Kinder & Pädagogik

Selbstwirksamkeit bei Kindern: Warum wir nicht jeden Stein aus dem Weg räumen sollten

Veröffentlicht am Aktualisiert am Redaktion Resilienzkurse.de

Wir wollen unsere Kinder vor jedem Schmerz bewahren. Doch wer nie hinfällt, lernt nicht, wie man wieder aufsteht. Wahre innere Stärke entsteht aus eigenen Erfahrungen.

Was ist kindliche Selbstwirksamkeit?

Selbstwirksamkeit (engl. self-efficacy) ist die subjektive Überzeugung eines Kindes, Anforderungen und schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Sie ist das Gegenteil der erlernten Hilflosigkeit (Seligman), und einer der stärksten Prädiktoren für Resilienz im späteren Leben.

Albert Bandura, der bedeutendste Selbstwirksamkeitsforscher, unterscheidet Selbstwirksamkeit von Selbstwertgefühl: Selbstwert fragt „Bin ich gut?", Selbstwirksamkeit fragt „Kann ich das?"

Erlernte Hilflosigkeit

Entsteht, wenn ein Kind wiederholt erlebt, dass eigenes Handeln keine Wirkung hat, weil Eltern immer eingreifen oder weil Scheitern als Katastrophe behandelt wird. Folge: Passivität, Vermeidung, Resignation.

Hohe Selbstwirksamkeit

Entsteht durch eigene Bewältigungserfahrungen. Das Kind erlebt: „Ich habe das Problem gelöst, aus eigener Kraft." Folge: Neugier, Ausdauer, Problemlösungsmotivation.

Banduras 4 Quellen der Selbstwirksamkeit

Nach Bandura (1977) speist sich die Selbstwirksamkeitserwartung aus vier Quellen, nach Bedeutung absteigend sortiert:

1

Eigene Erfolgserlebnisse

Stärkste Quelle

Das Kind klettert alleine auf das Klettergerüst. Es löst ein Matheproblem eigenständig. Es streitet sich mit einem Freund und versöhnt sich. Jede selbst gemeisterte Herausforderung stärkt die Überzeugung: „Ich kann das."

Tipp: Nie zu früh eingreifen. Warten, bis das Kind um Hilfe bittet.
2

Stellvertretende Erfahrungen

Vorbilder und Modelle

Das Kind beobachtet ein Geschwisterkind oder einen Freund, der ein Problem löst. „Wenn der das kann, kann ich das auch." Ähnlichkeit zum Vorbild ist entscheidend.

Tipp: Vorbilder mit ähnlichen Hintergründen sichtbar machen, nicht nur Hochleister.
3

Ermutigung durch Bezugspersonen

Soziale Persuasion

„Ich traue dir das zu!" ist mächtiger als „Pass auf!" Ermutigung signalisiert: Mein Umfeld glaubt an meine Fähigkeiten. Das erhöht die Anstrengungsbereitschaft.

Tipp: Prozess loben statt Talent: „Du hast so ausdauernd gearbeitet" statt „Du bist so schlau".
4

Interpretation physiologischer Zustände

Emotionale Regulation

Herzklopfen vor einem Vortrag kann als Angst oder als Aufregung interpretiert werden. Kinder lernen: „Mein Herz klopft, weil ich gespannt bin, das ist normal und kein Gefahrensignal."

Tipp: Körperliche Stresssignale erklären und umdeuten: „Das zeigt, dass dir das wichtig ist."
Banduras vier Quellen, nach Wirkstärke

Eigene Erfolgserlebnisse

4

Stärkste Quelle. Nicht zu früh eingreifen, sondern warten, bis das Kind um Hilfe bittet

Beobachten anderer

3

Wirkt, wenn das Vorbild als ähnlich erlebt wird

Zuspruch

2

Hilft nur zusammen mit eigenen Erfahrungen

Körperempfinden

1

Aufregung als Vorfreude deuten statt als Angst

MerkmalWert in
Eigene Erfolgserlebnisse4
Beobachten anderer3
Zuspruch2
Körperempfinden1

Die Reihenfolge stammt von Bandura und ist als Rangfolge zu lesen. Sie erklärt, warum Zuspruch allein wenig bewirkt: Er steht auf Platz drei, nicht auf Platz eins.

