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Hypnotherapie

Über Hypnose wird meist pauschal geurteilt, in die eine oder andere Richtung. Die Studienlage macht das unmöglich: Sie fällt je nach Anwendungsgebiet so unterschiedlich aus, dass ein Gesamturteil in die Irre führt.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Person liegt entspannt mit geschlossenen Augen auf einer Liege in einem ruhigen Raum, daneben ein Sessel
Hypnose ist kein Schlaf und kein Kontrollverlust, sondern ein Zustand gebündelter Aufmerksamkeit. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Der wichtigste Satz dieses Artikels steht am Anfang: Frag nie, ob Hypnose wirkt, sondern immer, wofür. Dieselbe Methode steht je nach Anwendungsgebiet ganz vorn oder mit leeren Händen da.

  • Die Beleglage für Hypnose ist nicht pauschal, sondern anwendungsspezifisch.
  • Beim Reizdarmsyndrom gehört sie zu den bestbelegten psychologischen Verfahren.
  • Bei nadelbezogenen Eingriffen bei Kindern gilt sie als wirksam.
  • Beim Rauchstopp fand eine Cochrane-Übersicht über 14 Studien nichts Verlässliches.
  • In Deutschland ist sie anerkannt, aber kein Kassenleistungsverfahren.

Was Hypnose ist

Der Begriff ist durch Bühnenshows belastet. Fachlich beschreibt Hypnose einen Zustand gebündelter, nach innen gerichteter Aufmerksamkeit, der über Sprache herbeigeführt wird. Die behandelte Person schläft nicht, ist ansprechbar und kann jederzeit abbrechen.

Hypnotherapie meint die Nutzung dieses Zustands für therapeutische Zwecke. Sie kann als eigenständiges Verfahren oder als Baustein innerhalb einer anderen Behandlung eingesetzt werden.

Der wichtigste Unterschied zur Vorstellung

Suggestionen wirken nicht gegen den Willen. Was in Bühnenshows wie Fremdsteuerung aussieht, beruht auf Freiwilligkeit, Vorauswahl besonders empfänglicher Personen und sozialem Druck. In der Behandlung ist das Gegenteil der Fall: Ohne Mitarbeit passiert nichts.

Das stärkste Anwendungsgebiet

Die beste Datenlage für Hypnose betrifft ein Beschwerdebild, das man nicht als Erstes erwarten würde: das Reizdarmsyndrom. 2020 erschien dazu eine Netzwerkmetaanalyse über 41 randomisierte Studien mit 4072 Teilnehmenden.

41

randomisierte Studien zum Reizdarmsyndrom

4.072

Teilnehmende darin

0,67

relatives Risiko, weiter beschwerdebehaftet zu bleiben

1.926

Teilnehmende in der Rauchstopp-Übersicht

Die drei Verfahren mit der größten Datenbasis. Quelle: Black et al. 2020
VerfahrenRelatives RisikoRangwert
Selbst angewandte oder kontaktarme kognitive Verhaltenstherapie0,610,66
Kognitive Verhaltenstherapie im direkten Kontakt0,620,65
Darmbezogene Hypnotherapie0,670,57

Bei Menschen mit therapieresistenten Beschwerden waren Gruppen-Verhaltenstherapie und darmbezogene Hypnotherapie wirksamer als Aufklärung, Unterstützung oder Regelversorgung.

Der Vorbehalt, den die Autoren selbst formulieren

Das Verzerrungsrisiko der Studien war hoch, und es zeigte sich eine Asymmetrie im Trichterdiagramm, ein Hinweis auf fehlende unveröffentlichte Studien mit schlechteren Ergebnissen. Die Wirksamkeit psychologischer Verfahren bei Reizdarm sei deshalb wahrscheinlich überschätzt worden. Das gilt für alle drei genannten Verfahren gleichermaßen.

Mehrere psychologische Verfahren seien wirksam, keines davon einem anderen überlegen.
Das Fazit der Autoren

Schmerz und Geburt

Ein zweites Gebiet mit brauchbarer Beleglage ist der akute Schmerz bei medizinischen Eingriffen. Eine Cochrane-Übersicht zu nadelbezogenen Eingriffen bei Kindern und Jugendlichen kam bereits in ihrer vorherigen Fassung zu dem Ergebnis, dass Ablenkung und Hypnose bei Schmerz und Belastung wirksam sind.

Beim Geburtsschmerz sieht es gemischter aus. Eine Cochrane-Übersicht über neun Studien mit 2954 Frauen fand für die Hypnosegruppe eine geringere Wahrscheinlichkeit, medikamentöse Schmerzmittel einzusetzen.

