
Auf einen Blick
Dieses Modell klingt zunächst nach statistischer Feinheit und ist tatsächlich der Punkt, an dem die Resilienzforschung am meisten dazugelernt hat, auch durch einen spektakulären Fehlschlag.
- Ein Schutzfaktor senkt nicht das Risiko um einen festen Betrag, sondern verändert die Wirkung der Belastung.
- Die Weiterentwicklung von 2009 sagt vorher: Wer empfindsamer für Schlechtes ist, profitiert auch stärker von Gutem.
- Eine Metaanalyse über 84 Studien stützt das für schwieriges Temperament, nicht für andere Merkmale.
- Der genetische Zweig des Modells hat sich in großen Stichproben nicht bestätigt.
- Praktisch heißt das: Mittlere Effekte können bei einem Teil der Menschen groß und beim Rest null sein.
Der Grundgedanke
Die frühe Resilienzforschung stellte fest, dass bestimmte Merkmale mit besserer Entwicklung unter schwierigen Bedingungen einhergehen. Offen blieb, auf welche Weise. Norman Garmezy hat dafür in den 1980er Jahren mehrere Möglichkeiten unterschieden, und das Interaktionsmodell ist eine davon.
Der Schutzfaktor wirkt nicht neben der Belastung, sondern auf sie. Er verändert, wie stark sich Belastung überhaupt auswirkt.
Das lässt sich an einer einfachen Frage prüfen. Wenn eine gute Beziehung zu einer Bezugsperson bei allen Kindern das Risiko um denselben Betrag senkt, ist es ein Kompensationseffekt. Wenn sie bei stark belasteten Kindern viel bewirkt und bei unbelasteten kaum etwas, dann ist es eine Wechselwirkung. Beides sieht in einer Durchschnittsauswertung ähnlich aus und bedeutet für die Praxis Verschiedenes.
Drei Formen der Wechselwirkung
Innerhalb des Interaktionsdenkens haben sich drei Vorstellungen herausgebildet, die sich an ihren Vorhersagen unterscheiden lassen. Genau darin liegt ihr Wert: Sie sind gegeneinander prüfbar.
| Vorstellung | Vorhersage bei schlechten Bedingungen | Vorhersage bei guten Bedingungen |
|---|---|---|
| Verletzlichkeitsmodell | Empfindsame Menschen nehmen stärker Schaden | Kein Unterschied zwischen empfindsam und robust |
| Differenzielle Empfindsamkeit | Empfindsame Menschen nehmen stärker Schaden | Empfindsame Menschen profitieren auch stärker |
| Vorteilsempfindsamkeit | Kein Unterschied zwischen empfindsam und robust | Empfindsame Menschen profitieren stärker |
Empfindsam, ungünstig
Deutlich schlechteres Ergebnis. Diese Zelle sagen alle drei Vorstellungen gleich voraus.
Empfindsam, günstig
Bestes Ergebnis von allen vier Feldern. Genau diese Vorhersage trennt Formbarkeit von Verletzlichkeit.
Robust, ungünstig
Mäßiges Ergebnis. Wenig Schaden, aber auch wenig Reaktion.
Robust, günstig
Mäßiges Ergebnis. Von guten Bedingungen profitiert diese Gruppe kaum.
Die entscheidende Zelle ist oben rechts. Wenn empfindsame Menschen unter guten Bedingungen besser abschneiden als robuste, ist es keine Verletzlichkeit, sondern Formbarkeit.
Die überraschende Vorhersage
2009 haben Jay Belsky und Michael Pluess eine Umdeutung vorgeschlagen, die den Blick auf Risikomerkmale verändert hat. Ihr Argument stammt aus der Evolutionsbiologie: Wenn die Zukunft ungewiss ist, ist es für eine Art vorteilhaft, wenn manche Nachkommen stark auf die Umgebung reagieren und andere wenig. Die Empfindsamen fahren gut, wenn die Umgebung gut ist, die Robusten fahren besser, wenn sie schlecht ist.
Daraus folgt eine Behauptung, die sich prüfen lässt: Merkmale, die bislang als Verletzlichkeitsfaktoren galten, sollten sich unter guten Bedingungen ins Gegenteil verkehren. Ein schwieriges Temperament wäre dann kein Nachteil, sondern eine erhöhte Empfänglichkeit, die in beide Richtungen wirkt.
