
Auf einen Blick
Die meisten Resilienzmodelle zählen auf. Sieben Säulen, zehn Faktoren, vier Schlüssel. Das Ginkgo-Modell macht etwas anderes: Es ordnet. Und diese Ordnung ist der eigentliche Inhalt.
- Vier Arten: körperliche, spirituelle, mentale und emotionale Resilienz.
- Zuordnung: Wurzeln, Stamm, Äste, Blätter. Die Rangfolge ist Teil der Aussage, nicht Dekoration.
- Entwickelt 2021 bis 2023 von Sebastian Mauritz mit Gerhard Moser, Christina Comnick, Rebecca van der Linde und Ruben Langwara.
- Status: ein Praxismodell. Als Modell nicht empirisch geprüft, einzelne Bausteine dagegen gut belegt.
- Stärke gegenüber reinen Aufzählungsmodellen: Es sagt, was zuerst kommt.
Was das Ginkgo-Modell ist
Das Modell teilt individuelle Resilienz in vier Arten auf und bildet sie am Aufbau eines Baumes ab. Entstanden ist es zwischen 2021 und 2023 im Umfeld der Resilienz-Akademie, wo Sebastian Mauritz die vier Arten jeweils gemeinsam mit einer Fachperson aus dem entsprechenden Gebiet ausgearbeitet hat.
Der Reiz liegt weniger in den vier Arten selbst, die sich so oder ähnlich auch anderswo finden, sondern in ihrer Anordnung. Ein Baum steht nicht beliebig zusammen. Ohne Wurzeln kein Stamm, ohne Stamm keine Äste, ohne Äste keine Blätter. Übertragen heißt das: Wer bei der Haltung ansetzt, während der Körper am Ende ist, arbeitet an den Blättern eines Baumes, dessen Wurzeln trockenliegen.
Alle Modelle sind falsch, aber manche sind nützlich.
Dieser Satz stammt ursprünglich vom Statistiker George Box, und dass die Autoren ihn voranstellen, ist für die Einordnung wichtig. Sie erheben ausdrücklich nicht den Anspruch, eine geprüfte Theorie vorzulegen. Das Modell verbindet nach eigener Aussage wissenschaftliche Befunde mit Praxiserfahrung. Wer es so liest, wird ihm gerecht.
Die vier Arten im Überblick
Ebene 4Emotionale Resilienz, die Blätter
Emotionale Granularität und emotionale Flexibilität. Das sichtbar Wechselnde, das mit den Jahreszeiten geht.
Ebene 3Mentale Resilienz, die Äste
Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Bedeutsamkeit und Verbundenheit. Sucht Wege und verzweigt sich zu Lösungen.
Ebene 2Spirituelle Resilienz, der Stamm
Sinn, Intuition, Spiritualität und Vision. Gibt Halt in Situationen, die sich nicht auflösen lassen.
Ebene 1Körperliche Resilienz, die Wurzeln
Regulationsfähigkeit von Immunsystem, Nervensystem, Hormonsystem und Entgiftung. Zieht Energie aus der Umwelt und trägt alles Übrige.
Die Reihenfolge ist inhaltlich gemeint: Jede Ebene setzt die darunter liegende voraus. Darstellung nach der Beschreibung der Resilienz-Akademie.
Die Rangfolge ist der Kern
Andere Modelle listen ihre Bestandteile gleichrangig nebeneinander auf. Hier hängt jede Ebene an der darunterliegenden. Genau das macht das Modell in der Beratung brauchbar: Es gibt eine Reihenfolge für die Frage, wo man anfangen sollte.