Hypnose bei Geburtsschmerz. Quelle: Madden et al. 2016
ZielgrößeErgebnisBeleggüte
Einsatz medikamentöser Schmerzmittelrelatives Risiko 0,73 zugunsten der Hypnosegruppesehr niedrig
Gefühl, mit der Geburt zurechtzukommenkein klarer Unterschiedniedrig
Spontane vaginale Geburtkein klarer Unterschiedniedrig

Acht der neun Studien setzten die Hypnose bereits vor der Geburt ein, mit erheblichen Unterschieden in Zeitpunkt und Technik. Nur eine Studie wandte sie während der Geburt an.

Wie „sehr niedrige Beleggüte“ zu lesen ist

Der Befund ist keine Erfindung, aber jede künftige gut gemachte Studie kann ihn umkehren. Sehr niedrige Ergebnissicherheit heißt in der GRADE-Systematik: Der wahre Effekt weicht wahrscheinlich erheblich vom geschätzten ab.

Das schwächste Anwendungsgebiet

Jetzt zum Gegenstück. Hypnose wird verbreitet zur Raucherentwöhnung angeboten, häufig als Einzelsitzung mit Erfolgsversprechen. Eine Cochrane-Übersicht hat dazu 14 Studien mit insgesamt 1926 Teilnehmenden ausgewertet, in denen Hypnotherapie gegen 22 verschiedene Kontrollbedingungen geprüft wurde.

Die Beleglage nach Anwendungsgebiet
unbelegtbelegt
  • Raucherentwöhnung
  • Geburtsschmerz
  • Nadelbezogene Eingriffe bei Kindern
  • Reizdarmsyndrom

Einordnung nach den in diesem Artikel besprochenen Übersichtsarbeiten.

Ergebnisse der Rauchstopp-Übersicht. Quelle: Barnes et al. 2019
BefundEinzelheit
Eingeschlossene Studien14, mit insgesamt 1926 Teilnehmenden
Verzerrungsrisikonur eine Studie mit niedrigem Risiko, zehn mit hohem, drei unklar
Gesamtergebniskein verlässlicher Beleg für einen größeren Nutzen gegenüber anderen Verfahren oder keiner Behandlung
Warum keine Gesamtauswertungdie Studien waren so unterschiedlich, dass eine einzelne Metaanalyse nicht möglich war

Studien, die Unterschiede fanden, wiesen typischerweise methodische Einschränkungen auf. Der Erfolg wurde frühestens sechs Monate nach Behandlungsbeginn gemessen, mit Nichterreichten als weiterrauchend gewertet.

Weil sich der Rauchstopp gut verkaufen lässt und weil Rückfälle im ersten halben Jahr nicht auffallen, wenn niemand nachfragt. Genau deshalb verlangen Cochrane-Übersichten mindestens sechs Monate Nachbeobachtung.
Warum ausgerechnet dieses Gebiet so beworben wird

Was sich daraus ableiten lässt

  • Frag nach dem Anwendungsgebiet, nicht nach der Methode. Das ist die übertragbare Lehre dieses Artikels und gilt für fast alle Verfahren dieser Rubrik.
  • Wo Hypnose wirkt, wirkt sie nicht besser als anderes. Beim Reizdarm liegt sie mit den verhaltenstherapeutischen Verfahren gleichauf.
  • Einzelsitzungen mit Erfolgsversprechen sind ein Warnsignal. Die belegten Anwendungen umfassen mehrere Sitzungen in einem strukturierten Vorgehen.
  • Anerkennung ist nicht Erstattung. Die Hypnotherapie ist in Deutschland als wissenschaftlich anerkannt eingestuft, gehört aber nicht zu den Richtlinienverfahren der gesetzlichen Krankenversicherung.

Praktisch

Woran du eine seriöse Anwendung erkennst

Prüffragen vor der Terminvereinbarung
FrageWas eine gute Antwort enthält
Welche Qualifikation liegt vor?Approbation als Psychotherapeutin oder Arzt, oder mindestens Heilpraktikererlaubnis für Psychotherapie, plus eine strukturierte Hypnoseausbildung
Wie viele Sitzungen sind vorgesehen?Eine Größenordnung, kein Einzeltermin mit Erfolgsgarantie
Was passiert, wenn es nicht wirkt?Ein Plan B. Wer keinen hat, hat keinen
Wird eine Erfolgsquote genannt?Seriöse Anbietende nennen keine. Prozentzahlen in der Werbung sind praktisch immer aus eigener Erhebung

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei Psychosen, schweren dissoziativen Störungen und akuten Krisen ist Hypnose nicht das geeignete Verfahren und kann Beschwerden verstärken. Bei körperlichen Beschwerden gilt unverändert: Erst abklären lassen, dann behandeln. Ein Reizdarmsyndrom ist eine Ausschlussdiagnose, keine Selbstdiagnose.