Warum das kein Wortspiel ist
Die beiden Deutungen sagen für dieselbe Gruppe unter guten Bedingungen Gegensätzliches voraus. Nach dem Verletzlichkeitsmodell unterscheiden sich empfindsame und robuste Menschen dort nicht. Nach der Empfindsamkeitsvorstellung schneiden die Empfindsamen besser ab. Man muss nur nachsehen, und genau das ist gemacht worden.
Was die Daten zeigen
84
Längsschnittstudien in der Metaanalyse
Slagt et al. 2016
105
ausgewertete Stichproben
235
unabhängige Effektstärken
~6153
Kinder im Mittel je ausgewerteter Beziehung
Die aussagekräftigste Prüfung stammt aus dem Jahr 2016. Eingeschlossen wurden Längsschnittstudien mit Kindern bis 18 Jahre, die eine Wechselwirkung zwischen Erziehungsverhalten und Temperament auf die kindliche Entwicklung untersuchten. Geprüft wurden vier Temperamentsmerkmale als mögliche Empfindsamkeitsmarker.
| Merkmal | Befund | Passt zu |
|---|---|---|
| Schwieriges Temperament | Stärker anfällig für ungünstige und stärker profitierend von günstiger Erziehung | Differenzielle Empfindsamkeit. Der klarste Beleg |
| Negative Emotionalität | Dasselbe Muster, aber nur wenn im Säuglingsalter erhoben | Eingeschränkt zur differenziellen Empfindsamkeit |
| Extravertierte Aktiviertheit | Kein durchgängiges Muster | Keiner der drei Vorstellungen |
| Willentliche Steuerungsfähigkeit | Kein durchgängiges Muster | Keiner der drei Vorstellungen |
Das Ergebnis ist damit gemischt und gerade deshalb glaubwürdig. Für ein Merkmal zeigte sich das vorhergesagte Muster deutlich, für ein zweites nur unter bestimmten Bedingungen, für zwei weitere gar nicht. Die Unterschiede in der Empfindsamkeit zeigten sich in nach außen gerichteten und nach innen gerichteten Problemen ebenso wie in sozialer und geistiger Entwicklung.
Ein methodischer Nebenbefund mit Folgen
Die Wechselwirkungen zwischen Erziehung und Temperament fielen deutlich stärker aus, wenn das Erziehungsverhalten beobachtet statt per Fragebogen erhoben wurde. Das ist ein Hinweis darauf, wie viel in Selbstauskunftsstudien verlorengeht, und es gilt weit über dieses Forschungsfeld hinaus.
Der Zweig, der zusammenbrach
Parallel zum Temperamentszweig entstand ab 2000 ein zweiter, der viel mehr Aufmerksamkeit bekam: die Suche nach einzelnen Genen, die die Empfindsamkeit für Umweltbedingungen steuern. Die bekannteste Behauptung war, eine bestimmte Variante im Serotonintransporter mache Menschen anfälliger dafür, nach belastenden Lebensereignissen depressiv zu werden.
2003
Der Ausgangsbefund
Eine Studie berichtet, eine Genvariante verändere den Zusammenhang zwischen Lebensereignissen und Depression. Sie wird zu einer der meistzitierten Arbeiten des Feldes.
2000 bis 2009
Das Jahrzehnt der Bestätigungen
Zahlreiche weitere Wechselwirkungen zwischen Genen und Umwelt werden berichtet, meist an kleinen Stichproben.
2011
Die kritische Durchsicht
96 Prozent der neuen Befunde waren bedeutsam, aber nur 27 Prozent der Wiederholungsversuche. Die Autoren halten die meisten oder alle positiven Befunde für Fehlalarme.
2019
Die Überprüfung an großen Stichproben
Vorab angemeldete Analysen an bis zu 443.264 Personen finden keinen Beleg, weder für Haupteffekte noch für Wechselwirkungen. Die klassischen Kandidatengene waren nicht stärker mit Depression verbunden als beliebige andere Gene.
Dieser Verlauf ist eines der bekanntesten Beispiele für die Wiederholungskrise in der Psychologie und wird bis heute in Methodenlehrveranstaltungen behandelt.
Neue Befunde mit bedeutsamem Ergebnis
96 %
Erstveröffentlichungen einer bislang ungeprüften Wechselwirkung.