Die Bausteine im Detail
| Ebene | Baumteil | Bausteine | Typische Themen |
|---|---|---|---|
| Körperlich | Wurzeln | Immunsystem, Nervensystem, Hormonsystem, Entgiftung | Schlafprobleme, chronische Schmerzen, Erschöpfung |
| Spirituell | Stamm | Sinn, Intuition, Spiritualität, Vision | Ungewissheit, tiefe Krisen, Sinnfragen |
| Mental | Äste | Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Bedeutsamkeit, Verbundenheit | Alltagsprobleme, komplexe Herausforderungen |
| Emotional | Blätter | Emotionale Granularität, emotionale Flexibilität | Gefühle einordnen und als Ressource nutzen |
Die mentale Ebene ist Antonovsky mit einer Erweiterung
Wer die mentale Ebene ansieht, erkennt sofort etwas wieder. Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit sind exakt die drei Komponenten des Kohärenzgefühls, das Aaron Antonovsky in den 1980er Jahren beschrieben hat und das seither in über 30 Sprachen erhoben wird. Das Ginkgo-Modell fügt eine vierte hinzu: Verbundenheit.
Diese Erweiterung ist die interessanteste Einzelentscheidung des Modells. Antonovskys Konstrukt ist ausgesprochen individuell gedacht, es beschreibt eine innere Haltung. Die Ergänzung um Verbundenheit trägt dem Umstand Rechnung, dass soziale Einbindung in der Schutzfaktorenforschung durchgängig als einer der stärksten Faktoren auftaucht. Ob die Ergänzung als vierte Komponente des Kohärenzgefühls trägt, ist allerdings nicht geprüft.
Die emotionale Ebene hat Forschung im Rücken
Emotionale Granularität meint die Fähigkeit, Gefühle fein zu unterscheiden. Nicht nur „schlecht", sondern gekränkt, enttäuscht, ratlos oder ungeduldig. Das ist kein Ratgeberbegriff, sondern ein untersuchtes Konstrukt. Eine Übersichtsarbeit von 2025 wertet den Forschungsstand zu Gesundheit und psychischen Störungen aus, und Arbeiten zur Frage, ob sich diese Fähigkeit trainieren lässt, gibt es ebenfalls.
Der praktische Kern dahinter: Wer genauer benennen kann, was er fühlt, kann gezielter darauf reagieren. Für „schlecht" gibt es keine passende Handlung, für „ich fühle mich übergangen" schon.
Warum ausgerechnet ein Ginkgo
Der Ginkgo biloba ist als Bild für Widerstandskraft naheliegend. Die Art gibt es seit über 200 Millionen Jahren in nahezu unveränderter Form, einzelne Bäume erreichen ein Alter von über tausend Jahren, und sie übersteht Standortbedingungen, an denen andere Arten scheitern. Nach Europa kam er im 18. Jahrhundert, ursprünglich stammt er aus Ostasien, wo er als Tempelbaum gilt.
Wurzeln
aufnehmen und verankern
Stamm
tragen und verbinden
Äste
verzweigen und ausrichten
Blätter
austauschen und wechseln
Individuelle Resilienz
Die Zuordnung folgt der Modellbeschreibung. Die Baumart selbst ist für den Inhalt austauschbar, das Bild trägt die Rangfolge, nicht die Botanik.
Wo die Metapher trägt und wo nicht
Bilder erklären gut und beweisen nichts. Der Baum macht die Rangfolge anschaulich, legt aber auch etwas nahe, was so nicht stimmt: dass die Ebenen nur von unten nach oben wirken. Tatsächlich wirkt auch der umgekehrte Weg. Anhaltender Sinnverlust schlägt auf den Schlaf, und der Schlaf gehört zu den Wurzeln.
