
Auf einen Blick
Diese Übung wird oft mit dem expressiven Schreiben in einen Topf geworfen. Das sind zwei verschiedene Verfahren mit verschiedenen Wirkwegen, und wer sie verwechselt, wählt leicht das falsche für sich.
- Kreatives Schreiben arbeitet mit Erfundenem, expressives Schreiben mit dem eigenen Erleben.
- Der Umweg über eine Figur senkt die Schwelle, das eigene Thema wird nicht benannt.
- Wirkprinzip dahinter: Distanzierung, für die es aus anderen Zusammenhängen Forschung gibt.
- Eigene Evidenzbasis: dünn. Die WHO-Übersicht von 2019 ordnet künstlerische Betätigung insgesamt positiv, aber vorsichtig ein.
- Sprachliche Qualität spielt keine Rolle, der Versuch, gut zu schreiben, steht dem Zweck im Weg.
Der Unterschied zum expressiven Schreiben
Expressives Schreiben
- Gegenstand ist eine eigene belastende Erfahrung.
- Anweisung: Fakten und Gefühle verbinden.
- Festes Protokoll, drei bis vier Tage.
- Gut untersucht, kleiner Effekt über viele Studien.
- Setzt voraus, dass das Thema benennbar ist.
Kreatives Schreiben
- Gegenstand ist etwas Erfundenes.
- Anweisung: eine Szene, eine Figur, ein Dialog.
- Kein festes Protokoll, offene Form.
- Kaum eigene Forschung, indirekte Begründung.
- Funktioniert auch, wenn das Thema unklar ist.
Der letzte Punkt ist der entscheidende. Das Pennebaker-Protokoll verlangt, dass man weiß, worüber man schreibt. Für viele Menschen ist genau das die Hürde. Sie spüren eine Belastung, können sie aber nicht benennen, oder das Benennen fühlt sich zu direkt an.
Warum der Umweg hilft
Über eine erfundene Figur lässt sich beschreiben, was in der Ich-Form nicht möglich wäre. Die Figur kann verzweifelt sein, ungerecht handeln oder aufgeben, ohne dass man selbst das eingestanden hätte.
Dahinter steht ein Prinzip, das gut untersucht ist, wenn auch nicht in dieser Anwendung: Selbstdistanzierung. Ethan Kross und Özlem Ayduk zeigten 2010, dass Menschen, die über ein belastendes Erlebnis aus einer beobachtenden Perspektive nachdenken, zu nützlicheren Schlüssen kommen als solche, die es aus der eigenen Perspektive noch einmal durchleben.
Schritt 1
Kein Bekenntnis nötig
Es wird über eine Figur geschrieben, nicht über sich. Das senkt die Hemmschwelle.
Schritt 2
Distanz entsteht
Die beobachtende Perspektive ist dieselbe, die in der Forschung zu besseren Schlüssen führt.
Schritt 3
Das Eigene taucht auf
Fast immer landet die Figur bei einem Thema, das den Schreibenden betrifft.
Schritt 4
Erkennbar oder nicht
Ob man den Bezug bemerkt, ist offen. Der Zusammenhang ist häufig erst später sichtbar.
Die Schritte beschreiben eine plausible Wirkkette auf Basis der Distanzierungsforschung. Für kreatives Schreiben selbst liegen dazu keine direkten Untersuchungen vor.
Die Regel, die das Verfahren trägt
Nicht darüber nachdenken, worum es eigentlich geht. Wer beim Schreiben nach dem Selbstbezug sucht, hebt den Umweg auf und ist wieder beim direkten Zugang, der ja gerade nicht funktioniert hat.
Was belegt ist
Hier ist Zurückhaltung angebracht. Für kreatives Schreiben als abgegrenztes Verfahren gibt es keine Studienlage, die mit der zum expressiven Schreiben vergleichbar wäre. Was es gibt, sind zwei indirekte Stützen.
Ebene 4Kreatives Schreiben selbst
Kaum eigene Untersuchungen. Die Begründung stützt sich auf die darunterliegenden Ebenen.
Ebene 3Künstlerische Betätigung
WHO-Übersicht 2019, breit angelegt, insgesamt positiv, methodisch sehr heterogen.
