Beruf & UnternehmenSelbstmanagement im Job

Boreout

Die Vorstellung, Unterforderung sei das angenehme Gegenstück zur Überlastung, hält der Datenlage nicht stand. Sie geht mit denselben Folgen einher.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein fast leerer Schreibtisch am Fenster mit aufgeklapptem Notebook, einem Notizbuch und einer Kaffeetasse, davor ein leerer Stuhl
Ein leerer Schreibtisch sieht nach Ruhe aus. Für die Person, die dort acht Stunden sitzt, ist er das oft nicht. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Der Begriff Boreout stammt aus einem Sachbuch, nicht aus der Forschung. Der Zustand, den er beschreibt, ist aber seit Jahren mit eigenen Instrumenten untersucht, und die Ergebnisse widersprechen der Alltagsannahme deutlich.

  • Boreout ist kein Diagnosebegriff, Langeweile bei der Arbeit ist ein Messkonstrukt.
  • In 87 finnischen Betrieben ging sie mit schlechterer Gesundheit einher.
  • Auslöser sind geringe Arbeitsmenge und geringe Ressourcen, nicht leichte Inhalte.
  • Die Folgen laufen über das Verhalten, das die Langeweile auslöst.
  • Job Crafting hing negativ mit Langeweile zusammen und schwächte die Folgen ab.

Was der Begriff meint

Boreout beschreibt einen Zustand aus Unterforderung, Desinteresse und Langeweile am Arbeitsplatz. Der Begriff stammt aus der Beratungsliteratur und steht in keinem Diagnosehandbuch, weder in der ICD noch im DSM.

Begriff und Messkonstrukt trennen

Das heißt nicht, dass es das Phänomen nicht gibt. Es heißt, dass niemand eine Diagnose Boreout stellen kann. Die Forschung arbeitet stattdessen mit Skalen für Langeweile bei der Arbeit, etwa der Dutch Boredom Scale. 2021 wurde zusätzlich eine eigene Bore-Out-Skala entwickelt und geprüft, die vier Dimensionen mit hoher interner Konsistenz ergab und deren Struktur für Männer und Frauen sowie für zwei Altersgruppen bestätigt wurde.

Für die Prüfung dieser Skala wurden die Werte gegen Selbstwert, Depressivität, erlebte Selbstwirksamkeit und erlebte Hilflosigkeit gerechnet. Genau diese Nachbarschaft macht den Unterschied zur Alltagsvorstellung aus: Es geht nicht um ein bisschen Leerlauf, sondern um eine Verbindung zu Hilflosigkeit und Selbstwert.

Die Gesundheitsdaten

Die größte Erhebung dazu stammt aus Finnland und umfasst 87 Betriebe. Sie hat Langeweile gegen Gesundheits- und Arbeitsgrößen gerechnet.

87

untersuchte Betriebe

11.468

befragte Beschäftigte

unter 36

Altersgruppe mit den höchsten Werten

Männer

Geschlecht mit den höchsten Werten

Langeweile im Job erhöhte die Wahrscheinlichkeit für Kündigungs- und Frühverrentungsabsichten, für schlechte selbst eingeschätzte Gesundheit, für geringe Arbeitsfähigkeit und für Stresssymptome.
Harju, Hakanen & Schaufeli 2014
Wo Langeweile am häufigsten berichtet wurde. Quelle: Harju et al. 2014
MerkmalBefund
GeschlechtMänner berichteten mehr Langeweile
AlterUnter 36-Jährige berichteten die höchsten Werte
BranchenVerkehr, Fertigung sowie Kunst, Freizeit und Unterhaltung
VerbreitungDas Phänomen betraf ein breites Spektrum an Wirtschaftszweigen

Die Erhebung ist eine Querschnittsuntersuchung. Sie zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen.

  • Der Branchenbefund überrascht. Kunst, Freizeit und Unterhaltung gelten als abwechslungsreich. Das spricht dafür, dass nicht das Berufsfeld entscheidet, sondern der konkrete Zuschnitt der Stelle.
  • Der Altersbefund ebenfalls. Die höchsten Werte fanden sich bei den Jüngsten, also bei Menschen mit der kürzesten Berufserfahrung und meist den engsten Entscheidungsspielräumen.
  • Arbeitsfähigkeit ist eine ernsthafte Größe. Sie sagt in Längsschnittstudien Frühverrentung und Erwerbsminderung voraus. Ein Zusammenhang damit ist kein Befindlichkeitsbefund.

Woher die Langeweile kommt

Eine japanische Untersuchung hat über drei Erhebungswellen geprüft, ob Langeweile und Arbeitsengagement dieselben Auslöser und Folgen haben, gerechnet im Rahmen des Modells von Anforderungen und Ressourcen.