Wissenschaftliche Einordnung
Hier ist Sorgfalt angebracht, weil im Netz beides kursiert: das Modell als angeblich gesicherte Erkenntnis und die pauschale Abwertung als Erfindung. Beides trifft nicht zu.
| Bestandteil | Status |
|---|---|
| Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Bedeutsamkeit | Aus Antonovskys Kohärenzgefühl übernommen, seit den 1980er Jahren breit untersucht und validiert. |
| Emotionale Granularität | Eigenständiges Forschungsfeld der Emotionspsychologie mit Übersichtsarbeiten bis 2025. |
| Verbundenheit als vierte mentale Komponente | Soziale Einbindung ist als Schutzfaktor gut belegt. Ihre Einordnung als Teil des Kohärenzgefühls ist es nicht. |
| Die vier Systeme der körperlichen Ebene | Die einzelnen Systeme sind medizinisch beschrieben. Ihre Bündelung zu einer Resilienzart ist eine Setzung des Modells. |
| Spirituelle Resilienz als eigene Art | Sinnerleben ist untersucht, unter anderem in der Logotherapie. Der Zuschnitt als vierte Säule stammt aus der Praxis. |
| Die Rangfolge der vier Ebenen | Plausibel und praktisch nützlich, aber nicht als Wirkkette geprüft. |
Zusammengefasst: Das Ginkgo-Modell ist ein Ordnungsangebot, kein Forschungsergebnis. Es bündelt teils gut belegte Bausteine zu einer Struktur, die selbst nicht geprüft wurde. Das ist bei Praxismodellen der Normalfall und kein Makel, solange es dazugesagt wird. Die Autoren tun genau das.
Wie sich damit arbeiten lässt
Der Nutzen liegt in der Reihenfolge. Als Selbstprüfung eignet sich das Modell besonders dann, wenn Bemühungen ins Leere laufen und unklar ist, warum.
- Von unten nach oben durchgehen. Schlaf, Bewegung, Erholung zuerst. Wer hier eine deutliche Lücke findet, hat den Ansatzpunkt meist schon gefunden.
- Bei jeder Ebene konkret bleiben. Nicht „mein Sinn fehlt", sondern „ich weiß seit dem Abteilungswechsel nicht mehr, wofür meine Arbeit gut ist".
- Nicht alle vier gleichzeitig angehen. Die Rangfolge ist ja gerade der Vorschlag, sich auf eine Ebene zu konzentrieren.
- Die oberen Ebenen nicht abwerten. Emotionen fein zu unterscheiden ist nicht die Kür nach der Pflicht, sondern eine eigenständige Fähigkeit mit eigener Wirkung.
- Das Modell als Landkarte nehmen, nicht als Test. Es gibt keinen validierten Fragebogen dazu. Wer eine gemessene Einschätzung will, greift zu geprüften Verfahren wie der RS-13.
Passend dazu
Das Kohärenzgefühl
Die drei Komponenten, die das Ginkgo-Modell auf seiner mentalen Ebene übernimmt.
Die 7 Säulen der Resilienz
Das bekannteste Aufzählungsmodell und worin es sich vom Ginkgo-Modell unterscheidet.
Emotionen benennen lernen
Die praktische Seite der emotionalen Granularität.
Resilienz-Diagnostik mit der RS-13
Ein tatsächlich validiertes Messinstrument, wenn es um Zahlen gehen soll.
Fazit
Das Ginkgo-Modell beantwortet eine Frage, die Aufzählungsmodelle offenlassen: Womit fange ich an? Seine Antwort lautet, mit dem Körper, und dann nach oben. Diese Reihenfolge ist nicht bewiesen, aber sie ist in der Beratung brauchbar und erklärt, warum Arbeit an der Haltung bei erschöpften Menschen so oft verpufft.
Wer das Modell nutzt, sollte wissen, was er in der Hand hält: ein sorgfältig gebautes Ordnungsangebot mit teils gut belegten Bausteinen, das als Ganzes nicht geprüft ist. Die Autoren sagen das selbst. Diese Ehrlichkeit ist bei Praxismodellen seltener als sie sein sollte.
Häufige Fragen
Was ist das Ginkgo-Modell der Resilienz?
