
Auf einen Blick
Dieser Artikel behandelt beide Verfahren im Überblick. Die Kunsttherapie im engeren Sinn hat einen eigenen Artikel, weil sich dort andere Fragen stellen.
- Musiktherapie zusätzlich zur üblichen Behandlung zeigt große kurzfristige Effekte bei Depression.
- Gegen andere Psychotherapien ließ sich nichts Belastbares sagen.
- Auf die Lebensqualität zeigte sich kein bedeutsamer Effekt.
- Die Abbruchquoten unterschieden sich nicht, was für gute Annehmbarkeit spricht.
- Die Kunsttherapie ist deutlich schwächer untersucht als die Musiktherapie.
Zwei Verfahren, ein Sammelbegriff
Kunst- und Musiktherapie werden häufig in einem Atemzug genannt, weil sie eine Gemeinsamkeit haben: Sie arbeiten nicht in erster Linie über Sprache. Für Menschen, denen das Erzählen schwerfällt, ist das der eigentliche Zugang.
In der Beleglage unterscheiden sie sich allerdings erheblich, und zwar entgegen der Erwartung: Die Musiktherapie ist deutlich besser untersucht.
| Verfahren | Vorgehen | Häufiges Missverständnis |
|---|---|---|
| Musiktherapie | Meist aktives Musizieren mit einfachen Instrumenten, oft improvisiert, im Dialog mit der behandelnden Person | Es geht nicht um Zuhören und nicht um musikalisches Können |
| Kunsttherapie | Gestalten mit Farbe, Ton oder Material, anschließend gemeinsames Betrachten und Sprechen darüber | Es geht nicht um das Ergebnis und nicht um Deutung durch die behandelnde Person |
Musiktherapie bei Depression
Die belastbarste Arbeit zu diesem Feld ist eine Cochrane-Übersicht zur Musiktherapie bei Depression. Eingeschlossen wurden neun Studien mit 421 Teilnehmenden, davon 411 in der Auswertung der kurzfristigen Effekte.
9
eingeschlossene Studien
421
Teilnehmende insgesamt
−0,98
Effekt auf von Behandelnden eingeschätzte Symptome
−0,85
Effekt auf selbst berichtete Symptome
Von Behandelnden eingeschätzte Symptome
0,98
mittlere Beleggüte, großer Effekt
Selbst berichtete Symptome
0,85
3 randomisierte und 1 kontrollierte Studie, 142 Personen
Lebensqualität
0,32
Vertrauensbereich schließt die Null ein, niedrige Beleggüte
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Von Behandelnden eingeschätzte Symptome | 0.98 |
| Selbst berichtete Symptome | 0.85 |
| Lebensqualität | 0.32 |
Standardisierte Mittelwertdifferenzen, Beträge, jeweils gegenüber üblicher Behandlung allein. Quelle: Aalbers et al. 2017.
Musiktherapie biete kurzfristig günstige Effekte für Menschen mit Depression, verglichen mit der üblichen Behandlung allein.
Bemerkenswert ist außerdem die Annehmbarkeit: Bei der Zahl derer, die die Studie vorzeitig verließen, zeigte sich kein bedeutsamer Unterschied, bei mittlerer Beleggüte. Menschen bleiben in Musiktherapie also dabei.
Das Kleingedruckte
Jetzt der Teil, der in Broschüren fehlt. Der große Effekt gilt für den Vergleich mit der üblichen Behandlung allein. Sobald mit anderen Psychotherapien verglichen wird, wird die Lage unklar.
| Zielgröße | Ergebnis | Grundlage | Beleggüte |
|---|---|---|---|
| Von Behandelnden eingeschätzte Depression | unsicher, Vertrauensbereich schließt die Null ein | 1 Studie, 11 Personen | sehr niedrig |
| Selbst berichtete Symptome | unsicher | 4 Studien, 131 Personen | niedrig |
| Lebensqualität | unsicher | 1 Studie, 11 Personen | sehr niedrig |
Zu unerwünschten Wirkungen, zur Funktionsfähigkeit und zu Ängstlichkeit fand die Übersicht keine geeigneten Belege.
