
Auf einen Blick
Wer sich mit Resilienzmodellen beschäftigt, stößt schnell auf Listen: sieben Säulen, zehn Fähigkeiten, sechs Schlüssel. Kumpfers Beitrag ist ein anderer. Sie hat gefragt, wie diese Dinge zusammenhängen, und dabei eine Lücke geschlossen, die in Faktorenlisten offenbleibt.
- Resilienz wird als Ablauf mit sechs Teilen beschrieben, nicht als Bündel von Eigenschaften.
- Zwischen Umfeld und Person steht eine eigene Ebene: die Wechselwirkung.
- Das Modell kennt vier Ausgänge, nicht zwei. Rückkehr und Anpassung mit Verlusten sind eigene Ergebnisse.
- Als Ganzes nicht prüfbar, als Auswertungsraster bis heute in Gebrauch.
- Familienbezogene Prävention wirkt nach zwölf randomisierten Studien klein, aber beständig.
Der Grundgedanke
Karol Kumpfer legte ihr Rahmenmodell 1999 vor, zu einer Zeit, in der die Resilienzforschung vor allem Schutzfaktoren sammelte. Aus Längsschnittstudien war bekannt, welche Merkmale mit guter Entwicklung trotz schwieriger Umstände einhergehen: eine verlässliche Bezugsperson, Selbstwirksamkeit, Sprachfähigkeit, Anschluss an eine Gruppe.
Das Problem an solchen Listen ist, dass sie nicht erklären, wie ein Umstand zu einem Merkmal wird. Dass ein Sportverein im Ort mit besserer Entwicklung einhergeht, sagt nichts darüber, wie ein bestimmtes Kind dorthin kommt und was dort mit ihm geschieht. Genau diesen Übergang macht Kumpfer zu einem eigenen Bestandteil des Modells.
Ein Schutzfaktor wirkt nicht, weil er vorhanden ist. Er wirkt, wenn er die Person erreicht, und was auf diesem Weg passiert, ist selbst ein Prozess.
Die sechs Teile
Schritt 1
Belastung
Das auslösende Ereignis oder der Dauerzustand, der eine Anpassung erfordert.
Schritt 2
Umfeld
Familie, Schule, Nachbarschaft, Kultur. Risiken und Schutzfaktoren nebeneinander.
Schritt 3
Wechselwirkung
Der Übergang: Wie kommt das Umfeld beim Kind an, und wie wirkt das Kind zurück.
Schritt 4
Innere Merkmale
Kognitive, emotionale, körperliche, geistige und soziale Voraussetzungen der Person.
Schritt 5
Bewältigungsprozess
Was tatsächlich getan wird, um mit der Belastung umzugehen.
Schritt 6
Ergebnis
Einer von vier möglichen Ausgängen, siehe unten.
Der dritte und der fünfte Teil sind Prozesse, die übrigen sind Zustände. Genau darin liegt der Unterschied zu reinen Faktorenmodellen.
Die inneren Merkmale gliedert Kumpfer in fünf Bereiche, und diese Aufteilung ist praktisch nützlich, weil sie den Blick von der reinen Psyche weglenkt.
Kognitiv
Sprachfähigkeit, Planen, schulische Grundfertigkeiten.
Emotional
Gefühle wahrnehmen, benennen und regulieren können.
Sozial
Kontakte knüpfen, um Hilfe bitten, Konflikte aushalten.
Körperlich
Gesundheit, Schlaf, Kraft, Ausdauer.
Sinnbezogen
Ziele, Zugehörigkeit, Überzeugungen, die tragen.
Innere Voraussetzungen
Der körperliche Bereich wird in Resilienzdarstellungen regelmäßig übergangen. Schlaf, Ernährung und Gesundheit sind aber Voraussetzung für alles Übrige, nicht Beiwerk.
Der Filter, um den es geht
Der dritte Teil des Modells ist sein eigentlicher Beitrag. Kumpfer beschreibt die Stelle, an der Umweltbedingungen zu inneren Merkmalen werden, als eigenständigen Prozess mit eigener Dynamik.
