Zwei Perspektiven auf dasselbe Kind
Die Frage, die eine Fachkraft oder ein Elternteil innerlich stellt, bestimmt, was sie wahrnimmt und wie sie reagiert. Defizit- und Ressourcenorientierung sind keine Charaktereigenschaften, sondern Gewohnheiten der Wahrnehmung, und Gewohnheiten lassen sich ändern.
| Situation | Defizitblick | Ressourcenblick |
|---|---|---|
| Kind weigert sich | Störenfriedin, Trotzphase | Klares Bedürfnis, eigener Wille als Stärke |
| Kind kämpft mit Lesen | Lese-Schwäche, Rückstand | Hartnäckigkeit beim Üben, visuelles Denken |
| Kind zieht sich zurück | Soziale Schwäche, schüchtern | Reflektiertheit, Beobachtungsgabe |
| Kind reagiert impulsiv | Kontrollverlust, Aggressionsproblem | Direkte Emotionswahrnehmung, Energie |
| Kind fragt ständig nach | Unselbstständigkeit, Abhängigkeit | Lernbereitschaft, Kontaktbedürfnis |
Wichtig: Ressourcenorientierung bedeutet nicht, Probleme zu verleugnen. Das Kind mit Leseschwäche braucht Unterstützung, und diese Unterstützung ist wirksamer, wenn sie auf vorhandenen Stärken aufbaut.
Der Domino-Effekt: Warum Stärken Stärken erzeugen
Martin Seligman und seine Kollegen der Positiven Psychologie beschreiben den Aufbau-Effekt: Positive Emotionen erweitern den Wahrnehmungsradius und aktivieren kreative Problemlösung. Stärken-Erfahrungen erzeugen positive Emotionen, die wiederum neue Stärken ermöglichen.
Die Aufwärtsspirale
Stärke erkannt
Eine Fähigkeit wird von einer Bezugsperson spezifisch benannt.
Selbstwirksamkeit steigt
Das Kind erlebt: Ich bin kompetent in etwas, und das wurde gesehen.
Bereitschaft wächst
Erhöhte Motivation, Neues auszuprobieren, weniger Angst vor Scheitern.
Neue Erfahrungen
Das Kind traut sich mehr zu und macht neue Erfahrungen.
Neue Stärken
Aus neuen Erfahrungen entstehen neue Kompetenzen.
Resilienz wächst
Der Gesamtpool an Ressourcen ist größer, Krisen können besser bewältigt werden.
„Menschen wachsen nicht, wenn man ihnen sagt, was sie nicht können. Sie wachsen, wenn man ihnen zeigt, was sie bereits können."
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Stärke erkannt
Eine Fähigkeit wird von einer Bezugsperson konkret benannt
- 2
Selbstwirksamkeit steigt
Das Kind erlebt: Ich kann etwas, und das wurde gesehen
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Bereitschaft wächst
Mehr Mut, Neues auszuprobieren, weniger Angst vor dem Scheitern
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Neue Erfahrungen
Das Kind traut sich mehr zu und sammelt neue Erfahrungen
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Neue Stärken
Aus den Erfahrungen entstehen weitere Fähigkeiten
Der erste Schritt ist der entscheidende und der einzige, den Erwachsene direkt in der Hand haben: eine Fähigkeit spezifisch benennen, statt allgemein zu loben.
Arten von Ressourcen: Was alles zählt
Ressourcen sind breiter als nur Fähigkeiten. Nora Rathje und Klaus Fröhlich-Gildhoff unterscheiden drei Ressourcentypen, die alle für Resilienz relevant sind.
Personale Ressourcen
- Kompetenzen und Fertigkeiten
- Emotionsregulation
- Problemlösefähigkeit
- Optimismus und Selbstwirksamkeit
- Humor und Kreativität
Soziale Ressourcen
- Verlässliche Bezugspersonen
- Freundschaften und Peer-Netzwerke
- Zugehörigkeit zu Gruppen
- Institutionelle Unterstützung
- Mentoren und Vorbilder
Materielle & strukturelle Ressourcen
- Sichere Wohnumgebung
- Zugang zu Bildung
- Finanzielle Grundsicherheit
- Vorhersehbare Strukturen
- Zugang zu Natur und Erholung
Praxis: Die Ressourcenbrille anlegen
Ressourcen-Inventur
Mit dem Kind (oder Jugendlichen) gemeinsam: Auf einem Blatt drei Spalten, Was kann ich gut? / Wer unterstützt mich? / Was hilft mir, wenn es schwierig wird? Ergebnis: ein sichtbares Ressourcenprofil.
Wiederholung nach 3 Monaten zeigt Wachstum, das wirkt stärker als jede Eigenwahrnehmung.
Stärken-Sprache verwenden
Bewusst von Schwächen zu Stärken umformulieren. Nicht: „Du bist so laut", sondern: „Du bringst viel Energie mit, wie können wir die gut einsetzen?"
Übe für eine Woche: Jede Kritik durch eine Stärken-Frage ersetzen. Registriere, was sich verändert.
Ressourcen in Krisen aktivieren
In schwierigen Momenten gezielt fragen: „Was hat dir früher in ähnlichen Situationen geholfen?", verbindet das aktuelle Problem mit bewährten Bewältigungsressourcen.
Diese Frage funktioniert auch als Selbstgespräch in eigenen Krisen.
Ressourcenkarte erstellen
Eine visuelle Darstellung aller drei Ressourcentypen für das Kind. Als Poster im Zimmer, sichtbar in Krisenzeiten, aktualisierbar bei Wachstum.
Für jüngere Kinder: Symbolische Darstellung (Sonne für Stärken, Personen für Beziehungen, Häuser für Orte).
Häufige Fragen
Was bedeutet Ressourcenorientierung?▼
Was ist der Unterschied zwischen Ressourcen- und Defizitorientierung?▼
Was ist der Domino-Effekt bei Stärken?▼
Ist Ressourcenorientierung naiv gegenüber realen Problemen?▼
Quellen & Literatur
Seligman, M. E. P. (2011)
Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being
Free Press
Fredrickson, B. L. (2001)
The role of positive emotions in positive psychology
American Psychologist, 56(3)
Fröhlich-Gildhoff, K. & Rönnau-Böse, M. (2019)
Resilienz (5. Aufl.)
Reinhardt
Antonovsky, A. (1987)
Unraveling the Mystery of Health
Jossey-Bass
Lutz, R. (2010)
Ressourcenorientierung in der Pädagogik
Beltz
Ungar, M. (2015)
Practitioner Review: Diagnosing childhood resilience
Journal of Child Psychology and Psychiatry, 56(1)