
Auf einen Blick
Diese Frage lässt sich seit etwa 2019 klar beantworten, und die Antwort hat sich gegenüber dem, was zwanzig Jahre lang in Zeitungen stand, deutlich verschoben.
- Zwillingsstudie an 7500 Erwachsenen: erblicher Anteil etwa 31 Prozent, nach Korrektur für Messfehler etwa 50 Prozent.
- Umwelteinflüsse trugen ähnlich viel bei und wirkten dauerhaft.
- Ein einzelnes Resilienz-Gen gibt es nicht. Viele Varianten wirken mit winzigen Beiträgen zusammen.
- Die größte Auswertung zu Traumafolgen fand drei Genorte bei über 200.000 Menschen.
- Die klassischen Kandidatengene bestätigten sich in großen Stichproben nicht.
Wie erblich ist Resilienz?
Bevor man nach einem Gen sucht, muss geklärt sein, ob überhaupt etwas zu finden ist. Diese Frage beantworten Zwillingsstudien, indem sie eineiige und zweieiige Zwillinge vergleichen.
Eine solche Untersuchung hat 7500 erwachsene Zwillinge zu zwei Zeitpunkten befragt. Resilienz wurde dabei nicht abgefragt, sondern berechnet: als Abstand zwischen der Belastung, die jemand erlebt hat, und den Beschwerden, die daraus tatsächlich entstanden sind. Wer bei hoher Belastung weniger Beschwerden hat als erwartbar, gilt in diesem Modell als resilient.
7500
untersuchte erwachsene Zwillinge
Amstadter et al. 2014
~31 %
erblicher Anteil je Messzeitpunkt
~50 %
Schätzung nach Korrektur für Messfehler
5 bis 20 %
über häufige Genvarianten erklärbarer Anteil bei Traumafolgen
Nievergelt et al. 2019
| Befund | Bedeutung |
|---|---|
| Erblicher Anteil von etwa 31 Prozent je Zeitpunkt | Mittlere Erblichkeit, wie bei vielen psychischen Merkmalen |
| Nach Korrektur für Messfehler etwa 50 Prozent | Ein Teil der scheinbar umweltbedingten Streuung war Messungenauigkeit |
| Geschlechtsbezogene Unterschiede in der Art der Einflüsse | Die beteiligten Faktoren sind bei Männern und Frauen nicht identisch |
| Umwelteinflüsse trugen nach Herausrechnen des Messfehlers etwa ebenso viel bei | Erblichkeit und Umwelt sind hier ungefähr gleich gewichtig |
| Umwelteinflüsse können dauerhaft wirken | Der ausdrückliche Schluss der Autoren. Was von außen kommt, bleibt |
Was Erblichkeit nicht heißt
Eine Erblichkeit von 50 Prozent heißt nicht, dass die Hälfte deiner Resilienz vererbt ist. Sie heißt, dass sich die Hälfte der Unterschiede zwischen den Menschen in dieser untersuchten Gruppe auf genetische Unterschiede zurückführen lässt. Bei einer anderen Gruppe mit anderen Umweltbedingungen kann derselbe Wert anders ausfallen.
Die Suche nach dem einen Gen
Aus mittlerer Erblichkeit folgte in den 2000er Jahren eine naheliegende und wie sich herausstellte falsche Erwartung: dass sich einzelne Gene finden lassen, die einen erheblichen Teil davon erklären.
2003
Der Ausgangsbefund
Eine Studie berichtet, eine Variante im Serotonintransporter verändere den Zusammenhang zwischen Lebensereignissen und Depression. Sie wird eine der meistzitierten Arbeiten des Feldes.
2000 bis 2009
Das Jahrzehnt der Bestätigungen
Zahlreiche weitere Gen-Umwelt-Wechselwirkungen werden berichtet, überwiegend an kleinen Stichproben.
2011
Die kritische Durchsicht
96 Prozent der neuen Befunde waren bedeutsam, nur 27 Prozent der Wiederholungsversuche. Die Autoren halten die meisten oder alle positiven Befunde für Fehlalarme.
2019
Die Überprüfung im großen Maßstab
Vorab angemeldete Analysen an bis zu 443.264 Personen finden keinen Beleg. Die Kandidatengene waren nicht stärker mit Depression verbunden als beliebige andere Gene.
Das Muster ist typisch für die Wiederholungskrise der Psychologie und wird heute in Methodenvorlesungen als Lehrbeispiel behandelt.
Erstveröffentlichungen mit bedeutsamem Ergebnis
96 %
Ein neuer Befund, der zum ersten Mal berichtet wird.
Wiederholungsversuche mit bedeutsamem Ergebnis
27 %
Der Versuch, einen bereits berichteten Befund erneut zu finden.
| Merkmal | Wert in % |
|---|---|
| Erstveröffentlichungen mit bedeutsamem Ergebnis | 96 % |
| Wiederholungsversuche mit bedeutsamem Ergebnis | 27 % |
Anteil der Studien mit bedeutsamem Ergebnis in den ersten zehn Jahren der Gen-Umwelt-Forschung, ausgewertet über 103 Studien. Ein so großer Unterschied ist das klassische Zeichen einer Veröffentlichungsverzerrung. Quelle: Duncan und Keller 2011.
