Persönliche ResilienzStress & Coping

Chronische Schmerzen

Bei Dauerschmerz wird psychologische Behandlung oft als letzte Station angeboten, nach allem anderen. Die Wirksamkeitszahlen dazu sind klein, und das gehört gesagt. Entscheidend ist aber, woran gemessen wurde: an der Schmerzstärke. Und genau die ist selten das richtige Ziel.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Mann mittleren Alters sitzt auf der Bettkante und stützt sich mit einer Hand am unteren Rücken ab, bevor er aufsteht
Der Morgen ist bei vielen Schmerzformen die schwierigste Zeit. Genau dort entscheidet sich, wie der Tag verläuft. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel ersetzt keine schmerzmedizinische Behandlung. Er ordnet ein, was der psychologische Teil davon leisten kann, und zwar mit den Zahlen, die dazu vorliegen.

  • Chronischer Schmerz ist kein verlängerter akuter Schmerz, sondern ein eigenes Geschehen.
  • Das Angst-Vermeidungs-Modell erklärt, wie Schonung die Beeinträchtigung vergrößert.
  • Psychotherapie senkt die Schmerzstärke nur wenig, das zeigt die Cochrane-Übersicht deutlich.
  • Bei Funktionsfähigkeit, Katastrophisieren und Lebensqualität sieht die Lage besser aus.
  • Das brauchbare Ziel heißt deshalb: wieder mehr tun, nicht weniger spüren.

Was chronisch heißt

Akuter Schmerz ist ein Meldesignal. Er zeigt an, dass etwas beschädigt ist oder beschädigt zu werden droht, und er verschwindet, wenn der Schaden geheilt ist. Diese Logik gilt für den größten Teil des Lebens und ist der Grund, warum wir Schmerz überhaupt spüren können.

Bei chronischem Schmerz greift sie nicht mehr zuverlässig. Er hält über die erwartete Heilungszeit hinaus an, üblicherweise wird ab drei Monaten von Chronifizierung gesprochen. Der Zusammenhang zwischen Gewebeschaden und Schmerzstärke lockert sich, und das ist keine Einbildung, sondern eine Eigenschaft des Systems, das den Schmerz erzeugt.

Der wichtigste Satz vorweg

Dass Schmerz nicht mehr eins zu eins auf einen Gewebeschaden verweist, heißt nicht, dass er weniger echt ist oder dass er im Kopf entsteht. Es heißt, dass die Behandlung an anderen Stellen ansetzen muss als bei einem gebrochenen Knochen.

Der Teufelskreis

Das einflussreichste psychologische Modell dazu heißt Angst-Vermeidungs-Modell. Es beschreibt, wie aus akutem Schmerz dauerhafte Beeinträchtigung entstehen kann, ohne dass sich am ursprünglichen Auslöser etwas ändert.

Wie aus Schmerz Beeinträchtigung wird
Angst-Vermeidungs-Kreis123456
  1. 1

    Schmerz

    Eine Bewegung tut weh.

  2. 2

    Deutung

    Der Schmerz wird als Zeichen für Schaden gedeutet.

  3. 3

    Angst

    Die Bewegung wird zur Bedrohung.

  4. 4

    Vermeidung

    Sie wird ausgelassen, dann auch ähnliche.

  5. 5

    Abbau

    Kraft, Beweglichkeit und Zutrauen nehmen ab.

  6. 6

    Mehr Schmerz

    Die nächste Belastung trifft auf weniger Belastbarkeit.

Die Schleife läuft über Monate. Jeder einzelne Schritt ist für sich vernünftig, das Ergebnis ist es nicht.

Eine Übersichtsarbeit von 2012 hält fest, dass es reichlich Belege für die Gültigkeit dieses Modells in seiner ursprünglichen Form gibt. Zugleich benennt sie drei Probleme, die eine Weiterentwicklung nötig machen: Das Modell hat seine Wurzeln in der Lehre von den psychischen Störungen und erklärt Befunde schlecht, die dort nicht hineinpassen. Es beschreibt Beeinträchtigung zu statisch. Und es übersieht, dass Angst und Vermeidung immer in einem Feld mehrerer, oft widerstreitender persönlicher Ziele stattfinden.

