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Mantra-Meditation

Ein Wort, innerlich wiederholt, zwanzig Minuten lang. Mantra-Meditation ist die älteste und weltweit verbreitetste Meditationsform und ausgerechnet die, bei der die Forschung am weitesten auseinandergeht. Der Grund dafür ist aufschlussreich.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Hände im Schoß halten eine Gebetskette aus Holzperlen, eine Perle zwischen Daumen und Zeigefinger
Die Perlenkette zählt die Wiederholungen, damit die Aufmerksamkeit nicht mitzählen muss. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Mantra-Meditation ist weltweit die verbreitetste Meditationsform und in der Forschung die mit der unübersichtlichsten Lage. Wer nach Belegen sucht, findet je nach Quelle einen eindrucksvollen Effekt oder so gut wie nichts. Beides lässt sich erklären.

  • Ein Wort oder eine Silbe wird im Sitzen innerlich wiederholt und dient als Ankerpunkt.
  • Die unabhängige JAMA-Übersicht fand für mantrabasierte Programme geringe oder unzureichende Belege.
  • Eine Metaanalyse zur Transzendentalen Meditation fand dagegen einen mittleren Effekt auf Ängstlichkeit.
  • Der Widerspruch erklärt sich vor allem aus unterschiedlichen Einschlusskriterien und der Herkunft der Studien.
  • Für die Praxis heißt das: brauchbarer Zugang zur Meditation, aber keine belegte Überlegenheit.

Was Mantra-Meditation ist

Du sitzt aufrecht, schließt die Augen und wiederholst ein Wort innerlich, ohne es auszusprechen. Wenn die Gedanken abschweifen, kehrst du zur Wiederholung zurück. Mehr gehört nicht dazu. Häufig wird eine Perlenkette benutzt, um Durchgänge zu zählen, damit das Zählen nicht im Kopf stattfinden muss.

Die Praxis ist in fast allen religiösen Traditionen zu Hause: im Hinduismus als Japa, im Buddhismus als Rezitation, im orthodoxen Christentum als Herzensgebet, im Islam als Dhikr. In den westlichen Raum kam sie in den 1960er Jahren vor allem über die Transzendentale Meditation, die eine standardisierte Form daraus machte und sie kostenpflichtig vermittelt.

Was Mantra-Meditation von benachbarten Übungen unterscheidet
ÜbungAnkerpunktWo geübt wird
Mantra-MeditationEin selbst erzeugtes Wort, innerlich wiederholtIm Sitzen, in einer festen Zeit von 10 bis 20 Minuten
AchtsamkeitsmeditationDer Atem, also etwas ohnehin VorhandenesIm Sitzen, in einer festen Zeit
Wiederholung im AlltagDasselbe Wort, aber verteilt über den TagIm Gehen, Warten, Anstehen. Eigene Studienlage, siehe eigener Artikel
AffirmationEin bedeutungsvoller Satz über sich selbstPunktuell, mit dem Ziel einer inhaltlichen Wirkung

Der Widerspruch in der Forschung

Hier lohnt es sich, zwei Arbeiten aus demselben Jahr nebeneinanderzulegen. Beide sind seriös durchgeführt, beide betreffen Mantra-Meditation, und sie kommen zu entgegengesetzten Schlüssen.

47

Studien in der unabhängigen JAMA-Übersicht

Goyal et al. 2014

8

davon zu mantrabasierten Programmen

16

Studien in der Metaanalyse zur Transzendentalen Meditation

Orme-Johnson & Barnes 2014

1295

Teilnehmende darin

Die unabhängige Übersicht

Die Arbeit in der JAMA Internal Medicine wurde im Auftrag einer amerikanischen Gesundheitsbehörde erstellt und schloss nur Studien mit aktiver Vergleichsgruppe ein, also solche, in denen die andere Gruppe ebenfalls etwas bekam. Von 47 eingeschlossenen Studien betrafen acht mantrabasierte Programme.

Das Ergebnis für diese acht: geringe Belege für keinen Effekt oder unzureichende Belege für irgendeinen Effekt auf die untersuchten Größen. Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass nur sehr wenige mantrabasierte Programme ihre Einschlusskriterien erfüllten und dies die Aussagekraft deutlich einschränkte. Für achtsamkeitsbasierte Programme fanden dieselben Autoren mittlere Belege für eine Verbesserung von Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit und Schmerz.