Es ist ein Ordnungsmodell, das individuelle Resilienz auf vier Arten aufteilt: körperliche, spirituelle, mentale und emotionale Resilienz. Die vier Arten werden den Teilen eines Baumes zugeordnet, also Wurzeln, Stamm, Ästen und Blättern. Entwickelt wurde es zwischen 2021 und 2023 von Sebastian Mauritz gemeinsam mit vier Fachkolleginnen und -kollegen.
Welche vier Arten der Resilienz unterscheidet das Modell?
Körperliche Resilienz (Wurzeln) betrifft die Regulation von Immunsystem, Nervensystem, Hormonsystem und Entgiftung. Spirituelle Resilienz (Stamm) umfasst Sinn, Intuition, Spiritualität und Vision. Mentale Resilienz (Äste) arbeitet mit Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Bedeutsamkeit und Verbundenheit. Emotionale Resilienz (Blätter) besteht aus emotionaler Granularität und emotionaler Flexibilität.
Ist das Ginkgo-Modell wissenschaftlich belegt?
Das Modell als Ganzes ist ein Praxismodell und wurde nicht als Modell empirisch geprüft. Einzelne Bausteine stützen sich aber auf Forschung: Die mentale Ebene übernimmt drei Komponenten von Aaron Antonovskys Kohärenzgefühl, und die emotionale Granularität ist ein gut untersuchtes Konstrukt aus der Emotionsforschung. Die Autoren selbst weisen darauf hin, dass ihr Modell weder vollständig noch absolute Wahrheit ist.
Was ist der Unterschied zu den 7 Säulen der Resilienz?
Die 7 Säulen zählen Haltungen und Fähigkeiten nebeneinander auf. Das Ginkgo-Modell ordnet stattdessen Ebenen hierarchisch: Die körperliche Ebene trägt die anderen, wie Wurzeln einen Baum tragen. Diese Rangfolge ist die eigentliche inhaltliche Aussage des Modells und unterscheidet es von reinen Aufzählungen.
Warum ausgerechnet ein Ginkgo?
Der Ginkgo biloba gilt als besonders widerstandsfähig. Die Art existiert seit über 200 Millionen Jahren nahezu unverändert, einzelne Bäume werden sehr alt und die Art übersteht Umweltbelastungen, denen andere Bäume nicht standhalten. Als Bild für Widerstandskraft liegt er deshalb nahe. Für den inhaltlichen Aufbau des Modells ist die Baumart allerdings austauschbar.
Wie nutze ich das Modell für mich?
Am ehesten als Landkarte für die Frage, wo gerade etwas fehlt. Wer erschöpft ist, aber an seiner Haltung arbeitet, kommt selten weiter, wenn Schlaf und Erholung das eigentliche Thema sind. Das Modell erinnert daran, zuerst die unteren Ebenen zu prüfen, bevor an den oberen gearbeitet wird.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Resilienz-Akademie (Mauritz, S. u. a., 2021–2023): Die vier Arten individueller Resilienz: das Ginkgo-Modell. Primärquelle des Modells mit Beschreibung aller vier Arten und ihrer Bausteine
- 2
Emotional granularity in health and psychopathology: A scoping review. Journal of Psychiatric Research 2025. Forschungsstand zur emotionalen Granularität, einem Baustein der emotionalen Ebene
- 3
Cultivating Emotional Granularity. Frontiers in Psychology 2021. Zur Frage, ob sich emotionale Granularität trainieren lässt
- 4
Eriksson, M. & Lindström, B. (2005): Validity of Antonovsky's sense of coherence scale: a systematic review. Journal of Epidemiology & Community Health 59(6), 460–466. Grundlage der mentalen Ebene des Modells
- 5
Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit: Leitbegriffe: Resilienz und Schutzfaktoren. Deutschsprachige Einordnung des Resilienzbegriffs und der Schutzfaktorenforschung
- 6
Brüstle, M. A. (2015): Resilienz: ein Überblick. Deutschsprachiger Überblick über Modelle und ihre jeweilige Reichweite