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Der Worry Tree

Kann ich jetzt etwas tun? Und wenn ja, jetzt oder später? Zwei Fragen, aus denen sich ein Entscheidungsbaum ergibt, der Grübeln von Problemlösen trennt. Warum das mehr ist als eine Sortierhilfe.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Frau sitzt abends am Küchentisch, vor sich ein Notizbuch mit einem handgezeichneten Verzweigungsdiagramm, und blickt nachdenklich aus dem Fenster
Der Baum funktioniert auf Papier deutlich besser als im Kopf. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Der Worry Tree wird oft als Sortierwerkzeug beschrieben, und das greift zu kurz. Sein eigentlicher Beitrag ist eine unbequeme Feststellung: Bei einem großen Teil der Sorgen gibt es nichts zu tun, und Weitergrübeln ist dann keine Vorsichtsmaßnahme, sondern nur teuer.

  • Zwei Fragen: Kann ich überhaupt etwas tun? Und wenn ja, jetzt oder später?
  • Ergebnis: entweder eine Handlung, ein terminierter Plan oder die bewusste Entscheidung, die Aufmerksamkeit umzulenken.
  • Herkunft: kognitive Verhaltenstherapie, verbreitet über Selbsthilfematerial im britischen Gesundheitswesen.
  • Der wirksame Teil ist nicht das Sortieren, sondern was danach mit den unlösbaren Sorgen passiert.
  • Für das verwandte Aufschieben von Sorgen gibt es kontrollierte Studien, für die Baumgrafik selbst nicht.

Was der Worry Tree ist

Der Worry Tree ist ein Entscheidungsbaum für Sorgen. Er stammt aus der kognitiven Verhaltenstherapie und fasst als Grafik zusammen, was dort ohnehin gearbeitet wird. Bekannt geworden ist er über Arbeitsblätter, die im britischen Gesundheitswesen an Patientinnen und Patienten ausgegeben werden. Ein einzelner Urheber lässt sich nicht sauber benennen, was bei Selbsthilfematerial dieser Art die Regel ist.

Sein Ausgangspunkt ist eine Beobachtung aus der Sorgenforschung: Menschen unterscheiden im Alltag kaum zwischen Sorgen, die auf ein lösbares Problem zeigen, und Sorgen, die sich um etwas drehen, das sich nicht beeinflussen lässt. Beide fühlen sich gleich dringend an. Nur verlangt die eine Sorte eine Handlung und die andere eine Entscheidung.

Der Denkfehler, den der Baum korrigiert

Sorgen fühlen sich nützlich an. Es entsteht der Eindruck, man arbeite an etwas, solange man darüber nachdenkt. Bei lösbaren Problemen stimmt das für eine Weile. Bei unlösbaren ist das Gefühl von Zuständigkeit genau das, was die Schleife am Laufen hält.

Die beiden Fragen

Der Ablauf in vier Schritten
  1. Schritt 1

    Sorge benennen

    In einem Satz aufschreiben, worum es geht. Nicht im Kopf behalten.

  2. Schritt 2

    Kann ich etwas tun?

    Nein: weiter zum letzten Schritt. Ja: weiter zur zweiten Frage.

  3. Schritt 3

    Jetzt oder später?

    Jetzt: den ersten Schritt sofort erledigen. Später: Plan mit Datum und Uhrzeit notieren.

  4. Schritt 4

    Aufmerksamkeit umlenken

    In beiden Fällen bewusst zu einer Tätigkeit wechseln, die Aufmerksamkeit bindet.

Darstellung der gängigen Fassung des Worry Tree. Der letzte Schritt ist derselbe für beide Zweige und wird am häufigsten ausgelassen.