Ebene 2Schreibverfahren allgemein
Über 146 Studien zusammengefasst (Frattaroli 2006), kleiner, aber belastbarer Effekt. Betrifft expressives Schreiben.
Ebene 1Distanzierung
Gut untersucht (Kross und Ayduk 2010 und Folgearbeiten). Betrifft allerdings nicht das Schreiben, sondern die Perspektive.
Von unten nach oben nimmt die Direktheit des Bezugs ab. Die oberste Ebene ist am wenigsten abgesichert.
Wie man das einordnet
Kreatives Schreiben ist ein plausibel begründetes, risikoarmes und für viele Menschen zugängliches Verfahren. Es ist kein geprüftes Verfahren. Wer eine Übung mit belastbarer Effektstärke sucht, greift zum expressiven Schreiben nach Pennebaker.
Der Einstieg
Die ersten zwanzig Minuten
20 Minuten, zweimal pro Woche- 1
Einen Wecker stellen
Zwanzig Minuten. Das Ende ist wichtiger als der Anfang, weil es die Frage beendet, ob genug entstanden ist. - 2
Mit einer Szene beginnen, nicht mit einer Idee
Ein Ort, eine Person, eine Uhrzeit. „Eine Frau steht im Treppenhaus und hat den Schlüssel vergessen." Konkret genug, um loszuschreiben. - 3
Nicht zurücklesen und nicht korrigieren
Beim ersten Durchgang gar nicht. Korrigieren ist ein anderer Modus und beendet den Schreibfluss zuverlässig. - 4
Bei Stockung die Szene wechseln
Nicht aufhören, sondern springen. Eine andere Figur, ein anderer Raum, zehn Jahre später. Der Wecker läuft weiter. - 5
Am Ende einen Satz markieren
Den einen Satz, der beim Schreiben anders war als die übrigen. Nicht den besten, sondern den, bei dem etwas passiert ist. Er ist der Anfang für das nächste Mal.
Übungen
| Übung | Anweisung | Passt wenn |
|---|---|---|
| Der Brief, der nicht abgeschickt wird | Ein Brief an eine Person, die ihn nie lesen wird | ein Gespräch nicht mehr möglich ist |
| Die Figur mit deinem Problem | Eine erfundene Person hat ein Problem, das deinem ähnelt. Beschreibe ihren Dienstag | das Eigene zu nah ist |
| Zwei Stimmen | Ein Dialog zwischen zwei Figuren, die beide recht haben | ein innerer Zwiespalt besteht |
| Der Gegenstand erzählt | Ein Gegenstand aus deiner Wohnung erzählt von dir | der Zugang über die Ich-Form nicht gelingt |
| Zehn Jahre später | Eine Szene aus deinem Leben in zehn Jahren, an einem gewöhnlichen Nachmittag | Zukunftsangst oder Orientierungslosigkeit im Vordergrund steht |
| Die kürzeste Fassung | Die ganze Geschichte in genau sechs Wörtern | du zum Ausufern neigst und Verdichtung brauchst |
Warum die Sechs-Wörter-Übung erstaunlich gut funktioniert
Sie zwingt zur Entscheidung, was der Kern ist. Wer zwanzig Minuten schreiben kann, umkreist ein Thema oft, ohne es zu benennen. Sechs Wörter lassen das nicht zu. Diese Übung eignet sich deshalb gut als Abschluss nach mehreren längeren Durchgängen.
Grenzen
- Keine Traumabearbeitung. Wenn das Erfundene regelmäßig bei demselben schweren Punkt landet und du dort hängen bleibst, ist das ein Hinweis auf ein Thema für eine Begleitung.
- Nicht als Leistung anlegen. Ein Schreibziel pro Woche und die Frage, ob der Text gut ist, verwandeln die Übung in eine Anforderung.
- Nicht sofort veröffentlichen. Sobald Leser mitgedacht werden, ändert sich, was geschrieben wird. Das ist beim Schreibenlernen erwünscht, hier nicht.
- Nicht bei akuter Belastung als einziges Mittel. In einer Krise braucht es zuerst Stabilisierung, nicht Vertiefung.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn beim Schreiben belastende Erinnerungen auftauchen, die dich überfluten, brich ab und wechsle zu etwas, das die Aufmerksamkeit nach außen holt. Bei wiederkehrenden Belastungen dieser Art führt der Weg über die Hausarztpraxis oder die psychotherapeutische Sprechstunde.