Elf Personen
Zwei der drei Vergleiche gegen Psychotherapie beruhen auf einer einzigen Studie mit elf Teilnehmenden. Daraus lässt sich nichts folgern, weder für noch gegen die Musiktherapie. Wer sie als gleichwertige Alternative zur Psychotherapie bewirbt, stützt sich auf Daten, die diesen Schluss nicht tragen.
Wie du den Befund richtig liest
Musiktherapie zusätzlich zur üblichen Behandlung ist belegt sinnvoll. Musiktherapie statt einer wirksamen Behandlung ist es nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied, und die Übersicht formuliert ihn genau so: Die Wirkung wurde als Ergänzung untersucht.
Die Kunsttherapie
Für die Kunsttherapie sieht es schwächer aus. Eine systematische Übersicht zur Kunstpsychotherapie bei Kindern in psychiatrischer Versorgung fand 17 Arbeiten, aufgeteilt in zehn zu Kindern mit Diagnose und sieben zu Kindern mit Beschwerden ohne Diagnose.
- Was gefunden wurde: Hinweise darauf, dass Kunsttherapie Kindern nutzen kann, die Traumatisierungen erlebt haben oder Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigen.
- Was fehlt: Die Studien waren überwiegend Fallberichte, Fallserien oder kleine quasiexperimentelle Untersuchungen. Es gab wenige randomisierte Studien und keine einzige Wiederholungsstudie.
- Wie die Autorinnen es formulieren: Es gebe umfangreiche Literatur zur Kunsttherapie bei Kindern, aber wenige empirische Arbeiten zu ihrem Einsatz in der psychiatrischen Versorgung.
- Was dazugehört: Die Letztautorin leitet ein Masterprogramm für Kinder-Kunstpsychotherapie, was in der Arbeit offengelegt ist. Das entwertet die Übersicht nicht, gehört bei einem so zurückhaltenden Fazit aber erwähnt.
Für wen es infrage kommt
Gute Gründe
- Wenn Sprechen nicht funktioniert. Bei Kindern, nach Traumatisierung, bei starker Scham oder wenn die Muttersprache eine andere ist.
- Als Ergänzung im stationären Rahmen. Dort ist sie ohnehin meist Teil des Programms, und genau als Ergänzung ist die Beleglage am besten.
- Wenn andere Zugänge nicht getragen haben. Die gute Annehmbarkeit ist ein eigenständiges Argument.
Wo Vorsicht angebracht ist
- Als Ersatz für eine wirksame Behandlung. Dafür geben die Daten nichts her.
- Bei Deutungsangeboten. Wenn aus einem Bild auf die Kindheit geschlossen wird, verlässt das Angebot den belegten Bereich. Kunsttherapie ist kein projektives Testverfahren.
- Bei ungeklärter Qualifikation. Kunsttherapeutin ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Es gibt Hochschulstudiengänge, aber auch Wochenendzertifikate.
Praktisch
| Rahmen | Verfügbarkeit | Kosten |
|---|---|---|
| Stationäre und teilstationäre Behandlung | Meist fester Bestandteil des Therapieprogramms | In der Behandlung enthalten |
| Rehabilitation | Häufig im Angebot | Über den Rehabilitationsträger |
| Ambulant im Einzelsetting | Von freien Praxen | In der Regel Selbstzahlung, kein Richtlinienverfahren |
| Als Kurs oder Workshop | Volkshochschulen, freie Anbieter | Selbstzahlung; das ist Gestaltung und keine Therapie |
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Bei einer behandlungsbedürftigen Depression ist die kreative Therapie eine Ergänzung und kein Ersatz. Wenn Beschwerden länger als zwei Wochen bestehen, gehört das in die ärztliche oder psychotherapeutische Sprechstunde. Bei Suizidgedanken ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar.