Die Metaanalyse zur Transzendentalen Meditation

Die zweite Arbeit beschränkte sich auf eine einzige Variante und fand 16 Studien mit 1295 Teilnehmenden zur Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal. Gegenüber aktiven Vergleichsbehandlungen ergab sich eine Effektstärke von 0,50, gegenüber Warteliste oder üblicher Versorgung 0,62. Auffällig war ein weiterer Befund: Je höher die Ängstlichkeit zu Beginn, desto größer der Effekt.

Dieselbe Meditationsform, verschiedene Auswertungen

Mantrabasierte Programme, unabhängige Übersicht

0

Geringe Belege für keinen Effekt oder unzureichende Belege für einen Effekt, bei nur acht eingeschlossenen Studien.

Transzendentale Meditation gegen aktive Vergleichsgruppe

0,5

Mittlerer Effekt auf Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal.

Transzendentale Meditation gegen Warteliste

0,62

Wie fast immer fällt der Vergleich gegen Nichtstun günstiger aus.

Zum Vergleich: Achtsamkeit auf Angst

0,38

Aus derselben unabhängigen Übersicht, nach acht Wochen Übung.

MerkmalWert in
Mantrabasierte Programme, unabhängige Übersicht0
Transzendentale Meditation gegen aktive Vergleichsgruppe0.5
Transzendentale Meditation gegen Warteliste0.62
Zum Vergleich: Achtsamkeit auf Angst0.38

Effektstärken auf Ängstlichkeit. Der oberste Balken steht für ein Ergebnis, das in der unabhängigen Übersicht nicht abgesichert werden konnte. Quellen: Goyal et al. 2014, Orme-Johnson und Barnes 2014.

Wie das aufzulösen ist

Der Widerspruch ist kleiner, als er aussieht, und die Gründe dafür sind lehrreich.

  • Unterschiedliche Einschlusskriterien. Die JAMA-Übersicht verlangte eine aktive Vergleichsgruppe, um Erwartungseffekte auszuschließen. Damit fielen die meisten Mantra-Studien heraus, bevor sie überhaupt bewertet wurden.
  • Unterschiedliche Zielgrößen. Die Metaanalyse betrachtete allein Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal, die Übersicht ein breites Spektrum von Stress bis Schlaf.
  • Unterschiedliche Nähe zur Methode. Die Metaanalyse stammt von Autoren aus dem Umfeld der Transzendentalen Meditation. Sie haben den Einfluss der Zugehörigkeit der Studienautoren ausdrücklich mitgeprüft und keinen Zusammenhang gefunden, aber die Frage bleibt bei der Einordnung mitzudenken.
  • Wenige Studien insgesamt. Acht Studien in der einen, sechzehn in der anderen Arbeit. Beide Zahlen sind klein für so weitreichende Aussagen.

Was daraus praktisch folgt

Mantra-Meditation ist als Zugang zur Meditation brauchbar und für viele Menschen leichter als die Atembeobachtung. Was sich nach heutigem Stand nicht sagen lässt, ist, dass sie der Achtsamkeitsmeditation überlegen wäre. Wo direkt verglichen wurde, ist die Datenlage für achtsamkeitsbasierte Programme die belastbarere.

Deutlich besser sieht es übrigens für eine verwandte Anwendung aus: die Wiederholung desselben Wortes verteilt über den Tag statt in einer Sitzung. Dazu liegt eine eigene Auswertung von zwölf Studien vor, und die Ergebnisse sind konsistenter. Das ist Thema eines eigenen Artikels.

Die Wahl des Wortes

Um die Frage, ob ein bestimmtes Mantra besser wirkt als ein anderes, ranken sich viele Behauptungen. Belege dafür gibt es nicht. Was sich aus der Praxis und aus den untersuchten Programmen ableiten lässt, sind drei Anforderungen.

