
Auf einen Blick
Dieser Artikel bewertet keine Glaubensinhalte. Er berichtet, was sich über die Wirkung verschiedener Formen religiöser Bewältigung messen lässt, und das fällt in beide Richtungen deutlicher aus als erwartet.
- Ob jemand gläubig ist, sagt über die Bewältigung wenig aus.
- Positive und negative Formen religiöser Bewältigung wirken in entgegengesetzte Richtungen.
- Religiöses Ringen sagte in einer Studie ein erhöhtes Sterberisiko voraus.
- Bei jungen Menschen sind die Effekte klein und die Studienqualität überwiegend niedrig.
- Vor häuslicher Gewalt schützt Religiosität in der Auswertung nicht.
Die falsche Frage
In Umfragen wird meist gefragt, ob und wie oft jemand betet oder einen Gottesdienst besucht. Solche Angaben lassen sich leicht erheben und sagen über die Bewältigung einer konkreten Krise überraschend wenig.
Die Forschung hat deshalb die Frage verschoben. Nicht: Wie religiös bist du? Sondern: Was tust und erlebst du religiös, wenn es dir schlecht geht? Diese zweite Frage trennt zwei Wege, die entgegengesetzt verlaufen.
Positive religiöse Bewältigung
- Die Krise wird als bewältigbar gedeutet, mit Beistand
- Suche nach Halt bei Gott oder in der Gemeinde
- Gemeinsames Handeln statt Rückzug
- Hängt mit besserer psychischer Anpassung zusammen
Religiöses Ringen
- Die Krise wird als Strafe oder Verlassenheit gedeutet
- Zweifel an Gottes Zuwendung
- Deutung als Wirken einer feindlichen Macht
- Hängt mit schlechterer psychischer Anpassung zusammen
Zwei Formen
Diese Unterscheidung ist keine nachträgliche Sortierung, sondern gehört zum Messinstrument. In den einschlägigen Fragebögen werden beide Formen getrennt erfasst, und eine Person kann in beiden hoch liegen.
Warum das kein Widerspruch ist
Wer in einer schweren Krise steckt, kann gleichzeitig Halt in einer Gemeinde finden und mit der Frage ringen, warum ihm das zustößt. Genau deshalb ist die Frage nach der Religiosität insgesamt so wenig aussagekräftig: Sie mittelt zwei gegenläufige Vorgänge zu einer einzigen Zahl.
Was die Metaanalyse zeigt
2005 erschien die erste quantitative Zusammenfassung dieser Forschung. Ausgewertet wurden 49 Studien mit insgesamt 105 Effektstärken, und zwar in vier getrennten Zusammenhangsrichtungen.
49
Studien in der Metaanalyse von 2005
105
ausgewertete Effektstärken
596
Patientinnen und Patienten in der Sterblichkeitsstudie
45
Längsschnittstudien in der Übersicht zu jungen Menschen
| Bewältigungsform | Zusammenhang mit der Anpassung |
|---|---|
| Positive religiöse Bewältigung | mit positiver Anpassung verbunden |
| Positive religiöse Bewältigung | gegenläufig zur negativen Anpassung |
| Religiöses Ringen | gegenläufig zur positiven Anpassung |
| Religiöses Ringen | mit negativer Anpassung verbunden |
Die Autoren halten fest, dass die Befunde zur Wirksamkeit religiöser Bewältigung vor dieser Zusammenfassung uneinheitlich waren. Die Trennung nach Form löst einen Teil dieser Uneinheitlichkeit auf.
Der Streit darüber, ob Religion beim Bewältigen hilft, war zu einem guten Teil ein Streit über zwei verschiedene Dinge, die denselben Namen trugen.
Der harte Befund
Die eindrücklichste Untersuchung stammt aus dem Jahr 2001. Begleitet wurden 596 Menschen ab 55 Jahren, die auf inneren Stationen zweier amerikanischer Kliniken behandelt wurden, über zwei Jahre. Erfasst wurden zu Beginn positive religiöse Bewältigung und religiöses Ringen, dazu demografische Merkmale sowie körperliche und psychische Gesundheit als Kontrollgrößen.
„Ich habe mich gefragt, ob Gott mich verlassen hat“
1,28
Vertrauensbereich 1,07 bis 1,50
„Ich habe Gottes Liebe zu mir infrage gestellt“
1,22
Vertrauensbereich 1,02 bis 1,43
„Ich bin zu dem Schluss gekommen, der Teufel hat das verursacht“
1,19
Vertrauensbereich 1,05 bis 1,33
Gesamtwert religiöses Ringen
1,06
Vertrauensbereich 1,01 bis 1,11
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| „Ich habe mich gefragt, ob Gott mich verlassen hat“ | 1.28 |
| „Ich habe Gottes Liebe zu mir infrage gestellt“ | 1.22 |
| „Ich bin zu dem Schluss gekommen, der Teufel hat das verursacht“ | 1.19 |
| Gesamtwert religiöses Ringen | 1.06 |
Relative Risiken nach Berücksichtigung von Gesundheit und Demografie. Quelle: Pargament et al. 2001.