Schmerzbezogene Vermeidung wird darin als der beharrliche, aber aussichtslose Versuch gelesen, ein Schmerzproblem zu lösen, um Lebensziele zu schützen und zurückzugewinnen.
Die Neufassung des Modells

Diese Umdeutung klingt akademisch und ist praktisch folgenreich. Wer schont, ist nicht ängstlich oder unvernünftig, sondern verfolgt ein sinnvolles Ziel mit einem Mittel, das auf lange Sicht gegen dasselbe Ziel arbeitet.

Was Therapie leistet

2020 erschien die aktualisierte Cochrane-Übersicht zu psychologischen Verfahren bei chronischem Schmerz ohne Kopfschmerz. Sie umfasst 75 Studien mit 9401 Personen zum Behandlungsende, überwiegend mit Fibromyalgie, chronischem Rückenschmerz, rheumatoider Arthritis oder gemischten Schmerzbildern.

75

randomisierte Studien, 9401 Personen

59

davon zur kognitiven Verhaltenstherapie

−0,09

Effekt auf Schmerz gegenüber aktiver Kontrolle

−0,34

Effekt auf Belastung gegenüber üblicher Versorgung

Kognitive Verhaltenstherapie bei chronischem Schmerz, standardisierte Mittelwertdifferenzen zum Behandlungsende. Quelle: Williams et al. 2020
Ergebnisgegen aktive Kontrollegegen übliche Versorgung
Schmerzstärke−0,09 (sehr klein)−0,22 (klein)
Beeinträchtigung−0,12 (sehr klein)−0,32 (klein)
Belastung−0,09 (sehr klein)−0,34 (klein)

Die Beleglage wurde überwiegend als mittel eingestuft, bei Beeinträchtigung gegenüber üblicher Versorgung als niedrig. Gegenüber der üblichen Versorgung blieben die Effekte bis zur Nachuntersuchung nach 6 bis 12 Monaten weitgehend erhalten, gegenüber aktiven Kontrollgruppen nicht.

Zwei Dinge, die dazugehören

Erstens: Für Verhaltenstherapie im engeren Sinn und für die Akzeptanz- und Commitmenttherapie war die Beleglage in dieser Übersicht von mittlerer bis sehr niedriger Qualität, sodass die Autoren sich zu Nutzen oder Nichtnutzen ausdrücklich nicht äußern wollten. Zweitens: Unerwünschte Wirkungen wurden in den Studien unzureichend erfasst und berichtet. Auch bei einer Gesprächsbehandlung ist das ein Mangel und keine Nebensache.

Das falsche Zielmaß

Jetzt die entscheidende Frage: Wenn die Effekte auf die Schmerzstärke so klein sind, warum gilt die psychologische Behandlung trotzdem als fester Bestandteil der Schmerztherapie?

Weil die Schmerzstärke nicht das ist, worauf diese Verfahren zielen. Eine Übersicht von 2024 hat neun systematische Übersichtsarbeiten mit 84 Metaanalysen zur Akzeptanz- und Commitmenttherapie bei chronischem Schmerz zusammengefasst. Das Muster der Ergebnisse ist aufschlussreich.

Wo die Akzeptanz- und Commitmenttherapie laut der Übersicht etwas bewirkt. Quelle: Martinez-Calderon et al. 2024
ZeitpunktVerbesserungen
Direkt nach der BehandlungDepressivität, Ängstlichkeit, psychische Unbeweglichkeit, Katastrophisieren; mehr Achtsamkeit, Schmerzakzeptanz und psychische Beweglichkeit
Nach 3 MonatenDepressivität, psychische Unbeweglichkeit, schmerzbezogene Funktionsfähigkeit
Nach 6 MonatenAchtsamkeit, Funktionsfähigkeit, Schmerzakzeptanz, psychische Beweglichkeit, Lebensqualität
Nach 6 bis 12 Monatenweniger Katastrophisieren, bessere Funktionsfähigkeit

Die Autoren benennen methodische Probleme: sehr starke Überschneidung zwischen den Übersichtsarbeiten, oft fehlende Bewertung der Ergebnissicherheit und unzureichend beschriebene Behandlungen.