Praktisch ist dieser Filter fast immer ein Mensch. Nicht der Sportverein macht den Unterschied, sondern die Trainerin, die den Namen kennt und nachfragt, wenn jemand zweimal fehlt. Nicht die Schule, sondern die Lehrkraft, die einem Kind zutraut, das Referat zu halten. Die Längsschnittforschung zur Resilienz beschreibt diese Personen seit Jahrzehnten, ohne sie theoretisch zu verorten. Kumpfer gibt ihnen einen Platz im Modell.
Warum das mehr ist als eine Feinheit
Wenn der Filter fehlt, ist ein Angebot wirkungslos, egal wie gut es ist. Das erklärt, warum Programme in Wirksamkeitsstudien oft blass abschneiden: Gemessen wird das Angebot, entscheidend ist aber die Vermittlung. Und es erklärt, warum Kinder mit ähnlichem Umfeld so verschiedene Wege nehmen.
Die Wechselwirkung läuft in beide Richtungen. Das Kind wirkt auf sein Umfeld zurück: Ein Kind, das Kontakt aufnimmt, bekommt mehr Zuwendung, und wer mehr Zuwendung bekommt, nimmt leichter Kontakt auf. Umgekehrt entzieht sich ein zurückgezogenes Kind der Aufmerksamkeit, die ihm helfen würde. Damit ist das Modell an dieser Stelle mit den Spiralvorstellungen anderer Ansätze verwandt.
Vier mögliche Ausgänge
Am Ende des Ablaufs steht nicht die Frage resilient oder nicht, sondern eine Unterscheidung von vier Ergebnissen. Diese Unterscheidung ist der praktisch nützlichste Teil des Modells, weil im Alltag ständig alle vier durcheinandergehen.
| Ausgang | Was geschieht | Wie es von außen aussieht |
|---|---|---|
| Belastungswachstum | Die Person geht mit mehr Fähigkeiten heraus, als sie hineingegangen ist | Der Fall, der in Vorträgen erzählt wird. Er ist nicht der häufigste |
| Rückkehr zum Ausgangsniveau | Nach einer Phase der Störung wird das frühere Funktionsniveau wieder erreicht | Der häufigste günstige Verlauf. Wird oft nicht als Erfolg gewertet, ist aber einer |
| Anpassung mit Verlusten | Es geht weiter, aber auf niedrigerem Niveau, etwa mit reduzierter Arbeitszeit | Wird häufig als Scheitern gedeutet, obwohl es eine tragfähige Anpassung sein kann |
| Fehlanpassung | Dauerhafte Verschlechterung, oft mit Folgeproblemen | Der Verlauf, den Prävention verhindern soll |
Gegen die Wachstumserzählung
Die verbreitete Vorstellung, Krisen machten stärker, betrifft genau einen von vier Ausgängen. Das Modell verlangt hier Genauigkeit: Wer nach einer schweren Zeit einfach wieder dort ist, wo er vorher war, hat nicht versagt. Das ist ein eigenständiges, gutes Ergebnis.
Was daraus geworden ist
12
randomisierte Studien zu familienbezogener Prävention
Foxcroft & Tsertsvadze 2011
9
davon mit Hinweisen auf Wirksamkeit
20 %
der Studien mit angemessen berichteter Verlosung
1999
Erstveröffentlichung des Rahmenmodells
Kumpfer ist nicht nur Theoretikerin, sondern hat aus diesem Denken auch familienbezogene Programme entwickelt. Die Wirksamkeit solcher Programme ist in einer Cochrane-Übersichtsarbeit geprüft worden, die zwölf randomisierte Studien einschloss.
Das Ergebnis ist typisch für dieses Feld und lehrreich. Neun der zwölf Studien zeigten Hinweise auf Wirksamkeit gegenüber einer Kontroll- oder Vergleichsgruppe, mit anhaltenden Effekten über den mittleren und längeren Zeitraum. Zugleich war die Berichtsqualität schlecht: Nur ein Fünftel der Studien beschrieb die Verlosung und die Verdeckung der Zuteilung angemessen. Wegen der großen Unterschiede zwischen Programmen und Zielgruppen fassten die Autoren die Ergebnisse nur beschreibend zusammen. Ihr Fazit: Die Effekte sind klein, aber überwiegend beständig und dauerhaft.