Woran sich ein brauchbares Mantra erkennen lässt
AnforderungWarumBeispiele
Kein alltäglicher BeiklangEin Wort, das dich an Einkaufszettel oder Termine erinnert, holt dich aus der ÜbungTraditionelle Silben, Wörter in einer Sprache, die du nicht sprichst
Ein gleichmäßiger RhythmusDas Wort soll sich mit dem Atem verbinden lassen, ohne zu stolpernZwei bis vier Silben, keine Konsonantenhäufungen
Kein BewertungsgehaltEin Satz, der eine Behauptung über dich aufstellt, lädt zum Widersprechen einNicht: Ich bin ruhig. Sondern ein Wort ohne Aussage

Traditionell oder selbst gewählt

In den untersuchten Programmen wurden sowohl traditionelle Silben als auch Wörter aus der eigenen religiösen Tradition und neutrale Wörter verwendet. Ein Vorteil einer bestimmten Variante ist nicht belegt. Wer sich mit Sanskrit unwohl fühlt, nimmt ein deutsches oder ein selbst erfundenes Wort. Wer aus einer religiösen Tradition kommt, findet dort meist etwas Passendes.

Anleitung

Zehn Minuten Mantra-Meditation

10 Minuten, täglich zur selben Zeit
  1. 1

    Ein Wort festlegen und dabei bleiben

    Ein Wort, zwei bis vier Silben, ohne Alltagsbezug. Diese Wahl triffst du einmal. Wer jede Woche wechselt, fängt jedes Mal von vorn an.
  2. 2

    Aufrecht sitzen, Augen schließen

    Anders als beim Zen sind hier geschlossene Augen üblich. Auf einem Stuhl mit angelehntem Rücken ist völlig in Ordnung.
  3. 3

    Innerlich wiederholen, nicht sprechen

    In einem ruhigen Rhythmus, ohne die Geschwindigkeit zu erzwingen. Viele verbinden die Wiederholung mit der Ausatmung, nötig ist das nicht.
  4. 4

    Beim Abschweifen kommentarlos zurück

    Du wirst regelmäßig merken, dass die Wiederholung aufgehört hat und du woanders warst. Das ist kein Fehler, das ist die Übung. Zurück zum Wort, ohne Bewertung.
  5. 5

    Mit einer Kette zählen, wenn du magst

    Eine Perlenkette nimmt dem Kopf das Zählen ab und gibt den Händen etwas zu tun. Für unruhige Menschen ist das oft der entscheidende Unterschied.
  6. 6

    Am Ende eine Minute nachsitzen

    Die Wiederholung beenden, aber sitzen bleiben. Der Übergang gehört zur Übung, und aufspringen kostet den Effekt der letzten zehn Minuten.

Typische Fehler

  • Das Wort ständig wechseln. Die Vertrautheit ist ein Teil der Wirkung und entsteht nur durch Wiederholung über Wochen.
  • Einen Satz mit Bedeutung wählen. Sätze über dich selbst laden zum inneren Widersprechen ein. Dafür gibt es eigene Übungen, aber es ist keine Mantra-Meditation.
  • Immer schneller werden. Ein hastiger Rhythmus erzeugt Anspannung statt Ruhe. Wenn du merkst, dass du hetzt, einmal ausatmen und langsamer neu beginnen.
  • Erfolg am Aufhören der Gedanken messen. Gedanken hören nicht auf. Die Übung besteht im Zurückkommen, nicht im Erreichen eines leeren Kopfes.
  • Für ein Mantra bezahlen. Ein persönlich zugeteiltes Wort ist Teil eines Kursangebots, nicht der Wirkmechanismus. Die Übung funktioniert mit einem selbst gewählten Wort genauso.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei einer behandlungsbedürftigen Angststörung oder Depression ist Meditation eine Ergänzung und kein Ersatz für Behandlung. Wer beim Sitzen mit geschlossenen Augen regelmäßig unruhiger wird oder in belastende Erinnerungen gerät, wechselt zu einer Übung mit Außenwahrnehmung und spricht darüber mit einer Fachperson.

Passend dazu

Fazit

Mantra-Meditation ist ein guter Einstieg in die Meditation, besonders für Menschen, denen die Atembeobachtung zu fein und zu unbestimmt ist. Ein selbst erzeugter Ankerpunkt ist leichter zu halten als ein beobachteter.