Der Worry Tree auf Papier

5 Minuten je Sorge
  1. 1

    Die Sorge in einem Satz aufschreiben

    Nicht „die Arbeit", sondern „ich schaffe die Abgabe am Freitag nicht". Unscharfe Sorgen lassen sich nicht prüfen, das ist der halbe Effekt.
  2. 2

    Frage eins ehrlich beantworten

    Kann ich etwas tun, das den Ausgang beeinflusst? Nicht: Wäre es schön, wenn es anders wäre. Sondern: Gibt es eine Handlung, die in meiner Hand liegt?
  3. 3

    Bei Ja: den ersten Schritt festlegen, nicht die Lösung

    Eine konkrete Handlung, die höchstens zehn Minuten dauert. „Mit Anna klären, ob Montag auch geht" statt „Projekt neu planen".
  4. 4

    Bei Später: Datum und Uhrzeit dazuschreiben

    Ohne Termin bleibt die Sorge im Umlauf, weil ein Teil von dir sie weiter im Blick behalten muss. Der Termin ist das, was den Kopf entlastet.
  5. 5

    Umlenken, und zwar zu etwas Konkretem

    „Nicht mehr daran denken" funktioniert nicht. Eine Tätigkeit, die Aufmerksamkeit fordert, funktioniert: telefonieren, kochen, rausgehen, etwas mit den Händen tun.

Zwei Sorten Sorgen, zwei Vorgehensweisen

Die Unterscheidung wirkt banal, bis man sie an konkreten Beispielen durchspielt. Dann zeigt sich, dass die meisten belastenden Sorgen im rechten unteren Feld liegen: Sie betreffen etwas Wichtiges, das sich nicht beeinflussen lässt.

Wo eine Sorge einzuordnen ist
große Bedeutunggeringe Bedeutung

Wichtig, nicht beeinflussbar

Diagnose eines Angehörigen, weltpolitische Lage. Hier ist Umlenken keine Kapitulation, sondern die einzige verfügbare Handlung.

Wichtig und beeinflussbar

Die Abgabe am Freitag, das ungeführte Gespräch. Hier gehört Nachdenken hin, und zwar bis zum ersten Schritt.

Nebensächlich, nicht beeinflussbar

Das Wetter am Wochenende. Fällt meist von selbst weg, sobald es einmal aufgeschrieben ist.

Nebensächlich, beeinflussbar

Die unbeantwortete Nachricht. Meist in zwei Minuten erledigt, wenn man es merkt.

nicht beeinflussbarbeeinflussbar

Die Felder ergeben sich aus den beiden Fragen des Worry Tree. Das rechte obere Feld ist das einzige, in dem Nachdenken tatsächlich etwas ändert.

Warum das Umlenken kein Wegdrücken ist

Der häufigste Einwand lautet, das sei Verdrängung mit besserem Namen. Der Unterschied liegt in der Reihenfolge. Verdrängung setzt vor der Prüfung an: Der Gedanke soll gar nicht erst da sein. Der Worry Tree lässt ihn zu, schreibt ihn auf, prüft ihn und entscheidet dann.

Das ist auch praktisch bedeutsam. Wer Gedanken wegdrückt, muss dauerhaft Aufmerksamkeit darauf verwenden, sie unten zu halten. Wer entschieden hat, dass nichts zu tun ist, muss das nicht.

Die Sorgenzeit

Für den unlösbaren Zweig gibt es eine Erweiterung, die deutlich besser untersucht ist als der Baum selbst: ein fester Termin für Sorgen, meist 15 bis 30 Minuten am Tag, immer zur selben Zeit und nicht kurz vor dem Schlafengehen.

Das Prinzip stammt aus der Reizkontrolle und wurde ursprünglich für Schlafstörungen entwickelt. Der Gedanke dahinter: Sorgen sollen nicht mehr überall und jederzeit auftreten können, sondern an einen Ort und eine Zeit gebunden werden. Tagsüber wird jede Sorge notiert und auf den Termin verschoben.

Was in der Sorgenzeit tatsächlich passiert

Die meisten Menschen berichten dasselbe: Ein guter Teil der aufgeschriebenen Sorgen ist am Abend nicht mehr dringend, und für den Rest reichen selten die vollen 20 Minuten. Genau diese Erfahrung ist der Wirkfaktor. Sie widerlegt die Annahme, man müsse ununterbrochen wachsam bleiben, überzeugender als jedes Argument.