Die Autoren formulieren ihr Fazit vorsichtig und deutlich zugleich: Bestimmte Formen von Religiosität können das Sterberisiko erhöhen. Ältere kranke Menschen, die mit ihrer Erkrankung religiös ringen, scheinen einem erhöhten Sterberisiko ausgesetzt zu sein, auch nach Berücksichtigung des Ausgangszustands.
Was dieser Befund nicht sagt
Er sagt nicht, dass Zweifel tödlich sind. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, und die Vertrauensbereiche des Gesamtwerts liegen nah an der Grenze zur Bedeutungslosigkeit. Was er nahelegt, ist etwas anderes: Wer in einer schweren Erkrankung mit dem Gefühl kämpft, verlassen worden zu sein, trägt eine zusätzliche Last, die in der Behandlung meist unsichtbar bleibt. Für die Seelsorge in Kliniken ist das der eigentliche Auftrag dieser Studie.
Bei jungen Menschen
Für den Altersbereich zwischen 10 und 24 Jahren liegt eine neuere Übersicht vor: 45 Längsschnittstudien und 29 Interventionsstudien, überwiegend aus einkommensstarken Ländern und mit überwiegend niedriger bis mittlerer Studienqualität.
| Größe | Zusammenhang | Einordnung |
|---|---|---|
| Spirituelles Wohlbefinden | r = -0,153 (Vertrauensbereich -0,187 bis -0,118) | schützend, kleiner Effekt, statistisch belastbar |
| Negatives religiöses Coping | r = 0,09 (Vertrauensbereich -0,009 bis 0,188) | nur ein Trend, der Vertrauensbereich schließt die Null ein |
| Persönliche Wichtigkeit von Religion | r = -0,024 (Vertrauensbereich -0,053 bis 0,004) | insgesamt kein Zusammenhang |
Maßnahmen mit religiösen und spirituellen Praktiken waren überwiegend wirksam, allerdings bei typischerweise niedriger Studienqualität und so unterschiedlichen Studiendesigns, dass keine Metaanalyse möglich war.
Die Wichtigkeit von Religion hing mit depressiven Beschwerden nicht zusammen. Genau danach fragen aber die meisten Umfragen, aus denen dann Schlagzeilen über Glaube und Gesundheit entstehen.
Wo es nicht schützt
Eine Übersicht von 2023 hat den Zusammenhang zwischen Religiosität, Spiritualität und zwischenmenschlicher Gewalt untersucht. Aus 16.599 gesichteten Artikeln blieben 67 für die Übersicht und 43 für die Metaanalyse.
- Weniger körperliche Aggression. Höhere Religiosität und Spiritualität waren bedeutsam mit geringerer körperlicher Aggression verbunden.
- Weniger sexuelle Aggression. Derselbe Zusammenhang zeigte sich auch hier.
- Aber nicht weniger häusliche Gewalt. Für diesen Bereich fand sich kein bedeutsamer Zusammenhang.
- Stärker bei Jugendlichen. In den Teilauswertungen zeigte sich die Rolle von Religiosität und Spiritualität besonders bei Jugendlichen.
Warum die dritte Zeile zählt
Ausgerechnet dort, wo religiöse Gemeinschaften am häufigsten als Schutzraum gelten, nämlich in der Familie, ließ sich kein Zusammenhang nachweisen. Wer aus einer religiösen Gemeinschaft heraus Rat sucht, weil zu Hause Gewalt herrscht, sollte sich deshalb nicht auf die Gemeinschaft allein verlassen.
Was du daraus mitnehmen kannst
Wenn du gläubig bist und gerade eine Krise durchmachst, ist die nützlichste Frage nicht, ob dein Glaube stark genug ist. Sie lautet: Erlebe ich gerade Halt oder Verlassenheit? Beides ist eine bekannte, untersuchte religiöse Erfahrung, und die zweite ist kein Zeichen von Schwäche im Glauben, sondern ein bekanntes Muster mit messbaren Folgen.
Wenn du nicht gläubig bist, liefert dieser Artikel trotzdem etwas Übertragbares: Die Trennung in eine tragende und eine anklagende Deutung derselben Situation gibt es auch ohne Religion. Sie heißt dort nur anders.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Seelsorge ersetzt keine Behandlung, und Behandlung ersetzt keine Seelsorge. Wenn Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Hoffnungslosigkeit länger als zwei Wochen anhalten, gehört das zusätzlich in die hausärztliche Sprechstunde. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, kostenfrei und anonym.