Was die Studienlage nicht hergibt, ist die Behauptung einer besonderen Wirkung. Die unabhängige Übersicht mit den strengsten Kriterien fand für mantrabasierte Programme geringe oder unzureichende Belege, während sie für achtsamkeitsbasierte Programme mittlere Belege fand. Die günstigen Zahlen stammen aus einer Auswertung, die sich auf eine Variante beschränkt und aus deren Umfeld kommt.

Bemerkenswerter ist eine benachbarte Anwendung: dasselbe Wort nicht in einer Sitzung, sondern über den Tag verteilt zu wiederholen. Dafür ist die Beleglage klarer, und für die meisten Menschen ist es auch der praktikablere Weg.

Häufige Fragen

Was ist Mantra-Meditation?

Eine Meditationsform, bei der ein Wort, eine Silbe oder ein kurzer Satz im Sitzen immer wieder innerlich wiederholt wird. Die Wiederholung ist der Ankerpunkt der Aufmerksamkeit, so wie bei anderen Formen der Atem. Sie kommt in fast allen religiösen Traditionen vor, im Hinduismus und Buddhismus ebenso wie im christlichen Herzensgebet.

Wirkt Mantra-Meditation?

Hier gehen die Auswertungen auseinander. Eine unabhängige Übersicht in einer medizinischen Spitzenzeitschrift fand für mantrabasierte Programme geringe oder unzureichende Belege für eine Wirkung auf psychische Belastung. Eine Metaanalyse zur Transzendentalen Meditation fand dagegen einen mittleren Effekt auf Ängstlichkeit. Beide Aussagen stimmen, weil sie unterschiedliche Studien einschließen.

Was ist der Unterschied zur Achtsamkeitsmeditation?

Bei der Achtsamkeitsmeditation beobachtest du, was ohnehin da ist, meist den Atem, und kehrst nach dem Abschweifen dorthin zurück. Bei der Mantra-Meditation erzeugst du selbst etwas, nämlich die Wiederholung. Für viele Menschen ist das der leichtere Zugang, weil ein selbst erzeugter Anker deutlicher wahrnehmbar ist als ein beobachteter.

Muss das Mantra aus dem Sanskrit stammen?

Nein. Untersucht wurden sowohl traditionelle Silben als auch Wörter aus der eigenen religiösen Tradition und neutrale Wörter. Entscheidend ist, dass das Wort für dich keinen alltäglichen Beiklang hat und sich in einem gleichmäßigen Rhythmus wiederholen lässt.

Wie lange und wie oft?

In der Forschung zur Transzendentalen Meditation sind zwei Sitzungen von jeweils 20 Minuten täglich üblich. Für den Einstieg reichen zehn Minuten einmal täglich. Wiederholte Messungen in einer Metaanalyse zeigten deutliche Veränderungen bereits in den ersten zwei Wochen.

Muss ich für Transzendentale Meditation bezahlen?

Die Transzendentale Meditation wird über eine Organisation mit kostenpflichtigem Kursaufbau vermittelt, bei der man ein persönliches Mantra zugeteilt bekommt. Die Meditationsform selbst, also die Wiederholung eines Wortes im Sitzen, lässt sich ohne Kurs üben und ist in keiner Weise geschützt.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Goyal, M. et al. (2014): Meditation programs for psychological stress and well-being: a systematic review and meta-analysis. JAMA Internal Medicine. 47 Studien mit 3515 Teilnehmenden, mit getrennter Bewertung von achtsamkeits- und mantrabasierten Programmen

  2. 2

    Orme-Johnson, D. W. & Barnes, V. A. (2014): Effects of the transcendental meditation technique on trait anxiety: a meta-analysis of randomized controlled trials. The Journal of Alternative and Complementary Medicine. 16 Studien mit 1295 Teilnehmenden, mit Prüfung mehrerer Einflussgrößen

  3. 3

    Khoury, B. et al. (2013): Mindfulness-based therapy: a comprehensive meta-analysis. Clinical Psychology Review. Vergleichsmaßstab aus der besser untersuchten Meditationsrichtung

  4. 4

    Schneider, J. K. et al. (2023): Mantram repetition and psychological distress: A systematic review and meta-analysis. Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing. Zwölf Studien zur über den Tag verteilten Wiederholung, als Abgrenzung zur Sitzpraxis