Wiederholungsversuche mit bedeutsamem Ergebnis
27 %
Versuche, einen bereits berichteten Befund erneut zu finden.
| Merkmal | Wert in % |
|---|---|
| Neue Befunde mit bedeutsamem Ergebnis | 96 % |
| Wiederholungsversuche mit bedeutsamem Ergebnis | 27 % |
Anteil der Studien mit bedeutsamem Ergebnis in den ersten zehn Jahren der Gen-Umwelt-Forschung. Ein so großer Unterschied ist das klassische Muster einer Veröffentlichungsverzerrung. Quelle: Duncan und Keller 2011, 103 ausgewertete Studien.
Was daraus nicht folgt
Der Zusammenbruch betrifft die Suche nach einzelnen Genen, nicht den Gedanken der Wechselwirkung. Dass Menschen unterschiedlich empfänglich für ihre Umgebung sind, ist durch die Temperamentsforschung weiterhin gestützt. Was nicht trägt, ist die Vorstellung, man könne diese Empfänglichkeit an einer einzelnen Erbanlage ablesen.
Was Bestand hat
- Menschen unterscheiden sich darin, wie stark die Umgebung auf sie wirkt.
- Für schwieriges Temperament ist das über 84 Studien belegt.
- Die Empfindsamkeit wirkt in beide Richtungen, nicht nur nach unten.
- Beobachtung deckt diese Wechselwirkungen besser auf als Fragebögen.
Was nicht Bestand hat
- Einzelne Kandidatengene als Empfindsamkeitsmarker.
- Die meisten Befunde des ersten Jahrzehnts der Gen-Umwelt-Forschung.
- Die Vorstellung, Empfindsamkeit ließe sich einfach messen und vorhersagen.
- Verallgemeinerungen von einem Temperamentsmerkmal auf alle.
Was praktisch daraus folgt
Durchschnittswerte können täuschen
Wenn eine Maßnahme bei einem Teil der Menschen stark und beim Rest gar nicht wirkt, dann zeigt der Durchschnitt einen kleinen Effekt. Genau so sehen viele Ergebnisse aus der Präventions- und Trainingsforschung aus. Ein kleiner mittlerer Effekt ist deshalb nicht notwendig ein schwacher Effekt, sondern womöglich ein ungleich verteilter.
Empfindsamkeit ist kein Etikett
Aus der Forschung wird schnell eine Einteilung in empfindsame und robuste Menschen. Dafür gibt die Datenlage wenig her: Belegt ist das Muster für ein Temperamentsmerkmal, nicht für eine Persönlichkeitskategorie. Wer sich oder ein Kind darauf festlegt, geht über die Befunde hinaus.
- Bei Kindern mit schwierigem Temperament lohnt sich Aufwand besonders. Sie reagieren stärker auf ungünstige Bedingungen und stärker auf günstige. Der Aufwand zahlt sich dort am deutlichsten aus.
- Nicht vom Ausbleiben einer Wirkung auf Wirkungslosigkeit schließen. Dass eine Maßnahme bei dir wenig bringt, sagt wenig über andere und umgekehrt.
- Vorsicht bei genetischen Testangeboten. Wer verspricht, aus einem Speicheltest die Empfindsamkeit für Stress oder die Eignung für ein bestimmtes Training abzulesen, arbeitet auf einer Grundlage, die 2019 an über 400.000 Personen geprüft und nicht bestätigt wurde.
- Beobachten schlägt fragen. Die Wechselwirkungen zeigten sich stärker, wo tatsächliches Verhalten beobachtet statt erfragt wurde.
Passend dazu
Kompensations- und Herausforderungsmodell
Die beiden anderen Vorstellungen davon, wie Schutz und Risiko zusammenwirken.
Schutz- und Risikofaktoren
Die Grundbegriffe, um die es hier geht.
Hochsensibilität
Wo die Empfindsamkeitsforschung im Alltag ankommt, und wo sie überdehnt wird.
Gibt es ein Resilienz-Gen?
Die Frage, die dieser Artikel für einen Teilbereich schon beantwortet.
Fazit
Das Interaktionsmodell ist die anspruchsvollste der Resilienzvorstellungen, weil es eine prüfbare Vorhersage macht: Wer empfindsamer für Schlechtes ist, sollte auch stärker von Gutem profitieren. Für schwieriges Temperament in der Erziehung ist genau das über 84 Längsschnittstudien bestätigt.
Zugleich ist es das Modell mit dem größten Fehlschlag im Rücken. Die Suche nach einzelnen Genen, die diese Empfindsamkeit steuern, hat ein Jahrzehnt lang Befunde produziert, von denen an großen Stichproben nichts übrig blieb.