Passend dazu
Viktor Frankl und die Logotherapie
Sinn als Bewältigungsressource, ohne religiöse Voraussetzung.
Das Kohärenzgefühl
Bedeutsamkeit, Verstehbarkeit und Handhabbarkeit als verwandtes Konzept.
Umgang mit chronischen Krankheiten
Die Lage, in der religiöses Ringen am häufigsten auftritt.
Kollektive Resilienz
Warum die Gemeinschaft oft mehr trägt als die Überzeugung.
Fazit
Religiöses Coping ist eines der wenigen Themen dieser Rubrik, bei dem die Forschung eine klare und zugleich unerwartete Antwort liefert. Sie lautet nicht, dass Glaube hilft oder nicht hilft, sondern dass zwei verschiedene Vorgänge unter einem Namen laufen und in entgegengesetzte Richtungen wirken.
Der ernsteste Einzelbefund betrifft das religiöse Ringen: Bei stationär behandelten älteren Menschen sagte es über zwei Jahre ein erhöhtes Sterberisiko voraus, auch nach Berücksichtigung des Gesundheitszustands.
Die Effekte auf der positiven Seite sind dagegen bescheiden, besonders bei jungen Menschen, und die bloße Wichtigkeit von Religion hing dort mit depressiven Beschwerden gar nicht zusammen. Wer Religiosität als Schutzfaktor beschreibt, sollte deshalb immer dazu sagen, welche Form gemeint ist.
Häufige Fragen
Hilft Glaube beim Bewältigen von Krisen?
Das hängt von der Form ab. Eine Metaanalyse über 49 Studien mit 105 Effektstärken bestätigte die Annahme, dass positive Formen religiöser Bewältigung mit besserer und negative Formen mit schlechterer psychischer Anpassung an Belastungen zusammenhängen. Die Frage ist also nicht ob, sondern wie.
Was ist negatives religiöses Coping?
Formen, in denen die Krise als Strafe, Verlassenheit oder Prüfung durch eine feindliche Macht gedeutet wird. In der Forschung wird das als religiöses Ringen bezeichnet und mit Aussagen erfasst wie „Ich habe mich gefragt, ob Gott mich verlassen hat".
Hat religiöses Ringen körperliche Folgen?
In einer Untersuchung an 596 stationär behandelten Menschen ab 55 Jahren über zwei Jahre sagten höhere Werte für religiöses Ringen ein größeres Sterberisiko voraus, auch nach Berücksichtigung von körperlicher und psychischer Gesundheit sowie demografischen Merkmalen. Das relative Risiko lag bei 1,06.
Welche Aussagen waren dabei besonders bedeutsam?
Drei einzelne Aussagen sagten ein erhöhtes Sterberisiko voraus: sich zu fragen, ob Gott einen verlassen hat (relatives Risiko 1,28), Gottes Liebe infrage zu stellen (1,22) und zu dem Schluss zu kommen, der Teufel habe das verursacht (1,19).
Wie groß sind die Effekte bei jungen Menschen?
Klein. Eine Übersicht über 45 Längsschnittstudien fand für spirituelles Wohlbefinden einen schützenden Zusammenhang mit Depression von r = -0,153. Die persönliche Wichtigkeit von Religion hing insgesamt nicht mit depressiven Beschwerden zusammen, und für negatives religiöses Coping zeigte sich nur ein Trend.
Schützt Religiosität vor Gewalt?
Teilweise. Eine Übersicht über 67 Arbeiten fand höhere Religiosität und Spiritualität bedeutsam verbunden mit weniger körperlicher und sexueller Aggression, nicht aber mit weniger häuslicher Gewalt.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Ano, G. G. & Vasconcelles, E. B. (2005): Religious coping and psychological adjustment to stress: a meta-analysis. Journal of Clinical Psychology. 49 Studien mit 105 Effektstärken, getrennte Auswertung positiver und negativer Bewältigungsformen
- 2
Pargament, K. I. et al. (2001): Religious struggle as a predictor of mortality among medically ill elderly patients: a 2-year longitudinal study. Archives of Internal Medicine. 596 stationäre Patientinnen und Patienten ab 55 Jahren, zwei Jahre Nachbeobachtung
- 3
Aggarwal, S. et al. (2023): Religiosity and spirituality in the prevention and management of depression and anxiety in young people: a systematic review and meta-analysis. BMC Psychiatry. 45 Längsschnittstudien und 29 Interventionsstudien, Altersgruppe 10 bis 24 Jahre
- 4
Gonçalves, J. P. B. et al. (2023): The role of religiosity and spirituality in interpersonal violence: a systematic review and meta-analysis. Brazilian Journal of Psychiatry. 67 Arbeiten in der Übersicht, 43 in der Metaanalyse