Welche Bestandteile tatsächlich wirken
Eine Auswertung zu Programmen gegen Kindesmisshandlung ist der Frage nachgegangen, welche einzelnen Bestandteile eines Programms den Unterschied machen. Das ist genau die Frage, die Kumpfers Modell aufwirft: Wenn die Vermittlung entscheidet, dann sollten sich wirksame und unwirksame Bestandteile unterscheiden lassen.
Das Modell als Auswertungsraster
Bis heute wird der Rahmen in Untersuchungen als Raster verwendet, um Verläufe zu ordnen. Eine chinesische Untersuchung zu berufstätigen Müttern nach der Rückkehr in den Job hat damit gearbeitet und beschreibt genau die Bewegung, die das Modell vorhersagt: Aus Belastung und Unterstützung entstehen in Wechselwirkung innere Merkmale, aus diesen entsteht Verhalten, und aus dem Verhalten in erneuter Wechselwirkung mit dem Umfeld eines von mehreren möglichen Ergebnissen.
Was diese Art von Beleg wert ist
Eine Untersuchung, die ein Modell als Auswertungsraster benutzt, kann es nicht bestätigen. Sie zeigt, dass sich Verläufe damit sinnvoll ordnen lassen. Für ein Rahmenmodell ist das der übliche Gebrauch und eine faire Erwartung. Man sollte es nur nicht als Wirksamkeitsnachweis lesen.
Wo das Modell unscharf bleibt
- Es ist zu umfassend, um falsifizierbar zu sein. Ein Modell, das Belastung, Umfeld, Wechselwirkung, Person, Prozess und Ergebnis enthält, lässt sich als Ganzes nicht widerlegen. Es ordnet, es sagt nicht vorher.
- Die Wechselwirkung bleibt unbestimmt. Der wichtigste Beitrag des Modells ist zugleich der am wenigsten ausgearbeitete. Wie genau ein Umstand zu einem inneren Merkmal wird, bleibt offen.
- Es stammt aus der Arbeit mit Kindern und Familien. Die Übertragung auf Erwachsene im Beruf ist verbreitet, aber nicht eigens geprüft.
- Es lädt zur Beliebigkeit ein. Weil alles seinen Platz findet, lässt sich jede Beobachtung nachträglich einordnen. Das fühlt sich nach Erklärung an und ist Beschreibung.
Praktische Anwendung
Den Filter suchen
20 Minuten, für ein Kind oder eine Person, um die es dir geht- 1
Die Belastung genau benennen
Einmalig oder dauerhaft, sichtbar oder verdeckt. Ein Umzug ist etwas anderes als eine dauerhaft angespannte Lage zu Hause, und beides verlangt Verschiedenes. - 2
Das Umfeld auflisten, ohne zu bewerten
Alles, was da ist: Personen, Orte, Vereine, Angebote, aber auch Risiken. Zwei Spalten, nebeneinander. - 3
Prüfen, was davon tatsächlich ankommt
Das ist der entscheidende Schritt. Welches dieser Angebote wird genutzt, und über wen läuft der Kontakt? Was auf der Liste steht, aber nicht genutzt wird, wirkt nicht. - 4
Eine Person benennen
Wer ist der Mensch, über den die Verbindung läuft oder laufen könnte? Wenn dir niemand einfällt, ist das das wichtigste Ergebnis dieser Übung. - 5
Eine Sache stärken, nicht fünf
Nach dem Modell wirkt die Vermittlung stärker als die Zahl der Angebote. Eine verlässliche Verbindung schlägt drei neue Kurse. - 6
Den Ausgang realistisch fassen
Welcher der vier Ausgänge ist hier ein gutes Ergebnis? Bei schwerer Belastung ist die Rückkehr auf das Ausgangsniveau ein Erfolg und kein Zwischenschritt zu etwas Besserem.
Passend dazu
Das Rahmenmodell der Resilienz
Der verwandte Ansatz, ebenfalls prozessorientiert.
Schutz- und Risikofaktoren
Die Faktorenliste, auf der Kumpfers Ablauf aufbaut.
Die Kauai-Studie
Die Längsschnittstudie, aus der die Beobachtung der einen verlässlichen Person stammt.
Das Interaktionsmodell
Die Frage, wie Person und Umwelt zusammenwirken, in anderer Zuspitzung.