Passend dazu
Schreibtherapie nach Pennebaker
Der direkte Weg mit der deutlich besseren Studienlage.
Journaling-Methoden
Der Überblick über alle Schreibverfahren und wofür sie taugen.
Kunst- und Musiktherapie
Künstlerische Verfahren im therapeutischen Rahmen.
Die 10-10-10-Methode
Distanzierung über die Zeit statt über eine Figur.
Fazit
Kreatives Schreiben ist der Umweg für alle, denen der direkte Weg versperrt ist. Sein Wirkprinzip, die Distanzierung, ist gut untersucht. Das Verfahren selbst ist es nicht, und das gehört dazugesagt.
Wer es ausprobiert, sollte zwei Regeln beachten: nicht korrigieren und nicht nach dem Selbstbezug suchen. Beides hebt den Umweg auf, und der Umweg ist das ganze Verfahren.
Häufige Fragen
Was unterscheidet kreatives vom expressiven Schreiben?
Der Gegenstand. Beim expressiven Schreiben nach Pennebaker schreibt man über eine eigene belastende Erfahrung, mit Fakten und Gefühlen. Beim kreativen Schreiben erfindet man: eine Figur, eine Szene, einen Dialog. Das eigene Thema kann darin vorkommen, muss aber nicht benannt werden.
Was bringt dieser Umweg?
Er senkt die Schwelle. Über eine erfundene Figur lässt sich beschreiben, was in der Ich-Form zu nah wäre. Das ist derselbe Mechanismus wie bei der Selbstdistanzierung, für die es Forschung gibt: Aus einer gewissen Entfernung betrachtet fällt der Umgang mit belastendem Erleben leichter.
Muss ich schreiben können?
Nein. Es entsteht nichts, das jemand liest oder beurteilt. Sprachliche Qualität ist für den Zweck ohne Bedeutung, und der Versuch, gut zu schreiben, steht ihm eher im Weg.
Gibt es Forschung zum kreativen Schreiben?
Deutlich weniger als zum expressiven Schreiben. Eine Übersichtsarbeit des WHO-Regionalbüros für Europa aus dem Jahr 2019 wertete die Rolle künstlerischer Betätigung für Gesundheit und Wohlbefinden aus und kommt insgesamt zu positiven, aber vorsichtigen Schlüssen. Für kreatives Schreiben als abgegrenztes Verfahren fehlt eine belastbare eigene Evidenzbasis.
Wie oft und wie lange sollte ich schreiben?
Für den Einstieg reichen zweimal pro Woche zwanzig Minuten. Wichtiger als die Dauer ist, im Schreibfluss zu bleiben und nicht während des Schreibens zu überarbeiten. Wer korrigiert, wechselt in einen anderen Modus, und der ist deutlich weniger ergiebig.
Wann sollte ich es lassen?
Wenn das Schreiben regelmäßig in belastende Erinnerungen führt, aus denen du nicht wieder herausfindest. Kreatives Schreiben ist keine Traumabearbeitung. Wo das Erfundene immer wieder beim selben schwierigen Punkt landet, ist das ein Hinweis auf ein Thema, das Begleitung braucht.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Fancourt, D. & Finn, S. (2019): What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review. WHO Regional Office for Europe, Health Evidence Network Synthesis Report 67. Breite Übersicht zu künstlerischer Betätigung und Gesundheit
- 2
Pennebaker, J. W. & Beall, S. K. (1986): Confronting a traumatic event: toward an understanding of inhibition and disease. Journal of Abnormal Psychology. Der Vergleichsmaßstab: das expressive Schreiben
- 3
Kross, E. & Ayduk, Ö. (2010): From a distance: implications of spontaneous self-distancing for adaptive self-reflection. Journal of Personality and Social Psychology. Zum Wirkprinzip der Distanzierung, das dem Umweg zugrunde liegt
- 4
Frattaroli, J. (2006): Experimental disclosure and its moderators: a meta-analysis. Psychological Bulletin. Zur Einordnung der Effektgrößen von Schreibverfahren insgesamt