Praxis, Übungen & TrainingAlltags-Methoden

Der Ressourcen-Stammbaum

Das klassische Genogramm zeichnet Krankheiten, Brüche und Muster auf. Der Ressourcen-Stammbaum dreht die Frage um. Warum diese Umkehrung mehr ist als positives Denken und was in der Psychotherapieforschung dazu bekannt ist.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Handgezeichnetes Netz aus verbundenen Kreisen auf einem großen Blatt Papier, einzelne Kreise farbig ausgemalt, daneben alte Fotografien
Kein Stammbaum im üblichen Sinn. Es geht um Verbindungen, nicht um Abstammung. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Wer über die eigene Familie nachdenkt, denkt meist zuerst an das, was schwierig war. Das ist keine Charakterfrage, sondern eine Eigenschaft des Gedächtnisses. Der Ressourcen-Stammbaum ist ein Verfahren, das diesem Übergewicht etwas entgegensetzt, ohne etwas zu beschönigen.

  • Abwandlung des Genogramms aus der systemischen Arbeit, mit umgekehrter Fragestellung.
  • Gesucht wird, was getragen hat, nicht was gefehlt hat.
  • Als Werkzeug nicht untersucht. Das Prinzip der Ressourcenaktivierung dagegen schon.
  • Ressourcen sind meist unspektakulär, und genau deshalb werden sie übersehen.
  • Es geht nicht darum, Schwieriges wegzulassen, sondern das Vorhandene zu benennen.

Was gemeint ist

Das Genogramm ist ein etabliertes Werkzeug der systemischen Beratung. Es stellt Familienbeziehungen über mehrere Generationen grafisch dar und macht dabei Muster sichtbar: Erkrankungen, Brüche, wiederkehrende Konstellationen. Der Blick ist auf das gerichtet, was belastet.

Der Ressourcen-Stammbaum verwendet dieselbe Darstellungsform mit umgekehrtem Vorzeichen. Eingezeichnet wird, was in diesem System an Fähigkeiten, Haltungen und Hilfen vorhanden war und ist. Wer hat wen unterstützt. Wer hat etwas Schweres durchgestanden. Wer konnte etwas, das anderen half.

Nicht: Was hat mir gefehlt? Sondern: Was war da, und wovon habe ich etwas mitbekommen?
Die Leitfrage des Verfahrens

Die Umkehrung der Frage

Diese Umkehrung ist nicht bloß eine freundlichere Perspektive. Sie hat einen praktischen Grund: Ressourcen, die nicht benannt sind, stehen im Zweifel nicht zur Verfügung. Wer nicht weiß, dass er etwas kann, greift im Ernstfall nicht darauf zurück.

Klassisches Genogramm

  • Fragt nach Mustern, oft belastenden.
  • Macht Wiederholungen über Generationen sichtbar.
  • Nützlich zum Verstehen von Entstehung.
  • Wird meist in Begleitung erstellt.

Ressourcen-Stammbaum

  • Fragt nach Fähigkeiten und Hilfen.
  • Macht Vorhandenes sichtbar, das unbenannt blieb.
  • Nützlich zum Handeln in der Gegenwart.
  • Lässt sich allein erstellen.

Warum beides zusammengehört

Die beiden Sichtweisen widersprechen sich nicht. In vielen Familien mit schwerer Geschichte finden sich zugleich bemerkenswerte Bewältigungsleistungen, die nie so genannt wurden. Wer nur das eine sieht, hat ein unvollständiges Bild, und das gilt in beide Richtungen.

Ressourcenaktivierung

Zum Ressourcen-Stammbaum selbst gibt es keine Untersuchungen. Zum zugrundeliegenden Prinzip, der Ressourcenaktivierung, schon. Der Begriff geht auf die Arbeiten von Klaus Grawe zurück und beschreibt die gezielte Nutzung dessen, was jemand bereits mitbringt.

Christoph Flückiger und Martin Grosse Holtforth prüften 2008 eine schlichte Frage: Was passiert, wenn Therapeutinnen und Therapeuten vor der Sitzung ausdrücklich auf die Stärken ihrer Patientinnen und Patienten aufmerksam gemacht werden. Die Arbeit ist ausdrücklich als Vorstudie angelegt, und das gehört dazugesagt.

Auf welchen Ebenen Ressourcen liegen

Ebene 4In Strukturen

Beratungsstellen, Ärzte, Selbsthilfegruppen, Arbeitgeber, Institutionen.

Ebene 3Im weiteren Umfeld

Nachbarn, Lehrkräfte, Vereine, Kolleginnen, Bekannte aus früheren Abschnitten.

Ebene 2In der Familie

Wer war verlässlich da? Wer hat etwas durchgestanden? Wer konnte etwas Bestimmtes?

Ebene 1Bei dir selbst

Fähigkeiten, Erfahrungen, überstandene Schwierigkeiten, Handwerkliches, Wissen.