Fazit
Kumpfers Beitrag liegt nicht in einer neuen Liste, sondern in einer Reihenfolge und in einer Leerstelle, die sie gefüllt hat. Zwischen einem guten Umfeld und einem gestärkten Menschen liegt ein eigener Vorgang, und dieser Vorgang läuft meist über eine Person.
Als überprüfbare Theorie taugt das Modell nicht, dafür ist es zu weit gefasst. Als Raster für die Praxis ist es brauchbar, weil es zwei Fragen erzwingt, die sonst übersprungen werden: Kommt das Angebot überhaupt an, und welcher Ausgang ist hier eigentlich ein guter?
Die Präventionsforschung stützt die Grundrichtung. Familienbezogene Programme wirken nach zwölf randomisierten Studien klein, aber beständig und über Jahre. Kleine, verlässliche Wirkung über lange Zeit ist bei Kindern genau das, worauf es ankommt.
Häufige Fragen
Was ist das Kumpfer-Modell?
Ein Rahmenmodell der Resilienz aus dem Jahr 1999, das Resilienz nicht als Eigenschaft beschreibt, sondern als Ablauf mit sechs Teilen: die Belastung, das Umfeld, die Wechselwirkung zwischen Umfeld und Person, die inneren Merkmale der Person, der Bewältigungsprozess und das Ergebnis.
Was unterscheidet es von Säulen- oder Faktorenmodellen?
Faktorenmodelle sagen, welche Merkmale mit guter Anpassung einhergehen. Kumpfer fragt, wie sie zusammenwirken und in welcher Reihenfolge. Der entscheidende Zusatz ist eine eigene Ebene für die Wechselwirkung: Ein günstiges Umfeld wirkt nicht direkt, sondern nur, wenn es beim Kind ankommt.
Was ist mit dem Filter gemeint?
Kumpfer beschreibt die Stelle, an der Umweltbedingungen in innere Merkmale übersetzt werden, als eigenen Prozess. Praktisch ist das meist eine Person: eine Lehrkraft, eine Trainerin, ein Nachbar. Ohne diese Vermittlung bleibt ein vorhandenes Angebot wirkungslos, weil es das Kind nicht erreicht.
Welche Ausgänge kennt das Modell?
Vier. Belastungswachstum, also gestärkt herausgehen. Rückkehr auf das Ausgangsniveau. Anpassung mit Verlusten, also weitermachen bei geringerem Funktionsniveau. Und Fehlanpassung. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil im Alltag alle vier Ausgänge häufig als Resilienz oder Versagen zusammengefasst werden.
Ist das Modell wissenschaftlich belegt?
Als Rahmen ist es weit verbreitet und wird bis heute als Auswertungsraster in Untersuchungen verwendet. Als Ganzes ist es nicht überprüfbar, weil es zu viele Bestandteile in zu allgemeiner Form enthält. Belegt sind einzelne Bausteine und die Programme, die aus diesem Denken hervorgegangen sind.
Was folgt daraus für Eltern und Fachkräfte?
Vor allem, nicht auf das Angebot zu setzen, sondern auf die Vermittlung. Ein Sportverein im Ort nützt einem Kind nichts, wenn niemand es hinbringt und niemand dort auf es zugeht. Die Präventionsforschung stützt das: Familienbezogene Programme wirken klein, aber beständig, und ihre Wirkung hält über Jahre an.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Kumpfer, K. L. (1999): Factors and Processes Contributing to Resilience. In: Resilience and Development, Longitudinal Research in the Social and Behavioral Sciences. Die Erstdarstellung des Rahmenmodells
- 2
Foxcroft, D. R. & Tsertsvadze, A. (2011): Universal family-based prevention programs for alcohol misuse in young people. Cochrane Database of Systematic Reviews. Zwölf randomisierte Studien zu familienbezogener Prävention, mit Bewertung des Verzerrungsrisikos
- 3
van der Put, C. E. et al. (2018): Identifying Effective Components of Child Maltreatment Interventions: A Meta-analysis. Clinical Child and Family Psychology Review. Auswertung, welche einzelnen Bestandteile von Programmen tatsächlich wirken
- 4
Guo, H. et al. (2022): The use of Kumpfer’s resilience framework in understanding the breastfeeding experience of employed mothers after returning to work: a qualitative study in China. International Breastfeeding Journal. Beispiel für die Anwendung des Rahmens als Auswertungsraster