Was die Forschung zeigt

Hier ist eine Unterscheidung nötig. Der Worry Tree als Grafik ist nicht als solcher untersucht worden. Er ist eine Zusammenfassung, kein eigenständiges Verfahren. Was untersucht wurde, sind die Bestandteile.

Was geprüft ist und was nicht
BestandteilForschungsstand
Sorgen aufschieben (Sorgenzeit)Randomisierte Studie 2024 mit 82 Teilnehmenden: bei generalisierter Angststörung deutlich niedrigeres Sorgenniveau als in der Wartekontrollgruppe, Effekt auch nach vier Wochen noch vorhanden. Bei Hypochondrie unklarer.
Reizkontrolle beim SorgenUntersuchung von 2013 zu Wirkungen auf Angst und Schlaf, als Vorstudie angelegt.
Trennung lösbar und unlösbarFester Bestandteil kognitiv-verhaltenstherapeutischer Behandlung von Sorgen, in dieser Rolle mituntersucht, aber nicht isoliert.
Die Baumgrafik selbstNicht untersucht. Sie ist eine Merkhilfe, kein Verfahren.

Bemerkenswert an der Studie von 2024 ist die Größenordnung: Für das Sorgenniveau bei generalisierter Angststörung fanden die Autorinnen und Autoren große Effekte, für die zugrundeliegenden Überzeugungen über das Sorgen dagegen nur kleine. Das passt zu dem, was Anwenderinnen berichten: Das Verfahren senkt zuverlässiger die Menge des Sorgens als die Überzeugung, Sorgen sei nützlich.

Typische Fehler

So funktioniert es

  • Die Sorge aufschreiben, nicht im Kopf durchgehen.
  • Beim lösbaren Zweig einen Zehn-Minuten-Schritt festlegen, keine Gesamtlösung.
  • Beim unlösbaren Zweig zu einer konkreten Tätigkeit wechseln.
  • Später heißt: mit Datum und Uhrzeit.
  • Die Sorgenzeit tatsächlich stattfinden lassen, auch wenn gerade wenig ansteht.

So läuft es ins Leere

  • Den Baum im Kopf durchgehen, während man ohnehin schon grübelt.
  • Jede Sorge als beeinflussbar einstufen, um nichts loslassen zu müssen.
  • „Später" ohne Termin, wodurch die Sorge im Umlauf bleibt.
  • Umlenken zu Bildschirmzeit, die den Kopf nicht wirklich bindet.
  • Die Sorgenzeit ausfallen lassen, sobald es ruhiger wird.
  • Der Baum ersetzt nicht das Aufschreiben. Wer ihn rein gedanklich anwendet, hat meist schon wieder eine Grübelschleife statt eines Prüfschritts.
  • Die erste Frage wird gern beschönigt. „Ich könnte theoretisch noch recherchieren" ist bei den meisten unlösbaren Sorgen keine echte Handlung, sondern die Weigerung, den anderen Zweig zu nehmen.
  • Erschöpfte Menschen brauchen zuerst etwas anderes. Bei starker Anspannung fällt jede Sortierarbeit schwer. Dann zuerst erden, dann sortieren.

Grenzen

Der Worry Tree ist ein Alltagswerkzeug für gewöhnliche Sorgen. Bei anhaltendem Grübeln, das den Schlaf oder die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt, ist er ein sinnvoller Baustein, aber keine ausreichende Maßnahme.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn Sorgen fast täglich auftreten, sich kaum steuern lassen und seit Monaten anhalten, spricht das für eine behandlungsbedürftige Angststörung. Die ist gut behandelbar, und eine Selbsthilfeübung ist dafür der falsche Zuschnitt. Bei Gedanken, sich das Leben zu nehmen, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Bei unmittelbarer Gefahr gilt die 112.

Passend dazu

Fazit

Der Worry Tree ist keine Erfindung, sondern eine Merkhilfe für zwei Fragen, die in der kognitiven Verhaltenstherapie ohnehin gestellt werden. Sein Wert liegt darin, dass er im Alltag abrufbar ist, und darin, dass er die unbequeme Kategorie überhaupt vorsieht: die Sorge, bei der es nichts zu tun gibt.