Auslöser und Folgen im Vergleich. Quelle: Kawada et al. 2024, 1.019 Vollzeitbeschäftigte
GrößeLangeweile bei der ArbeitArbeitsengagement
ArbeitsmengeNegativ verknüpft, wenig Menge geht mit mehr Langeweile einherKein berichteter Zusammenhang
ArbeitsressourcenNegativ verknüpftPositiv verknüpft
Psychische BelastungPositiv verknüpftKein berichteter Zusammenhang
KündigungsabsichtPositiv verknüpftNegativ verknüpft
Inhaltliche AnforderungEntgegen der Erwartung kein bedeutsamer ZusammenhangNicht berichtet

Der überraschende Nullbefund

Dass die inhaltliche Anforderung nicht mit Langeweile zusammenhing, widerspricht der gängigen Erklärung, Boreout entstehe durch zu einfache Aufgaben. Die Autorengruppe nennt das ausdrücklich unerwartet und fordert weitere Untersuchungen. Was blieb, war die Menge und die Ausstattung: zu wenig zu tun und zu wenig, womit man arbeiten kann.

Der zweite wichtige Punkt dieser Arbeit: Langeweile ist nicht einfach das Fehlen von Engagement. Beide hatten unterschiedliche Auslöser und wirkten in unterschiedliche Richtungen auf Wohlbefinden und Bindung. Man kann also nicht davon ausgehen, dass Maßnahmen zur Steigerung des Engagements automatisch Langeweile beseitigen.

Das Verhalten dazwischen

Eine niederländische Untersuchung mit 189 Beschäftigten hat gefragt, warum Langeweile überhaupt schadet, und dabei zwischen dem Gefühl und dem Verhalten unterschieden, das darauf folgt.

  • Gefühl und Verhalten sind messbar verschieden. Langeweile bei der Arbeit und das dadurch ausgelöste Verhalten erwiesen sich als eigenständige, wenn auch verbundene Konstrukte.
  • Die Folgen liefen vollständig über das Verhalten. Langeweile hing mit depressiven Beschwerden, Belastung und kontraproduktivem Arbeitsverhalten zusammen, und diese Zusammenhänge wurden vollständig durch das Verhalten vermittelt.
  • Job Crafting wirkte an zwei Stellen. Es hing negativ mit Langeweile zusammen und schwächte zugleich den Zusammenhang zwischen Langeweile und dem folgenden Verhalten ab.
  • Je mehr Job Crafting, desto kleiner die indirekten Effekte. Die über das Verhalten vermittelten Folgen der Langeweile fielen umso geringer aus, je mehr die Befragten ihre Aufgabe eigenständig umgestalteten.

Warum das praktisch entlastet

Wenn die Folgen über das Verhalten laufen, ist der Zeitraum zwischen Gefühl und Schaden der Ansatzpunkt. Langeweile allein macht nach diesen Daten nicht krank. Der Rückzug, das Absitzen und das Ausweichen tun es.

Die Sache mit dem Smartphone

Was tut man, wenn einem langweilig ist? Eine Studie hat das nicht erfragt, sondern gemessen. 83 Promovierende gaben stündlich ihren Zustand an, während eine Anwendung ihre Smartphone-Nutzung durchgehend protokollierte.

Ergebnisse in beide Richtungen. Quelle: Dora et al. 2021
FrageBefund
Greifen Müde und Gelangweilte häufiger zum Handy?Ja, die Wahrscheinlichkeit einer Nutzung stieg
Nutzen sie es dann auch länger?Nein, die Dauer stieg nicht
Sind sie danach erholt?Nein, sie berichteten anschließend mehr Müdigkeit und mehr Langeweile

Die Autorengruppe hält weitere Forschung für nötig und spricht von möglichen erlebensbezogenen Kosten kurzer Handypausen.

Das ist ein einzelner Befund an einer sehr speziellen Gruppe, und die Studie sagt nicht, was stattdessen zu tun wäre. Aber sie stellt die naheliegendste Reaktion auf Leerlauf in Frage. Wer die Leere mit dem Telefon füllt, hat sie danach offenbar nicht weniger.

Praktisch

Für dich selbst

  • Setz an der Menge an, nicht am Schwierigkeitsgrad. Nach den Längsschnittdaten hing Langeweile mit geringer Arbeitsmenge und geringen Ressourcen zusammen, nicht mit der inhaltlichen Anspruchshöhe. Mehr davon zu bekommen ist die direktere Bitte als anspruchsvollere Aufgaben.
  • Job Crafting ist der einzige gut belegte Selbsthebel. Aufgaben erweitern, sich Kontakte im Haus suchen, den Sinn der Tätigkeit anders rahmen. Es hing in der Untersuchung sowohl mit weniger Langeweile als auch mit schwächeren Folgen zusammen.
  • Beobachte, was du in der Leerlaufstunde tust. Der Schaden lief über das Verhalten. Ein Leerlauf, den du für Weiterbildung, Dokumentation oder Aufräumarbeit nutzt, ist etwas anderes als einer, den du absitzt.
  • Nimm die Kündigungsabsicht ernst statt sie wegzuschieben. Sie war in beiden großen Erhebungen ein verlässlicher Begleiter der Langeweile. Nicht als Aufforderung zu kündigen, sondern als Signal, dass sich etwas ändern muss.