Die Schmerzstärke. Sie taucht in keiner der vier Zeilen prominent auf. Das ist kein Versäumnis der Forschung, sondern der Kern des Ansatzes.
Was in dieser Aufzählung fehlt

Damit fügt sich das Bild zusammen. Verfahren, die darauf abzielen, das Leben trotz des Schmerzes wieder in Gang zu bringen, verändern vor allem genau das. Wer sie an der Schmerzstärke misst, misst sie an einem Versprechen, das sie nie gegeben haben.

Schmerzedukation

Ein eigener Baustein ist die Wissensvermittlung über Schmerz selbst: wie das Nervensystem Schmerz erzeugt, warum Dauerschmerz empfindlicher werden kann und warum Bildgebungsbefunde und Beschwerden oft nicht zusammenpassen.

Eine systematische Übersicht von 2023 wertete 15 randomisierte Studien aus. Ihr Fazit: Schmerzedukation verbessert Schmerz, Beeinträchtigung und psychosoziale Faktoren bei Fibromyalgie, chronischem Rückenschmerz, chronischem Erschöpfungssyndrom und chronischem Wirbelsäulenschmerz, besonders wenn sie mit anderen Verfahren verbunden wird. Am besten wirkte sie in Einzelgesprächen mit wiederholender Vertiefung.

Warum diese Übersicht mit Vorsicht zu lesen ist

Es wurde keine Metaanalyse gerechnet, die Auswertung ist qualitativ. Die Autoren halten außerdem fest, dass in den meisten Einzelstudien klare Einschlusskriterien fehlten. Der Befund ist also eine begründete Richtung, keine belastbare Effektgröße.

Was du praktisch machst

Aus dem Modell und den Befunden ergeben sich zwei Werkzeuge, die in fast jedem Schmerzprogramm vorkommen. Beide sind unspektakulär und beide widersprechen dem, was sich im Alltag richtig anfühlt.

Aktivitätsdosierung

Umstellung über mehrere Wochen
  1. 1

    Ausgangswert finden

    Miss an mehreren durchschnittlichen Tagen, wie lange du eine Tätigkeit durchhältst, bevor der Schmerz deutlich zunimmt. Nimm davon etwa 80 Prozent als Startwert.
  2. 2

    Nach Uhr statt nach Gefühl

    Führe die Tätigkeit genau für diese Dauer aus, auch an guten Tagen. Besonders an guten Tagen.
  3. 3

    Langsam steigern

    Erhöhe wöchentlich um einen kleinen festen Betrag, unabhängig davon, wie die Woche war.
  4. 4

    Rückschläge einplanen

    Ein schlechter Tag setzt den Plan nicht zurück. Er ist Teil des Plans.

Ziele statt Schmerzwerte

Der zweite Schritt folgt direkt aus der Neufassung des Angst-Vermeidungs-Modells. Wenn Vermeidung dem Schutz von Lebenszielen dient, dann müssen diese Ziele wieder auf den Tisch. Nicht als Fernziel, sondern in einer Form, die sich diese Woche überprüfen lässt.

  • Schlecht formuliert: „Weniger Schmerzen haben.“ Nicht in deiner Hand und kein Hinweis darauf, was heute zu tun ist.
  • Besser formuliert: „Am Samstag 20 Minuten mit meiner Tochter am See gehen.“ Überprüfbar, in deiner Hand und mit einer Belastungsdosis verbunden.
  • Der Prüfsatz: Wenn dein Schmerz morgen unverändert wäre, was würdest du trotzdem wieder tun wollen? Diese Antwort ist das eigentliche Behandlungsziel.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Neu aufgetretener Schmerz, Schmerz mit Lähmungserscheinungen, Taubheit, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder Störungen von Blase und Darm gehört sofort ärztlich abgeklärt und nicht mit Aktivitätsdosierung behandelt. Dieser Artikel handelt von bereits abgeklärtem Dauerschmerz. Auch dann bleibt die Steuerung der Behandlung ärztliche Aufgabe, besonders bei Schmerzmitteln.

Passend dazu

Fazit

Die Zahlen zur psychologischen Schmerzbehandlung sind klein, und man sollte sie nicht größer machen, als sie sind. Gegenüber einer aktiven Vergleichsbehandlung senkt kognitive Verhaltenstherapie die Schmerzstärke nur sehr wenig, gegenüber der üblichen Versorgung etwas deutlicher.