Wer nur eine Sache daraus mitnimmt, sollte es die Sorgenzeit sein lassen. Sie ist der Bestandteil mit der besten Datenlage und der einzige, bei dem sich nach zwei Wochen etwas zeigt, das man nicht wegdiskutieren kann.

Häufige Fragen

Wie funktioniert der Worry Tree?

Du notierst die Sorge und stellst zwei Fragen. Erstens: Kann ich überhaupt etwas dagegen tun? Wenn nein, ist die Aufgabe, die Aufmerksamkeit umzulenken, denn Grübeln ändert nichts. Wenn ja, folgt die zweite Frage: Kann ich jetzt etwas tun? Wenn ja, tu es. Wenn nein, halte einen konkreten Plan mit Zeitpunkt fest und lenke bis dahin die Aufmerksamkeit um.

Woher kommt der Worry Tree?

Er stammt aus der kognitiven Verhaltenstherapie und ist eine grafische Zusammenfassung von Vorgehensweisen zum Umgang mit Sorgen. Verbreitet wurde er vor allem über Selbsthilfematerial im englischsprachigen Raum, unter anderem über die Materialsammlungen, die im britischen Gesundheitswesen ausgegeben werden. Ein einzelner Urheber lässt sich nicht sauber benennen.

Ist das nicht einfach Verdrängung?

Nein, und der Unterschied ist wichtig. Verdrängung heißt, den Gedanken wegzudrücken. Der Worry Tree verlangt das Gegenteil: Die Sorge wird erst ausgesprochen und geprüft, und erst danach wird entschieden, ob sie eine Handlung erfordert oder nicht. Bei unlösbaren Sorgen ist das Umlenken der Aufmerksamkeit eine Entscheidung nach Prüfung, keine Vermeidung davor.

Was ist die Sorgenzeit und was bringt sie?

Ein fester Termin von 15 bis 30 Minuten am Tag, an dem Sorgen bewusst zugelassen werden. Tagsüber werden sie notiert und auf diesen Termin verschoben. Für dieses Vorgehen gibt es tatsächlich Studien: Eine randomisierte Untersuchung von 2024 fand bei Menschen mit generalisierter Angststörung deutliche Rückgänge des Sorgenniveaus, die auch vier Wochen später noch bestanden.

Funktioniert das auch bei einer Angststörung?

Als Baustein ja, als alleinige Maßnahme nicht verlässlich. Das Aufschieben von Sorgen ist Bestandteil anerkannter Behandlungsverfahren und wurde in dieser Rolle untersucht. Bei einer diagnostizierten Angststörung gehört es in eine Behandlung eingebettet, nicht an ihre Stelle.

Wie lange dauert es, bis das funktioniert?

Die untersuchte Fassung des Sorgenaufschiebens arbeitete mit zwei Sitzungen und sechs Übungstagen. Realistisch ist, dass die ersten Tage anstrengend sind, weil das Umlenken der Aufmerksamkeit ungewohnt ist, und dass sich der Nutzen erst zeigt, wenn die Sorgenzeit ein paar Mal tatsächlich stattgefunden hat.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Worry Postponement From the Metacognitive Perspective: A Randomized Waitlist-Controlled Trial. Clinical Psychology in Europe 2024. 82 Teilnehmende, deutliche Effekte auf das Sorgenniveau bei generalisierter Angststörung

  2. 2

    A preliminary investigation of stimulus control training for worry: effects on anxiety and insomnia. Behavior Modification 2013. Untersuchung des Reizkontroll-Prinzips beim Sorgen

  3. 3

    Get Self Help (UK): The Worry Tree: Arbeitsblatt und Anleitung. Im britischen Gesundheitswesen verbreitete Selbsthilfevorlage in der Originalfassung

  4. 4

    Psychology Tools: Materialien zu Sorgen, Grübeln und Aufmerksamkeitslenkung. Klinische Materialsammlung für Therapeutinnen und Therapeuten