Die Gefahr des Overparenting

Helikopter-Eltern (Hovering Parents) und Curling-Eltern (die alle Steine aus dem Weg räumen) handeln aus Liebe. Der Effekt ist jedoch kontraproduktiv: Sie nehmen dem Kind genau die Erfahrungen, die Selbstwirksamkeit aufbauen.

Die unbewusste Botschaft

Wenn Eltern jedes Problem lösen, den vergessenen Turnbeutel hinterherfahren, den Streit mit dem Freund klären, die Hausaufgaben erklären bevor das Kind es versucht hat, senden sie unbewusst die Botschaft: „Du bist allein nicht fähig dazu."

SituationOverparentingSelbstwirksamkeit fördern
Vergessenes HeftEltern bringen es in die SchuleKind trägt die Konsequenz beim Lehrer
Streit mit FreundEltern rufen bei anderen Eltern anKind spricht es selbst an (mit Begleitung)
Schwierige AufgabeEltern erklären sofort die LösungLösungsorientierte Frage: „Was könntest du versuchen?"
Sportliche NiederlageEltern trösten und relativieren sofortRaum geben für Enttäuschung, dann: „Was nimmst du mit?"

Praxis-Tipps für den Alltag

Altersgerechte Verantwortung übertragen

Tisch decken, Haustier füttern, das eigene Zimmer aufräumen. Kleine Pflichten geben dem Kind das Erleben: „Ich trage zu dieser Familie bei."

Lösungsorientierte Fragen stellen

Statt „Ich erkläre dir das": „Was denkst du, wie das funktionieren könnte?" Das Kind kommt selbst auf die Lösung, und erlebt seinen eigenen Verstand als Ressource.

Scheitern normalisieren

Erzählen Sie von Ihren eigenen Misserfolgen und wie Sie damit umgegangen sind. Modelllernen ist Banduras zweite Quelle, und Eltern sind die mächtigsten Modelle.

Prozess vor Ergebnis loben

Statt „Du bist so klug" lieber „Du hast dich so angestrengt und es nicht aufgegeben." Ergebnis-Lob fördert Fixed Mindset; Prozess-Lob fördert Growth Mindset (Dweck).

Häufige Fragen

Was ist kindliche Selbstwirksamkeit?

Selbstwirksamkeit ist die subjektive Überzeugung eines Kindes, Anforderungen und Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Sie ist der direkte Gegenpol zur erlernten Hilflosigkeit und eines der stärksten Resilienzkorrelate.

Was ist Overparenting und warum schadet es?

Overparenting (Helikopter-Eltern) bezeichnet das übermäßige Eingreifen in kindliche Problemsituationen. Es verhindert eigene Bewältigungserfahrungen und sendet die Botschaft: "Du kannst das nicht alleine." Das schwächt die Selbstwirksamkeit.

Was sind Banduras 4 Quellen der Selbstwirksamkeit?

Nach Albert Bandura entstehen Selbstwirksamkeitserwartungen aus: (1) eigenen Erfolgserlebnissen, (2) stellvertretenden Erfahrungen (Vorbilder), (3) sozialer Ermutigung und (4) der Interpretation physiologischer Zustände.

Wie kann ich die Selbstwirksamkeit meines Kindes fördern?

Altersgerechte Verantwortung übertragen, Prozess statt Ergebnis loben, Probleme nicht sofort lösen sondern lösungsorientierte Fragen stellen, Fehler als Lernchancen rahmen, das sind die wirksamsten alltäglichen Maßnahmen.

Quellen

Seligman, M. E. P. (1975). Helplessness: On Depression, Development, and Death. Freeman.
Dweck, C. S. (2006). Mindset: The New Psychology of Success. Random House.
Schore, A. N. (2003). Affect Regulation and the Repair of the Self. Norton.