Der Grund liegt zu einem großen Teil im Messmaß. Die Verfahren zielen darauf, den Kreislauf aus Deutung, Angst, Vermeidung und Abbau zu unterbrechen und verlorene Lebensziele wieder erreichbar zu machen. Genau dort zeigen sich die Verbesserungen, über Monate hinweg.

Die praktische Folgerung ist unbequem und entlastend zugleich. Unbequem, weil sie bedeutet, sich wieder zu bewegen, bevor es besser wird. Entlastend, weil sie den Behandlungserfolg von einer Zahl löst, die du nicht steuern kannst.

Häufige Fragen

Ab wann gilt Schmerz als chronisch?

Üblicherweise ab einer Dauer von mehr als drei Monaten oder wenn er über die erwartete Heilungszeit hinaus anhält. Wichtiger als die Zahl ist der Wechsel der Logik: Chronischer Schmerz ist nicht mehr zuverlässig ein Meldesignal für Gewebeschaden, sondern ein eigenständiges Geschehen.

Wie gut wirkt psychologische Schmerzbehandlung?

Ehrlich gesagt: klein. Die Cochrane-Übersicht von 2020 mit 75 Studien und 9401 Personen fand für kognitive Verhaltenstherapie gegenüber einer aktiven Vergleichsbehandlung sehr kleine Effekte auf Schmerz, Beeinträchtigung und Belastung. Gegenüber der üblichen Versorgung waren die Effekte klein, aber deutlicher, und blieben bis zur Nachuntersuchung weitgehend erhalten.

Heißt das, es lohnt sich nicht?

Nein, es heißt, dass die Schmerzstärke das falsche Erfolgsmaß ist. Eine Übersicht über neun Übersichtsarbeiten zur Akzeptanz- und Commitmenttherapie zeigt Verbesserungen vor allem dort, wo es um das Leben mit dem Schmerz geht: Funktionsfähigkeit, Lebensqualität, Katastrophisieren, Depressivität.

Was ist das Angst-Vermeidungs-Modell?

Es beschreibt, wie akuter Schmerz in dauerhafte Beeinträchtigung übergehen kann: Schmerz wird als bedrohlich gedeutet, daraufhin werden Bewegungen vermieden, die Belastbarkeit sinkt, und die nächste Bewegung tut noch mehr weh. Die Weiterentwicklung von 2012 ergänzt einen wichtigen Punkt: Vermeidung geschieht immer im Zusammenhang mit persönlichen Zielen.

Hilft es, mehr über Schmerz zu wissen?

Eine systematische Übersicht über 15 randomisierte Studien kommt zu dem Schluss, dass Schmerzedukation Schmerz, Beeinträchtigung und psychosoziale Faktoren verbessert, besonders in Einzelgesprächen und in Kombination mit anderen Verfahren. Die Autoren mahnen an, dass in den meisten Studien klare Einschlusskriterien fehlten.

Was bedeutet Aktivitätsdosierung?

Belastung nach Plan statt nach Tagesform. An guten Tagen wird nicht alles nachgeholt, an schlechten nicht alles gestrichen. Damit bricht man das Muster aus Überlastung und darauffolgendem Zusammenbruch, das die Belastbarkeit über Monate weiter absenkt.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Williams, A. C. de C. et al. (2020): Psychological therapies for the management of chronic pain (excluding headache) in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews. 75 randomisierte Studien, 9401 Personen, getrennte Auswertung gegen aktive Kontrolle und übliche Versorgung

  2. 2

    Crombez, G. et al. (2012): Fear-avoidance model of chronic pain: the next generation. The Clinical Journal of Pain. Übersichtsarbeit zur Gültigkeit und zu den drei offenen Problemen des Angst-Vermeidungs-Modells

  3. 3

    Martinez-Calderon, J. et al. (2024): Acceptance and Commitment Therapy for Chronic Pain: An Overview of Systematic Reviews with Meta-Analysis of Randomized Clinical Trials. The Journal of Pain. Übersicht über 9 systematische Übersichtsarbeiten mit 84 Metaanalysen

  4. 4

    Lepri, B. et al. (2023): Effectiveness of Pain Neuroscience Education in Patients with Chronic Musculoskeletal Pain and Central Sensitization: A Systematic Review. International Journal of Environmental Research and Public Health. 15 randomisierte Studien, qualitative Auswertung ohne Metaanalyse