Für Führungskräfte

  • Unterforderung ist kein Zeichen von Schonung. In der finnischen Erhebung ging sie mit schlechterer Gesundheit und geringerer Arbeitsfähigkeit einher. Wer eine Person nach einer Krise dauerhaft mit wenig betraut, entlastet sie nicht zwingend.
  • Schau bei den Jüngsten und Neuen hin. Die höchsten Werte fanden sich bei unter 36-Jährigen. Wer noch nicht weiß, wie man sich Arbeit beschafft, sitzt sie ab.
  • Engagementmaßnahmen ersetzen keine Aufgabenverteilung. Langeweile und Engagement hatten unterschiedliche Auslöser. Ein Programm für mehr Engagement löst kein Auslastungsproblem.
  • Erlaube Job Crafting ausdrücklich. Es wirkt nur, wenn es nicht als Kompetenzüberschreitung gilt.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit und Grübeln auch außerhalb der Arbeit anhalten und länger als zwei Wochen bestehen, geht es nicht mehr um Arbeitsgestaltung. Depressive Beschwerden gehören in die Hausarztpraxis oder in eine psychotherapeutische Sprechstunde. Die Terminservicestelle ist unter 116 117 erreichbar.

Passend dazu

Fazit

Boreout ist keine Diagnose, aber der Zustand dahinter ist messbar und gut untersucht. In 87 finnischen Betrieben mit 11.468 Beschäftigten ging Langeweile bei der Arbeit mit schlechterer selbst eingeschätzter Gesundheit, geringerer Arbeitsfähigkeit, Stresssymptomen und Kündigungsabsichten einher.

Die häufigste Erklärung stimmt dabei nicht. In einer dreiwelligen Untersuchung mit 1.019 Beschäftigten hing Langeweile mit einer geringen Arbeitsmenge und mit wenigen Ressourcen zusammen, nicht mit zu einfachen Inhalten. Und sie ist nicht dasselbe wie fehlendes Engagement, sondern eine eigene Größe mit eigenen Auslösern.

Der Schaden lief in den Daten vollständig über das Verhalten, das auf die Langeweile folgt. Genau dort setzt der einzige gut belegte Hebel an: Job Crafting hing sowohl mit weniger Langeweile zusammen als auch mit schwächeren Folgen. Die naheliegendste Reaktion, der kurze Griff zum Telefon, gehört nach den vorliegenden Daten nicht dazu.

Häufige Fragen

Ist Boreout eine anerkannte Diagnose?

Nein. Boreout steht in keinem Diagnosehandbuch. Der zugrunde liegende Zustand, Langeweile bei der Arbeit, ist dagegen mit eigenen Fragebögen gut untersucht.

Ist Unterforderung wirklich schädlich?

In einer Erhebung in 87 finnischen Betrieben mit 11.468 Beschäftigten ging hohe Langeweile mit schlechterer selbst eingeschätzter Gesundheit, geringerer Arbeitsfähigkeit, Stresssymptomen sowie Kündigungs- und Frühverrentungsabsichten einher.

Wer ist besonders betroffen?

In der finnischen Erhebung berichteten Männer und unter 36-Jährige die höchsten Werte, ebenso Beschäftigte in Verkehr, Fertigung sowie in Kunst, Freizeit und Unterhaltung.

Entsteht Boreout durch zu leichte Aufgaben?

Eine dreiwellige Untersuchung mit 1.019 Vollzeitbeschäftigten fand einen Zusammenhang mit geringer Arbeitsmenge und geringen Arbeitsressourcen. Ein Zusammenhang mit der inhaltlichen Anforderung zeigte sich entgegen der Erwartung nicht.

Was hilft nachweislich?

In einer Untersuchung mit 189 Beschäftigten hing Job Crafting, also das eigenständige Umgestalten der Aufgabe, negativ mit Langeweile zusammen und schwächte deren Folgen ab.

Hilft eine kurze Pause am Handy?

Eine Studie mit stündlicher Befragung und mitgeloggter Nutzung fand das Gegenteil: Die Teilnehmenden berichteten nach der Handynutzung mehr Müdigkeit und mehr Langeweile als davor.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Harju, L., Hakanen, J. J. & Schaufeli, W. B. (2014): Job boredom and its correlates in 87 Finnish organizations. Journal of Occupational and Environmental Medicine. 11.468 Beschäftigte, Dutch Boredom Scale

  2. 2

    Kawada, M. et al. (2024): Boredom and engagement at work: do they have different antecedents and consequences?. Industrial Health. Dreiwellige Längsschnitterhebung, 1.019 Vollzeitbeschäftigte, Strukturgleichungsmodell

  3. 3

    van Hooff, M. L. M. & van Hooft, E. A. J. (2014): Boredom at work: proximal and distal consequences of affective work-related boredom. Journal of Occupational Health Psychology. Befragung von 189 Beschäftigten

  4. 4

    Dora, J. et al. (2021): Fatigue, boredom and objectively measured smartphone use at work. Royal Society Open Science. 83 Promovierende, stündliche Selbstauskunft bei durchgehend protokollierter Smartphone-Nutzung

  5. 5

    Poirier, C., Gelin, M. & Mikolajczak, M. (2021): Creation and Validation of the First French Scale for Measuring Bore-Out in the Workplace. Frontiers in Psychology. Entwicklung und Prüfung der Work Bore-Out Scale