Was bleibt, ist eine nützliche Warnung und eine ermutigende Aussicht. Die Warnung: Ein mittlerer Effekt sagt wenig darüber, wie es dir mit einer Maßnahme ergehen wird. Die Aussicht: Wer empfindlich auf Umstände reagiert, ist nicht in erster Linie gefährdet, sondern in besonderem Maße erreichbar.
Häufige Fragen
Was besagt das Interaktionsmodell?
Dass ein Merkmal der Person die Wirkung der Umwelt verändert, statt sie nur zu ergänzen. Ein Schutzfaktor senkt demnach nicht einfach das Risiko um einen festen Betrag, sondern schwächt den Zusammenhang zwischen Belastung und Folge ab. Fachlich heißt das Moderation.
Was unterscheidet es vom Kompensationsmodell?
Im Kompensationsmodell wirken Risiko und Schutz unabhängig voneinander und verrechnen sich. Im Interaktionsmodell hängt die Wirkung des einen vom Ausmaß des anderen ab. Praktisch heißt das: Eine Maßnahme wirkt nicht bei allen gleich, sondern bei manchen stark und bei anderen kaum.
Was ist die differenzielle Empfindsamkeit?
Eine Weiterentwicklung von 2009. Sie besagt, dass empfindsame Menschen nicht nur stärker unter schlechten Bedingungen leiden, sondern auch stärker von guten Bedingungen profitieren. Das betreffende Merkmal ist dann kein Verletzlichkeitsfaktor, sondern ein Formbarkeitsfaktor. Das ist eine überprüfbare Vorhersage und der Kern des ganzen Ansatzes.
Ist das belegt?
Für den Temperamentszweig ja. Eine Metaanalyse über 105 Stichproben aus 84 Studien mit im Mittel gut 6000 Kindern fand: Kinder mit schwierigem Temperament litten stärker unter ungünstiger Erziehung und profitierten zugleich stärker von günstiger. Für andere Temperamentsmerkmale zeigte sich dieses Muster nicht.
Was ist aus der Gen-Umwelt-Forschung geworden?
Sie ist weitgehend zusammengebrochen. Eine Durchsicht der ersten zehn Jahre fand, dass 96 Prozent der neuen Befunde bedeutsam ausfielen, aber nur 27 Prozent der Wiederholungsversuche. Eine spätere Untersuchung an bis zu 443.264 Personen fand keinerlei Beleg für die klassischen Kandidatengene, weder als Haupteffekt noch in Wechselwirkung mit Belastung.
Was heißt das für die Praxis?
Vor allem, dass Durchschnittswerte von Maßnahmen in die Irre führen können. Ein Programm mit kleinem mittlerem Effekt kann bei einem Teil der Menschen deutlich wirken und beim Rest gar nicht. Und: Wer als besonders empfindsam gilt, ist gefährdeter und zugleich am besten erreichbar.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Belsky, J. & Pluess, M. (2009): Beyond diathesis stress: differential susceptibility to environmental influences. Psychological Bulletin. Die Arbeit, die aus Verletzlichkeitsfaktoren Formbarkeitsfaktoren gemacht hat
- 2
Slagt, M. et al. (2016): Differences in sensitivity to parenting depending on child temperament: A meta-analysis. Psychological Bulletin. 105 Stichproben aus 84 Längsschnittstudien, 235 unabhängige Effektstärken
- 3
Duncan, L. E. & Keller, M. C. (2011): A critical review of the first 10 years of candidate gene-by-environment interaction research in psychiatry. American Journal of Psychiatry. Auswertung aller 103 Studien des ersten Jahrzehnts, mit Prüfung auf Veröffentlichungsverzerrung
- 4
Border, R. et al. (2019): No Support for Historical Candidate Gene or Candidate Gene-by-Interaction Hypotheses for Major Depression Across Multiple Large Samples. American Journal of Psychiatry. Vorab angemeldete Auswertung an Stichproben von 62.138 bis 443.264 Personen
- 5
Belsky, J. & Pluess, M. (2013): Beyond risk, resilience, and dysregulation: phenotypic plasticity and human development. Development and Psychopathology. Weiterführung des Ansatzes mit dem Vorschlag, Formbarkeit als eigenes Persönlichkeitsmerkmal zu behandeln