Der Zusammenbruch
Die entscheidende Prüfung erschien 2019. Sie war vorab angemeldet, was bedeutet, dass die Auswertungsschritte vor dem Blick auf die Daten festgelegt wurden. Untersucht wurden Stichproben zwischen 62.138 und 443.264 Personen.
- Kein Beleg für Haupteffekte. Keine der klassischen Genvarianten hing mit Depression zusammen.
- Kein Beleg für Wechselwirkungen mit Belastung. Auch die Kombination aus Genvariante und belastenden Erfahrungen sagte nichts vorher.
- Nicht besser als beliebige Gene. Als Gruppe waren die Kandidatengene nicht stärker mit Depression verbunden als zufällig ausgewählte andere Gene.
- Messfehler als Erklärung ausgeschlossen. Die Autoren zeigen, dass die Nullbefunde nicht auf ungenaue Erhebung der Beschwerden zurückgehen.
Die Ergebnisse legen nahe, dass die frühen Annahmen über Kandidatengene für Depression falsch waren und dass die zahlreichen berichteten Zusammenhänge wahrscheinlich Fehlalarme sind.
Was heute gilt
An die Stelle der Suche nach einzelnen Genen ist die genomweite Suche getreten. Sie untersucht Millionen von Varianten gleichzeitig und braucht dafür sehr große Stichproben.
Für Traumafolgestörungen liegt eine internationale Auswertung vor, die über 30.000 Betroffene und über 170.000 Vergleichspersonen aus mehreren Herkunftsgruppen einschloss. Ihre Ergebnisse geben eine gute Vorstellung von der tatsächlichen Größenordnung.
| Befund | Einordnung |
|---|---|
| Drei genomweit bedeutsame Genorte | Zwei in Analysen europäischer, einer in Analysen afrikanischer Abstammung. Bei über 200.000 Menschen |
| Über häufige Varianten erklärbarer Anteil von 5 bis 20 Prozent | Deutlich weniger als die Schätzung aus Zwillingsstudien. Ein bekanntes Muster |
| Unterschiede zwischen den Geschlechtern | In geschlechtsgetrennten Analysen zeigten sich bei Männern drei weitere Genorte |
| Ein polygener Risikowert sagte Symptome vorher | Aber einzelne Genorte ließen sich in der Prüfstichprobe nicht bestätigen |
Warum drei Genorte kein Misserfolg sind
Das ist der erwartbare Befund für ein Merkmal, an dem sehr viele Varianten mit winzigen Beiträgen beteiligt sind. Genau deshalb braucht man Hunderttausende Teilnehmende, um überhaupt etwas zu sehen. Die Lehre lautet nicht, dass Gene keine Rolle spielen, sondern dass keine einzelne von ihnen eine große Rolle spielt.
Was von Gentests zu halten ist
Es gibt kommerzielle Angebote, die aus einer Speichelprobe Aussagen über Stressanfälligkeit, Belastbarkeit oder die passende Entspannungsmethode ableiten wollen. Nach dem Stand dieses Artikels lässt sich dazu Folgendes sagen.
- Solche Tests stützen sich meist auf Kandidatengene. Also genau auf die Befunde, die sich in Stichproben von über 400.000 Personen nicht bestätigt haben.
- Polygene Werte sind für Einzelpersonen wenig aussagekräftig. Sie beschreiben Verteilungen in großen Gruppen und nicht das Schicksal einer Person.
- Es folgt keine Handlung daraus. Unabhängig vom Ergebnis wären die Empfehlungen dieselben: Schlaf, Bewegung, soziale Verbindungen, Belastung reduzieren.
- Ein Ergebnis kann schaden. Wer sich für genetisch anfällig hält, kann sich dadurch anders verhalten, und diese Erwartung wirkt unabhängig von ihrer Richtigkeit.
Was stattdessen zählt
Die Zwillingsstudie liefert dazu den nüchternsten Satz. Sowohl Gene als auch Umwelt beeinflussen das Ausmaß psychischer Widerstandsfähigkeit, und Umwelteinflüsse können eine dauerhafte Wirkung haben. Der zweite Teil dieses Satzes ist die praktisch bedeutsame Hälfte.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Genetische Untersuchungen mit medizinischer Fragestellung gehören in humangenetische Beratung, die in Deutschland an eine ärztliche Aufklärung gebunden ist. Kommerzielle Selbsttests zu psychischen Merkmalen fallen nicht darunter und liefern nach dem derzeitigen Stand keine Grundlage für Entscheidungen.
Passend dazu
Ist Resilienz angeboren?
Dieselbe Frage aus der Entwicklungsperspektive.
