Persönliche ResilienzStress & Coping

Post-Vacation-Syndrom

Das Post-Vacation-Syndrom ist kein medizinischer Begriff. Was tatsächlich untersucht wird, heißt Abklingen des Erholungseffekts, und ausgerechnet dazu hat sich die Forschungslage in den letzten Jahren umgedreht.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Noch gepackter Koffer steht im Flur einer Wohnung, dahinter fällt Morgenlicht auf eine bereitgelegte Arbeitstasche
Der Übergang ist der eigentliche Gegenstand der Forschung, nicht der Urlaub selbst. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel ist ein Lehrstück darüber, wie schnell eine gut klingende Zahl zum Allgemeinwissen wird und wie lange es dauert, bis eine Korrektur nachkommt.

  • Das Post-Vacation-Syndrom ist kein Krankheitsbild, sondern ein Schlagwort.
  • Die bekannte Aussage vom schnellen Verpuffen stammt aus einer Auswertung von sieben Studien.
  • Eine neuere Auswertung über 32 Studien findet einen großen und länger anhaltenden Effekt.
  • Am ehesten wirken gedankliches Abschalten und körperliche Aktivität im Urlaub.
  • Abschalten lässt sich trainieren, mit einem kleinen bis mittleren Effekt.

Der Begriff

Post-Vacation-Syndrom klingt nach Diagnose und ist keine. In der Forschungsliteratur taucht der Ausdruck praktisch nicht auf. Was untersucht wird, ist etwas Nüchterneres: wie stark der Erholungseffekt eines Urlaubs ausfällt und wie lange er nach der Rückkehr zur Arbeit anhält. Das Nachlassen dieses Effekts heißt in der Fachsprache Abklingen.

Warum der Unterschied wichtig ist

Ein Syndrom hat man oder hat man nicht. Ein Abklingen ist ein Verlauf mit einer Geschwindigkeit, und Verläufe lassen sich beeinflussen. Wer die zweite Beschreibung benutzt, sucht nicht nach einer Erklärung für sein Unwohlsein, sondern nach dem Zeitpunkt, an dem etwas kippt.

Die alte Zahl

2009 erschien die erste quantitative Zusammenfassung dieser Forschung. Nach einer systematischen Suche und methodischen Ausschlusskriterien blieben sieben Studien übrig, die ausgewertet werden konnten.

Die Befunde von 2009

Erholungseffekt des Urlaubs

0,43

kleiner positiver Effekt auf Gesundheit und Wohlbefinden

Abklingen nach der Rückkehr

0,38

kleiner Effekt in die Gegenrichtung

MerkmalWert in
Erholungseffekt des Urlaubs0.43
Abklingen nach der Rückkehr0.38

Cohens d, Beträge. Quelle: de Bloom et al. 2009.

Aus diesen beiden Zahlen wurde die Schlagzeile, dass Urlaub kaum etwas bringt, weil die Erholung sofort wieder verschwindet. Die Autoren selbst waren vorsichtiger: Sie hielten fest, dass Urlaubsaktivitäten und Urlaubserleben kaum untersucht worden seien und ihr Beitrag zum Effekt und zum Abklingen deshalb unklar bleibe. Für die Zukunft forderten sie Studiendesigns mit wiederholten Messungen vor, während und nach dem Urlaub.

Die Auswertung beruhte auf sieben Studien. Genau diese Zahl fehlte in den meisten Artikeln, die daraus eine Gewissheit machten.
Der Satz, der in der Berichterstattung unterging

Die neue Zahl

2025 erschien eine neue Auswertung, die genau dort ansetzt: Seit der ersten Metaanalyse hat die Zahl der Studien deutlich zugenommen, was genauere Schätzungen erlaubt.

7

Studien in der Auswertung von 2009

32

Studien in der Auswertung von 2025

256

ausgewertete Effektstärken

38.124

Beschäftigte in der Metaanalyse zum Abschalten

Was die neuere Auswertung ergab. Quelle: Grant et al. 2025
FrageBefund
Wie groß ist der Effekt des Urlaubs auf das Wohlbefinden?groß
Wie schnell klingt er ab?nicht so schnell wie bisher angenommen
Was beeinflusst die Stärke des Zusammenhangs?Urlaubsdauer, nationale Kultur und Zahl der gesetzlich vorgeschriebenen Urlaubstage
Spielt der Urlaubsort eine Rolle?Ob auswärts, zu Hause oder gemischt, blieb unklar

Wie du mit dieser Umkehr umgehen solltest

Nicht so, dass jetzt die neue Zahl die Wahrheit ist und die alte falsch war. Die Auswertung von 2009 war für ihren Stand korrekt, sie hatte nur sieben Studien zur Verfügung. Was sich geändert hat, ist die Datengrundlage. Genau so soll Forschung funktionieren, und genau deshalb ist Vorsicht angebracht, wenn eine einzelne Zahl zum Allgemeinwissen wird.