Passend dazu

Fazit

Hypnotherapie lässt sich nicht als Ganzes bewerten. Beim Reizdarmsyndrom gehört sie zu den drei Verfahren mit der größten Datenbasis und nachgewiesener Wirksamkeit. Bei nadelbezogenen Eingriffen bei Kindern gilt sie als wirksam. Beim Geburtsschmerz zeigt sich ein Effekt bei sehr niedriger Beleggüte.

Und beim Rauchstopp, dem am aggressivsten beworbenen Anwendungsgebiet, fand eine Cochrane-Übersicht über 14 Studien keinen verlässlichen Beleg für einen Nutzen.

Die brauchbare Frage lautet deshalb nie: Wirkt Hypnose? Sondern: Für welches Problem, bei wem, wie oft, und was sagt die Übersichtsarbeit dazu?

Häufige Fragen

Was passiert bei einer Hypnose?

Die Aufmerksamkeit wird über Sprache stark gebündelt und nach innen gelenkt. Es handelt sich weder um Schlaf noch um Kontrollverlust. Die behandelte Person bleibt ansprechbar und kann die Sitzung jederzeit beenden.

Wo ist die Beleglage am besten?

Beim Reizdarmsyndrom. In einer Netzwerkmetaanalyse über 41 randomisierte Studien mit 4072 Teilnehmenden gehörte die darmbezogene Hypnotherapie zu den drei Verfahren mit der größten Datenbasis und nachgewiesener Wirksamkeit, mit einem relativen Risiko von 0,67, weiterhin beschwerdefrei zu bleiben.

Ist Hypnose dort besser als andere Verfahren?

Nein. Dieselbe Auswertung hält fest, dass mehrere psychologische Verfahren wirksam sind, aber keines einem anderen überlegen. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze und darmbezogene Hypnotherapie hatten die größte Evidenzbasis und wirkten langfristig am stärksten.

Hilft Hypnose gegen Schmerzen?

Bei bestimmten Anwendungen ja. Eine Cochrane-Übersicht zu nadelbezogenen Eingriffen bei Kindern und Jugendlichen stufte Ablenkung und Hypnose als wirksam ein. Bei Geburtsschmerzen zeigte sich in neun Studien mit 2954 Frauen ein geringerer Bedarf an Schmerzmitteln, allerdings bei sehr niedriger Beleggüte.

Hilft Hypnose beim Rauchstopp?

Dafür gibt es keine verlässlichen Belege. Eine Cochrane-Übersicht schloss 14 Studien mit 1926 Teilnehmenden ein, die Hypnotherapie mit 22 verschiedenen Kontrollbedingungen verglichen. Die Studien lieferten keinen verlässlichen Beleg für einen größeren Nutzen gegenüber anderen Verfahren oder gegenüber keiner Behandlung.

Wird Hypnotherapie von der Krankenkasse bezahlt?

In Deutschland ist die Hypnotherapie vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als wissenschaftlich anerkannt eingestuft, gehört aber nicht zu den Richtlinienverfahren der gesetzlichen Krankenversicherung. Eine Erstattung erfolgt in der Regel nicht, außer als Element innerhalb eines Richtlinienverfahrens.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Black, C. J. et al. (2020): Efficacy of psychological therapies for irritable bowel syndrome: systematic review and network meta-analysis. Gut. 41 randomisierte Studien mit 4072 Teilnehmenden, Rangfolge der Verfahren nach P-Score, vorregistriert

  2. 2

    Barnes, J. et al. (2019): Hypnotherapy for smoking cessation. Cochrane Database of Systematic Reviews. 14 Studien mit 1926 Teilnehmenden und 22 verschiedenen Kontrollbedingungen

  3. 3

    Birnie, K. A. et al. (2018): Psychological interventions for needle-related procedural pain and distress in children and adolescents. Cochrane Database of Systematic Reviews. Zweite Aktualisierung einer Übersicht von 2006

  4. 4

    Madden, K. et al. (2016): Hypnosis for pain management during labour and childbirth. Cochrane Database of Systematic Reviews. Neun randomisierte Studien mit 2954 Frauen, getrennte Vergleiche mit Regelversorgung, Beratung und Entspannungstraining