Das Interaktionsmodell
Der theoretische Rahmen, in dem die Gen-Umwelt-Forschung stand.
Epigenetik und Resilienz
Der Zweig, der fragt, wie Umwelt die Genaktivität beeinflusst.
BDNF
Ein Beispiel dafür, wie eine Genvariante zum Verkaufsargument wurde.
Fazit
Resilienz ist teilweise erblich. Eine Zwillingsstudie an 7500 Erwachsenen schätzt den Anteil auf etwa 31 Prozent, nach Korrektur für Messfehler auf rund die Hälfte. Umwelt trägt ähnlich viel bei und wirkt nach denselben Daten dauerhaft.
Ein Resilienz-Gen gibt es nicht. Die zwanzigjährige Suche danach hat Befunde hervorgebracht, von denen in vorab angemeldeten Auswertungen an über 400.000 Personen nichts übrig blieb. Die größte genomweite Auswertung zu Traumafolgen fand bei über 200.000 Menschen drei Genorte.
Für die Praxis heißt das zweierlei. Erstens: Wer sich für genetisch benachteiligt hält, stützt sich auf eine Vorstellung, die es so nicht gibt. Zweitens: Der Teil, der nicht erblich ist, ist ungefähr genauso groß, und er ist der einzige, an dem sich etwas ändern lässt.
Häufige Fragen
Ist Resilienz erblich?
Teilweise. Eine Zwillingsstudie an 7500 erwachsenen Zwillingen schätzte den erblichen Anteil zu zwei Messzeitpunkten auf jeweils etwa 31 Prozent. Rechnet man den Messfehler heraus, steigt die Schätzung für das dahinterliegende Merkmal auf etwa 50 Prozent. Umwelteinflüsse trugen ähnlich viel bei und wirkten nach der Studie dauerhaft.
Gibt es also ein Resilienz-Gen?
Nein. Erblichkeit von 30 bis 50 Prozent bedeutet nicht, dass ein einzelnes Gen dafür zuständig ist. Sie bedeutet, dass sehr viele Genvarianten mit jeweils winzigem Beitrag zusammenwirken. Das ist bei fast allen psychischen Merkmalen so.
Was ist mit den bekannten Kandidatengenen?
Die Suche nach einzelnen Genen, die Stressanfälligkeit erklären, hat ein Jahrzehnt lang Befunde geliefert, von denen in großen Stichproben nichts übrig blieb. Eine vorab angemeldete Auswertung an bis zu 443.264 Personen fand für die klassischen Kandidatengene weder Haupteffekte noch Wechselwirkungen mit Belastung.
Wie viele Genorte kennt man denn?
Für Traumafolgestörungen liefert die größte internationale Auswertung eine Vorstellung von der Größenordnung: Bei über 30.000 Betroffenen und über 170.000 Vergleichspersonen wurden drei genomweit bedeutsame Genorte gefunden, zwei in Analysen europäischer und einer in Analysen afrikanischer Abstammung.
Wie viel erklären die Gene insgesamt?
In derselben Auswertung wurde der über häufige Genvarianten erklärbare Anteil auf 5 bis 20 Prozent geschätzt, mit Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Das ist deutlich weniger als die Schätzungen aus Zwillingsstudien und ein bekanntes Muster in der Verhaltensgenetik.
Bringen kommerzielle Gentests etwas?
Für die Frage nach Stressanfälligkeit oder Resilienz nach heutigem Stand nicht. Sie stützen sich meist auf einzelne Kandidatengene, also genau auf die Befunde, die sich in großen Stichproben nicht bestätigt haben.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Amstadter, A. B. et al. (2014): Psychiatric resilience: longitudinal twin study. The British Journal of Psychiatry. 7500 erwachsene Zwillinge, zwei Messzeitpunkte, mit Schätzung des erblichen Anteils
- 2
Nievergelt, C. M. et al. (2019): International meta-analysis of PTSD genome-wide association studies identifies sex- and ancestry-specific genetic risk loci. Nature Communications. Über 30.000 Betroffene und über 170.000 Vergleichspersonen aus mehreren Herkunftsgruppen
- 3
Border, R. et al. (2019): No Support for Historical Candidate Gene or Candidate Gene-by-Interaction Hypotheses for Major Depression Across Multiple Large Samples. American Journal of Psychiatry. Vorab angemeldete Auswertung an Stichproben von 62.138 bis 443.264 Personen
- 4
Duncan, L. E. & Keller, M. C. (2011): A critical review of the first 10 years of candidate gene-by-environment interaction research in psychiatry. American Journal of Psychiatry. Auswertung aller 103 Studien des ersten Jahrzehnts, mit Prüfung auf Veröffentlichungsverzerrung
- 5
Amstadter, A. B. et al. (2016): Personality, cognitive/psychological traits and psychiatric resilience: A multivariate twin study. Personality and Individual Differences. Ergänzende Zwillingsauswertung zum Zusammenspiel mit Persönlichkeitsmerkmalen