Bemerkenswert ist der Befund zu den gesetzlich vorgeschriebenen Urlaubstagen. Er verweist darauf, dass die Wirkung von Urlaub nicht nur eine Frage der persönlichen Gestaltung ist, sondern auch der Rahmenbedingungen, unter denen er stattfindet.

Was im Urlaub wirkt

Dieselbe Arbeit hat zusätzlich untersucht, welche Tätigkeiten und Erfahrungen im Urlaub mit dem Wohlbefinden zusammenhängen, und zwar über acht Studien mit 69 Effektstärken.

  • Gedankliches Abschalten von der Arbeit. Der am deutlichsten mit besserem Wohlbefinden verbundene Faktor.
  • Körperliche Aktivität. Ebenfalls mit besserem Wohlbefinden während und nach dem Urlaub verbunden.
  • Der Ort spielt keine geklärte Rolle. Ob du wegfährst oder zu Hause bleibst, ließ sich in den Daten nicht auflösen. Das entlastet alle, die sich keine Reise leisten können oder wollen.

Abschalten und seine Grenzen

Weil das Abschalten so zentral ist, lohnt der Blick auf die eigene Forschungslinie dazu. Eine Metaanalyse von 2017 wertete 86 Veröffentlichungen mit 91 unabhängigen Stichproben und 38.124 Beschäftigten aus.

Womit Abschalten zusammenhängt. Quelle: Wendsche & Lohmann-Haislah 2017
BereichZusammenhang
Selbstberichtete psychische Gesundheitweniger Erschöpfung, höhere Lebenszufriedenheit, mehr Wohlbefinden, besserer Schlaf
Körperliche Beschwerdengeringer
Momentanes Befindenweniger Müdigkeit, mehr positive Stimmung, stärkeres Erholungsgefühl
Aufgabenbezogene Leistungpositiv, kleiner bis mittlerer Effekt
Körperliche Stressmarkerkein bedeutsamer Zusammenhang
Arbeitsmotivationkein bedeutsamer Zusammenhang
Freiwilliges Zusatzengagement und Kreativitätbedeutsam, aber negativ

Für die meisten untersuchten Zusammenhänge war die Streuung der Effektstärken mittel bis hoch.

Wer konsequent abschaltet, fühlt sich besser und erholter, engagiert sich aber weniger über das Verlangte hinaus und ist weniger kreativ. Das ist kein Argument gegen das Abschalten. Es ist ein Hinweis darauf, dass Erholung und Einsatz nicht dasselbe sind.
Die beiden letzten Zeilen

Ebenso wichtig: Zu körperlichen Stressmarkern zeigte sich kein bedeutsamer Zusammenhang. Die belegten Wirkungen des Abschaltens betreffen also überwiegend das, was Menschen über sich berichten, nicht das, was sich im Blut oder Speichel messen lässt.

Lässt es sich lernen?

Eine Metaanalyse von 2021 hat 30 Studien mit 34 Maßnahmen und 3725 Teilnehmenden ausgewertet, veröffentlichte wie unveröffentlichte. Der durchschnittliche Effekt auf das Abschalten lag bei d = 0,36.

  • Dosis zählt. Längere Maßnahmen mit höherer Intensität wirkten besser als kurze.
  • Das Format nicht. Ob eine Maßnahme vor Ort, online oder gemischt stattfand, änderte an der Wirksamkeit nichts.
  • Am meisten profitieren, wer es am nötigsten hat. Ältere Teilnehmende und Menschen mit bereits bestehenden Gesundheits- oder Erholungsproblemen zeigten größere Effekte.
  • Ansatzpunkt Bewertung. Maßnahmen, die an der ersten Einschätzung einer Situation ansetzten, waren wirksamer als solche, die das nicht taten.

Was du praktisch machst

Aus der Befundlage ergibt sich eine Prioritätenliste, die sich von den üblichen Urlaubstipps unterscheidet. Der Urlaub selbst ist weniger das Problem als der Übergang an seinen beiden Enden.

Die beiden Ränder

Je ein halber Tag
  1. 1

    Der letzte Arbeitstag

    Keine neuen Vorgänge annehmen. Offene Punkte schriftlich übergeben und die Übergabe schriftlich bestätigen lassen. Was du im Kopf mitnimmst, verhindert das Abschalten, und Abschalten ist der Faktor mit dem stärksten Zusammenhang.
  2. 2

    Der erste Urlaubstag

    Erwarte nicht sofort Erholung. Der Abstand braucht Zeit, und das Gefühl, den Urlaub nicht richtig zu nutzen, ist der häufigste Grund, doch wieder ins Postfach zu sehen.
  3. 3

    Der letzte Urlaubstag

    Zu Hause und ohne Termine. Nicht mit der Rückreise zusammenlegen. Dieser Tag ist keine verlorene Urlaubszeit, sondern der Puffer, der über den Verlauf der ersten Arbeitswoche entscheidet.
  4. 4

    Der erste Arbeitstag

    Keine Termine, keine Zusagen. Der Tag gehört dem Postfach und der Neuplanung. Wer am ersten Tag zusagt, verschiebt die Erschöpfung nur auf den dritten.