Die Einteilung folgt der Schutzfaktorenperspektive, wie sie im deutschsprachigen Raum verbreitet ist. Sie dient als Suchraster für die Übung.

Zur Belastbarkeit dieser Grundlage

Ressourcenorientiertes Vorgehen ist als Haltung in mehreren Verfahren verankert, unter anderem in der lösungsorientierten Kurzzeittherapie, die als Verfahren gut untersucht ist. Der Ressourcen-Stammbaum ist ein praktisches Hilfsmittel innerhalb dieser Haltung, kein geprüftes Einzelverfahren.

Die Anleitung

Den eigenen Ressourcen-Stammbaum zeichnen

45 bis 60 Minuten, ein großes Blatt
  1. 1

    Dich selbst in die Mitte setzen

    Kein Stammbaum von oben nach unten. Du in der Mitte, alles andere ringsherum. Es geht um Verbindungen, nicht um Abstammung.
  2. 2

    Menschen eintragen, die etwas beigetragen haben

    Familie, aber ausdrücklich nicht nur. Lehrkräfte, Nachbarn, Vorgesetzte, Freunde aus früheren Abschnitten, auch Verstorbene und Menschen ohne Kontakt.
  3. 3

    Zu jedem notieren, was er konnte oder gab

    Ein Stichwort genügt. „Blieb ruhig", „hat immer zugehört", „konnte alles reparieren", „hat drei Jahre Pflege durchgehalten".
  4. 4

    Markieren, wovon du etwas mitbekommen hast

    Das ist der entscheidende Schritt. Nicht alles Vorhandene ist auch deins. Aber vieles ist es, ohne dass es je gesagt wurde.
  5. 5

    Die eigene Spalte ergänzen

    Was hast du selbst schon überstanden, gelernt, aufgebaut? Diese Spalte fällt fast allen am schwersten und ist meist die längste.
  6. 6

    Drei Einträge auswählen

    Drei, die in deiner jetzigen Lage etwas beitragen könnten. Zu jedem einen Satz: Wie könnte ich das diese Woche nutzen?

Der Trick gegen die leere Seite

Wenn nichts einfällt, hilft ein Umweg: Denk an eine schwierige Zeit, die du überstanden hast, und frage nicht, wie schlimm sie war, sondern was oder wer damals geholfen hat. Diese Frage fördert fast immer etwas zutage, weil sie an konkreten Ereignissen ansetzt statt an Kategorien.

Auswerten

Von der Karte zur Nutzung
  1. Schritt 1

    Sammeln

    Menschen, Fähigkeiten, Hilfen, ohne Bewertung.

  2. Schritt 2

    Zuordnen

    Was davon ist bei dir angekommen und verfügbar?

  3. Schritt 3

    Auswählen

    Drei Einträge mit Bezug zur aktuellen Lage.

  4. Schritt 4

    Anwenden

    Zu jedem eine konkrete Handlung für diese Woche.

Der letzte Schritt entscheidet darüber, ob aus der Übung mehr wird als eine angenehme Stunde.

Was in Ressourcen-Stammbäumen regelmäßig auftaucht
KategorieTypische EinträgeWie es sich nutzen lässt
ÜberstandenesUmzug in ein anderes Land, lange Krankheit, Verlust, NeuanfangAls Beleg dafür, dass Schwieriges bewältigbar war, nicht als Vergleich
Verlässliche MenschenEine Großmutter, ein Lehrer, eine NachbarinAls Vorbild für eine Haltung, oder als tatsächlich noch erreichbarer Kontakt
Praktisches KönnenHandwerk, Kochen, Reparieren, Sprachen, Umgang mit ÄmternMeist unterschätzt und im Alltag direkt einsetzbar
HaltungenHumor in schwierigen Lagen, Pragmatismus, BeharrlichkeitBewusst machen, dass es eine Haltung ist und keine Charaktereigenschaft
StrukturenBeratungsstellen, Vereine, Hausarzt, ArbeitgeberAm häufigsten übersehen, weil sie nicht persönlich sind

Was der Stammbaum nicht leisten soll

Er ist keine Bilanz und kein Beweis dafür, dass alles gut war. Wenn beim Zeichnen deutlich wird, wie wenig da war, ist das ein echtes Ergebnis und kein Scheitern der Übung. Es verschiebt dann nur die Frage: Wenn familiär wenig zur Verfügung stand, liegt umso mehr im weiteren Umfeld und in den Strukturen, und genau dort lohnt sich die Suche.