Passend dazu
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Fazit
Musiktherapie ist besser belegt, als ihr Ruf vermuten lässt. Als Ergänzung zur üblichen Behandlung bei Depression zeigt eine Cochrane-Übersicht über neun Studien große kurzfristige Effekte, bei mittlerer Beleggüte und ohne erhöhte Abbruchquote.
Das Kleingedruckte gehört dazu: Gegen andere Psychotherapien ließ sich nichts Belastbares sagen, zwei der drei Vergleiche beruhen auf einer Studie mit elf Personen. Auf die Lebensqualität zeigte sich kein bedeutsamer Effekt.
Die Kunsttherapie ist schwächer untersucht, mit überwiegend Fallberichten und ohne Wiederholungsstudien. Der deutlichste Hinweis auf Nutzen betrifft Kinder nach Traumatisierung. Für beide gilt dasselbe: als Ergänzung sinnvoll, als Ersatz nicht gedeckt.
Häufige Fragen
Wirkt Musiktherapie bei Depression?
Kurzfristig ja, und deutlich. Eine Cochrane-Übersicht über neun Studien mit 421 Teilnehmenden fand für Musiktherapie zusätzlich zur üblichen Behandlung gegenüber der üblichen Behandlung allein große Effekte, bei von Behandelnden eingeschätzten Symptomen eine standardisierte Mittelwertdifferenz von -0,98 und bei selbst berichteten -0,85, jeweils bei mittlerer Beleggüte.
Ist sie besser als Psychotherapie?
Das lässt sich nicht sagen. Im Vergleich mit psychologischen Verfahren waren die Ergebnisse durchgehend unsicher, mit Stichproben von neun bis 131 Teilnehmenden und einer Beleggüte von niedrig bis sehr niedrig.
Wie hoch war die Abbruchquote?
Es zeigte sich kein bedeutsamer Unterschied in der Zahl derer, die vorzeitig ausschieden, bei mittlerer Beleggüte. Das spricht für gute Annehmbarkeit.
Verbessert sich auch die Lebensqualität?
Dafür fand sich kein bedeutsamer Effekt. Der Vertrauensbereich schloss die Null ein, die Stichprobe umfasste 67 Personen, die Beleggüte war niedrig.
Und die Kunsttherapie?
Deutlich dünner belegt. Eine systematische Übersicht zu Kunstpsychotherapie bei Kindern in psychiatrischer Versorgung fand 17 Arbeiten, überwiegend Fallberichte und kleine quasiexperimentelle Studien, wenige randomisierte Studien und keine Wiederholungsstudien. Hinweise auf Nutzen gab es am ehesten nach Traumatisierung.
Bezahlt die Krankenkasse das?
Im ambulanten Einzelsetting in der Regel nicht, da beide Verfahren keine Richtlinienverfahren sind. Innerhalb einer stationären oder teilstationären Behandlung und in der Rehabilitation gehören sie dagegen häufig zum Standardangebot.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Aalbers, S. et al. (2017): Music therapy for depression. Cochrane Database of Systematic Reviews. Neun Studien mit 421 Teilnehmenden, getrennte Vergleiche gegen übliche Behandlung und gegen psychologische Verfahren
- 2
Braito, I. et al. (2022): Review: systematic review of effectiveness of art psychotherapy in children with mental health disorders. Irish Journal of Medical Science. 17 eingeschlossene Arbeiten, getrennt nach Kindern mit und ohne psychiatrische Diagnose
- 3
Cuijpers, P. et al. (2023): Cognitive behavior therapy vs. control conditions, other psychotherapies, pharmacotherapies and combined treatment for depression: a comprehensive meta-analysis including 409 trials with 52,702 patients. World Psychiatry. Hier als Bezugsgröße für die Beleglage etablierter Verfahren
- 4
Norcross, J. C. & Wampold, B. E. (2011): Evidence-based therapy relationships: research conclusions and clinical practices. Psychotherapy. Aufstellung belegter Beziehungsfaktoren, die auch in kreativen Verfahren wirksam sind