Der einzige Tipp, der von den Daten gedeckt ist

Bewege dich im Urlaub und lass die Arbeit gedanklich los. Diese beiden Punkte sind in der Auswertung von 2025 diejenigen, die mit dem Wohlbefinden während und nach dem Urlaub zusammenhängen. Alles andere, von der Reiseform bis zum Zielort, ist entweder ungeklärt oder Geschmackssache.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn die Erschöpfung schon vor dem Urlaub bestand und danach unverändert weiterläuft, ist der Urlaub nicht das Werkzeug. Anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen und das Gefühl, auch nach zwei Wochen frei nicht erholt zu sein, gehören in die hausärztliche Sprechstunde. Urlaub gleicht keine dauerhafte Überlastung aus, und das ist keine Frage der richtigen Urlaubsgestaltung.

Passend dazu

Fazit

Das Post-Vacation-Syndrom gibt es als Krankheitsbild nicht. Untersucht wird das Abklingen des Erholungseffekts, und ausgerechnet zu dieser Frage hat sich die Beleglage gedreht.

Die bekannte Aussage vom schnellen Verpuffen beruhte auf sieben Studien. Eine Auswertung über 32 Studien mit 256 Effektstärken kommt inzwischen zu dem Schluss, dass der Effekt groß ist und nicht so schnell abklingt wie angenommen. Was ihn stützt, sind gedankliches Abschalten und körperliche Bewegung, nicht der Zielort.

Für den Alltag heißt das: Nimm dir den letzten Urlaubstag zu Hause und halte den ersten Arbeitstag frei von Zusagen. Und wenn die Erschöpfung den Urlaub übersteht, ist nicht der Urlaub das Problem gewesen.

Häufige Fragen

Gibt es ein Post-Vacation-Syndrom?

Als eigenständiges Krankheitsbild nicht. Der Begriff kommt in der Forschungsliteratur praktisch nicht vor. Untersucht wird stattdessen, wie stark und wie lange der Erholungseffekt eines Urlaubs anhält, und dieses Abklingen ist gut belegt.

Stimmt es, dass Urlaubserholung sofort verpufft?

Das war lange die verbreitete Auskunft. Eine Metaanalyse von 2009 über sieben methodisch geeignete Studien fand einen kleinen positiven Effekt des Urlaubs auf Gesundheit und Wohlbefinden (d = 0,43), der nach der Rückkehr zur Arbeit bald abklang (d = -0,38).

Und was sagt die neuere Forschung?

Etwas deutlich anderes. Eine Metaanalyse von 2025 über 32 Studien mit 256 Effektstärken kommt zu dem Ergebnis, dass Urlaub einen großen Effekt auf das Wohlbefinden hat, der nicht so schnell abklingt wie bisher angenommen.

Wovon hängt die Wirkung ab?

Dieselbe Auswertung nennt als bedeutsame Einflussgrößen die Urlaubsdauer, die nationale Kultur und die Zahl der gesetzlich vorgeschriebenen Urlaubstage. Ob der Urlaub zu Hause oder auswärts verbracht wird, ließ sich nicht klären.

Was sollte man im Urlaub tun?

Nach einer zusätzlichen Auswertung von acht Studien mit 69 Effektstärken sind gedankliches Abschalten von der Arbeit und körperliche Aktivitäten während des Urlaubs am ehesten mit besserem Wohlbefinden verbunden.

Lässt sich Abschalten trainieren?

Ja, in bescheidenem Umfang. Eine Metaanalyse über 30 Studien mit 34 Maßnahmen und 3725 Teilnehmenden fand einen Effekt von d = 0,36. Längere Maßnahmen mit höherer Dosis wirkten besser als kurze, und ältere Teilnehmende sowie Menschen mit bereits bestehenden Erholungsproblemen profitierten stärker.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    de Bloom, J. et al. (2009): Do we recover from vacation? Meta-analysis of vacation effects on health and well-being. Journal of Occupational Health. Systematische Suche mit methodischen Ausschlusskriterien, sieben eingeschlossene Studien

  2. 2

    Grant, R. S. et al. (2025): I need a vacation: A meta-analysis of vacation and employee well-being. Journal of Applied Psychology. 32 Studien mit 256 Effektstärken, dazu eine zweite Auswertung von acht Studien mit 69 Effektstärken

  3. 3

    Wendsche, J. & Lohmann-Haislah, A. (2017): A Meta-Analysis on Antecedents and Outcomes of Detachment from Work. Frontiers in Psychology. 86 Veröffentlichungen, 91 unabhängige Stichproben, 38.124 Beschäftigte

  4. 4

    Karabinski, T. et al. (2021): Interventions for improving psychological detachment from work: A meta-analysis. Journal of Occupational Health Psychology. 30 Studien mit 34 Maßnahmen und 3725 Teilnehmenden, veröffentlichte und unveröffentlichte Literatur