Grenzen

  • Nicht bei frischen Verlusten. Kurz nach einem Todesfall wird die Übung zur Trauerarbeit, und dafür ist sie nicht gedacht.
  • Vorsicht bei belasteter Familiengeschichte. Wer Gewalt oder Vernachlässigung erlebt hat, sollte diese Arbeit in Begleitung machen. Die Suche nach Positivem kann dort als Verharmlosung ankommen.
  • Kein Ersatz für Behandlung. Bei anhaltender depressiver Verstimmung fällt das Finden von Ressourcen naturgemäß schwer, und das ist ein Symptom, kein Mangel an Ressourcen.
  • Nicht zur Pflichtübung machen. Einmal gründlich ist besser als vierteljährlich oberflächlich.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn beim Zeichnen belastende Erinnerungen auftauchen, die sich nicht einordnen lassen, brich ab. Das ist kein Rückschritt, sondern die richtige Entscheidung. Solche Themen gehören in eine Begleitung, und der Weg dorthin führt über die Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Sprechstunde.

Passend dazu

Fazit

Der Ressourcen-Stammbaum ist ein einfaches Hilfsmittel mit einer klaren Aufgabe: das sichtbar machen, was ohnehin da ist, aber nie benannt wurde. Als Werkzeug ist er nicht untersucht, das ressourcenorientierte Vorgehen dahinter ist in mehreren Verfahren verankert.

Sein Ertrag hängt an einem Schritt, den man leicht auslässt: aus der fertigen Karte drei Einträge auszuwählen und zu jedem eine konkrete Handlung für die kommende Woche festzulegen. Ohne diesen Schritt bleibt eine schöne Zeichnung, die man in einem Jahr unverändert wiederfindet.

Häufige Fragen

Was ist ein Ressourcen-Stammbaum?

Eine Abwandlung des Genogramms aus der systemischen Arbeit. Statt Krankheiten, Konflikte und Brüche einzuzeichnen, hält man fest, welche Fähigkeiten, Haltungen und Hilfen in Familie und Umfeld vorhanden sind oder waren. Ergebnis ist eine Übersicht darüber, worauf man tatsächlich zurückgreifen kann.

Worin unterscheidet er sich vom klassischen Genogramm?

Im Blickwinkel, nicht in der Technik. Das Genogramm wurde entwickelt, um Muster über Generationen sichtbar zu machen, häufig belastende. Der Ressourcen-Stammbaum nutzt dieselbe Darstellungsform für die entgegengesetzte Frage: Was hat in dieser Familie funktioniert, und wer konnte was?

Ist das nicht einfach Schönfärberei?

Nein, wenn man ehrlich bleibt. Es geht nicht darum, Schwieriges wegzulassen, sondern darum, das Vorhandene zu erfassen, das sonst unbenannt bleibt. In vielen Familien mit schwerer Geschichte finden sich zugleich bemerkenswerte Bewältigungsleistungen, die nie als solche benannt wurden.

Gibt es Forschung dazu?

Zum Ressourcen-Stammbaum als Werkzeug nicht. Untersucht ist dagegen das dahinterliegende Prinzip der Ressourcenaktivierung. Eine Arbeit von Christoph Flückiger und Martin Grosse Holtforth aus dem Jahr 2008 prüfte, was passiert, wenn Therapeutinnen vor der Sitzung gezielt auf die Stärken ihrer Patientinnen aufmerksam gemacht werden. Es handelt sich um eine Vorstudie, nicht um einen abschließenden Beleg.

Muss ich meine Familie dafür befragen?

Nein, es geht zunächst um deine eigene Sicht. Nachfragen kann viel beitragen, besonders bei älteren Angehörigen, ist aber kein notwendiger Bestandteil. Wo Kontakt abgebrochen ist, arbeitet man mit dem, was erinnerbar ist.

Was, wenn ich nichts finde?

Das kommt vor, hat aber meist mit dem Suchraster zu tun. Ressourcen sind selten spektakulär: jemand, der zuverlässig da war; jemand, der eine schwierige Zeit durchgestanden hat; eine Nachbarin, ein Lehrer, ein Handwerk. Wer nur nach beeindruckenden Vorbildern sucht, findet oft nichts.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Flückiger, C. & Grosse Holtforth, M. (2008): Focusing the therapist's attention on the patient's strengths: a preliminary study to foster a mechanism of change in outpatient psychotherapy. Journal of Clinical Psychology 64(7), 876–890. Vorstudie zur gezielten Aktivierung von Ressourcen

  2. 2

    Vermeulen-Oskam, E. et al. (2024): The current evidence of solution-focused brief therapy: A meta-analysis of psychosocial outcomes and moderating factors. Clinical Psychology Review. Zum ressourcenorientierten Vorgehen als Verfahrensklasse

  3. 3

    Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit: Leitbegriffe: Resilienz und Schutzfaktoren. Deutschsprachige Einordnung der Schutzfaktorenforschung, aus der die Idee der Ressourcensuche stammt

  4. 4

    Fröhlich-Gildhoff, K. & Rönnau-Böse, M.: Resilienz: Schutzfaktoren und ihre Förderung. Deutschsprachiges Standardwerk zur Schutzfaktorenperspektive, Grundlage der Ressourcenarbeit im Bildungsbereich