führt über die ärztliche oder psychotherapeutische Sprechstunde.

Passend dazu

Fazit

Kunsttherapie ist dort am besten belegt, wo man sie am wenigsten vermutet. In der Krebsversorgung fand eine Metaanalyse über zwölf Studien mit 587 Patientinnen und Patienten kleine bis mittlere Verbesserungen bei Depressivität, Angst, Erschöpfung und Lebensqualität.

In der psychiatrischen Versorgung, wo sie seit Jahrzehnten zum Alltag gehört, ist die Beleglage dünn: überwiegend Fallberichte, wenige randomisierte Studien, keine Wiederholungsstudien. Der deutlichste Hinweis betrifft Kinder nach Traumatisierung.

Praktisch heißt das: als Ergänzung sinnvoll und mit geringem Risiko, als Ersatz für eine wirksame Behandlung nicht gedeckt. Und weil die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist, gehört die Frage nach der Ausbildung zum Erstgespräch dazu.

Häufige Fragen

Was passiert in einer Kunsttherapie?

Es wird gestaltet, meist mit Farbe, Ton oder Material, und anschließend gemeinsam betrachtet und darüber gesprochen. Es geht weder um künstlerisches Können noch um ein vorzeigbares Ergebnis, sondern um das, was im Gestalten und im Gespräch darüber sichtbar wird.

Wo ist die Beleglage am besten?

In der Krebsversorgung. Eine Metaanalyse über zwölf Studien mit 587 Patientinnen und Patienten fand Verbesserungen bei Angst, Depressivität, Erschöpfung und Lebensqualität, jeweils mit kleinen bis mittleren Effekten.

Wie groß sind diese Effekte?

Bei Depressivität lag die standardisierte Mittelwertdifferenz bei -0,47, bei Angst bei -0,46, bei Erschöpfung bei -0,38 und bei der Lebensqualität bei 0,43. Die Autoren empfehlen die Kunsttherapie auf dieser Grundlage als ergänzende Behandlung.

Und in der psychiatrischen Versorgung?

Dort ist die Lage erstaunlich dünn. Eine systematische Übersicht zu Kunstpsychotherapie bei Kindern in psychiatrischer Versorgung fand 17 Arbeiten, überwiegend Fallberichte und kleine quasiexperimentelle Studien, wenige randomisierte Studien und keine einzige Wiederholungsstudie.

Ist Kunsttherapeutin ein geschützter Beruf?

Nein. Es gibt Hochschulstudiengänge mit mehrjähriger Ausbildung, und es gibt kurze Zertifikatskurse. Beide dürfen dieselbe Bezeichnung führen. Nach der Qualifikation zu fragen ist deshalb keine Unhöflichkeit, sondern notwendig.

Wird sie von der Krankenkasse bezahlt?

Ambulant im Einzelsetting in der Regel nicht, weil sie kein Richtlinienverfahren ist. In der stationären Behandlung, der Tagesklinik und der Rehabilitation ist sie dagegen häufig fester Bestandteil des Programms und darin enthalten.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Jiang, X. H. et al. (2020): Effects of art therapy in cancer care: A systematic review and meta-analysis. European Journal of Cancer Care. Zwölf Studien mit 587 Patientinnen und Patienten, Suche auch in chinesischsprachigen Datenbanken

  2. 2

    Braito, I. et al. (2022): Review: systematic review of effectiveness of art psychotherapy in children with mental health disorders. Irish Journal of Medical Science. 17 eingeschlossene Arbeiten aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung

  3. 3

    Buechner, H. et al. (2023): Community interventions for anxiety and depression in adults and young people: A systematic review. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry. 31 randomisierte Studien mit 2898 Teilnehmenden, unter anderem zu Angeboten in Museen und Kunstgalerien

  4. 4

    Aalbers, S. et al. (2017): Music therapy for depression. Cochrane Database of Systematic Reviews. Hier als Vergleich innerhalb der kreativen Verfahren